Überblick
C.Caesar Germanicus, der seit einem Auftritt in Soldatenuniform in frühester Kindheit nur Caligula („Stiefelchen“) genannt wurde, herrschte nicht einmal vier Jahre, starb durch eine Revolte der Prätorianer und galt schon kurz nach seinem Tod als Inbegriff des tyrannischen Prinzeps. In der modernen Forschung wurde er lange als „Betriebsunfall“ des frühen Prinzipats betrachtet, neuere Studien versuchen zu zeigen, dass hinter seinem scheinbaren Wahnsinn ein konzeptionell anderes Modell der Herrschaft gestanden haben könnte, das er gegen den Widerstand der herrschaftsrelevanten Gruppen wie Senat und Militär, aber auch gegen die Mitglieder der eigenen Familie durchsetzen wollte. Die problematische Quellenlage macht eine letztgültige Beurteilung seiner Herrschaft unmöglich und stellt einmal mehr die Frage nach dem Sinn biographischer Zugänge.
Zeittafel | |
31.8.12 n. Chr. | Geburt in Antium |
30 n. Chr. | Tiberius holt Caligula nach Capri |
31 n. Chr. | Caligula erhält die toga virilis |
33 n. Chr. | Quästur |
18.3.37 n. Chr. | dies imperii – Erhebung zum Augustus durch den Senat |
30.8.37 n. Chr. | Dedikation des Tempels des Divus Augustus |
Oktober 37 n. Chr. | Schwere Erkrankung Caligulas |
10.6.38 n. Chr. | Tod der Kaiserschwester Drusilla, die als erste Frau des Kaiserhauses vergöttlicht wurde (Diva Drusilla) |
39 n. Chr. | Verschwörung im Senat |
Oktober 39 n. Chr. | Aufdeckung der Verschwörung des Lentulus Gaetulicus |
Ende 39 n. Chr. | Geburt einer Tochter (Julia Drusilla) |
39/40 n. Chr. | Militärische Manöver in Germanien und gescheiterter Britannienfeldzug |
40 n. Chr. | Rückkehr nach Rom |
24.1.41 n. Chr. | Ermordung des Caligula in Rom |
Familiäre Legitimation
Nachdem Caligula die Herrschergewalten vom Senat en bloc verliehen worden waren, war es für ihn von zentraler Bedeutung, dieser politischen Legitimation auch die dauerhafte Sicherung seiner Position in Rom folgen zu lassen. Dabei kam ihm die Sparsamkeit seines Vorgängers Tiberius zugute. Großzügige Geldgeschenke an die Prätorianer, die plebs urbana und die Truppen sowie die nachträgliche Auszahlung der Legate aus dem Testament der 29 n. Chr. verstorbenen Livia sicherten ihm das Wohlwollen dieser herrschaftsrelevanten Gruppen. Gleichzeitig agierte der junge Prinzeps öffentlichkeitswirksam in einer Weise, die Rom lange schmerzlich vermisst hatte. Die Legate ans Volk verteilte er anlässlich der ludi Victoriae Caesaris im Juli 37 n. Chr. und erinnerte damit an die großen Spiele, die Augustus 44 v. Chr. zu Ehren Caesars abgehalten hatte. Im August 37 n. Chr. weihte er den seit 14 n. Chr. im Bau befindlichen Tempel des Divus Augustus. Beide Maßnahmen betonten den Vorbildcharakter des Dynastiegründers Augustus, seines leiblichen Urgroßvaters, für den jungen Prinzeps.
Abb. 7 Marmorbüste Caligulas, zwischen 37 und 41 n. Chr. Metropolitan Museum of Art, New York.
Die Quellen betonen darüber hinaus die Ehrenbezeugungen den noch lebenden und toten Mitgliedern seiner Familie gegenüber, die in völligem Gegensatz zum Verhalten des Tiberius standen und für die römische Öffentlichkeit zelebriert wurden. Seine Großmutter Antonia erhob er zur Augusta, ernannte sie in der Nachfolge der Livia zur Priesterin des Divus Augustus und verlieh ihr zusätzlich die Ehrenrechte der Vestalinnen (Priesterinnen der Göttin Vesta). Seine drei Schwestern, Agrippina die Jüngere, Drusilla und Livilla, wurden in den jährlichen Treueeid aufgenommen und ebenfalls mit den Rechten der Vestalinnen ausgestattet. Dies unterstützte allerdings nicht allein die Erhöhung des familiären Prestiges, sondern diente unter politischen und finanziellen Gesichtspunkten auch der Machtsicherung, entzog der Prinzeps damit doch das Vermögen der Frauen dem Zugriff ihrer Ehemänner, da die Vestalinnen uneingeschränkte persönliche und vermögensrechtliche Freiheit besaßen. Gleichzeitig übernahm Caligula selbst in seiner Funktion als pontifex maximus eine religiös aufgeladene Vormundschaft.
Abb. 8 Sesterz, Rom 37/38 n. Chr., Caligula beim Opfer im Tempel des Divus Augustus (RIC Nr. 36)
Caligula rehabilitierte in einer seiner ersten Handlungen als Prinzeps auch seine Mutter Agrippina die Ältere und seine Brüder Drusus und Nero. Ihre sterblichen Überreste überführte er persönlich nach Rom und bestattete sie im Mausoleum des Augustus. Der erhaltene Grabstein der Agrippina Maior verdeutlicht bis zum heutigen Tag, wie geschickt Caligula die unter Tiberius umgekommene Verwandtschaft instrumentalisierte, um seine direkte Abstammung vom Dynastiegründer herzuleiten.
Quelle
Grabplatte der Agrippina Maior (CIL 6, 886, s. Abb. 9) Ossa
Agrippinae M(arci) Agrippae [f(iliae)]
divi Aug(usti) neptis uxoris
Germanici Caesaris
matris C(ai) Caesaris Aug(usti)
Germanici principis
S(enatus) p(opulus)q(ue) R(omanus)
p(opuli) R(omani) a(uctoritate)
Die Gebeine
der Agrippina, der Tochter des Marcus Agrippa,
der Enkelin des vergöttlichten Augustus,
der Gattin des Germanicus Caesar,
der Mutter des Prinzeps Gaius Caesar Augustus Germanicus (liegen hier)
Auf Beschluss von Senat und Volk von Rom
Die familiäre Eintracht schien nach außen auch die Adoption des Tiberius Gemellus anzuzeigen, den man durch die Annullierung des Testamentes zunächst von der Nachfolge ausgeschlossen hatte. Allerdings wechselte der zweite Tiberius-Enkel als Adoptivsohn des Caligula in dessen patria potestas und stand nun unter der rechtlichen Aufsicht des Prinzeps, konnte also nicht über sein Vermögen verfügen und auch keine vom Willen des Prinzeps unabhängigen Entscheidungen treffen. Zwar wurde er zum princeps iuventutis ernannt, erhielt aber nicht die Sonderrechte, die frühere präsumtive Nachfolger wie Gaius und Lucius Caesar als principes iuventutis erhalten hatten. Caligula plante, die Nachfolgefrage innerhalb der eigenen, julischen Familie zu lösen. Da er selbst noch kinderlos war – ein Umstand, den er durch vier Eheversuche innerhalb weniger Jahre ändern wollte –, fiel seiner Schwester Drusilla zunächst die Rolle zu, für einen Erben zu sorgen. Sie wurde daher relativ bald nach dem Herrschaftsantritt ihres Bruders mit M. Aemilius Lepidus verheiratet, einem engen Freund des Prinzeps.
Abb. 9 Grabplatte der Agrippina Maior (CIL 6, 886)
Die Weichenstellungen von Capri und ihre Bedeutung für den Prinzipat
Der von den Zeitgenossen bejubelte hoffnungsvolle Beginn des dritten Prinzeps aus dem julisch-claudischen Haus war also zu einem guten Teil Inszenierung und folgte dem Muster des Augustus. Die Hauptquellen, die über die kurze Regierungszeit des Caligula berichten, Tacitus und Sueton, deuten dabei einmal mehr diese Herrschaft von ihrem Ende her und sehen schon in den Jahren, die Caligula unter Tiberius auf Capri verbringen musste, eine prägende Zeit.
Quelle
Tacitus und Sueton über die angebliche Verstellungskunst des Caligula
Seinen grausamen Charakter verbarg er hinter einer heuchlerischen Bescheidenheit und gab nicht bei der Verurteilung der Mutter, nicht beim Sturz der Brüder einen Ton von sich; welche Stimmung Tiberius sich auch an einem Tag zugelegt haben mochte, er zeigte die gleiche Haltung, verwendete nicht wesentlich verschiedene Ausdrücke. (Tac. Ann. 6, 20, 1, Übersetzung E. Heller)
Er schien das, was seiner Familie widerfahren war, aus seinem Gedächtnis getilgt zu haben, so als sei überhaupt niemandem etwas passiert; doch das, was er persönlich hinnehmen musste, ließ er über sich mit unglaublicher Verstellung ergehen und war gegenüber seinem Großvater und dessen engerer Umgebung dermaßen unterwürfig, dass er nicht ganz unschuldig war, wenn man von ihm behauptete, noch nie habe jemand einen besseren Sklaven und einen schlechteren Herrn abgegeben. (Suet. Cal. 10, 2–11,1, Übersetzung H. Martinet)
Bereits während der Jahre auf Capri, so beide Autoren übereinstimmend, habe sich der heuchlerische Charakter Caligulas offenbart, und es sei ihm so gelungen, seine wahren Absichten und Gefühlsregungen zu verbergen. Beide Autoren verfolgen in ihren Werken die Intention, die von Beginn an schlechten Anlagen in der Persönlichkeit des Caligula herauszustreichen. Historische Ereignisse werden damit kaum abgebildet, dennoch lässt sich erkennen, dass bereits die Autoren des 2. Jahrhunderts n. Chr. die eigenwillige Nachfolgeregelung des Jahres 37 n. Chr. für erklärungsbedürftig hielten. Tiberius hatte mit seinem Testament seinen leiblichen Enkel, Tiberius Gemellus, und seinen Großneffen, Caligula, als gleichberechtigte Erben eingesetzt, wohl wissend, dass es eine Teilung der kaiserlichen Macht nicht geben konnte. Wie lässt sich dieser Widerspruch auflösen?
Wollte man ein dem Tiberius wohlgesonnenes Urteil fällen, könnte man die Uneindeutigkeit in der Nachfolgeregelung als Option für die Wiederherstellung einer Senatsherrschaft deuten. Aber wie wahrscheinlich ist es anzunehmen, Tiberius habe in jenen Senat, vor dessen Agitation er sich nach Capri geflüchtet hatte, eine echte Hoffnung gesetzt? Tiberius mag aufgrund seines Alters die Kraft zu dieser letzten Entscheidung gefehlt haben, aber mit dem Verzicht auf eine Entscheidung hat er dennoch entschieden und – bewusst oder unbewusst – „die Dolche aufs Forum“ geworfen. Ihm musste klar sein, dass es nicht zwei Principes geben konnte, und er opferte bewusst einen der Kandidaten – mit größerer Wahrscheinlichkeit seinen Enkel Tiberius Gemellus, den er vielleicht, wie Cassius Dio berichtet, für einen Bastard hielt. Wollte er damit einen letzten Beweis antreten, dass das von ihm wenig geliebte System des Prinzipats nicht dem römischen Herkommen entsprach und versagen musste?
Betrachtet man die Ereignisse der nun folgenden Monate und Jahre, kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass jenes Gift, das Tiberius mit seinem Testament in die römische Politik injiziert hatte, langsam seine Wirkung entfaltete. Denn trotz aller Versuche des jungen Caligula, sich als neuer Augustus zu präsentieren, blieb das Misstrauen der Senatoren zu Recht bestehen. Zwar ging Caligula in vielen Punkten auf die Senatoren zu, indem er die Majestätsprozesse beenden ließ, sich als einfacher Bürger gerierte oder zeremonielle Rituale zur Kaiserbegrüßung teilweise aufhob, am System des Prinzipats, das sich als Adelsrepublik gab und doch eine Monarchie war, änderte sich jedoch nichts. Das System wurde nie in Frage gestellt, nur die unter Tiberius ins Wanken geratene Fassade wieder erneuert. Dass die Senatoren sehr wohl ein Bewusstsein für diese doppelbödigen Vorgänge hatten, zeigt der Vermerk Cassius Dios, die Senatoren hätten darauf bestanden, die erste Rede, die Caligula als Konsul im Senat gehalten und in der er programmatisch seine Herrschaft in der Nachfolge des Augustus umrissen hatte, aufzuzeichnen und jährlich öffentlich verlesen zu lassen: ein deutliches Zeichen, dass man an der langfristigen Sicherheit unter Caligula zweifelte.
Diese Zweifel waren auch angebracht, da Caligula zu keinem Zeitpunkt frei in seinen Entscheidungen war, sondern mit Sicherheit von Gruppen und Personen aus seiner Umgebung, die eigene Interessen verfolgten, beeinflusst und gesteuert wurde. Der Prätorianerpräfekt Macro, der maßgeblich an der Thronbesteigung beteiligt war, war einer dieser einflussreichen Männer, einen zweiten sehen die Quellen in seinem ehemaligen Schwiegervater, dem Tiberius-Vertrauten und Konsular M. Iunius Silanus. Ihnen verdankte Caligula seine Herrschaft und sie hatten ihn in der Hand, denn mit der Adoption des jungen Tiberius Gemellus war eine Nachfolge sichergestellt. Die Gruppe im Hintergrund war nicht auf Caligula angewiesen.
Mit einer gewissen Zwangsläufigkeit musste also die Erkrankung, die Caligula im Oktober 37 n. Chr. befiel, all diese nur unzulänglich verdeckten Probleme ans Tageslicht befördern und eine Krise der Herrschaft auslösen. Der Prinzeps erkrankte so schwer, dass sein Tod für wahrscheinlich gehalten wurde. Wie stark die Inszenierungen der ersten Monate seiner Herrschaft gefruchtet hatten, zeigt die Reaktion in der römischen Öffentlichkeit. Eine fast hysterische Stimmung brach aus, so dass besorgte Römer gelobten, ihr Leben für das des Herrschers zu geben.
Reaktionen in den Führungskreisen
In einer innenpolitisch höchst angespannten Situation, in der die Frage einer möglichen Nachfolge des Prinzeps völlig offen war, musste eine Krankheit des Herrschers bei Senat und Volk die schlimmsten Befürchtungen für die Zukunft des Imperium Romanum hervorrufen. Erkrankungen eines Herrschers in auf Einzelpersonen ausgerichteten Machtsystemen lenken die politische Diskussion unweigerlich auf die Frage nach den potentiellen Nachfolgern. Der Machtzirkel um Silanus und Macro musste nun handeln, wollte man nicht Handlungsoptionen einbüßen. So bereitete man die Thronübernahme durch Tiberius Gemellus vor.
Caligulas Gegenmaßnahmen
Aber der Prinzeps erholte sich von seiner Krankheit und noch auf dem Krankenbett begann er, Maßnahmen gegen die aus seiner Perspektive verschwörerische Intrige zu treffen. Er übertrug seiner Schwester Drusilla das kaiserliche Vermögen und die Herrschaft.
Drusilla als Erbin und Nachfolgerin (Suet. Cal. 24, 1)
Auch als Erbin seines Vermögens und als Nachfolgerin in der Regentschaft setzte er sie ein, als er erkrankte. (Übersetzung H. Martinet)
Darüber hinaus startete er ein Säuberungsprogramm, dem als erster Tiberius Gemellus zum Opfer fiel. Dieser politische Mord war eine Reaktion des Caligula auf die innenpolitischen Gefahren und beraubte die politische Gruppe im Hintergrund ihres potentiellen Kandidaten um die Nachfolge. Zu den prominenten Opfern der Säuberungswelle zählten auch der Prätorianerpräfekt Macro und M. Iunius Silanus, die Caligula zur Herrschaft verholfen hatten. Mit ihnen wurden jeweils ihre Unterstützergruppen gestürzt und aus dem Machtgefüge gedrängt. Das System des Prinzipats kannte in diesen Fällen der politischen Illoyalität nur Repressionen als Antwort.
Caligulas längerfristige Maßnahmen zielten nun darauf ab, die Basis seiner Herrschaft zu erweitern und zu stärken. Er bemühte sich, sehr schnell eine neue Ehe einzugehen, um die Herrschaft durch einen leiblichen Nachfolger abzusichern. Seine Schwestern und vor allem der Ehemann der Drusilla rückten in den engsten Beraterkreis auf. Daneben richtete er seine Politik darauf aus, wichtige Gruppen im Machtgefüge Roms für sich zu gewinnen. Dem Volk von Rom stiftete er Spiele und Bauten und übertrug ihm wieder die Wahlrechte bei den Magistratswahlen. Dem Senat kam er durch Offenlegung der kaiserlichen Finanzen und die Aufwertung senatorischer Amtsträger entgegen.Die provinziale Oberschicht wurde durch die Aufnahme neuer Männer in die Reichsaristokratie belohnt, aber auch zur Loyalität verpflichtet, und der Ritterstand durch neue Männer ergänzt.
Caligula agiert verändert
Mit der Erkrankung Caligulas im Herbst des Jahres 37 n. Chr. ging nach übereinstimmender Darstellung aller antiker Autoren eine starke Veränderung seiner Persönlichkeit einher. Unisono erklären sie die verbleibende Zeit seiner Herrschaft zum Terrorregime eines wahnsinnigen Kaisers. Dieser Ansammlung von Grausamkeiten und Absurditäten in den Berichten Sinn zu verleihen, erweist sich als schwierig, wenn auch in Ansätzen möglich.
Die bei Sueton und Cassius Dio überlieferten Ereignisse um einen Plebejer namens Publius Afranius Potitus und den Ritter Atanius Secundus können als Ausgangspunkt einer Erklärung dafür dienen, dass die Erkrankung und die damit im Zusammenhang stehenden politischen Verwerfungen zu einer neuen Einstellung des jungen Kaisers gegenüber dem System des Prinzipats führten.
Caligulas Umgang mit den Schmeichlern (Cass. Dio 59, 8, 3–4)
Tiberius [Gemellus] musste denn auf bloßen Verdacht hin sterben, als habe er aus der Erkrankung des Kaisers tückisch Nutzen ziehen wollen, und ebenso erging es Publius Afranius Potitus, einem Plebejer. Dieser hatte aus einfältiger Schmeichelei heraus nicht nur freiwillig, sondern sogar noch unter Eid versprochen, sein Leben zu opfern, wenn nur Gaius wieder gesunde. Das gleiche Schicksal teilte ein gewisser Ritter Atanius Secundus, der in diesem Falle als Gladiator auftreten wollte. Denn statt nun das Geld, das sie vom Herrscher für ihre Todesbereitschaft erwarteten, in Empfang zu nehmen, wurden sie zur Einhaltung ihres Versprechens gezwungen, damit sie nicht als Eidbrüchige dastünden. Das war nun der Grund, dass diese Männer ihr Leben verloren. (Übersetzung O. Veh)
Derartige Vorgänge waren eine typische Begleiterscheinung des Prinzipatssystems und kennzeichneten die ihm innewohnende doppelbödige Kommunikation. Beiden Seiten war bewusst, dass der eigentliche Wunsch nicht die Gesundung des Kaisers, sondern die Belohnung des Schmeichlers war. Diese Art der Kommunikation war seit Augustus bestens erprobt. Der erste Prinzeps hatte diese Schauspielerei bis zur Vollendung praktiziert, Tiberius hatte sich ihr entzogen, Caligula aber veränderte jetzt die Parameter, indem er die Schmeichler beim Wort nahm und die Einhaltung des Eides forderte. Er verweigerte sich der doppelbödigen Kommunikation, indem er sie ernst nahm. Er demonstrierte damit für alle sichtbar, dass er in dem Verhältnis von Schein und Sein des Prinzipats etwas zu ändern gedachte.
Versuch einer Deutung
Lange hat die Forschung ein einheitlich ablehnendes Bild des Caligula gezeichnet und Episoden wie die gerade beschriebene ganz in der Nachfolge der antiken Quellen als Hinweise auf die moralische Verkommenheit, ja den Wahnsinn des Prinzeps gedeutet. Deutlicher noch als alle anderen Kaiser wurde Caligula zum Inbegriff des antiken Tyrannen auf dem Kaiserthron. Seit Seneca attribuierten ihn die antiken Autoren auch als geisteskrank. Dies machte es der vorwiegend senatorischen Geschichtsschreibung einfacher, das Versagen der eigenen politischen Klasse als Zurückweichen vor einem wahnsinnigen Kaiser zu erklären. Der heutige Historiker sieht sich damit der Aufgabe gegenüber, aus einem Geflecht von Stereotypen historische Abläufe zu rekonstruieren. In einer klugen und breit rezipierten Caligula-Biographie hat der Berliner Althistoriker Aloys Winterling 2003 eine neue Interpretation der Herrschaft dieses Prinzeps vorgelegt. Winterling unternimmt den Versuch, die Handlungen Caligulas rational zu erklären und als logische Konsequenz der paradoxen Struktur des Prinzipats als Herrschaftssystem zu deuten. Caligula habe die doppelbödige Kommunikation aufgegeben und als Monarch gehandelt. Berichte wie jener über Afranius Potitus, der geschworen hatte, sein Leben zu opfern, und seinen Eid schließlich auch einlösen musste, erhalten in diesem Erklärungskonzept einen Sinn.
Caligulas Handlungen eine rationale Komponente zuzuschreiben, erleichtert den Zugang zu seiner Herrschaft einerseits. Andererseits erklärt der auf strukturelle Erklärungsmuster ausgerichtete Zugang den Faktor Mensch doch nicht in jedem Fall. Dass Ereignisse in der Herrschaft des Caligula – wie innerhalb der Herrschaft aller Kaiser dieser Dynastie – sowohl eine durch strukturelle Erklärungen erschließbare Komponente haben können, zugleich aber schwerlich ohne das biographische Momentum gedeutet werden können, wird durch die Geschehnisse um den Tod der Kaiserschwester Drusilla am 10. Juni 38 n. Chr. deutlich.
Drusillas Tod als Quellenproblem
Der unerwartete Tod seiner Schwester Drusilla, die ihm menschlich wohl am nächsten stand, beraubte den Kaiser einer engen Vertrauten innerhalb der Familie, ließ aber gleichzeitig auch die Nachfolgefrage wieder virulent werden.Die Quellen erschweren hier den Blick auf die Ereignisse besonders stark, da die Berichte um Drusillas Tod von einer extrem caligulakritischen Überlieferung stets verknüpft werden mit einer angeblich intimen Beziehung zwischen Bruder und Schwester; bei Cassius Dio wird ihr Ehemann, M. Aemilius Lepidus, sogar zum Geliebten des Kaisers. Die Behauptung sexuell devianten Verhaltens war für die antiken Autoren ein Stilmittel, um ein vermeintlich persönliches und damit immer auch politisches Scheitern der Kaiser deutlich zu machen. Unterstellte man dem Tiberius Pädophilie, zog man bei Caligula und Nero Inzestvorwürfe heran, im Fall des Kaisers Claudius richtete sich das Augenmerk der Autoren auf die angebliche Nymphomanie seiner Ehefrau Messalina, hatte aber damit implizit auch den Kaiser selbst zum Ziel, der ein solches Verhalten tolerierte. Diese stetig sich nach dem gleichen Muster wiederholenden Vorwürfe dürfen daher wohl getrost dem Bereich der literarischen Fiktion zugewiesen werden. Zusätzlich wird die besondere politische Rolle einer Frau – Caligula hatte Drusilla als Nachfolgerin designiert – von den antiken Autoren immer mit Argwohn gesehen. So erschweren sexuelle und misogyne Stereotype hier den Zugang zu den Ereignissen gleich in zweifacher Weise.
Konsekration der Drusilla
Aus den Protokollen der Arvalbrüder geht gesichert hervor, dass Drusilla eine ganz besondere Ehre nach ihrem Tod zuteilwurde: Als erste Frau des Kaiserhauses wurde sie als Diva Drusilla offiziell zur Staatsgöttin erhoben, erhielt also eine kultische Verehrung mit eigenem Tempel, einer eigenen Priesterschaft, Spielen, Opfern und reichsweiter Verehrung. Dieser Vorgang erklärt sich in seiner Außergewöhnlichkeit, wenn man sich vor Augen hält, dass bis zum Jahr 38 n. Chr. lediglich Caesar (42 v. Chr.) und Augustus (14 n. Chr.) diese Ehre in Rom zuerkannt geworden war. Selbst Tiberius war eine Konsekration in stillschweigender Übereinkunft zwischen Senat und Prinzeps verweigert worden. Das Misstrauen gegen einen Kaiser, der die Grundlagen des Staates derart radikal in Frage stellte, musste ins Unermessliche wachsen. Dass dies der Tenor zumindest in Rom war, lesen wir in den Quellen seit Seneca. Interessanterweise scheint die Sichtweise in den römischen Provinzen, vor allem den östlichen, auf die Erhebung der Drusilla zur Göttin eine ganz andere gewesen zu sein. Parallel zu den Ereignissen in Rom treten in Kleinasien möglicherweise erstmals Frauen der lokalen und provinzialen Elite als Kaiserpriesterinnen in Erscheinung. Die kaiserliche Entscheidung, die eigene Schwester zu vergöttlichen, fiel hier auf den fruchtbaren Boden einer provinzialen Elite, die in der Verehrung der Herrscherfamilie ihre Loyalität mit Rom bewies, aber auch ihre inneren Hierarchien definierte. Herausgehobene Familien präsentierten ihre männlichen wie weiblichen Mitglieder als Kaiserpriester und Kaiserpriesterinnen und förderten so ihr eigenes Prestige. Von den Bedenken und der Kritik, die in den literarischen, auf Rom konzentrierten Quellen transportiert werden, fehlt hier jede Spur.
Quelle
Juliane aus Magnesia am Mäander als eine der ersten Kaiserpriesterinnen (Archiereia) in der Provinz Asia in der Zeit der julisch-claudischen Dynastie (IvMagnesia 158)
Juliane fungierte als Oberpriesterin (Archiereia) im Kaiserkult und Priesterin der Göttin Agrippina, bei der es sich entweder um die Mutter des Caligula, Agrippina Maior, oder seine Schwester, Agrippina Minor, die Mutter Neros, handelte.
„Rat und Volk ehrten Juliane – Tochter des Eustratos, Sohn des Phanostratos, Ehefrau des Alkiphranos, Oberpriester von Asia, Oberpriesterin (Archiereia) von Asia, Erste der Frauen, Stephanephorin, Gymnasiarchin, Priesterin der Aphrodite und der Göttin Agrippina, der Mutter, auf Lebenszeit und Priesterin auf Lebenszeit der Demeter von Ephesos – aufgrund all ihrer Tugend.“
Wie stark auch immer der Verlust der Schwester und Vertrauten den Kaiser erschüttert haben mochte, sein Handeln in den folgenden Monaten ist rational nachvollziehbar. Wohl im Herbst 38 n. Chr. heiratete er ein drittes Mal. Als Ziel der Ehe mit einer Frau namens Lollia Paulina darf mit Sicherheit die Lösung der noch immer offenen Nachfolgefrage angesehen werden. Die relativ schnelle Trennung von ihr erklärt sich daher auch mit ihrer Kinderlosigkeit und weniger mit dem von Cassius Dio angeführten irrationalen Grund, Caligula sei ihrer schnell überdrüssig gewesen.
Verschwörungen 39 n. Chr.
Für das Jahr 39 n. Chr. berichten die antiken Quellen von einer Welle plötzlich hereinbrechender Gewalt gegen den Senat. Scheinbar grundlos werden führende Senatoren hingerichtet, die Autoren schreiben diese Gewaltexzesse dem Wahnsinn des Caligula zu. Bei genauerem Hinsehen allerdings zeichnen sich hinter dem vermeintlich unerklärbaren Verhalten des Kaisers die Spuren einer oder mehrerer Verschwörungen ab. Diese Verschwörungen, die aus den vorhandenen Quellen nur sehr schwierig zu rekonstruieren sind, scheinen von mehreren für die Macht des Prinzeps relevanten Gruppen ausgegangen zu sein. Zunächst dürften einige Konsulare, also Männer der führenden Rangklasse des Senats, verwickelt gewesen sein. Daneben war der äußerst einflussreiche Befehlshaber des obergermanischen Heeres Lentulus Gaetulicus involviert. Er hatte sich an der Rheingrenze seit 29/30 n. Chr. eine Machtbasis aufgebaut, die selbst Tiberius nicht in Frage zu stellen gewagt hatte. Caligula plante nun ganz in der Tradition seines Vaters Germanicus für das Jahr 40 n. Chr. einen neuen Germanienfeldzug und bedrohte damit die Machtstellung des Gaetulicus.
Schließlich entwickelte sich eine Opposition gegen Caligula wohl auch innerhalb der eigenen Familie. Seine beiden noch lebenden Schwestern, Agrippina Minor – die im Dezember 37 n. Chr. einen Sohn geboren hatte und sich Hoffnungen auf eine Rolle dieses Kindes in der Nachfolgeregelung machen konnte – und Livilla, sowie deren Ehemänner sahen sich durch die Bemühungen des Kaisers, eigene Kinder zu bekommen, in ihren Hoffnungen auf die Nachfolge zurückgesetzt. Wohl im Sommer 39 n. Chr. wurde dem Kaiser dann tatsächlich von seiner vierten Ehefrau, Milonia Caesonia, eine Tochter geboren das Kind erhielt den programmatischen Namen Julia Drusilla –, was der Opposition innerhalb der eigenen Familie weitere Gründe lieferte, die Verschwörung voranzutreiben und sich mit anderen oppositionellen Gruppen zu verbinden.
Reaktion des Caligula – Rede im Senat
Im Jahr 39 n. Chr. sah sich Caligula also von verschiedenen mächtigen Gruppen bedroht: Senat, einflussreiche militärische Kreise und die Kaiserfamilie konspirierten teilweise gemeinsam gegen ihn, und damit stand seine Herrschaft vor einer ernsthaften Gefahr. Caligulas Reaktion richtete sich nun zunächst gegen die senatorische Opposition und zielte genau in jene Richtung, die bereits im Fall jenes Schmeichlers, den Caligula zur Opferung seines Lebens gezwungen hatte, thematisiert wurde. Er verweigerte sich der doppelbödigen Kommunikation, er änderte die Regeln. In diesem Gremium, in dem die Senatoren wussten, dass der Kaiser die eigentliche Macht hatte, sich aber als Mitregierende gaben, in dem der Kaiser wusste, dass er letztlich die Macht in den Händen hielt, sich aber nach außen stets als Erster unter Gleichen präsentierte, in einem Gremium, das Loyalität heuchelte und Verschwörungen plante, das den Kaiser mit Ehrungen überschüttete, aber nur darauf wartete, gegen ihn zu intrigieren, in diesem Gremium also, in dem nie die Wahrheit über die tatsächlichen Machtverhältnisse ausgesprochen wurde, sondern stets gut eingeübte Regeln der verschleierten Kommunikation galten, hielt Caligula eine Rede, die die Dinge beim Namen nannte und die als Generalabrechnung verstanden werden muss.
Cassius Dio überliefert diese Rede recht ausführlich und ist aufgrund seines Zugangs zu den Senatsakten hier durchaus glaubwürdig. In der Rede hielt Caligula dem Senat seine Verbrechen und die Heuchelei der letzten Jahrzehnte vor. Er ließ die Gerichtsakten aller Fälle von Majestätsverbrechen unter Tiberius verlesen – vor der öffentlichkeitswirksamen Verbrennung der Akten am Beginn seiner Herrschaft hatte er wohlweislich Kopien anfertigen lassen – und legte in jedem Fall dar, inwiefern der Senat selbst eine Mitschuld an diesen Verurteilungen trug, weil seine Mitglieder aus Opportunismus und Gier zu Denunzianten geworden waren.
Quelle
Die Rede des Caligula im Senat (Cass. Dio 59, 16, 2–4)
Wenn Tiberius wirklich ein solcher Bösewicht war, dann hättet ihr ihn bei Gott zeit seines Lebens nicht mit Ehren überschütten dürfen […] Indes ihr seid nicht allein mit Tiberius auf solch widersprüchliche Weise verfahren, auch Seian habt ihr zunächst aufgebläht und verdorben, um ihn dann hinzurichten; so habe auch ich nichts Gutes von euch zu erwarten. (Übersetzung O. Veh)
Mit dieser Rede tritt uns ein Kaiser entgegen, wie ihn das Reich noch nicht gesehen hatte. Kein Augustus, der am Ende seines Lebens fragt, ob er seine Rolle gut gespielt habe, kein Tiberius, der lieber flieht, weil er sich nicht im Stande sieht, Änderungen zu bewirken. Hier spricht ein Kaiser, der den Senatoren den Spiegel ihres Versagens vorhält und die Aristokratie demaskiert. Er wirft ihnen in aller Deutlichkeit vor, seinen Untergang zu betreiben. Dazu zitiert er eine imaginierte Rede des Tiberius an sich selbst:
Quelle
Die fiktive Rede des Tiberius an Caligula über den Umgang mit den Senat (Cass. Dio 59, 16, 5–7)
„Gut und wahrheitsgetreu ist alles, was du da gesprochen hast, und daher schenke keinem von ihnen deine Zuneigung und schone auch niemand. Denn sie hassen dich alle und beten um deinen Tod; und wenn sie dazu im Stande sind, werden sie dich ermorden. Mach dir also keine Gedanken, welche deiner Maßnahmen ihnen passen, und kümmere dich auch nicht darum, wenn sie etwas schwatzen, behalte vielmehr nur dein eigenes Vergnügen und deine eigene Sicherheit im Auge, denn darauf hast du den gerechtesten Anspruch. […] Denn magst du auch zum Schein eitlen Ruhm einheimsen, ein Vorteil wird dir daraus nicht erwachsen, im Gegenteil, als Opfer von Anschlägen wirst du ein schmähliches Ende finden. Denn kein Mensch lässt sich gern regieren; er macht vielmehr nur, solange er in Angst lebt, dem Stärkeren den Hof, fasst er hingegen Mut, dann rächt er sich am Schwächeren.“ (Übersetzung O. Veh)
Sollte die Rede tatsächlich in dieser Form gehalten worden sein, dann stellt sie die einseitige Aufkündigung des Kompromisses von 27 v. Chr. dar, der im Prinzipatssystem festgeschrieben war. Caligula inszenierte nun tatsächlich eine neue Form der Herrschaft, die vor allem darin bestand, den Senat, den er verachtete und der sich selbst nach außen weiter erniedrigte, zu demütigen und lächerlich zu machen. Er forcierte beispielsweise traditionelle Verhaltensweisen des Senats und steigerte sie ins Absurde. So wurde unter anderem der üblicherweise praktizierte Tausch von Geschenken im Rahmen der römischen amicitia von ihm benutzt, um Senatoren, die er zu „Freunden“ erklärte, finanziell zu ruinieren. Die soziale Aufwertung eines kaiserlichen Rennpferdes durch maßlose Geschenke wie einen marmornen Stall, Diener und Tafelgeschirr sowie die Ankündigung, das Tier in den Rang eines Konsuls zu erheben, dienten der Demaskierung und Entwertung aristokratischer Lebensverhältnisse. Unnötig zu erwähnen scheint es, dass derlei Überlieferung bei den antiken Autoren stets den Wahnsinn des Kaisers untermauern sollte.
Caligulas offen betriebener Bruch mit Teilen der Reichsaristokratie hatte für die Verwaltung des Reiches und das Umfeld des Kaisers weitreichende Konsequenzen, die erst unter seinen Nachfolgern deutlich hervortraten. Caligula berief vermehrt ritterliche Prokuratoren in zentrale Positionen der Reichsverwaltung und umgab sich zunehmend mit Beratern aus dem Stand der Freigelassenen. Diese Entwicklung schritt vor allem unter Claudius weiter fort und bildete in den senatorischen Quellen immer wieder einen zentralen Kritikpunkt.
Die Verschwörung, die sich um Lentulus Gaetulicus und die Kaiserschwestern gebildet hatte, wurde im Jahr 39 n. Chr. niedergeschlagen. Unmittelbar nach seiner Rede vor dem Senat brach Caligula nach Norden auf, möglicherweise unterstützt von zwei für den Germanienfeldzug neu ausgehobenen Legionen, und beendete die Herrschaft des Gaetulicus in Obergermanien. Die Arvalakten verzeichnen dieses Ereignis im Oktober 39 n. Chr., Gaetulicus wurde hingerichtet, Agrippina und Livilla wurden verbannt.
Caligula in Germanien
Der von Caligula bereits seit 38 n. Chr. geplante Feldzug in das germanische Gebiet hat in den literarischen Quellen kaum Spuren hinterlassen. Tacitus, Sueton und Cassius Dio bemühen sich in ihren Darstellungen, ihr Narrativ vom wahnsinnigen Kaiser Caligula fortzuschreiben, und gestalten die scheinbar irrwitzigen Aktionen des Kaisers phantasiereich literarisch aus. Nur sehr vereinzelte epigraphische Zeugnisse oder unverdächtige Quellenstellen weisen darauf hin, dass es in den Jahren 39 und 40 n. Chr. zu vereinzelten Kampfhandlungen kam. Ob dieser Germanienfeldzug lediglich als öffentliche Inszenierung zur Erlangung militärischen Prestiges und damit legitimatorischen Anspruchs konzipiert war oder ob tatsächlich Pläne für einen neuen Vorstoß in das germanische Gebiet existierten, die allerdings wegen der Verschwörung des Lentulus Gaetulicus und des desolaten Zustands der Truppen am Rhein nicht zur Ausführung kamen, lässt sich nicht mit abschließender Sicherheit rekonstruieren.
Eine glaubhafte Überlieferung scheint dieses Unterfangen allerdings aus mehreren Gründen zu sein. Zum einen war die Beendigung der von Augustus gestarteten rechtsrheinischen Offensive unter Tiberius 16 n. Chr. stets auf große Kritik gestoßen. Mit der Wiederaufnahme dieser Pläne konnte Caligula sich von seinem in der Öffentlichkeit und beim Senat so unbeliebten Vorgänger absetzen, gleichzeitig römische Herrschertugenden für sich reklamieren und nicht zuletzt an seinen gerade im Militär hoch geschätzten Vater Germanicus anknüpfen. Die dynastische Bedeutung des Germanicus für die Principes seiner Familie – seinen Sohn Caligula und seinen Bruder Claudius – lässt sich nicht zuletzt in der repräsentativen römischen Kunst ablesen, in der eine Adaption der Darstellungen des Caligula und des Claudius an den letzten, nach der Adoption 4 n. Chr. geschaffenen Bildnistypus des Germanicus erkennbar ist.
Der gescheiterte Britannienfeldzug
Caligula begab sich nach der Neuordnung der Heeresstruktur am Rhein, bei der unter anderem der spätere Kaiser Galba den Verschwörer Gaetulicus ablöste, nach Gallien, um dort zu überwintern. Im Frühjahr 40 n. Chr. wandte er sich dann einem neuen Eroberungsziel zu und zog an die englische Kanalküste, um mit seinen Truppen nach Britannien überzusetzen. Die Hintergründe dieser Entscheidung wurzelten wohl einerseits in der Erkenntnis, dass es wenig erfolgversprechend sei, an den germanischen Schauplatz zurückzukehren, andererseits brauchte Caligula dringend einen militärischen Erfolg, wollte er nicht geschwächt nach Rom zurückkehren. Britannien war seit Caesar in den Fokus militärischer Überlegungen gerückt und stellte zunehmend ein neues Interessengebiet römischer Außenpolitik dar. Möglicherweise aufgrund der Erfolglosigkeit der germanischen Expedition wollte Caligula nun in der Tradition des Augustus bis an die Grenzen der bekannten Welt vorstoßen. Leider überlagern auch im Fall des Britannienzuges anekdotenhafte Erzählungen historisch verlässliche Berichte.
Quelle
Der Britannienfeldzug in der Darstellung des Cassius Dio (Cass. Dio 59, 25, 1–3)
Wie er nun an den Ozean angelangt war, so als wollte er auch in Britannien einen Feldzug unternehmen, und sämtliche Soldaten am Strand hatte Aufstellung nehmen lassen, bestieg er eine Triere, fuhr ein kurzes Stück vom Lande weg und kehrte dann wieder zurück. Hierauf nahm er auf einer hohen Tribüne Platz, gab den Soldaten das Losungswort wie zur Schlacht und ließ sie durch die Trompeter aufmuntern, doch dann kam plötzlich sein Befehl, sie sollten die Muscheln sammeln. Nachdem er diese Beutestücke entgegengenommen hatte – er brauchte sie ja offensichtlich für seinen Triumphzug –, war er mächtig stolz, wie wenn er den Ozean selbst unterworfen hätte, und verteilte viele Geschenke unter die Soldaten. Die Muscheln aber brachte er nach Rom zurück, um auch dem Volke dort die Beutestücke vorzuweisen. (Übersetzung O.Veh)
Ein Kaiser, der seine Soldaten in Kampfformation Aufstellung nehmen lässt, um dann den Befehl zum Muschelsammeln zu geben – kann es in den Augen eines römischen Senators ein Verhalten geben, das unkaiserlicher ist und den Wahnsinn dieses Mannes besser belegt? Genau dieses Bild zu transportieren, scheint die Absicht des griechischen Senators aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. gewesen zu sein. Was aber steckte tatsächlich hinter der Episode an der Kanalküste im Jahr 40 n. Chr.? Die glaubhafteste Erklärung scheint zu sein, Caligula habe mit dem Befehl zur Muschelsuche die Soldaten, die sich aus Furcht vor dem Unbekannten weigerten, auf die Insel überzusetzen, demütigen wollen. Auch der Nachfolger des Caligula, Kaiser Claudius, hatte bei seiner schließlich im Jahr 43 erfolgten Eroberung Britanniens größte Schwierigkeiten, die Truppen zur Überfahrt zu motivieren. Auch damals zeigten die Soldaten sich „empört darüber, dass sie über die Grenzen der bewohnten Welt hinaus einen Feldzug unternehmen sollten“ (Cass. Dio 60, 19, 2).
Caligulas Pläne in Germanien und Britannien verweisen deutlich auf seine außenpolitischen Ambitionen, die zum einen in der Tradition seines Vaters Germanicus standen, zum anderen aber auch in der großen Linie des Augustus. Die Versuche, fehlenden politischen Rückhalt durch militärische Erfolge zu kompensieren, wären durchaus dazu angetan gewesen, seine Stellung nach den Verschwörungen zu stabilisieren, führten allerdings aufgrund ihrer relativen Erfolglosigkeit nicht zum gewünschten Ergebnis.
Ähnlich ambivalent fällt die Analyse seiner Politik in anderen Provinzen aus. Einerseits betrieb Caligula – im Gegensatz zur Politik seines Vorgängers Tiberius – im Osten des Reiches die Rückgabe von römischer Verwaltung unterstellten Territorien an Klientelfürsten. Dies betraf das Königreich von Kommagene und Teile Judäas, Thrakien und Kilikien. In Nordafrika dagegen wurde der mit Caligula weitläufig verwandte mauretanische Herrscher abgesetzt und hingerichtet. Sein Königreich ging später in den Provinzen Mauretania Caesariensis und Mauretania Tingitana auf.
Rückkehr nach Italien
Die Rückkehr des Prinzeps nach Italien im Jahr 40 n. Chr. schmücken die Quellen durch die Schilderung zahlreicher Ereignisse aus, die den Wahn Caligulas belegen sollen, tatsächlich aber wohl – wenn sie denn mehr sind als literarische Bearbeitungen des Tyrannentopos – als Manifestation des neuen Herrschaftsverständnisses gewertet werden müssen. So ließ Caligula über den Golf von Baiae eine Schiffsbrücke errichten, über die er angekleidet mit dem Brustpanzer Alexanders des Großen ritt. Die angeblich durch die fehlenden Schiffe eintretende Versorgungskrise in Rom darf getrost als literarischer Topos verstanden werden, der für alle schlechten Kaiser belegt ist. Glaubwürdigkeit gewinnt dieser Bericht des Cassius Dio erst, wenn man ihn als weiteres Indiz für die Symbolsprache der neuen monarchischen Konzeption von Herrschaft im hellenistischen Stil deutet. Die Schiffsbrücke, die den Sieg des Britannienbezwingers über den Oceanus symbolisierte, müsste dann wohl als Imitation der Brücke über den Hellespont verstanden werden, die der persische Großkönig Xerxes 480 v. Chr. schlagen ließ. Der Brustpanzer Alexanders des Großen wies wohl noch deutlicher auf die hellenistische Tradition hin.
Caligula fordert göttliche Verehrung ein
Caligula hatte zudem die Absicht, diese monarchische Herrschaft durch eine göttliche Legitimation abzusichern. Dabei gab er das von seinen Vorgängern praktizierte Konzept des Verzichts auf göttliche Verehrung zu Lebzeiten in Rom auf und beanspruchte eigene Göttlichkeit im gesamten Reich. Als Ausweis dieser Idee eigener Göttlichkeit darf der Bericht über den Brückenbau vom Palatin auf das Kapitol über die Senke des Forum hinweg angesehen werden. Der göttliche Kaiser wollte damit seine Nähe zu Jupiter demonstrieren.
Caligula und die Juden
Eine Abwendung von bisheriger Herrschaftspraxis stellte in diesem Zusammenhang auch die Einforderung göttlicher Verehrung durch die im Reich lebenden Juden dar. Eine jüdische Gesandtschaft, die im Jahr 40 n. Chr. seine Hilfe gegen antisemitische Ausschreitungen in Alexandria erbat, wies er mit harschen Worten zurück.
Quelle
Der jüdische Theologe Philon von Alexandria berichtet über seine Begegnung mit Caligula (Philo, Leg. 353; 357)
Denn mit einem höhnischen Lächeln bemerkte er [Caligula]: „Ihr seid also die Gottesverächter, die nicht glauben, ich sei ein Gott, ich, der ich schon bei allen anderen anerkannt bin, sondern ihr glaubt an den für Euch unbenennbaren Gott!“ […] „Ihr habt geopfert, aber einem anderen Gott, wenn es auch für meine Person gewesen ist. Was hilft das, ihr habt ja nicht mir geopfert.“ (Übersetzung L. Cohn)
In dieser kurzen Episode spiegelt sich ein theologischer Grundkonflikt zwischen der polytheistisch angelegten griechisch-römischen Religion und dem monotheistischen jüdischen Glauben. In den Augen eines Juden waren diese Worte des Kaisers Caligula ein Verstoß gegen das erste Gebot, das allein Jahwe als Gott duldete. In den Augen des Kaisers aber musste die jüdische Verweigerung, ihm als Gott Opfer darzubringen, ebenfalls problematisch erscheinen. Zwar hatten die Vorgänger des Caligula gegenüber den Juden eine erstaunliche Zurückhaltung an den Tag gelegt und auf die Aufstellung von Kaiserbildern und das Einfordern von Opfern verzichtet, dies war aber mehr ein politisches Entgegenkommen als ein religiöses Zugeständnis gewesen. In weiten Teilen des römischen Reiches, vor allem im griechischsprachigen Osten, wurde der Kaiser bereits zu Lebzeiten mit Kulten verehrt, ihm wurden Tempel geweiht und Opfer dargebracht, er wurde in Gebeten angerufen und als Gott angesehen. Nach seinem Tod verehrte man ihn im gesamten Reich als Divus.
Göttliche Verehrung Caligulas in Assos in Kleinasien (Syll. 3797 = IGRR IV 251)
Da der Herrschaftsantritt des Gaius Caesar Germanicus Augustus, der von allen Menschen mit Gebet erwartet wurde, gemeldet wird, […] und da jede Stadt und jedes Volk sich beeilt, das Antlitz des Gottes zu schauen, da gleichsam die seligste Zeit für die Menschheit bevorsteht, erging folgender Beschluss […]. (Übersetzung H. Freis)
Was Caligula einforderte, entsprach also durchaus den Gepflogenheiten in weiten Teilen des Reiches – aber eben nicht in Rom. Dementsprechend verschärften alle diese Maßnahmen Caligulas – selbst wenn sie rational und nicht durch einen vermeintlichen Wahnsinn des Kaisers gedeutet werden können – das innenpolitische Klima.
Die Konflikte zwischen Kaiser und Aristokratie verschärfen sich
Im August 40 n. Chr. kehrte Caligula nach Rom zurück. Das politische Klima scheint höchst angespannt gewesen zu sein, Prozesse und Denunziationen stellten eher die Regel als die Ausnahme dar. Offensichtlich förderte der Kaiser die inneraristokratischen Konflikte geradezu, um die Verkommenheit des Standes sichtbar zu machen. Es hat den Anschein, als habe er nicht nur eine politische, sondern auch eine gesellschaftliche Umstrukturierung geplant.Caligula unterminierte systematisch das alte Ständesystem, indem er beispielsweise die Ehrenplätze für Senatoren und Ritter im Theater abschaffen ließ.Auch andere Maßnahmen können auf die Beseitigung traditioneller aristokratischer Strukturen innerhalb der römischen Gesellschaft hinweisen und lassen vermuten, dass sich hinter Caligulas Verhalten ein grundsätzlicher Konflikt zwischen Aristokratie und Monarchie verbarg, der hier ausgetragen wurde.
Breite Verschwörung gegen Caligula und Tod des Herrschers
Ende des Jahres 40 n. Chr. lassen sich dann erneut Ansätze einer Verschwörung gegen den Herrscher erkennen, die nun allerdings eine deutlich breitere Resonanz erfuhr. Ausgangspunkt der Verschwörung waren senatorische Kreise, angeführt von einflussreichen Senatoren wie M. Vinicius, Valerius Asiaticus oder L. Annius Vinicianus. Einige dieser Männer scheinen selbst Ansprüche auf die Herrschaft erhoben zu haben, wobei M. Vinicius, der Schwager des Kaisers, sein Anrecht offenbar mit der Tatsache begründete, dass er mit Caligulas Schwester Livilla, einer Urenkelin des Augustus, verheiratet war. Eingebunden waren aber wohl auch Teile der kaiserlichen Freigelassenen und vor allem der Prätorianer. Diese letzteren beiden Gruppen, zumindest einzelne einflussreiche Personen unter ihnen, die bislang stets loyal zu Caligula gestanden hatten, wandten sich Ende des Jahres 40 n. Chr. von ihm ab. Diese Tatsache lässt den Schluss zu, man habe der neuen Ausrichtung von Caligulas Herrschaft in jenen Kreisen, die unmittelbar von der Gunst der Herrscherperson abhingen, keine Erfolgsaussichten eingeräumt und sich daher entschlossen, rechtzeitig zu handeln. Allerdings zählten weder die kaiserlichen Freigelassenen noch die Prätorianer zu jenen Gruppen, die sich Hoffnung auf eine eigene Thronbesteigung machen konnten. Wandten sie sich also gegen Caligula, taten sie dies sicherlich nicht ohne Absicherung bei einer anderen Person, die für ihre Weiterverwendung am Hof Sorge tragen konnte.
Am 24. Januar 41 n. Chr. wurde Caligula im Palast von Mitgliedern der Prätorianergarde getötet, auch seine Frau und seine Tochter fielen der Verschwörung zum Opfer. Eine Beteiligung oder zumindest Mitwisserschaft des Nachfolgers Claudius darf angenommen werden. Die Mär vom seltsamen Onkel Claudius, den die Prätorianer angeblich im Palast hinter einem Vorhang versteckt fanden, als „Bruder des Germanicus“ begrüßten und schließlich als Kaiser akklamierten, scheint wenig glaubhaft.
Die Konstruktion des Caesarenwahns
Das Bild, das die antiken literarischen Quellen von der Persönlichkeit Caligulas zeichnen, ist einheitlich negativ: Er sei ein wahres Monster gewesen, der eher als ein Tier denn als ein Mensch beschrieben werden müsse. Mit zunehmendem Abstand erhält diese negative Konnotation auch eine krankhafte psychologische Komponente, Caligula wird zum Kaiser, der vom Caesarenwahn gepackt gewesen sei. Diese Darstellung des Herrschers setzte unmittelbar nach seinem Tode mit den Schriften des Philosophen Seneca ein. Die politische Rolle Senecas in dieser Zeit ist dabei allerdings alles andere als neutral und offenbart eine bisweilen deutliche Differenz zwischen den Werten, die er in seinen philosophischen Schriften vertrat, und seinem öffentlich-politischen Verhalten. Seneca suchte bewusst die Nähe der Mächtigen und profitierte von dieser Nähe vor allem finanziell. Sein Privatvermögen soll bei seinem Tod mehrere hundert Millionen Sesterzen betragen haben, von denen zumindest ein Teil auf die skrupellose finanzielle Ausbeutung römischer Provinzen zurückging. Seneca geriet unter Caligula in den Strudel um die politischen Affären der Kaiserschwestern Livilla und Agrippina Minor, wofür er sich nach Caligulas Tod mit hasserfüllten Kommentaren und verzerrenden Darstellungen rächte. Seneca steht mit diesem Verhalten stellvertretend für einen großen Teil der römischen Aristokratie. Das politische und gesellschaftliche Klima der Zeit förderte eine Elite, die opportunistisch agierte, sich zum Teil maßlos persönlich bereicherte und denunziatorisch gegen die Standesgenossen vorging, wenn es dem eigenen Weiterkommen diente.
Topische Herrschercharaktere
Literarische Topoi bei der Darstellung monarchischer Herrschaft taten ein Übriges, das Bild des dritten Prinzeps der julisch-claudischen Dynastie zu verzerren. Der als Tyrann zu entlarvende Herrscher zeigt dabei bestimmte Verhaltensmuster, die von der Norm abweichen und in den Texten in Variation durchdekliniert werden: Er umgibt sich mit Personen, die nicht standesgemäß sind, er ist genusssüchtig, verschwenderisch und grausam. Insbesondere seine ins Extreme gesteigerte Freude an Spielen und Theater sowie sein deviantes sexuelles Verhalten offenbaren seinen schlechten Charakter. Nicht selten ist dieser Charakter seit frühester Kindheit oder bereits im familiären Erbe angelegt. Eine Persönlichkeitsentwicklung gesteht die antike Autorenschaft keinem ihrer Protagonisten zu. Der Caligula der Quellen ist also ein Kunstprodukt, das mit der realen Persönlichkeit kaum noch Gemeinsamkeiten aufweist.
Ludwig Quidde und der Caesarenwahn
Damit bot sich diese Kunstfigur auch der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts als Projektionsfläche an, um Kritik an der Monarchie und dem Monarchen zu üben. Der Mediävist Ludwig Quidde veröffentlichte 1894 eine bis zum heutigen Tag das Bild Caligulas prägende Biographie mit dem bezeichnenden Untertitel „Eine Studie über den römischen Caesarenwahn“. Dabei ging es ihm nur am Rande um die Person des römischen Prinzeps und schon gar nicht um eine kritische Reflexion der Quellen, sondern er suchte lediglich eine historische Vorlage, um seine scharfe Kritik am jungen Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) abzubilden. Das Buch bedeutete das Ende der Karriere Quiddes in der Geschichtswissenschaft des deutschen Kaiserreiches und den Beginn seines Wirkens in der Friedensbewegung, das ihm 1927 den Friedensnobelpreis eintrug.
Caligulas kurze Regentschaft offenbart trotz ihrer problematischen Quellenlage tiefe Einblicke in die Strukturen und Prozesse des frühen Prinzipats.Viel stärker noch als bei Tiberius legte Caligulas Herrschaft offen, welcher Anstrengungen es bedurfte, das Herrschaftssystem des Prinzipats aufrechtzuhalten, und wie wichtig die Persönlichkeit des Kaisers für eine funktionierende Balance zwischen den herrschaftsrelevanten Gruppen war. Daneben zeigt aber gerade das persönliche Scheitern des Prinzeps Caligula die Stabilität dieser Herrschaftsform auf der Ebene des Reiches.
Auf einen Blick
Mit Caligula, dem Sohn des Germanicus und der älteren Agrippina, gelangte ein direkter Nachfahre des Augustus auf den Thron, der diese familiäre Legitimation stark betonte und sich von seinem Vorgänger Tiberius deutlich distanzierte. Nach einem in den Quellen positiv dargestellten Beginn seiner Regierungszeit kam es durch eine lebensgefährliche Erkrankung des Prinzeps noch im Jahr 37 n. Chr. zu einer ersten Krise der Herrschaft. Jene Unterstützergruppen, die ihm zur Macht verholfen hatten, wandten sich von ihm ab. In der Folge kündigte Caligula den Kompromiss mit den traditionell herrschaftsrelevanten Gruppen Senat und Militär auf und agierte in der Tradition hellenistischer Monarchen. Fehlende Zustimmung wurde durch die Überhöhung der eigenen Person als Gott, eine Entaristokratisierung seines Umfeldes und Repression kompensiert. Versuche, die Basis seiner Legitimation durch siegreiche Feldzüge in Germanien und Britannien zu erweitern, schlugen fehl. Immer wieder sah er sich Verschwörungen gegenüber. Sein Sturz scheint durch ein Zusammenwirken verschiedener Gruppen wie Senatoren, Militärs und Mitglieder der eigenen Familie zustande gekommen zu sein. Alle Informationen über diesen Herrscher werden allerdings durch die Verzerrung seiner Person in den Quellen überschattet.
Barrett, A.A.: Caligula. The Abuse of Power, London, New York 2015. Zweite Auflage der 1989 erstmals unter dem Titel „Caligula. The Corruption of Power“ erschienenen Biographie. Im Gegensatz zu Winterlings rationalisiertem Caligula ist derjenige Barretts – trotz aller Kritik an den Quellen – zur Herrschaft persönlich schlicht nicht befähigt.
Boschung, D.: Die Bildnisse des Caligula, Berlin 1989. Typologische Untersuchung der Herrscherbildnisse, sehr gut in Zusammenschau mit jenen des Augustus (Boschung 1993) und des Tiberius (Hertel 2013).
Quidde, L.: Caligula. Eine Studie über römischen Cäsarenwahn, Leipzig 1894. In mindestens 30 Auflagen erschienene Studie über Wilhelm II., bewusst unzureichend kaschiert als Abhandlung über Caligula.
Ronning, C.: Zwischen ratio und Wahn: Caligula, Claudius und Nero in der altertumswissenschaftlichen Forschung, in: Zwischen Strukturgeschichte und Biographie. Probleme und Perspektiven einer neuen Römischen Kaisergeschichte, hrsg. v. A. Winterling, München 2011, S. 253–276. Untersuchung moderner Biographien zu den genannten Kaisern und Erörterung der Frage nach dem wissenschaftlichen Sinn des biographischen Zugangs.
Winterling, A.: Caligula. Eine Biographie, München 2003 (ND 2012). Versuch, in radikaler Weise mit den Zerrbildern der Quellen aufzuräumen. Winterling beschreibt einen Caligula, der den wahren Charakter der Regierungsform Prinzipat als Lüge und Heuchelei entlarvt, ihn konsequent zu Ende denkt und dabei fast schon modern und rational anmutet.
Witschel, C.: ‚Verrückte Kaiser‘? Zur Selbststilisierung und Außenwahrnehmung nonkonformer Herrscherfiguren in der römischen Kaiserzeit, in: Einblicke in die Antike. Orte – Praktiken – Strukturen, hrsg. v. C. Ronning, München 2006, S. 87–129. Caligulas Scheitern wird im Vergleich mit anderen negativen Kaiserfiguren als Folge einer Nichterfüllung von Erwartungshaltungen und Überbetonung des östlichen Gott-Kaisertums interpretiert.
Yavetz, Z.: Caligula, Imperial Madness and Modern Historiography, Klio 78 (1996), S. 105–129. Bewusstes Abwenden von der Frage nach der Persönlichkeit des Caligula und Hinwendung zur Frage nach dem gesellschaftlichen Umfeld, insbesondere dem Senat, der diesen Herrscher duldete.