Snoop-ID: LITTLEMY
Hört:
Snooper:
Snoopscriber:
Nach dem Mittagessen sitzen Danny und ich vor dem Fernseher. Ich hole mein Handy heraus. Ich muss regelmäßig prüfen, ob ich wieder mehr Snoopscriber habe. Es ist fast schon zwanghaft. Nichts bringt mehr Follower als die Tatsache, dass man um ein Haar ermordet worden wäre. Ich schaue auch gern bei Topher, Rik und den anderen vorbei. Riks Username ist Rikshaw, und er hat bei Weitem nicht so viele Snooper wie Topher, dafür aber den besseren Musikgeschmack. Neulich hat er tollen kubanischen Rap gehört.
Doch als ich die App öffne, finde ich nur eine leere Seite vor.
Habe ich mich versehentlich ausgeloggt? Aber nein – oben rechts ist mein Profilbild zu sehen, Little My von den Mumins blickt mir finster entgegen. Doch meine »Zuletzt gehört«-Liste ist leer, es gibt keine Vorschläge, wem ich folgen könnte, keine Liste mit Snoopscribern, alles verschwunden. Haben wir wieder mal kein Internet? Aber ich weiß, wie die App dann aussieht, und zwar definitiv nicht so. Hat man mich etwa ausgeschlossen?
»Danny«, sage ich. Er scrollt gerade durch Netflix und spricht, ohne den Blick zu heben.
»So lautet mein Name, verschleiß ihn nicht.«
»Danny, funktioniert dein Snoop?«
»Ja – wieso?« Er öffnet die App, um nachzusehen. »Nein, warte mal, was ist das denn? Meine Daten sind weg. Was ist denn hier los?«
»Keine Ahnung. Ist das schon mal passiert? Hat man uns gesperrt?«
»Nein …« Danny scrollt durch die Menüs. »Nein, ich glaube nicht … ich meine, es gibt da ja nichts, wofür sie irgendwen sperren würden. Das ist nicht Twitter, wo man rechtsextremen Scheiß posten kann. Du folgst einfach nur anderen Leuten. Warte mal, das ist vor einer Ewigkeit schon mal passiert, als sie gerade neu am Markt waren und nicht genügend Serverleistung hatten. Damals ist die App für ein paar Tage völlig zusammengebrochen, das sah genauso aus. Nur ein leeres Display. Vielleicht haben sie Serverprobleme?«
»Kann sein.«
Ich gehe auf Google und tippe Snoop down ein.
Ein Artikel nach dem anderen erscheint. EILMELDUNG steht über dem ersten. Britisches Tech-Start-up Snoop beantragt Insolvenz.
Und noch einer: Snoop-User erlebten eine böse Überraschung, als sie heute ihre Lieblings-App öffnen wollten und das Display leer blieb. Die Firma hat die Server abgeschaltet, nachdem Gründer und Geschäftsführer Topher St. Clair-Bridges einen Insolvenzantrag gestellt hat.
»Scheiße.« Dannys Gesicht verrät mir, dass auch er einen dieser Artikel liest. »Die sind weg vom Fenster. Rik hatte recht.«
Ich atme lang aus, und eine Spannung, die ich gar nicht wahrgenommen hatte, löst sich. Ich freue mich nicht darüber, dass Snoop insolvent ist – ganz und gar nicht. Dass Indigo, Tiger, Carl und die anderen keinen Job mehr haben, ganz zu schweigen von den Leuten hinter den Kulissen, denen ich nie begegnet bin, macht mich nicht froh. Aber es beruhigt mich in gewisser Weise. Ich quäle mich seit drei Wochen mit der Frage, was aus Evas Video werden soll.
Denn das wurde nicht geklärt, bevor das Team aus Saint-Antoine abgereist war. Auf der einen Seite war da Tophers überzeugendes Argument, dass die Wahrheit niemandem helfen, allerdings Snoop irreparabel schaden und vermutlich Hunderte unschuldiger Menschen ihren Job kosten würde.
Auf der anderen Seite war es ebendiese Gleichung, die es so unangenehm machte, das Geheimnis für uns zu behalten. Denn es wurde nicht getan, was richtig, sondern was profitabel war, eine Tatsache, die Tiger bei den zunehmend heftigen Auseinandersetzungen, die sich an den Abenden im Hotel abspielten, wieder und wieder betont hatte.
»Willst du mir sagen«, hatte Topher getobt, »dass du Evas Familie so etwas zumuten würdest? Würdest du Liz einen weiteren Mord anhängen, all die alten Wunden aufreißen, die die Familie des armen Mannes erlitten hat? Würdest du Arnaud mit etwas quälen, das er nie hätte erfahren müssen? Ist es wirklich wert, das alles für die Wahrheit zu opfern, wenn die Betroffenen ohnehin alle tot sind?«
»Nein!«, hatte Tiger geschrien. »Aber das ist es ja gerade! Wir wägen nicht das gegen die Wahrheit ab, wir wägen Snoop gegen die Wahrheit ab, und das macht es problematisch! Topher, du kannst doch nicht erwarten, dass alle Menschen ihre Prinzipien über Bord werfen, nur weil es um deine Vision für die Firma geht – so funktioniert das nicht. Du klingst wie ein arroganter, privilegierter –«
»Privilegiert, privilegiert, scheiß auf privilegiert!«, hatte Topher sie überschrien. »Ich muss kotzen, wenn ich das Wort noch mal höre! Weißt du, worum es eigentlich geht, Tiger? Es geht darum, dass ich mir etwas verdient habe, dass ich mir etwas erarbeitet habe. Denk daran, bevor du mich das nächste Mal privilegiert nennst.«
Mit diesen Worten war er aus dem Zimmer gestürmt.
Jetzt, drei Wochen später, denke ich wieder darüber nach. Hat die Familie des toten Managers nicht das Recht, die Wahrheit über ihren Sohn und Bruder zu erfahren? Hat Evas unschuldige kleine Tochter nicht das Recht, aufzuwachsen, ohne dass die Taten ihrer Mutter ihr Leben überschatten? Und haben die Toten nicht das Recht, dass man sie in Frieden ruhen lässt?
Topher ist privilegiert, keine Frage. Und er nutzt es aus, genau wie Tiger es beschrieben hat. Er ist durchs Leben gegangen und hat immer nur genommen, genau wie Eva. Sie haben Menschen als persönliche Schachfiguren benutzt – Angestellte, Investoren, Freunde, Verwandte – und nie Verantwortung für den Schaden übernommen, den sie angerichtet haben.
Ich denke darüber nach, was Verantwortung bedeutet.
Ich denke darüber nach, was Schuld bedeutet.
Ich denke darüber nach, nach vorn zu blicken.