Ursul hatte die Mahnung Isaccos, dass sie das Tagebuch ihrer Vorfahrin, die »Kürbisgärten«, möglichst bald aus seiner nun verlassenen Wohnung im Ghetto zurückholen sollte, nicht vergessen: dass Leone Zeit finden würde, sich damit zu beschäftigen, hatte sie ohnehin bezweifelt.
Nun, da sie die enge Stiege bis in das oberste Stockwerk des Hauses hinaufgestiegen war und vor Isaccos Wohnung stand, hatte sie das Gefühl, dass sie zu spät gekommen war: Vor der Tür standen alte Eimer, vertrocknete Farbe, verdorrte Blumensträuße in verdreckten Vasen, Bilder, die aus Zeitungen ausgeschnitten und zu Klumpen geballt in die alten Eimer gequetscht waren.
Außerdem hörte sie ein seltsames Geräusch: irgendetwas tickte in unregelmäßigen Abständen.
Ein alter Mann stand neben der Tür und versuchte soeben, eine Mesusa vom rechten Türpfosten abzuschrauben.
Ursul schaute irritiert auf die Mesusa, dann auf den alten Mann, den sie ganz gewiss noch nie hier gesehen hatte. »Ich wollte ein Buch abholen«, sagte sie stockend, »aber ich komme wohl zu spät.«
»Zu spät? Wofür zu spät«, murmelte der Mann zwischen zusammengepressten Lippen, mit denen er eine Schraube festhielt, während er die Mesusa behutsam von dem Pfosten ablöste. »Auch das Pergament ist brüchig«, sagte er dann verärgert, nahm es heraus und schob ein anderes Pergament behutsam in den Hohlraum. Dann versuchte er die Mesusa mit der zweiten Schraube wieder anzuschrauben.
»Ihr wolltet sie gar nicht abschrauben«, stellte Ursul erleichtert fest und trat näher.
»Weshalb sollte ich das tun?«, fragte der Mann und betrachtete sie neugierig. »Ich will lediglich all das, was nichts mehr taugt in dieser Wohnung, hinauswerfen. Und erneuern, falls dies möglich ist.«
Ursul nickte, bemühte sich höflich zu sein. »Seid Ihr der neue Mieter hier?«
»Nicht unbedingt«, murmelte der Mann vor sich hin, wischte mit der Hand über die Mesusa und prüfte dann ihre Befestigung, in dem er behutsam an dem Metallteil zog. »Für die nächsten zehn Jahre wird sie halten«, stellte er dann befriedigt fest und betrachtete Ursul aufmerksam. »Und du, was willst du hier?«, wollte er wissen, da er sie vermutlich für um einiges jünger hielt, als sie in Wirklichkeit war.
»Ich wollte mein Buch zurückholen«, erklärte Ursul und hoffte, dass sie hereingebeten würde.
»Ach ja, und welches?«, fragte der Mann und rüttelte ein weiteres Mal an der Mesusa, als wolle er sie wieder abreißen. »So viele Bücher hat er nicht zurückgelassen, mein Enkel.«
»Oh, Ihr seid sein Großvater«, sagte Ursul erfreut und mit neuer Hoffnung, dass sie ihr Buch doch noch zurückbekommen könnte, wenn dieser Mann der Großvater war, von dem ihr Isacco bereits einige Male erzählt hatte.
Der Mann zog ein kleines weißes Papierkärtchen aus seinem Rock und befestigte es mit einem Nagel auf der anderen Seite der Tür.
»Ihr seid Elias?«, fragte Ursul, als sie das Schild betrachtet hatte.
Der alte Mann lachte. »Na ja, so einer mit Feuerwagen natürlich nicht. Aber ich habe mich nie über meinen Vater und meine Mutter beschwert, dass sie mir diesen Namen gegeben haben.«
Er nahm seine Werkzeuge vom Boden, öffnete die Tür und schob Ursul in den Flur.
»Welches Buch suchst du denn, das dir Isacco nicht zurückgegeben hat?«
»Ein Buch, das eigentlich kein richtiges Buch ist. Es ist ein Tagebuch über Kürbisgärten«, erklärte Ursul, »über eine »Nachthütte in den Kürbisgärten«.«
Der Mann blinzelte sie an. »Bist du etwa das Mädchen, das zu meinen Enkel in den Canale Orfano hinabsteigen soll?«
Ursul zuckte zusammen. »Das weiß ich nicht«, erwiderte sie dann zögernd.
»Wieso weißt du das nicht? Entweder er hat es zu dir gesagt oder er hat es nicht gesagt? Also, hat er es gesagt?«
Ursul machte ein paar Schritte in den Raum. »Er hat es gesagt, aber ganz gewiss nicht ernst gemeint«, wehrte sie dann ab.
»Nicht ernst gemeint?« Elias lachte. »Glaubst du, so etwas sagt man, ohne es ernst zu meinen? Mein Enkel meint alle verrückten Sachen, die er tut oder sagt, ernst. Tiefernst sogar. Du kannst darauf bauen. Natürlich nur auf das, was Isacco sagt, nicht das, was Leone sagt. Da fällt alles um, wenn man dranstößt. Nichts ist ernst. Nur der Neid auf seinen Bruder. Und das schon seit ewigen Zeiten.«
Ursul schaute sich um in dem Raum, in dem sie einmal auf Isaccos Schlafbank gesessen hatte, in Büchern geschmökert, von Leone misstrauisch betrachtet, dass sie sich hier aufhielt.
»Für dein Buch gibt’s nur einen Platz, wo es sein könnte«, sagte Elias nach einer Weile. »Was wichtig war, hat er in diese Truhe getan. Genau so, wie ich jetzt auch.« Er ging in den Nebenraum, zerrte eine schmale bemalte Holztruhe hinter sich her, wobei ihm Ursul zu helfen versuchte.
»Sie ist nicht schwer, ich habe noch nicht viel hineingetan, zumal ich auch gar nicht weiß, ob ich hier auf die Dauer bleibe. Ich muss erst wissen, ob ich anwachsen kann. Und für immer bleiben will.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich bin mir nicht sicher, ob sie alles richtig machen, eines Tages, ich meine, wenn es Zeit ist für den Jordan«, sagte er dann leise. »Meine Schwiegertochter streichelt inzwischen immer noch ihren Backstein, sie soll ihn sogar geküsst haben, hörte ich. Mein Sohn kann dir sämtliche Wechselkurse auswendig sagen, wenn er jemandem imponieren will. Als er es neulich wieder einmal tat, habe ich schallend gelacht und ihn damit zutiefst beleidigt. Und Leone? Nein, Leone traue ich nicht. Er ist zwar mein Enkel, aber das ist auch schon alles.«
Er beugte sich in die Truhe, nahm ein kleines leinenes Säckchen heraus. »Weißt du, was das ist?«
Ursul nahm das Säckchen in die Hand, roch daran.
»Nein, nein, es ist nichts, was riecht«, sagte Elias lachend. »Reib es zwischen deinen Fingern, dann wirst du es spüren.«
»Sand?«, fragte Ursul erstaunt, nachdem sie es getan hatte. »Sand? Wozu solltet Ihr Sand aufbewahren?«
Elias nahm ihr das Säckchen aus der Hand, legte es wieder in die Truhe, auf einen Tallit. »Kein gewöhnlicher Sand, er stammt aus dem Heiligen Land.«
Ursul getraute sich nicht zu fragen, horchte dann plötzlich auf ein Geräusch, das sie nicht zuordnen konnte.
»Man legt es unter den Kopf«, erklärte Elias und schloss die Truhe. »Wenn es so weit ist. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das jemand aus meiner Familie für mich tun wird. Daran denken wird. Oder sich vorstellen kann, dass ich so etwas überhaupt besitze.« Er seufzte, schaute Ursul prüfend an, lachte dann. »Nun, du hast ja bereits eine Beschäftigung. Bis du in den Canale Orfano hinabgetaucht bist und wieder herauf, bist du müde. Trotzdem –«
Ursul hatte das Gefühl, dass Isaccos Großvater nicht minder meschugge war als sein Enkel. Sie kannte ihn kaum eine Stunde, und schon hatte er ihr dieses Sandsäckchen anvertrauen wollen, damit sie es ihm eines Tages unter den Kopf legen sollte.
»Es geht nicht um das Sprechen des Kaddisch«, meinte er rasch, als sie schwieg, »das Kaddisch sagen kann nur der Sohn oder der Enkel. Der Sand ist eine andere Sache. Die Waschung auch.«
Er schüttelte sich, lachte dann wieder. »Nun wirst du mich sicher für genauso meschugge halten wie meinen Enkel. Mit seiner Besessenheit vom Nabatäerland stimmt’s?«
Ursul wandte sich verlegen zur Tür. »Nein, nein, gewiss nicht«, wehrte sie ab. »Es ist nur alles etwas fremd. Mit Isacco.« Dann ging sie in den Flur.
»Deine »Kürbisgärten« solltest du nicht vergessen ob all des Unsinns, den ich heute verzapft habe. Komm wieder, wenn du magst. Wenn dir der Weg nicht zu weit ist von der Stadt hierher.«
»Ich wohne nicht in der Stadt, ich wohne im Ghetto«, sagte Ursul zögernd. »Im Haus der Sara Coppia Sullam.«
»Ach ja, es heißt ja, dass sie hier gewohnt hat, ganz sicher ist es nicht. Aber immerhin hast du dann nur ein paar Minuten zu gehen. Oder ich, falls ich dich besuchen komme.« Er lachte. »Es wird wohl kaum jemand daran etwas finden – bei meinem Alter.«
Ursul lachte und stieg die Treppe hinunter.
»Du hast die »Nachthütte in den Kürbisgärten« vergessen«, rief er ihr nach, als sie bereits im nächsten Stock war.
»Die nehme ich beim nächsten Mal mit«, sagte sie rasch. »Dann habe ich einen Grund wiederzukommen.«
»Den brauchst du nicht«, murmelte Elias vor sich hin, während er in seine Wohnung zurückging.
Als Ursul über den großen Platz nach Hause ging, fiel ihr ein, dass sie sich nicht einmal nach diesem seltsamen Geräusch erkundigt hatte, das sie nicht hatte zuordnen können. Aber sie hatte ohnehin das Gefühl, dass dieser Elias von Geheimnissen umgeben war, die sich vermutlich nur zögernd offenbaren ließen.