38 Von Neddesitz zum Königsstuhl

OPFERSTEIN UND HERTHASEE

Diese abwechslungsreiche Radtour führt durch den Norden der Halbinsel Jasmund, zunächst über Wiesen und Felder mit schönen Aussichten aufs Meer. Danach geht es in den dichten Wald der Stubnitz, zu vermeintlichen Kultstätten, am Herthasee vorbei bis hin zum Königsstuhl.

Wie haben sie wohl gelebt, die Rugier oder Rugini, diese Ostgermanen, nach denen die Insel angeblich benannt wurde? Rugen, das bedeutet vor allem Roggenesser oder Roggenbauern. Tacitus beschrieb sie in seiner „Germania“ um 98 n. Chr. als Heiden mit blauen Augen und feurigem rötlichen Haar; große Gestalten, die Kälte und Hunger gut aushielten. Aber opferten die Rugini tatsächlich Menschen? Diese Frage beschäftigt die Wissenschaftler bis heute. Im 19. Jahrhundert, als die ersten Reisenden nach Rügen kamen, verdienten sich die Kinder armer Fischer ein Trinkgeld mit dem Erzählen von Schauergeschichten. Die waren zum Teil so furchteinflößend, dass einige zart besaitete Naturen recht schnell das Weite suchten. Auch Fontane beschreibt dies in seinem Roman „Effi Briest“.

Schon am Anfang dieser Radtour begegnet man der ersten Merkwürdigkeit, dem Opferstein von Quoltitz. Start ist direkt gegenüber dem Erlebnisbad SPLASH. Dort führt eine kleine Straße nördlich zwischen Büschen und Bäumen bergauf. Bald führt eine kleine Brücke über den Tieschower Bach, links liegt ein Haus, und rechts geht es über einen Feldweg ungefähr 500 Meter zum Opferstein. Er soll skandinavischen Ursprungs sein; ob er immer hier lag, ist fraglich. Doch bereits Caspar David Friedrich hat ihn am 17. Juli 1806 genau hier gemalt. Klar ist, dass der Opferstein bearbeitet wurde. Man vermutet, dass man in der Bronzezeit versuchte, Trogmühlen aus dem Giganten zu schneiden. Eine tiefe Rille weist auf eine versuchte Zerteilung hin. Das größte Rätsel allerdings geben zahlreiche kleinere Vertiefungen auf, die auch als „Blutgrapen“ bezeichnet werden. Sie sind sehr alt und deuten am ehesten auf kultische Handlungen hin. Wurden hier Tiere oder sogar Menschen geopfert? Bei neueren archäologischen Untersuchungen fand man menschliche Überreste, Bernsteinperlen und einen Feuersteindolch. Handelte es sich hier um hier ein heidnisches Opferritual oder doch nur um eine Trauerzeremonie?

Der Radler kehrt gedankenschwer zum Hauptweg zurück und radelt rechts den steilen Hügel hinauf, wo die Straße eine Rechtskurve macht. Oben angekommen heißt es erst einmal: umdrehen und staunen! Ein herrlicher Blick auf den Großen Jasmunder Bodden tut sich auf, davor das Dörfchen Bobbin mit der alten Feldsteinkirche. Der Weg erinnert mal wieder an eine Berg- und Talbahn, rauf, runter, rauf. Irgendwann unten fährt man über den Kaderbach, danach folgt eine scharfen Biegung. Geradeaus geht es nach Nardevitz und Blandow. Der Radler fährt aber rechts auf dem Plattenweg weiter bergan. Ist es Herbst, sind die Felder hier voller Kraniche. Ihre tägliche Nahrung sind Insekten, Regenwürmer, Mais und kleine Wirbeltiere, bevor sie von ihren Rastplätzen am Bodden Richtung Frankreich, Spanien oder Afrika aufbrechen. Grus Grus, der Graue Kranich, kommt schon im Februar zurück, dann beginnt die Balz, der wundervolle Tanz der Kraniche.

Blick nach Bobbin

Der Plattenweg stößt nun an die große Straße L303, die rechts nach Sassnitz führt. 200 Meter weiter links ist nochmals ein toller Aussichtspunkt, der Arkonablick. Danach geht es zurück auf der L303 Richtung Hagen, aber schon nach 200 Metern links auf die Jasmunder Straße Richtung Lohme. Dort nimmt man den zweiten Feldweg rechts in den Wald. Wer mag, macht noch einen Abstecher zum Großsteingrab Groß Nipmerow.

Am Herthasee

Im Wald ist das Licht nun schnell fort. Wenn die römischen Legionen von den dunklen Wäldern Germaniens sprachen, waren das keine Eichen-, sondern Buchenwälder. Im Sommer überspannt das Blätterdach alles. Nur noch die Buchen selbst sind in der Lage in dieser Dunkelheit zu wachsen. Es geht am Schwierenzer Baumhaus vorbei und dann rechts ab zum Pfenniggrab, offiziell Großsteingrab Hagen-Stubnitz 1. Ein Priester der Göttin Hertha soll dort das ihr geopferte Geld deponiert haben. Bald schon sieht man den Herthasee mit der Herthabuche und der Herthaburg aus dem 8. bis 12. Jahrhundert, heute nur noch ein Hügel. Der fast kreisrunde See ist 170 Meter lang, 140 Meter breit und elf Meter tief. Tacitus berichtet von der Verehrung der Rugini zur Göttin Hertha. Sie soll mit einem Karren, bespannt mit zwei Kühen, über Land gefahren sein. Wer sie sah, wurde mit Frieden und Glück beschenkt. Wer ihr aber zum See folgte, sogar half ihren Wagen zu waschen, der wurde ertränkt. Niemand sollte ihr Geheimnis kennen.

Gleich hinter dem Herthasee braucht man nur noch dem Besucherstrom zu folgen. Rechts vom See verläuft die stark frequentierte Straße von Hagen zum Königsstuhl.

Info

Lage: Die Halbinsel Jasmund liegt im Nordosten Rügens.

Aktivitäten:

Einfache Radtour: etwa zehn Kilometer, leichte Hügel, von Neddesitz zum Königsstuhl. Radausleihe im Erlebnisbad SPLASH. Empfohlen: Rücktour von ebenfalls zehn Kilometern über Lohme, Blandow, Nardevitz.

Einkehr:

Kleine Försterei: kleine, familiäre Pension mit uriger Wildgaststätte, Wildschwein, Hirsch und Reh aus der Region; Stubbenkammerstraße 68, 18551 Lohme, kleine-foersterei.de

Unterkunft:

Hotel InselGlück: modern, sauber, freundlich, großer Garten mit einem Café, selbst gebackener Kuchen; Stubbenkammerstraße 33, 18551 Lohme OT Hagen; Tel. 038302 9305, inselglueck-ruegen.de