I ch lehne an der Tür, habe mit zitternden Fingern den Lichtschalter gefunden und blinzle jetzt in die plötzliche Helligkeit. In meiner Miene muss sich meine ganze innere Fassungslosigkeit spiegeln, denn Vera lacht. »Scheißgefühl, wenn die Leichen aus dem Keller plötzlich wiederauftauchen, nicht wahr?« In ihrem Gesicht finden sich noch ein paar verblassende Spuren der Misshandlungen durch die Malakyans. Eine eingerissene Lippe, eine bläuliche Schwellung am linken Jochbein, ein langer, seitlicher Kratzer von der Schläfe bis zum Kinn.
»Klapp den Mund wieder zu.« Sie lehnt sich zurück, völlig entspannt. »Hast mich ziemlich lang warten lassen, ich dachte schon, du kommst heute gar nicht mehr.«
Ich bringe immer noch kein Wort heraus. Denke an den zusammengequetschten senfgelben Blechquader hinter den beiden Fabrikgebäuden am Main. An den leichten Verwesungsgeruch, den er verströmt hat. An Veras blutverschmiertes Gesicht, wie es mich aus dem abgeschleppten Wagen ansieht. An das Erkennen in ihrem Blick.
»Wieso?«, stammle ich. »Ich dachte, du wärst …«
»Tot. Ja klar, du hast ja auch dein Bestes gegeben, um mich ins Jenseits befördern zu lassen. Hast mir diesen armenischen Schlägertrupp nach Hause geschickt, auf der Suche nach misshandelten Mädchen, die es nicht gibt.« Sie zieht einen imaginären Hut und schwenkt ihn. »Kompliment. Ich hätte nicht vermutet, dass du dahintersteckst, wenn ich dich nicht beim Shelley gesehen hätte. Wolltest du sichergehen, dass sie mich auch wirklich killen?«
»Nein. Ich wollte bloß meine Schlüssel holen. Und meine Jeans.«
Wieder lacht sie auf. »Tja, das war ein Fehler, jetzt hast du mich am Hals. Aber keine Sorge, ich werde dich nicht an die Karpins verkaufen. Willst du etwas wirklich Witziges hören? In Wahrheit hast du mir einen Gefallen getan.«
Während sie spricht, suche ich an ihrer Kleidung Ausbuchtungen, die darauf hinweisen, dass sie eine Waffe bei sich trägt. Sieht nicht danach aus, es sei denn, es ist etwas Flaches wie ein Messer. »Die Malakyans haben dich laufen lassen?«, frage ich. »Wie hast du das angestellt?«
Sie schlägt die Beine übereinander. »Ich habe ihnen erzählt, wo Jaroslaw die letzte Kokainlieferung zwischengelagert hat und wann der beste Zeitpunkt ist, sie sich zu schnappen. Daraufhin haben sie sich das Zeug geholt und an meiner Stelle eine Schweinehälfte im Auto zerquetscht, unter dem Vorbehalt, dass sich auch für mich noch eine Schrottkarre finden ließe, wenn ich nicht von der Bildfläche verschwinde.«
Eine Schweinehälfte, wie clever. »Wie viel Kokain?«
»Rund vierzig Kilo. Das tut schon richtig weh, finanziell, aber angeblich war nur ein Mann als Wache vor Ort, sie haben ihn eliminiert und am nächsten Tag das zusammengepresste Auto an die Adresse geschickt. Mit Grüßen von Grigor. Danach haben sie mich laufen gelassen.« Vera streckt sich behaglich. »Und dann hat kurz darauf das Shelley gebrannt. Nicht schade drum.«
Ich würde mich gerne auf mein schäbiges Sofa sinken lassen, ich bin so müde. Aber nicht verrückt genug, einzuschlafen, solange Vera noch hier ist. »Woher weißt du, wo ich wohne?«
»Ich habe das Duplex im Auge behalten, und dort bist du ja ständig aufgetaucht. Ich musste dir nur bis hierher folgen. Deine Verkleidungen habe ich schon immer durchschaut.« Sie seufzt behaglich, sichtlich zufrieden mit sich selbst. »Hast du meine Blumengrüße bekommen?« Sie lächelt mich an, und als ich nicht antworte, fährt sie fort: »Wicken, Lavendel und Beifuß. Der Polizist hat uns von der Blumensache erzählt, ich finde das sehr kreativ. Netter als das Herz, das du mir geschickt hast. Das war doch von dir?«
Erzählt, von wegen. Aus ihm herausgepresst haben sie es. Ich schlucke mehrmals, damit meine Stimme fest klingt, wenn ich ihr meine nächste Frage stelle. »Und? Was hast du jetzt vor? Machst du mit den Malakyans gemeinsame Sache?«
»Ich denke nicht daran. Nach der Pest die Cholera? Sicher nicht.« Erst jetzt fällt mir auf, dass sie sich an meinem Kühlschrank bedient haben muss; neben ihr steht ein Glas Weißwein, halb voll. »Eine solche Gelegenheit, mich aus dem Clan zu verabschieden, kommt nie wieder. Ich bin tot, so wie du es warst.« Vera greift nach dem Glas und prostet mir zu. »Nur dass ich es im Unterschied zu dir nicht vermasseln werde.«
In der nächsten halben Stunde stellt sich einiges heraus. Dass auch das Post-it auf dem Monitor von ihr stammte – eine freundliche, ernst gemeinte Ermahnung, angeblich. Die ersten Nächte hat sie im Freien verbracht und überlegt, das Land gleich zu verlassen, aber jetzt steht ihr Entschluss fest: Sie will bei mir wohnen. Auf meinen läppischen achtundzwanzig Quadratmetern, wobei sie natürlich das Bett bekommt, ich die Couch. Sie lässt keinen Moment Zweifel daran, dass sie Wege finden würde, den Karpins einen anonymen Tipp zu meinem Verbleib zu geben, wenn ich nicht tue, was sie verlangt.
»Das bist du mir schuldig, findest du nicht?«, sagt sie und deutet auf ihre gespaltene Lippe. »Und appelliere bitte nicht an mein schlechtes Gewissen. Du bist um nichts besser, du hast zugesehen, wie sie mich in diesem Wrack weggeschleppt haben, du hast gewusst, wohin es geht, und du hast keinen Finger gerührt.«
Ich kralle die Hände in die Polsterung der Couch, auf die ich irgendwann doch gesunken bin. »Und du hast dabei zugesehen, wie sie Daniel lebend verbrennen wollten, wie sie mich niedergeschossen haben. Du hast gesehen, wozu sie mich gezwungen haben.«
»Ich hatte keine Wahl, und das weißt du genau. Aber du hättest dich einfach absetzen können, nachdem du offiziell tot warst. Warum bist du nicht irgendwohin in den Süden gezogen? Oder gleich auf einen anderen Kontinent?«
Hass, denke ich. Das Bedürfnis, Andrei nicht davonkommen zu lassen. Die Karpins ebenfalls brennen und bluten zu sehen, im wörtlichen und übertragenen Sinn. »Ich hatte einen Deal mit der Polizei«, sage ich. »Mich bereit zu halten für den Moment, in dem Andrei greifbar ist. Im Gegenzug gab es eine neue Identität, einen neuen Wohnort, einen harmlosen Job und Schutzmaßnahmen.«
»Verstehe.« Sie hebt die Augenbrauen. »Nur hat die Polizei sich nicht an den Deal gehalten, oder was hattest du in München zu suchen? Köder spielen?«
Ich suche vergeblich nach einer Antwort, die sich passend anfühlt. Ja, für Robert Köder spielen, das auch. Und jemanden ausspionieren. »Sie haben mich gebeten, ihnen bei etwas zu helfen, das nichts mit irgendeinem Clan zu tun hatte.« Oder doch, wenn auch mit einer anderen Art Clan. Aber das geht Vera nichts an.
Sie muss wissen, was mit Robert passiert ist, oder? Muss dabei gewesen sein, sonst wüsste sie nichts von dem Blumencode. Ich würde gern nachfragen, fürchte mich aber vor der Antwort. Für heute habe ich genügend grausame Bilder im Kopf. Später vielleicht.
»Wo warst du eigentlich vorhin?« Sie steht auf, der Stuhl knarzt. Immerhin trägt sie das Weinglas zur Spüle und wäscht es ab.
Boris ist tot, hämmert mein Hirn. Tot. »Ich habe versucht, ein paar Sachen herauszufinden.«
»Hm. Erfolg gehabt?«
Ich schlucke. »Ja. Mehr als erwartet.«
»Na, wie schön. Auch wenn ich finde, dass es irre ist, sich mit den Malakyans einzulassen, nur um den Karpins an den Karren zu fahren. Denk an die Schrottpresse.«
Ja, an die denke ich, ebenso wie an den Weinkeller und an Boris’ abgeschnittenes Ohr, die Blutlache, die zwei Nackenschüsse. Vera zieht sich ihr Shirt über den Kopf. »Kannst du mir irgendwas leihen, in dem ich schlafen kann?«
Wortlos hole ich eines meiner T-Shirts aus dem Schrank. Frage mich, wo sie das Zeug herhat, das sie derzeit trägt. Es sieht sauber und unbeschädigt aus – keine Risse, keine Blutflecken. Wahrscheinlich ein Abschiedsgeschenk der Armenier.
Es gibt nur ein Set Bettwäsche, und auch das beansprucht Vera natürlich für sich. Ich rolle mich auf der Couch zusammen, eines der schäbigen Zierkissen unter dem Kopf und eine Wolldecke über mich gebreitet. Ich habe Vera noch nicht gefragt, aber ich schätze, dass sie es war, die letztens versucht hat, meine Tür aufzubrechen. Trotzdem habe ich den Door-Jammer wieder daruntergeklemmt, denn sie hat recht: Theoretisch haben mich jetzt zwei Clans im Blick. Kann ich sicher sein, dass nicht einer der Malakyans mir gefolgt ist? Ich glaube es zwar nicht, aber ich habe kaum darauf geachtet, was sich hinter mir auf der Straße getan hat. Und es wäre keine schlechte Idee von ihnen, herausfinden zu wollen, wo sie mich im Bedarfsfall finden können.
Da ich Vera nicht über den Weg traue, habe ich unauffällig die Küchenschere unter mein Kissen geschoben und schließe die Hand fest darum. Damit werde ich mich im Schlaf nicht verletzen können, anders als mit einem Messer.
»Gute Nacht«, ruft sie mir fröhlich vom Bett her zu, und in diesem Moment fällt mir siedend heiß ein, was darunterliegt. Der zusammengeklappte Kinderwagen nämlich, und obenauf die Walther, an die ich in meinem Schreck bisher gar nicht gedacht habe. Dagegen habe ich mit meiner Schere im Ernstfall keine Chance. Vera hat die halbe Nacht auf mich gewartet und war dabei sicher nicht untätig. Sie hatte ausreichend Zeit, die Wohnung zu durchsuchen. Falls sie die Pistole gefunden hat, warum hat sie sie mir dann bisher noch nicht buchstäblich auf die Brust gesetzt?
Ich beschließe, wach zu bleiben, was meine Müdigkeit sofort ins Unermessliche wachsen lässt. Und prompt muss ich für ein paar Minuten eingenickt sein, denn lautes Wasserrauschen lässt mich hochschrecken.
Draußen ist es bereits hell, von wegen ein paar Minuten, es ist kurz nach halb acht. Das Bett ist leer, und offenbar steht Vera im Bad unter der Dusche. Ich gleite von der Couch, vergewissere mich, dass die Badezimmertür geschlossen ist, und lege mich vor das Bett. Ein schneller Blick, und ich bin beruhigt: Da ist der Kinderwagen, und da, in ein Handtuch eingeschlagen, die Pistole.
Das Wasserplätschern im Bad verstummt, ich springe auf, doch da rauscht es schon wieder.
Ich brauche ein besseres Versteck, aber die verdammte Wohnung ist so klein. Der Kühlschrank, im Tiefkühlfach? Nicht schlecht, aber ich habe keine Ahnung, ob das nicht der Mechanik schadet. Als die Geräusche aus dem Badezimmer wieder verstummen, reiße ich die Waffe unter dem Bett hervor und stopfe sie unter die Sitzkissen des Sofas. Das ist bei Weitem kein perfektes Versteck, aber wenigstens habe ich die Walther nachts nahe bei mir.
Vera kommt aus dem Badezimmer, in meinem Bademantel aus dem Billig-Shop, eines meiner drei Handtücher um den Kopf geschlungen. »Ich brauche ein frisches Shirt. Und kannst du mir einen BH leihen?«
Ich werfe ihr das hässlichste T-Shirt zu, das ich besitze; rosa, mit zwei grünen Kätzchen drauf. Ich habe es nur gekauft, weil es in der Wühlkiste für einen Euro fünfzig zu haben war. Sie verzieht das Gesicht. »Igitt.«
»Och, gefällt’s dir nicht? Sorry. Was den BH angeht – meine werden dir nicht passen, die sind dir garantiert zu klein.«
Schweigend schiebt Vera mich vom Kleiderschrank weg, greift sich alle darin befindliche Unterwäsche und inspiziert sie auf Brauchbarkeit. Der BH , den sie sich am Ende schnappt, ist sportlich geschnitten und maximal dehnbar; einen Slip aus dem Discounter-Zehnerpack nimmt sie sich auch. »Ich werde einkaufen müssen. Hast du Geld?«
»Nein!« Ich muss aufpassen, dass ich nicht laut oder gar unhöflich werde. Vera ist viel weniger auf mein Wohlwollen angewiesen als ich auf ihres. Ich habe ihre Drohung nicht vergessen, den Karpins eventuell einen Tipp zukommen zu lassen, falls ich nicht wie gewünscht pariere. »Nein, tut mir leid. Ich kann auf mein österreichisches Konto nicht zugreifen, ohne dass mein Aufenthaltsort auffliegt.«
Sie lässt den Slip um den Zeigefinger kreisen. »Kein Konto? Wie mietest du dann diese Wohnung? Nein, sag nichts – deine üblichen falschen Papiere und hier ein neues eröffnet.«
»Genau. Da ist nur leider fast nichts drauf. Ich weiß noch nicht, wie ich die nächste Miete zahlen soll, also rechne besser nicht damit, dass ich dich finanziere.«
Sie lässt den Bademantel zu Boden rutschen und steigt in den Slip. »Schon okay. Wir lassen uns etwas einfallen.« Wie meiner ist auch ihr Körper von Narben übersät. Anders als bei mir sind keine Schusswunden dabei, aber vernarbte Striemen von Andreis Prügelstrafen, da, wo die Haut aufgeplatzt ist. Außerdem etwas wie ein kreuzförmiges Brandzeichen am Oberschenkel.
Den BH kann sie mit ein wenig Mühe schließen, doch die Körbchen sind definitiv zu klein. Sie zupft sie zurecht, so gut es geht. »In ein paar Tagen haben wir genug Geld«, erklärt sie, »aber bis dahin musst du mir wenigstens fünfzig Euro vorstrecken. Und für mich einkaufen gehen, am besten da, wo du deinen billigen Krempel herbekommen hast.«
»Ich?«
»Ja, klar du.« Sie grinst. »Ich bin tot. Verschrottet, du erinnerst dich?«
Und im Unterschied zu dir werde ich es nicht vermasseln . Ja, ich erinnere mich. »In Ordnung. Wenn ich zurückkomme, hätte ich dann gerne, dass du mich auf den neuesten Stand bringst, was die Karpins angeht. Wer ist in Frankfurt, wie laufen die aktuellen Geschäfte, was hört man von Andrei. Und so weiter.«
Sie zieht sich das grottenhässliche Katzenshirt über. »Werde ich. Und ich werde dir erklären, wie wir an Geld kommen.«
Ich investiere sechzig Euro in die billigsten Kleidungsstücke, die ich finden kann. Das eine Paar Jeans, in dem ich Vera angetroffen habe, muss reichen, aber ich kaufe T-Shirts, Unterwäsche und ein Doppelpack Shorts, denn die Temperaturen der letzten Tage lagen immer wieder über dreißig Grad. In einem Ein-Euro-Shop finde ich Handtücher und Socken. Ich habe es eilig, denn der Gedanke, dass Vera die Pistole doch noch findet und an sich nimmt, lässt mich nicht los. Vielleicht versucht sie auch, sich Zugang zu meinem Computer zu verschaffen, aber das wird ihr kaum gelingen. An den Rechner lasse ich sie unter keinen Umständen, was gleichzeitig bedeutet, dass ich ihn ebenfalls nicht nutzen kann. Wenigstens nicht, solange Vera wach ist.
Ich habe trotz des sommerlichen Wetters meine Jacke an, in deren Tasche immer noch Boris’ Handy steckt, nach wie vor im Flugmodus. Niemand kann ihn erreichen, das muss die Karpins unruhig machen. Wäre Vera nicht aufgetaucht, ich hätte das Gerät längst schon aufgeladen und versucht, es zu entsperren, aber ich weiß nicht, wie ich das hinbekommen soll, ohne dass Vera es bemerkt. Wahrscheinlich würde sie das Telefon sogar erkennen, obwohl ich die auffällige Schutzhülle vorhin entsorgt habe. Sie würde jede Menge Fragen stellen, von denen ich ihr keine einzige beantworten möchte. Boris’ Ende bleibt vorerst eine Sache zwischen mir und den Malakyans.
Als ich nach Hause komme, sitzt sie vor dem Fernseher. Auf der Couch, gleich neben der Stelle, unter der die Walther versteckt liegt. »Hey, du warst ja schnell. Kannst du mir dein Notebook entsperren? Ich müsste ein paar Dinge googeln.«
Ich packe meine Einkäufe aus und drücke ihr den ganzen Stapel in die Hand. »Nein, tut mir leid. Der Computer ist privat, da stöberst du nicht drin rum.«
Sie verdreht genervt die Augen. »Deine Mails und deine Browserhistory interessieren mich null. Ich möchte meine eigenen Nachrichten lesen. Mein Handy ist weg, sonst würde ich es damit machen.«
Ich ziehe Vera hoch, führe sie zum Bett und setze mein freundlichstes Lächeln auf. »Sei so nett und sitze künftig hier, wenn ich dir schon meinen Schlafplatz überlasse. Die Couch ist mein Bereich. Der Computer auch. Wenn du etwas googeln möchtest, sag mir, was es ist, und ich tue es für dich.«
Ihre Augen werden schmal. »Du bist ganz schön misstrauisch.«
»Ja.«
»Ich will dir nichts antun. Wir sitzen im gleichen Boot.«
Fast hätte ich aufgelacht. »Ja, von wegen. Sobald du dir auch nur den kleinsten Vorteil davon versprichst, wirst du mich ans Messer liefern. Das wissen wir beide, nicht wahr?«
Sie überlegt, lächelt, zuckt die Schultern. »Dann solltest du dafür sorgen, dass ich von unserer Zusammenarbeit größere Vorteile habe.« Ihre Ehrlichkeit hat etwas Entwaffnendes. »Danke übrigens für die Klamotten. Sind gar nicht mal so scheußlich. Und ich gebe dir das Geld dafür sofort zurück, aber ich brauche ein paar Infos aus dem Netz, sonst wird das nichts.«
Ich lasse mich auf die Couch sinken. Die Wohnung ist so klein, dass wir kaum zwei Meter voneinander entfernt sitzen. »Erst erzählst du mir, was ich wissen will. Dann reden wir noch mal. Wo steckt Andrei zurzeit?«
Sie seufzt. »Genau weiß ich es nicht. Boris hat letztens mit ihm gesprochen, da soll er in Sankt Petersburg gewesen sein. Angeblich hat er sich über die Nachricht, dass die Malakyans eine Fehde begonnen haben, beinahe gefreut. Er hätte sie gern raus aus dem Revier und hat Anweisung gegeben, wir sollten hart zurückschlagen. Keine Rücksicht nehmen, keine Deals eingehen. Slawa hat das dann bestätigt. Du kennst Slawa? Nennt sich auch Jaro, ab und zu.«
Ich vergegenwärtige mir den groß gewachsenen, gut gekleideten Mann mit dem gepflegten Bart. »Nein. Ist er neu?«
»Er ist Andreis Bruder«, bestätigt Vera meine Vermutung. »Würde man aber nie denken, er ist ein völlig anderer Typ. Seit einem Jahr führt er die Geschäfte in Frankfurt und macht das ziemlich gut. Hat zwei Lokale eröffnet und ein paar neue Schwerpunkte gelegt. Er spricht richtig gut Deutsch und macht sich nie selbst die Hände schmutzig.« Sie verzieht den Mund zu einer Seite. »Weißt du noch, wie Andrei nie eine Hinrichtung verpassen wollte? Wie geil er aufs Zusehen war? Jaro ist nie dabei, wenn es ernst wird. Er gibt ein paar Befehle, und dann lässt er die Jungs machen. Als würde er befürchten, sein Hemd könnte Blutspritzer abbekommen.«
Ich nicke. Möglicherweise hat er aber auch aus den Fehlern seines Bruders gelernt, überlege ich, und meidet jedes Risiko, ertappt zu werden. »Hältst du ihn für klüger als Andrei?«
Sie überlegt kurz. »Er ist nicht unbedingt klüger, aber er denkt kühler und sachlicher. Ihm geht es ums Geld, nicht um Macht oder einen besonders Angst einflößenden Ruf. Andrei will das alles auch, aber er will der König der Szene sein. Jaro ist das egal.«
Ein analytischer Denker also. Ein Geschäftsmann. »Könnte er an deinem Tod zweifeln?«
Sie schüttelt entschieden den Kopf. »Nein, das tun sie alle nicht. Ich habe den Armeniern gesagt, sie sollen das zerdrückte Auto anliefern und einen der Ringe drauflegen. Die Karpins können eins und eins zusammenzählen, es gab ja kurz zuvor eine Drohbotschaft.«
Das Küken, mein Küken. Wenn ich Veras schiefes Lächeln richtig interpretiere, ahnt sie längst, dass ich diesen Köder gelegt habe. Ich verschränke die Finger ineinander. Bei der nächsten Frage hoffe ich insgeheim auf ein Nein. »Stimmt es, dass Pascha wieder in Frankfurt ist?«
Leider enttäuscht Vera mich. »Woher weißt du das?«
»Er wurde gesehen. Stimmt also wirklich?«
Sie nickt. »Andrei hat einen seiner besten Anwälte ins Rennen geschickt, und der hat ihn rausgeholt. Keine Ahnung, wie. Ich bin ihm nur einmal kurz begegnet, seit er zurück ist. Jaro will ihn nicht um sich haben; er sagt, Pascha ist ein Irrer.«
Das kann ich unterschreiben. »Er soll sich also ruhig verhalten und im Hintergrund bleiben?«
»Genau. Boris sagt, Paschas Laune ist beschissen, er fühlt sich ungerecht behandelt und hasst seinen neuen Boss. Angeblich hat er aber von Andrei den Auftrag gekriegt, auf Jaro ein Auge zu haben. Andrei will nicht entthront werden, er will irgendwann nach Frankfurt zurück, aber dafür muss ihm erst jemand deinen Kopf bringen.« Sie grinst. »Und das werde nicht ich sein. Nett von mir, oder? Dafür könntest du mich ruhig mal an deinen Rechner lassen.«
So beunruhigend es ist, die Bestätigung für Paschas Rückkehr zu bekommen, so wertvoll ist eine andere Information: Da gibt es also Rivalität zwischen den Karpin-Brüdern. Andrei will sich das Ruder nicht aus der Hand nehmen lassen, er wartet nur darauf, dass ich ein zweites Mal sterbe.
»Wie ist es mit Boris?« Meine Stimme schwankt nur leicht bei der Frage. »Ist er jetzt Jaros Stellvertreter?«
»Nein.« Vera lehnt sich zurück. »So etwas wie einen Stellvertreter hat er nicht. Aber Boris macht sich seit Monaten wichtig damit, dass er Andreis einziger wahrer Vertrauter ist. Dass der Boss ihm allein sozusagen die Schlüssel zu den Geheimnissen des Clans in die Hände gelegt hat.«
Boris als Geheimnisträger, das sieht Andrei ähnlich. Ob er vor seinem Tod alles an die Malakyans verraten hat? Wenn sie ihn danach gefragt haben, ganz sicher.
»Kann ich jetzt bitte deinen Rechner benutzen?«, unterbricht Vera meine Überlegungen.
Ich lächle sie freundlich an. »Wozu genau brauchst du ihn?«
Sie beugt sich vor. »Ich löse unsere Geldsorgen«, sagt sie in verschwörerischem Ton. »Jaro hat mir ein paar Bereiche übertragen, für die ich ihm geeignet erschienen bin. Hat sie Boris weggenommen, aus gutem Grund.«
Ich erinnere mich daran, wie sie sich im Hotelpark verhalten hat. Mindestens so, als wäre sie Boris gleichgestellt, wenn nicht gar überlegen.
»Ich brauche den Computer, um ein Treffen zu bestätigen. Zu dem ich natürlich nicht hingehen werde, das wirst du tun.«
Ich muss mich verhört haben. »Bist du übergeschnappt?«
Sie winkt hektisch mit beiden Händen durch die Luft, als wolle sie Nagellack schneller zum Trocknen bringen. »Ist völlig ungefährlich! Keine Sorge!«
Und dann erklärt sie es mir. Jaro hat ein paar Geschäftszweige weiter ausgebaut. Unter Andrei wurde Schutzgelderpressung nur nebenbei betrieben, eher schlampig und ohne jedes System. Das hat sich jetzt geändert. Jaro hat eine Reihe von gut gehenden Lokalen unter seinen sogenannten Schutz gestellt. Sie zahlen, dafür passiert bei ihnen nichts Unangenehmes. »Ich wette, sie haben das Niederbrennen des Shelley bei ihren Schützlingen als Strafe für mangelnde Einsicht verkauft. Nicht als Racheakt an einem Konkurrenzclan. Haben also doppelt davon profitiert, und jetzt profitieren wir auch.« Sie deutet mit dem Kopf in Richtung Notebook. »Komm schon. Ich will in meine Mails rein. Du kannst die ganze Zeit mitlesen, ich verspreche, ich stöbere nicht in deinen Dateien rum.«
Schutzgeld. Und sie haben Vera zur Eintreiberin gemacht. Ich wäge kurz das Für und Wider gegeneinander ab, dann setze ich mich vor den Computer. »Dreh dich um. Gesicht zur Wand.«
Sie seufzt theatralisch, aber sie tut, was ich verlange. Während ich das Passwort eingebe, behalte ich sie so gut wie möglich im Auge, doch sie rührt sich nicht.
Mein Mailclient zeigt mir vier neue Nachrichten an, die ich mir in Veras Gegenwart nicht ansehen will, dafür öffne ich den Browser. »Welche Seite?«
»Yahoo.«
Ich tippe die Adresse ein und rücke dann mit meinem Stuhl ein Stück zur Seite. Vera hat sich den Küchenhocker geholt und setzt sich neben mich. »Beim Login könntest jetzt du höflicherweise wegsehen, ja?«
Ich drehe den Kopf weg, höre das Klappern der Tasten und unmittelbar darauf Veras erleichtertes Seufzen. »Sehr gut. Da haben wir es schon.«
Sie hat eine E-Mail geöffnet, der Text ist kurz, und man merkt ihm den Widerwillen an, mit dem er geschrieben wurde. Ich habe den Kuchen für dich gebacken. Sag mir, wann und wo du ihn holen willst .
»Uh, ich habe die schon zwei Tage auf die Antwort warten lassen.« Veras Hände schweben über dem Keyboard. »Also? Wann und wo möchtest du den Kuchen holen?« Als ich nicht antworte, legt sie den Kopf schief wie eine bekümmerte Lehrerin. »Na komm schon. Du bist doch sonst auch rumgelaufen und hast Ärger gemacht. Mir zum Beispiel. Was ist plötzlich das Problem?«
Paschas Wiederauftauchen, in erster Linie. Boris’ blutiges Ende in zweiter. Und nicht zuletzt Vera selbst, der Schock darüber, sie so unerwartet in meiner Wohnung vorzufinden. Ich will sie möglichst wenig hier alleine lassen, möchte sie loswerden, aber gleichzeitig im Blick behalten. Ich traue ihr keine fünf Millimeter weit über den Weg.
»Morgen früh«, schlage ich vor. »Um acht Uhr. Südfriedhof. Am Grab von Max Pruss.«
Vera verdreht die Augen. »Umständlicher geht’s nicht mehr, oder? Wer ist das überhaupt?«
»Ein Flieger«, sage ich, kurz angebunden. Was der Wahrheit entspricht, er war der Kommandant der Hindenburg , mit der er auch abgestürzt ist. Anders als die meisten anderen ist er aber nicht verbrannt. Ein Überlebender, mehr weiß ich nicht über ihn, doch für den Moment genügt mir das als gutes Omen.