Kapitel 13
Würfel – Gute und Böse?

»Gespaltene Würfel«, flüsterte Chiara, als sie den Inhalt des Tuches sah. Sie schaute verblüfft auf die Würfelhälften, die aus den unterschiedlichsten Materialien bestanden – Bernstein, Elfenbein, Bronze, Quarz. Und alle unfertig waren.

»Es sind nicht nur diese halb fertigen, die interessant sind«, korrigierte Matteo und rollte das Tuch weiter auseinander, »da gibt es noch etwas. Etwas ziemlich Seltsames.«

Das, was vor ihnen lag, war ein weiterer Würfel, ein ganzer Würfel, der angeschnitten war, das Messer steckte noch in dem Material, das möglicherweise Bernstein war.

»Wisst Ihr, was das soll?«, fragte Chiara kopfschüttelnd.

»Ich kann mir nur vorstellen, dass hier jemand versucht hatte, dieses Symbol Platos nachzubauen und dabei dann gescheitert ist«, erwiderte Matteo. »An dem Material. Und es dann nicht weiter versucht hat. Es gibt ja nur diese angefangenen Würfel, keiner ist fertig.«

»Und wer sollte so etwas gemacht haben?«

»Ihr solltet eher fragen, wo ich sie gefunden habe«, sagte Matteo.

»Und wo habt Ihr sie gefunden?«

»In dieser engen Kammer, die ich zunächst für eine Abstellkammer hielt, und zwar deswegen, weil sie vollgestellt war mit irgendwelchem Gerümpel, unter anderem mit diesen Tierskeletten.«

»Die Skelette hatte Sebastiano gefunden«, sagte Chiara rasch, »er hatte uns davon erzählt. Und gespielt hat er dann auch mit ihnen.«

»Dann könnten dieses Dinge doch vielleicht von diesem seltsamen Mönch Bartolomeo stammen, jenem, der einst hier gewohnt und sich dann den Palazzo unter den Nagel gerissen hat«, vermutete Matteo. »Und ihn dann wieder verloren hat.«

»Aber das ergibt keinen Sinn für diese Unzahl von angefangenen Würfeln«, meinte Chiara.

»Vielleicht aber doch«, erwiderte Matteo, »vielleicht wollte er ganz einfach diesen gehassten Riccardo übertrumpfen, mit einem größeren Würfel, einem kostbareren Würfel, einem ungewöhnlichen, in den er zu allem Überfluss auch noch einen Namen eingravierte. Was meint Ihr zu dieser Erklärung?«

Chiara hielt den Würfel dicht vor ihre Augen, um die Gravur besser lesen zu können, aber das Messer musste auch hier abgerutscht sein und so war nur ein »Chr« zu entziffern, das jedoch auch nicht eindeutig war. Sie legte den Würfel auf den Tisch, dachte nach. »Nun, dieser Bartolomeo war doch ganz offensichtlich alles andere als ein angenehmer Mensch. Er fälscht ein Testament, unterschlägt einen Palazzo, wird des Mordes verdächtigt, zieht als Sklavenhändler über die Meere, denunziert und kassiert – was soll ich von so einem Menschen halten?«

Matteo zuckte mit den Schultern. »Dass er trotz allem auf seine Art in diese Frau verliebt war, die einst hier lebte. Und die damit das Rätsel der dritten Frau löst, auch wenn wir ihren Namen vermutlich nie erfahren werden.«

Matteo nahm den Würfel in die Hand, bewegte ihn hin und her, hielt ihn Chiara entgegen. Und lachte. »Ganz konnte er aber auch hier seine kriminelle Veranlagung nicht verbergen«, sagte er dann, »wenn Ihr den Würfel in der Hand wiegt, spürt ihr deutlich, dass er ungleichmäßig schwer ist. Und das war vermutlich auch der Grund, weshalb er ihn nicht zerschneiden konnte. Da war Blei eingefüllt, damit konnte man jeden Mitspieler betrügen.«

Chiara legte den Würfel auf den Tisch, nahm eine der anderen Würfelhälften, eine bescheidene aus Holz in die Hand. »Den hier möchte ich tragen«, sagte sie dann und schaute Matteo lächelnd an, »irgendwie habe ich das Gefühl, als habe dann alles seine Richtigkeit. Es sei denn, Ihr wolltet ihn eines Tages irgendjemandem geben, von dem Ihr der Meinung seid, dass er an das glaubt, was Plato damals sagte: Dass der Mensch ursprünglich ein Ganzes war, dann gespalten wurde und von da ab seine andere Hälfte sucht, bis in alle Ewigkeit.«

Sie ließ die Würfelhälfte auf ihrer Hand hin- und herrollen und schaute ihn an.

»Wenn Ihr schon eine Würfelhälfte wollt, dann doch gewiss die, die auf dem Stehpult lag, oder etwa nicht?«, sagte Matteo und griff in seine Rocktasche. Er nahm eine der beiden Hälften heraus, legte sie auf seine Hand, hielt sie ihr aber nicht entgegen. »Ich weiß nicht, ob jetzt dazu bereits der richtige Augenblick ist. Ich denke später einmal. Was meint Ihr dazu?«

»Später? Was soll das heißen? Dass Ihr den Palazzo nicht mehr abreißen lassen wollt?«, fragte sie rasch, ohne jedoch nach dem Würfel zu greifen.

»Für den Augenblick heißt es gar nichts«, stellte er fest und ging zur Tür. »Und das eine hat mit dem anderen gewiss nichts zu tun.«