Überblick
Die Herrschaft des Claudius gilt als eine jener Phasen der julisch-claudischen Dynastie, die zur Stabilisierung des Prinzipatssystems und zur Prosperität des Reiches beitrugen. Unter schwierigen Umständen auf den Thron gehoben, gelang es Claudius, durch weitsichtige politische, ökonomische, soziale und rechtliche Maßnahmen, eigene Akzente mit langfristigen Konsequenzen zu setzen. Stärker noch als bei anderen Kaisern aus dieser Familie muss die Biographie des Claudius Eingang in das Thema finden, da sie erstens einen gänzlich unerwarteten Verlauf nahm und niemals in der Rolle des Prinzeps enden sollte, zweitens aber vor allem den Blick der Quellen auf Claudius dominiert. Claudius’ physisches Handicap diente den antiken Autoren dazu, seine Herrschaft als passiv und ineffektiv abzuqualifizieren und ihn als willfähriges Instrument von Frauen und Freigelassenen darzustellen. Diesem Bild hat die moderne Forschung vor allem anhand dokumentarischer Quellen, aber auch durch neuere Beurteilungen von Machtstrukturen am Hof eine andere Perspektive entgegenzusetzen.
Zeittafel | |
1.8.10 v. Chr. | Geburt in Lugdunum (Lyon) in Gallien |
1.7.–12.9.37 n. Chr. | consul suffectus |
24./25.1.41 n. Chr. | Akklamation durch die Prätorianer, Anerkennung durch den Senat |
43 n. Chr. | Triumph über Britannien |
47 n. Chr. | ludi saeculares |
47/48 n. Chr. | Censur |
48 n. Chr. | Sturz der Messalina |
49 n. Chr. | Heirat mit Agrippina der Jüngeren |
25.2.50 n. Chr. | Adoption Neros |
13.10.54 n. Chr. | Tod des Claudius |
Der Kaiserbiograph Sueton vermittelt dem Leser seines Werkes den Eindruck, Claudius’ Herrschaftsantritt sei ein Unfall der Geschichte gewesen: „[…] die Herrschaft ergriff Claudius durch einen ganz seltsamen Zufall.“ (Suet.Claud. 10, 1) Diese angeblich zufällige und ungeplante Thronerhebung bildet bei dem Autor des 2. Jahrhunderts n. Chr. den logischen Beginn eines überwiegend desaströsen Abschnitts des Prinzipats. Suetons Claudius erweist sich als unfähig, das eigene Haus in Ordnung zu halten, wie sollte er das Reich als guter Prinzeps regieren können? Diese Sichtweise auf Claudius hat ihren Ursprung wiederum in den Schilderungen Senecas und anderer uns nicht mehr zugänglicher Zeitgenossen, die unmittelbar nach dem Tod dieses Kaisers damit begannen, seine Herrschaft zu verunglimpfen, und jede positive Seite negierten. Dies taten sie, indem sie Claudius auf seine physischen und psychischen Schwächen reduzierten. War Caligula ein kranker Geist gewesen, so wurde Claudius zum schwachen Charakter in einem deformierten Körper.
Abb. 10 Marmorbüste von Kaiser Claudius, zwischen 37 und 54 n. Chr. Altes Museum, Berlin.
Tatsächlich gibt es gute Gründe anzunehmen, dass Claudius’ Thronerhebung nicht ganz so zufällig war, wie es die Quellen darstellen. Vor allem die recht ausführliche Schilderung der Situation in den Tagen nach der Ermordung Caligulas durch den jüdischen Autor Flavius Josephus bietet einige Ansatzpunkte dafür, seine Rolle anders zu bewerten.
Zwischen republikanischer Fiktion und Realitäten des Prinzipats
Am 24. Januar 41 n. Chr. wurde Caligula von zwei Offizieren der Prätorianergarde in den Katakomben des Palastes ermordet. Sein Onkel Claudius war nach der Nachricht vom Mord geflüchtet und hatte sich im Palast hinter einem Vorhang versteckt, wurde aber von einem Prätorianer gefunden und als „Bruder des Germanicus“ begrüßt. Die Prätorianer brachten ihn in ihr Lager, wo er als imperator akklamiert wurde und sofort den Beinamen Caesar annahm – damit war für die Öffentlichkeit bereits deutlich sichtbar, dass Claudius zwei zentrale Elemente der Prinzipatsherrschaft unter seine Kontrolle gebracht hatte: die Prätorianer und die domus Caesaris.
In der Zwischenzeit war der Senat zusammengetreten und diskutierte über die Gestaltung der zukünftigen Herrschaft: Einige plädierten für eine Wiederherstellung der libera res publica, andere wollten einen Senatskaiser aus den eigenen Reihen an der Spitze des Staates sehen. Keine der beiden Optionen stand dabei jemals tatsächlich zur Disposition – vermutlich wussten das auch die Wortführer. Vor allem die Debatte um die Rückkehr zur freien Republik darf wohl als Manöver der Claudius-Fraktion verstanden werden, um einen Prinzeps aus den Reihen der Verschwörer zu verhindern. Die Fakten wurden nicht im Senat geschaffen, sondern in der Kaserne der Prätorianer. Claudius hatte sich die Macht durch ein Geldgeschenk von mindestens 15.000 Sesterzen pro Mann bereits erkauft. Eine bald nach dem Januar 41 n. Chr. geprägte erste Münzserie des Claudius mit der Darstellung des Prinzeps im Handschlag mit einem Mitglied der Prätorianergarde und der Umschrift PRAETOR(ianis) RECEPT(is) („nach Aufnahme der Prätorianer in das Treuebündnis“) verdeutlicht die enge Bindung des neuen Herrschers an die Prätorianergarde. Dem Senat blieb letztlich keine Wahl, als seine Herrschaft durch die Übertragung der üblichen Kompetenzen und Titel anzuerkennen, lediglich den Titel pater patriae akzeptierte Claudius mit einiger Verzögerung erst im Januar 42 n. Chr.
Abb. 11 Handschlag des Claudius mit einem Soldaten der Prätorianergarde und Umschrift PRAETOR RECEPT; RIC Claudius 11
Claudius’ Handicap
Claudius war wie kein Kaiser vor ihm darauf angewiesen, seine Herrschaft breit zu legitimieren. Ihm fehlte im Jahr 41 n. Chr. nahezu alles, was einen adäquaten Nachfolger im Prinzipat bis dahin ausgemacht hatte. Claudius war kein Mitglied der julischen Familie, sondern ein Claudier und somit abgeschnitten von der Legitimation über die Augustus-Linie. Er war daneben bis zum Jahr 41 n. Chr. – mit einer kurzen Ausnahme unter Caligula – ohne politisches Amt und ohne öffentliche Rolle in der kaiserlichen Familie gewesen. Immerhin war der im Jahr 10 v. Chr. in Lyon geborene Claudius ein Sohn des älteren Drusus und der Antonia Minor und damit ein jüngerer Bruder des Germanicus. Seine Großeltern waren M. Antonius und Octavia, die Schwester des Augustus. Dennoch war er niemals vor dem Jahr 41 n. Chr. auch nur erwähnt worden, wenn es um die Frage einer Nachfolge ging, was seine Ursache in einer körperlichen Beeinträchtigung des Claudius hatte. Sueton berichtet von seiner Kindheit, seiner Krankheit und der Reaktion seiner Familie.
Sueton über die Krankheit des Claudius und die Folgen (Suet. Claud. 2)
[…] als Knabe und junger Mann wurde er fast ständig von allen möglichen und hartnäckigen Krankheiten heimgesucht, so sehr, dass er geistig und auch körperlich zurückblieb und man ihn nicht einmal, als er älter war, für tauglich hielt, irgendeine öffentliche oder private Aufgabe zu übernehmen. Lange noch, auch nachdem er bereits mündig geworden war, konnte er nicht selbstständig Entscheidungen treffen und stand unter der Aufsicht eines Erziehers. Der war ein Barbar und ein ehemaliger Aufseher über die Lasttierknechte; solch einen Mann hatte man ihm mit Absicht an die Seite gestellt, damit er ihn wegen jeder Kleinigkeit möglichst grausam zurechtweise. Es gibt einen Brief, in dem er sich darüber beklagt. Seine schlechte gesundheitliche Verfassung war auch der Grund dafür, dass er bei einem Gladiatorenkampf, den er zusammen mit seinem Bruder zum Gedenken an seinen Vater veranstaltete, in einem Kapuzenmantel den Vorsitz führte, das hatte es noch nie gegeben. Auch am Tag, an dem er volljährig wurde, trug man ihn um Mitternacht in einer Sänfte ohne feierliche Zeremonie auf das Kapitol. (Übersetzung H. Martinet)
Die Auswirkungen der Krankheit waren gravierend: Stottern, Hinken, zuckende Bewegungen von Kopf und Gliedmaßen, fehlende Kontrolle über den Körper. Die Gründe dafür sind unbekannt, manche Historiker gehen von einer Frühgeburt aus, andere sprechen von einer Hirnhautentzündung in der frühen Jugend. Neueste medizinische Studien gehen aufgrund der beschriebenen Symptome von einer Krankheit aus, die heute als Dystonie bezeichnet wird.
Stichwort
Dystonie als mögliche Erklärung der körperlichen Fehlfunktionen des Claudius
Unter Dystonie versteht man eine Fehlfunktion die Kontrolle von Bewegungen betreffend, die vom Gehirn ausgeht und unbeeinflussbar ist. Die Folgen sind unwillkürlich auftretende Fehlhaltungen oder Fehlbewegungen, die sehr schmerzhaft sein können, z.B. Fehlhaltung des Kopfes, häufiges unregelmäßiges Blinzeln, gepresstes oder verhauchtes Sprechen, eine verkrampfte Hand beim Schreiben. Die Ursache von Dystonien liegt in einer Störung der Regulation der unbewussten Motorik im Bereich des Gehirns. (Quelle: Deutsche Dystonie Gesellschaft e.V.; www.dystonie.de/krankheitsbilder.html)
Bei Claudius trat diese Krankheit bereits früh auf und scheint sich auch auf seine Persönlichkeit ausgewirkt zu haben, zumindest beschwerte sich schon Augustus in Briefen über seinen sprunghaften Charakter. Er wurde von der Kaiserfamilie als Bedrohung ihres öffentlichen Images angesehen. Augustus schrieb in einem Brief an Livia, man dürfe der Öffentlichkeit nicht die Chance geben, sich über Claudius lustig zu machen, und damit die Kaiserfamilie der Lächerlichkeit preisgeben. Claudius wurde aus diesem Grund eine offizielle Rolle verwehrt, und er war bis zum 1. Juli 37 n. Chr. lediglich dem Ritterstand zugehörig. Sein wenige Wochen andauerndes Suffektkonsulat unter Caligula blieb Episode. Sein Handicap scheint allerdings keinen Einfluss auf seine kognitiven Fähigkeiten gehabt zu haben, denn Claudius betrieb intensive wissenschaftliche Studien, die unter anderem in einem umfangreichen Werk zur Geschichte der Etrusker ihren Niederschlag fanden.
Trotz seiner Zurückstellung durch die Familie bei der Besetzung öffentlicher Ämter oder der Nachfolgefrage wurde er für dynastische Ehen eingesetzt und insgesamt dreimal verheiratet. Seit dem Jahr 39 n. Chr. war Valeria Messalina seine Gemahlin, eine Frau aus der höchsten patrizischen Aristokratie, die – im Gegensatz zu Claudius – auf eine Verwandtschaft mit Augustus verweisen konnte. Aus dieser Ehe war bereits eine Tochter, Octavia, hervorgegangen; kurz nach dem Herrschaftsantritt des Claudius brachte Messalina einen Sohn zur Welt, den späteren Britannicus. Diese Kinder, die über ihre Mutter mit dem ersten Prinzeps Augustus verwandt waren, könnten von Caligula durchaus als Bedrohung der eigenen Familiennachfolge angesehen worden sein.
Verschwörungen
Claudius war vom Tag seines Herrschaftsantritts an auf der Suche nach Machtabsicherung und breiter Legitimation. Dass seine Macht alles andere als sicher war, zeigte sich bereits in den ersten Monaten des Jahres 41 n. Chr. Allein vier Verschwörungen wurden aufgedeckt und niedergeschlagen, darunter ein Aufstand der Legionen in Dalmatien, der angeführt wurde von Lucius Arruntius Camillus Scribonianus, Konsular, legatus Augusti pro praetore in der Provinz Dalmatia und einer jener einflussreichen Legionskommandanten, die vom Putsch gegen Caligula überrascht worden waren und nur zähneknirschend die Einsetzung des Claudius akzeptiert hatten. Für diese erfahrenen Militärs, zu denen sicherlich auch der Kommandeur der Rheintruppen, Servius Sulpicius Galba, zählte, musste die Thronbesteigung eines politisch und militärisch unerfahrenen Außenseiters ein Affront sein. Aber auch aus der eigenen Familie und aus den Reihen des Senats sah sich Claudius in den Jahren 41 und 42 n. Chr. Putschversuchen gegenüber. Appius Iunius Silanus, ein Mitglied der angesehenen patrizischen gens Iunia, ehemaliger Konsul unter Tiberius, früherer Statthalter der Provinz Hispania Tarraconensis und Ehemann von Messalinas Mutter, Domitia Lepida – selbst eine Großnichte des Augustus –, plante den Umsturz und die Übernahme der kaiserlichen Position, seine Pläne wurden aber verraten und er wurde von Claudius in einem nichtöffentlichen Prozess verurteilt und hingerichtet.
Dynastische Legitimation
Claudius favorisierte vor allem seine familiären Traditionen und das Vorbild des Augustus als Legitimationsbasis. Seine Eltern, Drusus der Ältere und Antonia Minor, aber auch sein Bruder Germanicus wurden durch Spiele an ihren Geburtstagen geehrt, seine 29 n. Chr. verstorbene Großmutter Livia am 17. Januar 42 n. Chr. als zweite Frau nach Drusilla zur Diva Augusta erhoben und unter die Staatsgötter aufgenommen. Ungewöhnlich und vielleicht ein Zeichen an die republikanisch gesinnten Senatoren war die Rehabilitation seines Großvaters Marcus Antonius. Insbesondere in der Münzprägung standen die augusteischen Personifikationen im Zentrum: libertas Augusta, pax Augusta, constantia Augusta. Als Versuch, sich von der Herrschaft des Caligula zu distanzieren, müssen sicherlich auch die Rückholungen verbannter Familienmitglieder und Senatoren, darunter die Caligula-Schwestern Agrippina und Julia Livilla, verstanden werden.
Abgrenzung von Caligula
Claudius grenzte sich deutlich von den Selbstvergöttlichungstendenzen des Caligula ab. Ein Brief an die Alexandriner, der als Antwort auf eine Gesandtschaft der ägyptischen Stadt anlässlich seiner Thronbesteigung verfasst wurde und in Form eines Papyrus erhalten blieb, erweist sich als aufschlussreiches Dokument seiner persönlichen Haltung.
Quelle
Brief des Claudius an die Alexandriner (10.11.41 n. Chr.) (P. Lond. 1912)
Deshalb nehme ich mit Freuden die mir von euch erwiesenen Ehren an, obwohl ich solchen Dingen nicht sehr zugänglich bin. Zuerst erlaube ich euch, meinen Geburtstag als dies Augustus zu feiern, wie ihr es vorgeschlagen habt, und ich stimme der Errichtung von Statuen meiner Person und meiner Familie an ihren verschiedenen Plätzen zu; denn ich sehe, dass ihr sehr gerne auf diese Weise Gedächtnisstätten eurer Verehrung für mein Haus erbauen wollt. Von den beiden goldenen Statuen soll die eine, die die Pax Augusta Claudiana darstellt, wie mein sehr geschätzter Barbillus vorschlug und mich drängte, als ich es aus Furcht, sie könnte prahlerisch erscheinen, abschlagen wollte, der Roma geweiht werden, und die andere soll, wie ihr es wünscht, an Namenstagen bei euch in der Prozession getragen werden; und mit ihr soll ein Thron getragen werden, der mit Schmuck nach eurem Wunsch versehen sei. Vielleicht wäre es töricht, gleichzeitig solche Ehrungen anzunehmen, aber die Einrichtung eines claudianischen Stammes zu untersagen und die Anlage von Hainen nach ägyptischer Art zu verbieten; weshalb ich euch auch diese Bitte erfülle, und wenn ihr wollt, mögt ihr auch die von Vitrasius Pollio, meinem Prokurator, geschenkten Reiterstatuen aufstellen. Was die Errichtung der Statuen mit Viergespannen betrifft, die ihr am Eingang des Landes für mich aufzustellen wünscht, erlaube ich, dass eine bei Taposiris, der lybischen Stadt dieses Namens, eine andere bei Pharus bei Alexandria und eine dritte beim ägyptischen Pelusium aufgestellt werde; aber ich billige nicht die Ernennung eines Oberpriesters für mich und den Bau von Tempeln; denn ich wünsche nicht bei meinen Zeitgenossen Anstoß zu erregen, und meine Ansicht ist, dass Heiligtümer und ähnliches allein ein Vorrecht der Götter sind, das ihnen zu allen Zeiten gebührt. (Übersetzung C.K. Barrett)
Claudius vermied also selbst in der Provinz alle Ehrungen, die an jene nun als Hybris definierte Vergöttlichung des Caligula erinnerten.
Ägypten
Aber dieser Brief muss auch als ein erstes Zeugnis des politischen Programms des Claudius gedeutet werden. Die Ablehnung der höchsten Ehren von Oberpriester und Tempel in Alexandria ist eine Fortschreibung des Sonderstatus’ dieser Provinz, der seit Augustus zu den Herrschaftsprinzipien gehörte: Das Verbot eines provinzialen Kultes ist gleichzusetzen mit dem Verbot einer repräsentativen Vertreterversammlung der provinzialen Elite, eines Provinziallandtages. Der im Ton so wohlwollend daherkommende Brief des Claudius ist eine Zementierung der politischen Entrechtung der Provinz Ägypten. Nach den Vorstellungen des neuen Prinzeps Claudius sollte Ägypten auch in Zukunft lediglich einen Zweck erfüllen, nämlich durch seine Reichtümer die Macht der herrschenden Familie zu sichern.
Stichwort
Provinziallandtag (griech. koinon/lat. concilium)
Versammlung von Vertretern der Städte und Gemeinden, der Stämme und Ethnien, also der Konstituenten einer Provinz, die sich einmal jährlich trafen, um Opfer und Spiele für den Kaiser zu zelebrieren. Neben diesen religiösen Aufgaben besaßen sie aber auch politische Rechte (Repetundenklagen), trugen zur Herausbildung einer provinzialen Identität bei und hatten ein oft unterschätztes ökonomisches Potential.
In der Regierungszeit des Claudius begann erstmals seit Augustus wieder ein großes kaiserliches Bauprogramm. Bereits in den antiken Quellen wird dabei die Zweckgerichtetheit, aber auch die Prestigehaftigkeit der Bauten betont.
Quelle
Sueton über die Bautätigkeit des Claudius (Suet. Claud. 20, 1)
Er hat eher große und zweckdienliche als viele Bauten errichten lassen; aber wohl am bedeutendsten waren die folgenden: der Aquädukt, den Caligula begonnen hatte, ferner der Abflusskanal des Fuciner Sees und der Hafen von Ostia; er ließ diese bauen, obwohl er wusste, dass der eine Bau von Augustus den Marsern, die ihm deswegen mit ihren Bitten ständig in den Ohren gelegen hatten, abgelehnt worden war und der andere Bau vom göttlichen Iulius mehr als einmal geplant und schließlich wegen Schwierigkeiten aufgegeben worden war. (Übersetzung H. Martinet)
Fuciner See
Kaiser Claudius ließ ab 41 n. Chr. unter enormen Kosten einen Abfluss für den Fuciner See, das größte Binnengewässer Mittelitaliens in der Antike, bauen, durch den das fruchtbare Land in Ufernähe für den Ackerbau erschlossen und gleichzeitig der Wasserspiegel des Sees reguliert werden sollte. Nach antiken Berichten trat der See regelmäßig während der Schneeschmelze im Frühjahr über die Ufer und überflutete weite Gebiete des flachen Umlandes. Mit diesem Projekt, dessen Realisierung bereits Caesar anvisiert haben soll, bot sich für Claudius die Chance, die Abhängigkeit Italiens und vor allem Roms von Getreide aus den afrikanischen Provinzen und aus Ägypten zu minimieren.
Quelle
Die Regulierung des Fuciner Sees (Suet. Claud. 20, 3)
Die Arbeiten am Fuciner See nahm er in Angriff, weil er sich davon gleichermaßen materiellen Gewinn als auch Ruhm versprach, da einige Leute die Zusage machten, auf eigene Kosten das Wasser abzulassen, wenn ihnen als Gegenleistung das trockengelegte Gebiet überlassen werde. Auf eine Strecke von viereinhalb Kilometer musste teils der Berg durchstochen, teils gesprengt werden; der Kanal wurde nur mit Mühe fertiggestellt und zwar nach elf Jahren, obwohl ständig dreißigtausend Leute ohne Unterbrechung am Werke waren. (Übersetzung H. Martinet)
Die antiken Quellen geben einen Eindruck davon, welche Ingenieurleistung die Ableitung dieses Sees darstellte, aber auch welche Schwierigkeiten damit verbunden waren und welche Ressourcen verschlungen wurden. Während der ältere Plinius die technische Seite zu würdigen weiß, betten die übrigen Autoren, allen voran Tacitus und Sueton, das letztliche Scheitern dieses Projektes in das allgemeine Scheitern des Kaisers Claudius ein und lassen es in einem Akt des Misslingens bei der Einweihung des Kanals gipfeln. Tatsächlich schlug das Projekt in erster Linie wegen der enormen Kosten fehl, die durch die Nutzung des gewonnenen Landes nicht gedeckt wurden. Zum Zweiten bot ein solches Großprojekt vielfältigen Raum für Korruption und Misswirtschaft, die in den Quellen mit dem Namen des kaiserlichen Freigelassenen Narcissus verbunden werden. Er soll sich persönlich bereichert haben und legte damit für die senatorische Geschichtsschreibung einmal mehr die Schwachstelle des claudischen Regiments offen.
Die neuen Aquaedukte
Unter Claudius wurde die Zuleitung von Frischwasser in die Stadt Rom Die neuen enorm ausgebaut. Mit den Aquaedukten setzte Claudius Bauprojekte fort, die Aquaedukte Caligula bereits im Jahr 38 n. Chr. begonnen hatte. Er ließ zunächst die von Marcus Agrippa errichtete Aqua Virgo wieder in Stand setzen und vollendete mit der Aqua Claudia und dem Anio Novus zwei weitere Aquaedukte, die insgesamt eine Länge von über 90 Kilometern aufwiesen. Die Gesamtkosten für die Neubauten sollen bei 350 Millionen Sesterzen gelegen haben. Claudius reorganisierte auch die für das Management der Wasserversorgung zuständige familia aquarum, verdoppelte ihre Größe auf beinahe 500 Mann und erweiterte die administrative Spitze, indem er zusätzlich zu den senatorischen curatores aquarum einen ritterlichen procurator aquarum einsetzte.
Der Hafen von Ostia
Die Verbesserung der Versorgung Roms mit Getreide war stets ein Parameter, der den Erfolg einer Kaiserherrschaft messbar machte. So hatte sich eine der gefährlichsten politischen Situationen in der Herrschaft des Augustus im Jahr 22 v. Chr. aus einer Versorgungskrise mit ägyptischem Getreide entwickelt, und so war Caligulas Schiffsbrücke über den Golf von Baiae nicht nur als hypertrophe Geste eines despotischen Herrschers auf Kritik gestoßen, sondern sie soll auch die Getreideversorgung Roms gefährdet haben. Daher war das große Hafenbauprojekt des Claudius eine für die Absicherung der Herrschaft notwendige infrastrukturelle Maßnahme. Claudius demonstrierte damit wie kaum ein Kaiser vor ihm die Fürsorge für die römische plebs und ihre Anliegen. Ostia, das in seiner Bedeutung für die Versorgung Roms bislang hinter der am Golf von Baiae gelegenen Stadt Puteoli zurückgestanden hatte, wurde zum wichtigsten Hafen der Hauptstadt ausgebaut. Dieses Projekt war unbestritten eines der ambitioniertesten kaiserlicher Bautätigkeit im 1. nachchristlichen Jahrhundert.
Zunächst sorgte Claudius für eine Erweiterung der bisherigen Hafenkapazitäten von Ostia, um auch größeren Schiffen eine ungehinderte Zufahrt zu ermöglichen. Der alte Flusshafen von Ostia, der allmählich durch die Sedimente des Tiber verlandete und eine unsichere Wasserführung hatte, wurde durch einen neuen Hafen etwa 2 Kilometer nördlich der Tibermündung ersetzt. Das neue Hafenbecken, das entlang einer Küstenlagune entstand und so die natürlichen Gegebenheiten nutzen konnte, umfasste nach der Fertigstellung eine Grundfläche von 80 Hektar und hatte eine durchschnittliche Wassertiefe von rund 5 Metern. Dieser neue Hafen war durch einen großen Wellenbrecher von etwa 800 Metern Länge und 3 Metern Breite vom Meer getrennt und sollte so Schutz vor Stürmen bieten. Als Kopf des Wellenbrechers verwendete man ein großes Transportschiff, das aus Alexandria stammte und in der Regierungszeit des Caligula einen großen Obelisken nach Rom geliefert hatte. Es wurde mit Beton gefüllt, anschließend versenkt und bildete so eine ausreichend große Plattform, auf der ein weithin sichtbarer vierstöckiger Leuchtturm thronte, der ähnlich dem berühmten Pharos von Alexandria als Sinnbild des neuen Hafens galt und das Ansteuern der Hafeneinfahrt auch während der Dunkelheit ermöglichte.
Abb. 12 Der neue Hafen von Ostia in der Münzprägung Neros, Sesterz, Rom 54–68 n. Chr., RIC I2 178; Umschrift AVGVSTI PORTVS SC; dargestellt ist der Hafen von Ostia in der Vogelperspektive, sieben Schiffe liegen vor Anker, oben Neptun, unten der Flussgott Tiber.
Mit diesen prestigeträchtigen Großbauten gelang es Claudius, sich in der öffentlichen Meinung in die Tradition eines Caesar und Augustus zu stellen, seine Sorge für das Gemeinwohl, vor allem die plebs zu demonstrieren und nicht zuletzt ein ökonomisches Investitionsprogramm zu starten. Er ließ mit diesen Projekten aber auch einen an ihm immer wieder zu beobachtenden pragmatischen Zug erkennen. Claudius’ Zugang zur Welt war der eines Historikers, der vielleicht die längerfristigen Erfolge derartiger Großprojekte besser einzuschätzen wusste und sie ebenso erfolgreich inszenierte wie kurzfristig angelegte Massenspektakel, denen er ebenfalls viel abgewinnen konnte. Wie Claudius seine Ideen einerseits aus historischer Anschauung entwickelte, andererseits Vergangenes in die Zukunft projizierte, lässt sich unter anderem an der regulativen Baugesetzgebung aus seiner Zeit ablesen.
Baugesetzgebung des Claudius
Dazu muss man sich vor Augen halten, dass es die römischen Autoritäten traditionell vermieden, regulierend in die private Bautätigkeit einzugreifen. Seit den frühesten Zeiten der römischen Republik hatte sich im römischen Rechtsdenken eine Haltung herausgebildet, die dem Privateigentum höchste Priorität zuerkannte. Obwohl die Zustände teilweise skandalös und lebensgefährlich waren, vermied man es von staatlicher Seite, strikte Bauvorgaben zu erlassen. Erst mit Beginn der Kaiserzeit änderte sich dies in Ansätzen. Eine erste staatliche Baugesetzgebung lässt sich unter Kaiser Augustus nach einem Brand in Rom im Jahr 6 n. Chr. feststellen. Allerdings waren diese Eingriffe äußerst sparsam. Sie betrafen lediglich Neubauten und diese auch nur dann, wenn sie Anrainer öffentlicher Straßen waren.
Seit Kaiser Claudius werden neue Leitlinien sichtbar. Zwei vollständig überlieferte Senatsbeschlüsse zur Baugesetzgebung im Bereich der Privatbauten zeigen, dass die Eingriffe staatlicherseits zunahmen und man verstärkt gegen Bau- und Grundstücksspekulation vorging, die weit verbreitet war. Das Senatus consultum Hosidianum aus dem Jahr 45 n. Chr. bekämpfte ein offensichtlich weit verbreitetes Phänomen spezifisch antiker Bauspekulation. Das Gesetz verbot den Kauf von Häusern zum Zweck der Ausschlachtung wertvoller Baumaterialien, wandte sich aber auch explizit gegen Grundstücksspekulation. Bemerkenswert ist es, weil ausdrücklich hervorgehoben wird, dass es auf eine Initiative des Kaisers Claudius zurückging. Wir haben es hier mit einem Gesetz zu tun, das eine staatliche Intervention in den privaten Bausektor darstellte. Der Kaiser griff damit regulierend in ein ökonomisches Feld ein, das von den Senatoren dominiert wurde, die ihr Einkommen eben nicht nur aus dem agrarischen Sektor zogen, sondern zu großen Teilen auch aus dem Immobiliengeschäft in Rom.
Straßenbau
Zum vollständigen Bild der Bautätigkeit des Claudius gehört ebenfalls die Erwähnung seiner im gesamten Reich durch zahlreiche Meilensteine belegten Straßenbauprojekte. So ließ er beispielsweise mit der via Claudia Augusta eine Reichsstraße ausbauen, die als Verbindung zwischen Oberitalien und der in Süddeutschland gelegenen Provinz Raetien zentrale militärische und strategische Bedeutung für die Kontrolle des Voralpenraumes, aber auch die Sicherung der gesamten Rhein-Donau-Linie erlangte.
Neuorganisation der annona
Von einer Neuorganisation war auch die annona betroffen, die staatlich organisierte Getreideversorgung der ca. 200.000 Menschen umfassenden plebs frumentaria, also jener Menge an römischen Bürgern, die Anspruch auf eine Versorgung mit kostenlosem Getreide hatten. Die Sicherstellung der regelmäßigen Getreidespenden und damit auch die Abwendung von politischen Gefahren durch Hungersnöte war seit der Übernahme der cura annonae durch Augustus 22 v. Chr. zu einem Indikator der realen Beziehung zwischen plebs und Prinzeps geworden, bildet sich aber vor allem in den Quellen als Gradmesser guter Herrschaft ab. In der Sicherstellung der annona lag ein Schlüssel für die Akzeptanz, im Auftreten von Versorgungsengpässen immer auch eine Gefahr für die kaiserliche Herrschaft. Claudius wurde mit diesem Problem bereits in den ersten Tagen nach Herrschaftsantritt konfrontiert. Einige Quellen berichten, dass die Getreideversorgung der Stadt nur mehr für eine Woche gewährleistet war. Der neue Prinzeps reagierte umgehend und zahlte Prämien für jene Transportunternehmen, die die gefährliche Überfahrt von Ägypten auch in den Wintermonaten wagten. So wurde die Fürsorge für die Getreideversorgung für Claudius während der gesamten Zeit seiner Regentschaft zu einem zentralen Anliegen, was sich in baulichen wie administrativen Weichenstellungen niederschlug.
Neben der bereits angesprochenen Hafenerweiterung in Ostia schuf Claudius soziale Anreize und rechtliche Privilegien für den Bau großer Transportschiffe mit einer Ladekapazität von 70 Tonnen. So sollten Bürger, die in den Bau dieser Schiffe investierten und sie für sechs Jahre betrieben, Ausnahmeregelungen von den augusteischen Ehegesetzen erhalten. Peregrini (Freie ohne römisches Bürgerrecht) wurden sogar mit der Aussicht auf das römische Bürgerrecht zum Bau solcher Schiffe animiert. Auch die Verteilung des Getreides in Rom wurde neu geregelt. Augustus hatte diese Aufgabe zunächst zwei senatorischen praefecti frumenti dandi übertragen und sie gegen Ende seiner Herrschaft einem ritterlichen Präfekten in die Hände gelegt. Claudius änderte dieses offensichtlich unzureichend organisierte System und unterstellte die Getreideversorgung Roms einem kaiserlichen Prokurator. Diese verschiedenen Eingriffe in die annona, die letztlich zu einer grundlegenden Reorganisation des Systems führten, stellen sich aus heutiger Perspektive als eine Herrschaftsmaßnahme dar, die ein reflektiertes Gespür für notwendige und weitsichtige Maßnahmen erkennen lässt.
Zu jenen Bereichen der Herrschaft, die Claudius ein persönliches Anliegen waren und die zumindest in Ansätzen positiv in den Quellen vermerkt werden, gehört die Rechtsprechung. Der Prinzeps galt als unermüdlich im Hinblick auf die eigene Tätigkeit als Richter, unternahm aber auch Vorstöße für die Verbesserung der allgemeinen Rechtssicherheit. Generell hatte jeder Bürger das Recht, sich an den Kaiser zu wenden. Claudius’ Rechtsprechung galt als moderat und gerecht, diente aber den Autoren des 2. Jahrhunderts n. Chr. auch dazu, seine Persönlichkeit als sprunghaft und unzuverlässig zu charakterisieren.
Quelle
Claudius als Richter (Suet. 14)
Nicht immer ist er dem Buchstaben des Gesetzes gefolgt; die Strafen fielen vielmehr hart oder milde aus, je nachdem wie es ihm recht und billig schien, nämlich so wie ihn der jeweilige Fall berührte. Denn er ließ sogar für solche Leute den Prozess wieder aufnehmen, die bei privaten Richtern den Prozess verloren hatten, weil sie zu hohe Forderungen gestellt hatten; hatte er Leute eines schwereren Vergehens überführt, lag sein Strafmaß über dem, was das Gesetz vorsah, sie wurden verurteilt, in der Arena mit den wilden Tieren zu kämpfen. (Übersetzung H. Martinet)
Notwendigkeit militärischer Legitimation
All diese Infrastrukturmaßnahmen, die zum großen Teil unmittelbar nach dem Antritt seiner Herrschaft begonnen wurden, konnten allerdings über ein gravierendes Problem nicht hinwegtäuschen: die fehlende militärische Legitimation dieses Kaisers. Spätestens der Aufstand des Scribonianus in Dalmatien hatte gezeigt, dass es ihm gelingen musste, die Legionen und ihre Kommandeure mit seinem Prinzipat auszusöhnen. Dies war umso notwendiger, als jene direkten männlichen Verwandten, auf die er sich stets berief – Männer wie sein Vater Drusus der Ältere oder sein Bruder Germanicus –, vor allem aufgrund ihrer militärischen Erfolge eine herausragende Stellung im kollektiven Gedächtnis der Römer einnahmen.
Britannien
Daher lenkte Claudius seine Aufmerksamkeit auf Britannien und damit auf ein Gebiet, dessen Eroberung wenige Jahre zuvor unter Caligula misslungen war, das allerdings bereits seit gut 100 Jahren im Fokus des militärischen Interesses der Römer stand. Bereits Caesar hatte während seiner gallischen Statthalterschaft zweimal eine Invasion der Insel unternommen und einige Stämme der Briten unterworfen.
Die innere Situation in Britannien bot den Römern im Jahr 43 n. Chr. die Möglichkeit einzugreifen. Im 1. Jahrhundert v. Chr. waren größere Gruppen von Galliern vor den Römern auf die Insel geflohen, unter ihnen ein gallischer Adeliger namens Commius, der das Königreich der Atrebaten begründet hatte. Zur Zeit des Claudius regierte dessen Sohn Verica, den die Römer als rex anerkannt hatten. Wesentlich einflussreicher war das Reich der Catuvellauni mit dem Zentrum um Verulamium, die unter dem König Cunobellinus ihren Einfluss über die Themse in Richtung Südosten erweiterten. Während Cunobellinus im Einklang mit römischer Politik stand, änderte sich die Lage nach seinem Tod unter seinen Söhnen Caratacus und Togodumnus. Sie fielen in das Gebiet des Stammes der Atrebaten ein, dessen König Verica auf den Kontinent floh. Claudius nutzte diese inneren Streitigkeiten als offiziellen Kriegsgrund und entsandte im Jahr 43 n. Chr. A. Plautius mit vier Legionen und etwa 1000 Schiffen nach Britannien. Er eroberte das Gebiet bis zur Themse, ließ Straßen und Brücken errichten und bereitete so die Ankunft des Kaisers vor, der selbst erst nach Abschluss der Eroberungsphase zur Siegesfeier in Camulodunum eintraf.
Sein eigentlicher Aufenthalt in Britannien währte nur 16 Tage. Das Ziel war aber erreicht, Britannien wurde zur neuen römischen Provinz erklärt, noch unter Claudius richtete man in der neugegründeten Colonia Claudia Camulodunum einen Provinziallandtag (concilium) ein, der sich unter dem Vorsitz eines Priesters (sacerdos) regelmäßig am neuerrichteten Tempel für Claudius und Roma traf. Gerade mit der Maßnahme, Provinziallandtage einzurichten und bei den provinzialen Eliten so einerseits über den Kult des Kaisers Loyalität zu erreichen, andererseits durch die Aussicht auf prestigeträchtige Ehrenposten, wie jenen des provinzialen Kaiserpriesters, stellte sich Claudius ganz in die Nachfolge des Augustus, der dieses Instrument der Herrschaftssicherung gezielt und mit Erfolg eingesetzt hatte.
Triumph
Claudius konnte Anfang des Jahres 44 n. Chr. seinen Triumph über Britannien feiern. Die Siegesfeierlichkeiten wurden von ihm geradezu zelebriert, da er nun in seinem eigenen Selbstverständnis an die Familientradition anknüpfen konnte und zu den Leistungen seines Vaters und Bruders aufschloss. In der Münzprägung trat der neue Sieg gleichwertig neben die früheren Siege der Familienmitglieder und ebenso wie der Name Germanicus in der Familie zu einem erblichen cognomen geworden war, sollte auch Britannicus diese Bedeutung in der Zukunft haben. Der 41 n. Chr. geborene Sohn des Claudius erhielt im Herbst 43 n. Chr. den neuen Beinamen und wurde zu T. Claudius Caesar Britannicus. Im gesamten Reich fand die Eroberung ihren Niederschlag. Eines der aussagekräftigsten Beispiele findet sich in Aphrodisias in Karien, wo ein Relief die Unterwerfung Britanniens, allegorisch dargestellt als Frauenfigur, eindrücklich versinnbildlichte. Claudius stellte sich mit dieser Eroberung einmal mehr in die Tradition des Augustus, der die Eroberung und Provinzialisierung der Alpen 16/15 v. Chr. ebenfalls zum Anlass genommen hatte, sein Image als Welteroberer in der Nachfolge Alexanders des Großen zu stilisieren.
Ausdehnung des pomerium
Der im Wissen um historische Bezugspunkte geschulte Kaiser griff in der Umsetzung des militärischen Sieges in öffentliches Prestige auf ein Ritual zurück, das an die Gründung der Stadt durch Romulus erinnerte, aber seit Caesar nicht mehr praktiziert worden war: Er erweiterte das pomerium.
Stichwort
pomerium
Sakrale Stadtgrenze Roms, welche die urbs, also das eigentliche Stadtgebiet, vom ager, dem umliegenden Territorium, trennte. Das ursprüngliche pomerium legte der mythische Stadtgründer Romulus fest, indem er in einem religiösen Ritual mit dem Pflug eine Furche – wohl um den Palatin – zog. Diese sakrale Grenze war von religiöser, politischer und militärischer Bedeutung. So trat bei Überschreiten des pomerium das imperium militiae in Kraft und erlosch ebenso wieder bei der Rückkehr. Die Kompetenz der Volkstribunen hatte ebenfalls nur innerhalb des pomerium Geltung. Es war nicht zulässig, Bestattungen innerhalb des pomerium vorzunehmen oder Kultstätten fremder Götter zu errichten. Eine Ausdehnung des pomerium war extrem selten und stand nur demjenigen zu, der das römische Territorium durch Eroberung vergrößert hatte.
census
Diese bewusste Adaption an die Vorbilder der Vergangenheit zeigte census Claudius auch in anderen Bereichen. Er führte beispielsweise im Jahre 47/48 n. Chr. erstmals seit Augustus (13/14 n. Chr.) einen regelgerechten census durch und nutzte damit die Chance, eine ganze Reihe von ritterlichen Familien in den Senat aufzunehmen. Dabei handelte es sich häufig um angesehene Familien aus den Provinzen. Daneben erweiterte er auch das zahlenmäßig reduzierte Patriziat durch die Aufnahme neuer Familien. Hier präsentierte sich Claudius wiederum als Herrscher mit einer durchdachten politischen Agenda, der das Reich ganz im Sinne seiner Vorgänger Augustus und Tiberius regierte.
Provinzpolitik
Während Caligula eher das System der Klientelfürsten bevorzugt hatte, Provinzpolitik kehrte Claudius zur Maxime des Tiberius zurück und förderte die Provinzialisierung neuerworbener oder bisher unter dem Einfluss von Klientelherrschern stehender Gebiete. Er erweiterte damit den direkten Einfluss der römischen Administration erheblich. So wurde neben Britannien die Provinz Lykien 43 n. Chr. eingerichtet, nachdem innere Unruhen das Gebiet erschüttert und ein römisches Eingreifen nötig gemacht hatten. In Lykien wie in Britannien lässt sich die Einbindung der lokalen Aristokratie in die neuen Herrschaftsstrukturen nachvollziehen. Das bereits bestehende hellenistische Koinon wurde in eine nach dem bekannten römischen Muster organisierte Städtevereinigung umgewandelt, die den provinzialen Kaiserkult als zentrale Funktion übernahm und an deren Spitze ein Kaiserpriester (Archiereus) stand. Seinen architektonischen Niederschlag fand der Kaiserkult im Bau eines Sebasteions (Kaiserkulttempel) innerhalb des lykischen Bundesheiligtums. Claudius richtete mit Mauretania Caesariensis und Mauretania Tingitana ebenfalls zwei neue Provinzen in Nordafrika ein. Auch hier waren Aufstände, die von Rom militärisch niedergeschlagen wurden, vorausgegangen. Während Lykien zu einer kaiserlichen prätorischen Provinz gemacht wurde, unterstellte man die beiden mauretanischen Provinzen ritterlichen Prokuratoren. Ebenso verfuhr Claudius mit Thrakien und Noricum – beides Klientelkönigreiche –, die jeweils zu einer prokuratorischen Provinz umgewandelt wurden. Auch der überweigende Teil Judäas wurde ab 44 n. Chr. einem kaiserlichen Prokurator unterstellt.
Aufnahme der Gallier in den Senat
Das authentischste, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten zu verstehende Zeugnis des Umgangs mit den Provinzialen stellt sicherlich die sowohl bei Tacitus als auch zumindest in Teilen im Wortlaut inschriftlich überlieferte Rede des Kaisers über die Aufnahme der gallischen Honoratioren in den Senat aus dem Jahr 48 n. Chr. dar. Offensichtlich hatten die im Provinziallandtag der Tres Galliae (concilium Galliarum) in Lyon versammelten Vertreter der gallischen Städte aus den drei gallischen Provinzen (Belgica, Lugdunensis und Aquitania) den Kaiser anlässlich der Zensur gebeten, den Würdigsten aus ihren Reihen das Recht zu geben, in den Stand der Senatoren aufgenommen zu werden. Sie forderten damit im Grunde nur das ein, was ihnen aufgrund ihres Status als römische Bürger und romanisierte provinziale Eliten zustand. Dieses Ansinnen stieß allerdings auf den Widerstand der Senatoren. Claudius setzte sich in einer Rede vor dem Senat für die Gallier ein, indem er die Fähigkeit zur Integration neuer Bevölkerungsgruppen in die römische Ordnung zum charakteristischen Erfolgskriterium des römischen Staates von seinen Ursprüngen an erklärte. Diese Rede, die aufgrund ihrer Bedeutung für die Provinzialen in wörtlicher Wiedergabe im Heiligtum des concilium Galliarum auf einer Bronzetafel ausgestellt war und dort 1528 gefunden wurde, offenbart nicht nur interessante Aspekte der weitsichtigen Provinzialpolitik des Claudius, sondern stellt auch eines der wenigen Dokumente dar, die Claudius als Menschen präsentieren. Eine deutlich gestraffte Version der Rede überliefert Tacitus im 11. Buch der Annalen.
Inhaltlich befürwortete Claudius das Ansinnen der gallischen Notabeln unter Hinweis auf die römische Geschichte, berief sich auf Roms Gründungsmythen und auf das Vorbild des Augustus und des Tiberius, die jeweils Männer aus den Eliten des Reiches in den Senat aufgenommen hatten. Er betonte, dass bereits Männer aus der Gallia Narbonensis im Senat säßen, und bemühte nicht zuletzt das exemplum-Denken der Römer, um diese Neuerung nun auch für die Männer aus den Tres Galliae zu begründen. Daneben führte er als Argument an, die gallische Oberschicht sei inzwischen kulturell in einem Maß romanisiert, dass man ihr diese Bitte nicht abschlagen könne. Claudius machte deutlich, dass Veränderungen unter Beibehaltung der traditionellen Prinzipien richtig und nützlich seien, und erklärte die vorliegenden Neuerungen wiederum zum exemplum für die römische Nachwelt.
Der Wortlaut der Inschrift führt allerdings einen Kaiser vor, dessen rhetorische Fähigkeiten in deutlichem Kontrast zu seinen inhaltlichen Argumenten stehen. Für nicht wenige moderne Historiker war diese Rede daher ausschlaggebend dafür, Claudius die Eignung zum Staatsmann abzusprechen und sämtliche positiven Auswirkungen seiner Herrschaft dem Wirken seiner Administration oder seiner Freigelassenen zuzusprechen.
Quelle
Die Rede des Claudius zur Aufnahme der gallischen Notabeln in den Senat (ILS 212 = CIL 13, 1668)
In der Tat vor allem jene erste Überlegung der Leue, die, wie ich voraussehe, mir in erster Linie begegnen wird, bitte ich Euch fallenzulassen, damit Ihr nicht voller Entsetzen empfindet, dass dies als eine Neuerung eingeführt werde, vielmehr bitte ich Euch, eher daran zu denken, wie viel Neuerungen in dieser Stadt eingeführt wurden und zu wie vielen Formen und Verfassungen unser Staat, und zwar sogleich von Anbeginn unserer Stadt an, hingeführt wurde.
Einstmals hatten Könige diese Stadt in ihrem Besitz; es gelang ihnen jedoch nicht, die Herrschaft über sie Nachfolgern aus ihrem Hause zu übertragen. Fremde traten an ihre Stelle und sogar Ausländer, so dass Numa, der aus dem Sabinerland kam, auf Romulus folgte; er war zwar uns benachbart, aber war damals ein Mann von auswärts. Ebenso folgte dem Ancus Marcius Tarquinius Priscus. Da [ihm] wegen seiner mit einem Makel behafteten Herkunft – er stammte nämlich väterlicherseits von Demarathus aus Korinth und mütterlicherseits von einer Frau aus Tarquinia, die zwar edlen Geblüts, aber verarmt war, so dass sie notgedrungen einen solchen Mann heiratete – in seiner Heimat die Übernahme der Ehrenämter verwehrt wurde, wanderte er nach Rom aus und errang die Königsherrschaft. […] Sicherlich führte man einen neuen Brauch ein, als der vergöttlichte Augustus, mein Großonkel, und mein Onkel Tiberius Caesar den Willen äußerten, die gesamte Blüte der Kolonien und Municipien von überall her, d.h. die besten und wohlhabendsten Männer, sollte in dieser Kurie einen Sitz erhalten. Wie? Ist uns nicht ein Senator aus Italien lieber als einer aus den Provinzen? Wenn ich anfange, diesen Teil meiner Zensorentätigkeit zu rechtfertigen, werde ich Euch durch Fakten zeigen, was ich darüber denke. Aber meiner Ansicht nach darf man nicht einmal Provinzialen zurückweisen, sofern sie nur das Ansehen der Kurie erhöhen können. […] Schon längst ist es Zeit, Tiberius Caesar Germanicus, den versammelten Vätern zu enthüllen, wohin Du mit Deiner Rede abzielst; denn Du bist schon an die äußersten Grenzen der Gallia Narbonensis gekommen. Seht diese vielen ausgezeichneten Männer, die ich vor Augen habe. Ihr braucht ebenso wenig zu bedauern, dass sie Senatoren werden, wie mein Freund, der hochedle Persicus, Bedauern empfindet, unter den Ahnenbildern seiner Vorfahren den Namen „Allobrogicus“ zu lesen. Wenn Ihr aber darin mit mir einer Meinung seid, was verlangt Ihr noch zusätzlich, dass ich Euch mit dem Finger darauf hinweise, dass sogar der Boden außerhalb des Gebietes der Narbonensis Euch schon Senatoren stellt, zumal wir, ohne es zu bedauern, Angehörige unseres Standes aus Lugdunum haben? Freilich, ein wenig zaghaft, versammelte Väter, bin ich über die Euch gewohnten, bekannten Grenzen der Provinzen hinweggeschritten, aber jetzt muss ich entschieden die Sache der Gallia Comata vertreten. Wenn jemand bei ihr auf den Umstand schaut, dass ihre Bevölkerung dem vergöttlichten Julius in einem zehnjährigen Krieg zu schaffen machte, dann möge er zugleich ihre hundertjährige unerschütterliche Treue dem entgegenstellen und ihren Gehorsam, der in vielen Krisen von uns mehr als erprobt worden ist. (Übersetzung H. Freis)
Der kurze Auszug kann in Ansätzen zeigen, wie fahrig, wenig stilsicher und mit welchen unnötigen Längen die Rede von Claudius vorgetragen wurde: Die von ihm verwendeten Beispiele sind nicht immer treffsicher gewählt. Er versteigt sich zu teilweise entehrenden Scherzen – etwa wenn er den Senator Paullus Fabius Persicus an einen Vorfahr mit dem vermeintlich gallischen Beinamen Allobrogicus erinnert, der diesen Namen aber, wie jeder wusste, als Siegesbeinamen trug. Selbst dem Ernst der Situation kaum angemessene Kalauer fehlen nicht, etwa wenn er die „Männer aus Lugdunum“, für die man sich nicht zu schämen brauche, anspricht und damit wohl einen Selbstbezug herstellt, war Lugdunum/Lyon doch sein eigener Geburtsort.
Dass diese Rede keineswegs allein aus dem Grund gehalten worden sein dürfte, die Zweifler im Senat mit begründeten Argumenten zu überzeugen, sondern vielmehr auch eine Machtdemonstration des kaiserlichen Willens darstellte, dem die Zustimmung zu seinen Vorschlägen sicher war, zeigt am deutlichsten die Nichterwähnung des gallischen Aufstandes im Jahr 21 n. Chr. unter Julius Florus und Julius Sacrovir. Claudius überging dieses vielen sicherlich noch im Gedächtnis verhaftete Ereignis und erklärte stattdessen die Gallier zu treuen Verbündeten seit 100 Jahren. Damit setzte er sein Geschichtsverständnis zum Maßstab des politischen Handelns für das Reich. Im Ergebnis gewährte der Senat das erbetene Recht, allerdings beschränkte er es zunächst auf die Häduer.
Trotz dieses in den persönlichen Belangen zweifelhaften Eindrucks der Rede fügt sie sich politisch in ein Gesamtkonzept im Umgang mit den Provinzen und ihren Bewohnern ein. Claudius wirkte stark auf deren Integration in das Reich hin und beförderte das Zusammenwachsen zu einer Reichsbevölkerung. Weitere Maßnahmen flankierten seine provinzialenfreundliche Bürgerrechtspolitik; eine Vielzahl neugegründeter Bürgerkolonien und Munizipien auch in abgelegenen Gegenden des Reiches gingen auf seine Initiative zurück. Die Integration der provinzialen Elite nicht zuletzt über die Provinziallandtage war ihm ein Anliegen und keine rein reaktive Politik. In diesem Sinne wurde Claudius ein Gestalter, wie Augustus es gewesen war, und stieß gerade mit diesen Maßnahmen zukunftsweisende Entwicklungen an.
Während die Ergebnisse seiner Regierungszeit auf den Feldern der Bürgerrechts- und Provinzialpolitik beachtlich waren und selbst von kritischen Beobachtern durchaus anerkannt wurden, wird Claudius’ Bild in den Quellen wie in der modernen Forschung überschattet von familiären Ereignissen, die ein sehr schlechtes Licht auf diesen Kaiser werfen (sollen). Zentral ist dabei der Vorwurf, Claudius sei ein Spielball seiner Ehefrauen gewesen.
Die Frauen der römischen Kaiser begegnen uns in den Quellen in der Regel nicht als Individuen, sondern stets als Stereotype. Sie entsprechen entwederdem gesellschaftlichen Ideal, sind tugendsame Matronen, die ihre häuslichen Pflichten erfüllen, sich aber jeder Art öffentlicher oder politischer Einflussnahme enthalten, oder sie sind machtgierig, versuchen in die den Männern vorbehaltenen Bereiche der Macht einzudringen, zeigen männliche (und damit verwerfliche) Charaktereigenschaften und sind sexuell ungezügelte Wesen. Es muss vor allem als Ergebnis kluger Öffentlichkeitsarbeit des Augustus gesehen werden, dass seine Ehefrau Livia in der Außendarstellung die beschriebene positive Rolle einnahm und so zum Paradigma der römischen Kaisergattin avancierte.
Quelle
Das Ideal der römischen Ehefrau – Livias Selbstcharakterisierung (Cass. Dio, 58, 2, 5)
[Livias Einfluss auf Augustus ergab sich daraus,] dass sie selbst peinlich auf ein sittlich einwandfreies Benehmen gesehen, gerne die Wünsche des Augustus erfüllt, sich nicht in seine Angelegenheiten gemischt und vor allem den Anschein erweckt habe, als höre und merke sie nichts von seinen Liebesaffären. (Übersetzung O. Veh)
Das Gegenbild: Fulvia, die Ehefrau des M. Antonius, überschreitet durch das Geschlecht definierte Grenzen (Cass. Dio 48, 4, 1–3; 10, 3)
Dies spielte sich damals ab, im Jahre darauf [41 v. Chr.] wurden dem Namen nach P. Servilius und L. Antonius Konsuln, in Wirklichkeit aber führten Antonius und Fulvia das Amt. Diese Frau […] missachtete nämlich Lepidus wegen seiner Trägheit und leitete die Geschäfte selbstständig, so dass sich weder der Senat noch das Volk mit irgendeinem Gegenstand befasste, der ihr missfiel. […] So war es dem Namen nach Antonius, der über die angeblich von ihm besiegten Völker einen Triumph feierte […], doch der wirkliche Triumphator hieß Fulvia. […] Zu diesem Zweck durchquerte Lucius in allen Richtungen das Land […], während Fulvia Praeneste in Besitz nahm und im Kreise ihr ergebener Senatoren und Ritter sämtliche Beratungen gemeinsam durchzuführen pflegte, ja sie ließ sogar überallhin, wo es nötig war, Weisungen ergehen. Und was sollte sich jemand darüber wundern, wo sie sich doch gewöhnlich mit einem Schwert gürtete, Parolen an die Soldaten ausgab und oft sogar Ansprachen an sie richtete […]. (Übersetzung O. Veh)
Frauen in den antiken Quellen
Dass diese Bilder für die heutigen Leser der Quellen selten aufzulösen sind, liegt auch an der Tatsache, dass es in beinahe keinem Fall eigene Überlieferungen der Kaiserfrauen gibt. Sie treten stets durch die Augen der antiken Autoren in Erscheinung. Die nicht selten misogyne Haltung dieser Männer hat verschiedene Ursachen. Im Fall der senatorischen Geschichtsschreibung eines Tacitus oder Cassius Dio liegt ein Hauptgrund wohl darin, dass der nicht kontrollierbare Einfluss der Frauen auf die Kaiser die Machtstellung der ihn umgebenden Senatoren schmälerte, die für sich reklamierten, die Herrschaft gemeinsam mit dem Prinzeps auszuüben.
Bei anderen Autoren, wie beispielsweise dem flavischen Hofdichter Juvenal, dem wir einige der bösartigsten Anekdoten über Messalina verdanken, bildete den Hintergrund wohl die Tatsache, dass es am Beginn der flavischen Epoche zu den karrierefördernden Themen zählte, Verunglimpfungen gegen bestimmte Kaiser – hier vor allem Nero und Caligula – und die Frauen des julisch-claudischen Hauses zum Thema der öffentlichen Debatte zu erheben. Diese Entwicklung lässt sich nicht nur bei Juvenal, sondern auch bei Martial oder Plinius dem Älteren zeigen. Dabei entwickelten sich bestimmte Stereotype, wie jener von der meretrix Augusta, der „kaiserlichen Hure“ (Juv. 6, 118), die dann von der nachfolgenden Geschichtsschreibung oder Biographie weitertransportiert und nicht selten noch ausgeschmückt wurden. Interessanterweise zählt in Senecas Schmähschrift gegen Claudius (Apokolokýntosis), die unmittelbar nach dessen Ableben 54 n. Chr. entstand, Messalina noch zu seinen unschuldigen Opfern. Der Beginn der flavischen Zeit markiert also eindeutig einen Einschnitt in der Neuausrichtung des Diskurses um die Mitglieder der julisch-claudischen Familie.
Den dritten Grund kann man darin erblicken, dass sich das nächste Umfeld der Kaiser dem Autor einer historiographischen oder biographischen Darstellung immer anbot, als Spiegel der Befähigung oder des Versagens des jeweiligen Herrschers zu fungieren. Ein guter Kaiser ließ sich stets dadurch kennzeichnen, dass er seine domus kontrollierte, ein schlechter Kaiser wurde dagegen von seinem Umfeld, in der Regel den Frauen oder Freigelassenen, beherrscht. Die Faustformel lautete dabei: je sozial degradierter der Einfluss, umso schlechter der Kaiser. Eine Kaiserin wie Messalina, die sich angeblich freiwillig auf die allerniedrigste soziale Stufe einer Hafenprostituierten stellte, zog in der literarischen Interpretation auch den Kaiser mit sich hinunter.
Eine letzte, aber nicht unwichtige Ursache der extrem negativen Beurteilung der Frauenfiguren in den Quellen ist eine grundsätzliche Ablehnung des Einflusses von Frauen auf öffentliche oder politische Prozesse. Die kulturelle Tradition der alten Republik, die sich hier fortsetzte, stand dabei im Widerspruch zu den Realitäten der Prinzipatsherrschaft, denn jede Monarchie muss notwendigerweise mit dem dynastischen Prinzip auch die Frauen in eine öffentliche Rolle stellen. Selbst wenn man ihnen keine tatsächliche politische Macht einräumte, nahmen die Frauen als kaiserliche Gemahlinnen, Mütter der Thronfolger und Repräsentantinnen der Familie öffentliche Rollen ein.
Messalina in den literarischen Quellen
Die Kaisergattin Messalina ist also aus den literarischen Quellen heraus nicht als eine real existierende Frau, sondern als literarische Rolle zu verstehen und entsprechend zu entschlüsseln. Dabei ist der Name der Messalina durch die antike Geschichtsschreibung hindurch gewissermaßen zum Prototyp einer sexuelle Normen verletzenden Kaiserin geworden. Tacitus, dessen Geschichtswerk für die frühen Jahre des Claudius leider verloren ist, der aber trotzdem reichlich Material über sie bereithält, ist neben Cassius Dio eine Hauptquelle. Dabei muss man sich aber immer vergegenwärtigen, dass gerade Tacitus mit den Annalen auch ein Sittengemälde zeichnen will, das die moralische Dekadenz und den Niedergang der aristokratischen Schicht in julisch-claudischer Zeit als Subtext mitformuliert. Messalina ist auch in der satirischen Überzeichnung des Dichters Juvenal eine ganz ihren sexuellen Trieben folgende Frau. Gerade in einigen Quellen zum Leben der Messalina offenbart sich ein unmittelbar nach ihrem Tod im Jahr 48 n. Chr. einsetzender Diskurs, der von ihrer Nachfolgerin an der Seite des Claudius, Agrippina der Jüngeren, angestoßen wurde, um die Ehelichkeit ihres Sohnes Britannicus in Zweifel zu ziehen. Messalina zu diffamieren, bedeutete auch ihrem Sohn die Legitimität abzusprechen und den neuen Adoptivsohn Nero in der Nachfolgefrage herauszustellen.
Messalina in den zeitgenössischen dokumentarischen Quellen
Wirft man einen Blick auf die dokumentarischen Quellen, bietet sich ein vollkommen anderes Bild: Messalina erhielt genau wie Livia, die Ehefrau des Augustus, in den ersten Jahren der Kaiserherrschaft des Claudius höchste Auszeichnungen. Sie wurde mit den Ehrenrechten der Vestalinnen ausgestattet, mit Statuen geehrt, ihr Kopf zierte Münzen reichsweit, Gelübde wurden für sie gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihren Kindern abgelegt, Ehreninschriften für sie errichtet. Kein zeitgenössischer Bericht ist überliefert, der ihre Rolle in Frage stellte. Ihre Herkunft aus der Familie des Augustus war das Pfund, mit dem Claudius bei seinem Herrschaftsantritt wuchern konnte, sie gebar ihm einen Thronfolger, der seiner Macht Stabilität verlieh.
Messalina war die dritte Ehefrau des Claudius, sie war ca. 20 n. Chr. geboren und damit 30 Jahre jünger als ihr Mann. Zum Zeitpunkt der Eheschließung muss sie etwa 18 oder 19 Jahre alt gewesen sein, sie hatte im Jahr der Thronbesteigung des Claudius bereits eine Tochter geboren, 41 n. Chr. brachte sie einen Sohn, T. Claudius Caesar, den späteren Britannicus, zur Welt. Messalina stammte über beide Elternteile von der Augustus-Schwester Octavia ab, war also – im Vergleich zu Claudius – direkt mit Augustus verwandt, was für ihr Schicksal nicht unbedeutend ist. Die Machtstellung dieser Frau hing damit nämlich nicht allein von ihrer Ehe ab, sondern entsprang auch der eigenen Herkunft. Unter dem Einfluss Messalinas soll Claudius eine ganze Reihe potentieller Konkurrenten innerhalb und außerhalb des kaiserlichen Hauses beseitigt haben: So seine Nichte, die Germanicus-Tochter Julia Livilla, und den Ehemann seiner Schwiegermutter, C. Appius Iunius Silanus, im Jahr 42 n. Chr., die Enkelin des Tiberius, Julia, und einige mächtige Senatoren im Jahr 43 n. Chr., Marcus Vinicius 46 n. Chr. oder den eigenen Schwiegersohn C. Pompeius Magnus 47 n. Chr.
Dass die Berichte über Messalina bewusst übertrieben und falsch sind, wird schon daran deutlich, dass ihr quasi alle politischen Morde der ersten Regierungsjahre zugeschrieben werden. Als Motive werden ihr dabei stets Machtgier, Eifersucht oder die Zurückweisung von Avancen unterstellt.
Der Sturz des Valerius Asiaticus…
Anhand der politischen Affäre um den Konsular Valerius Asiaticus, die von den antiken Autoren Tacitus und Cassius Dio überliefert wird, kann exemplarisch dargestellt werden, wie die Verantwortung am Sturz eines Mitgliedes der Hocharistokratie der Messalina zugeschrieben wurde, die tatsächlichen Abläufe aber in gänzlich anderer Weise rekonstruiert werden können.
…in der Deutung der Messalinafeindlichen Quellen…
Asiaticus gehörte zu den führenden römischen Senatoren, er entstammte einer provinzialen Familie aus der römischen Kolonie Vienne in Gallien. Die antiken Autoren unterstellten Messalina, aus Habgier und Eifersucht eine Intrige gegen Asiaticus inszeniert zu haben: Ihr Ziel sei es gewesen, in den Besitz der römischen Gärten des Lucullus zu gelangen und die Ausschaltung einer Konkurrentin um die Gunst des berühmten Pantomimen Mnester zu erreichen. In der dem antiken Leser suggerierten Erklärung musste Valerius Asiaticus sterben, weil ihm die horti Luculli gehörten und weil seine Geliebte, Poppaea Sabina, mit ihm beseitigt werden sollte. Tatsächlich wurde Asiaticus im Jahr 47 n. Chr. verhaftet, wegen Disziplinlosigkeit in den von ihm kommandierten Truppenteilen sowie einer geplanten Reise zu den germanischen Heeren angeklagt und schließlich gemeinsam mit Poppaea Sabina zum Selbstmord gezwungen.
… und als politische Intrige
Die Ereignisse werden von Tacitus alles andere als schlüssig dargestellt. Skepsis gegenüber der Erklärung, die Einflüsterungen der Kaisergattin hätten das Leben eines der einflussreichsten Senatoren beendet, ist angebracht. Asiaticus scheint viel eher die Herrschaft des Claudius bedroht zu haben, wofür auch die Anklagepunkte sprechen. Immerhin war er zweimal Konsul gewesen – eine seltene Ausnahme für einen Mann, der nicht der Kaiserfamilie angehörte – und war zudem ein ehemals enger Freund des Caligula, später vielleicht in seine Ermordung involviert. Valerius Asiaticus entstammte gallischem Adel und verfügte in diesem Milieu über großen Rückhalt und großen Besitz. Er war ein Vertrauter der Kaisermutter Antonia und sogar familiär mit der domus Augusta verbunden. Diese Verbindung hatte es ihm nach der Ermordung des Caligula Anfang 41 n. Chr. ermöglicht, eine führende Rolle in den Debatten des Senats um die Wiederherstellung der res publica einzunehmen und sogar als einer der senatorischen Aspiranten auf den Thron gehandelt zu werden. Für die These, die Asiaticus-Affäre sei eine hochpolitische Angelegenheit gewesen, spricht auch, dass der Bruder des Asiaticus in der Folge ebenfalls ums Leben kam und der Prätorianerpräfekt Crispinus nach dem Tod des Asiaticus eine Belohnung von 1,5 Millionen Sesterzen erhielt.
Der Sturz des Asiaticus entsprang also mit großer Sicherheit nicht einer erotischen Laune der Messalina, sondern war die Beseitigung eines tatsächlichen oder vermeintlichen Konkurrenten um den Thron, der zu viel politische Macht, Reichtum, Prestige und vielleicht auch militärische Gefolgschaft angehäuft hatte und damit zu einer potentiellen Gefahr für Claudius und die herrschende Gruppe geworden war. Messalina war – wenn überhaupt – lediglich eine von mehreren beteiligten Personen, was insofern verständlich erscheint, als der Sturz des Claudius auch ihren Tod und das Ende aller Hoffnungen auf eine Thronbesteigung ihres Sohnes bedeutet hätte. Die Sicherung des Thronanspruchs ihres Sohnes Britannicus und die Sicherung der eigenen Stellung sind also Motive, die Messalinas Handeln rational erklärbar machen.
Die Heirat mit Silius und Messalinas Sturz
Es liegt nah, diese Motive nun auch hinter jenen in enger zeitlicher Korrelation zur Affäre um Asiaticus stehenden Ereignissen 48 n. Chr. zu vermuten, die mit dem Tod der Messalina endeten. Bei Tacitus, wiederum die Hauptquelle des Geschehens, wird dieser ganze Komplex einmal mehr darauf reduziert, dass Messalina eine „an Wahnsinn grenzende Liebschaft“ (Tac. Ann. 11, 12, 1) mit dem designierten Konsul C. Silius begann. Die beiden sollen – so die antiken Quellen – sogar in der Abwesenheit des Claudius ein öffentliches Hochzeitsfest in Rom gefeiert haben. Die Ehefrau des Prinzeps heiratete also einen anderen Mann aus der römischen Hocharistokratie. Claudius, der sich in Ostia aufhielt und von all dem nichts bemerkt haben soll, wird erst durch seine Freigelassenen informiert und zu einer Reaktion gedrängt. Der Kaiser erscheint bei Tacitus zu keiner eigenen Handlung fähig, Narcissus – einer seiner Freigelassenen – bringt ihn ins Lager der Prätorianer, übernimmt für einen Tag das Kommando über die Garde, diese schwört Claudius ihre Treue und ermordet zunächst Silius und seine Komplizen, dann fällt auch Messalina selbst ihnen zum Opfer. Sie stirbt – die literarische Konstruktion macht es möglich – in den Gärten des Lucullus, die sie dem Asiaticus abgenommen hatte. Ihr Name fiel der damnatio memoriae anheim.
Wenig an dieser Episode erweist sich als logisch nachvollziehbare, hinreichende Erklärung des Verhaltens der beteiligten Personen, und so finden sich in der modernen Geschichtswissenschaft zahlreiche Versuche, ihr dennoch einen Sinn zu geben. Diese Versuche reichen von der tatsächlichen Verblendung zweier Liebender bis hin zum politischen Komplott, das mal von Silius, mal von Messalina, mal von beiden allein, mal von einem größeren Kreis ausgegangen sein soll. Gewissheit lässt sich hier nicht erzielen. Eine gewisse Plausibilität besitzt aber die These, dass Messalina ihre Stellung als Ehefrau des Prinzeps nicht aus einer Laune heraus riskierte, sondern sich gezwungen sah, so zu handeln, um nicht unterzugehen. Die Lage im Jahr 48 n. Chr. war nämlich für sie nicht mehr so stabil wie am Beginn der Herrschaft des Claudius.
Eine moderne Deutung der Ereignisse
Claudius versuchte nach all den Bedrohungen seiner Person und seiner Herrschaft, die eigene Position zu festigen. Darauf deuten auch der census des Jahres 47 n. Chr. und die im Jahr 48 n. Chr. veranstaltete 800-Jahr-Feier Roms (ludi saeculares) hin. Er tat dies, indem er die Affinität der Römer zu den letzten Nachkommen des Germanicus, Agrippina und ihrem Sohn Nero, nutzte. Messalina hatte eine Konkurrentin um die Rolle der Ehefrau bekommen und ihr Sohn Britannicus einen ernstzunehmenden Konkurrenten um die Nachfolge. Zwar mag es den modernen Leser verwundern, dass ein Kaiser seinen leiblichen Sohn zurücksetzte, andere Beispiele aus der julisch-claudischen Dynastie zeigen jedoch, dass dies nicht unüblich war. Augustus zog den adoptierten Tiberius dem eigenen Enkel Agrippa Postumus vor, Tiberius stellte Caligula zumindest gleichberechtigt neben den leiblichen Enkel Gemellus. Die Sicherung der dynastischen Linie hatte eine klare Priorität vor der verwandtschaftlichen Nähe.
Agrippina die Jüngere, die über ihre Mutter Agrippina die Ältere, eine Tochter aus der Ehe des Marcus Vipsanius Agrippa und der älteren Julia, direkt von Augustus abstammte und zudem das letzte lebende Kind des Germanicus war, bot dem Claudius eine bessere Absicherung der eigenen Position als Messalina, die möglicherweise auch innerhalb der Freigelassenen und Berater des Kaisers diskreditiert war. Agrippinas Sohn, der 37 n. Chr. geborene Lucius Domitius Ahenobarbus, der spätere Nero, stand bei der Bevölkerung ebenfalls in großem Ansehen. Hatten Messalina und Britannicus dem Claudius für einige Jahre in der öffentlichen Darstellung und vielleicht auch in internen Machtkämpfen als Argument gedient, so bedurfte er nun – tatsächlich oder in der eigenen Wahrnehmung – einer neuen Absicherung. Agrippina schien dem Claudius in dieser Situation von größerem Nutzen.
Messalinas scheinbar unerklärliches und irrationales Verhalten gewinnt vor diesem Hintergrund also eine gewisse Logik. Sie musste ihre Position neu justieren, um ihren Sohn und vielleicht auch ihr Leben zu schützen. Dabei scheint Silius die entscheidende Rolle in ihren Plänen gespielt zu haben, wobei der Anteil an Beziehungsmotiven von den politischen Gründen kaum zu trennen ist. Vor allem die Motive des Silius bleiben unklar, ebenso wie eine mögliche Verwicklung weiterer Kreise in diese Verschwörung. Dass sie das Leben des Kaisers bedrohte, zeigen die deutliche Reaktion des kaiserlichen Umfeldes sowie sein Rückzug ins Lager der Prätorianer.
Allem Anschein nach hatte sich also die Annäherung zwischen Claudius und seiner Nichte Agrippina bereits angedeutet und Messalinas Handeln provoziert. In den Annalen des Tacitus liest man allerdings eine andere, sehr phantasievolle Geschichte, wie die Eheschließung zwischen den beiden 49 n. Chr. zustande kam. Der Grundtenor der taciteischen Aussage, Claudius sei ein gefügiges Werkzeug seiner Ehefrauen gewesen, wird dabei nur um eine Komponente erweitert: Seine Freigelassenen, so Tacitus, hätten es nämlich nun übernommen, ihm eine neue Ehefrau zu suchen.
Quelle
Die Freigelassenen des Claudius und die Suche nach der vierten Ehefrau (Tac. Ann. 12, 1–3)
Durch die Hinrichtung Messalinas wurde das Haus des Princeps schwer erschüttert, da es unter den Freigelassenen zu einem Wettstreit kam, wer eine Gattin für Claudius auswählen solle, der ein eheloses Leben nicht gewöhnt und von den Weisungen seiner Gemahlinnen abhängig war. In nicht geringerem Ehrgeiz waren die Frauen entbrannt: jede stellte ihren Adel, ihre Schönheit, ihren Reichtum zum Vergleich und wies darauf hin, dass dies alles würdig sei einer so hohen Eheverbindung. Doch am meisten schwankte man zwischen Lollia Paulina, des Konsulars M. Lollius Enkelin, und Iulia Agrippina, des Germanicus Tochter: dieser stand Pallas, jener Callistus fördernd zur Seite; hingegen wurde Aelia Paetina aus der Familie der Tuberones von Narcissus in den Vordergrund geschoben. Claudius selbst, der einen bald, bald der anderen zugeneigt, je nachdem, welchen Ratgeber er gerade gehört hatte, berief die Uneinigen zu einer Beratung und hieß sie ihre Ansicht vortragen und die Gründe beibringen.
[Die Vorzüge der drei Kandidatinnen, jede protegiert von einem der drei großen Freigelassenen des Claudius, wurden abgewogen. Schließlich fiel die Entscheidung zu Gunsten Agrippinas, als deren Vorteil betont wurde,] dass sie einen Enkel des Germanicus mit in die Ehe bringe: wahrhaftig würdig des kaiserlichen Hauses sei es, den edlen Spross unter die Nachkommen der julischen und claudischen Familie aufzunehmen; auch dürfe eine Frau von erwiesener Fruchtbarkeit und voller Jugendkraft den erlauchten Glanz der Caesaren nicht in ein anderes Haus einbringen. (Übersetzung E. Heller)
Das Urteil des Claudius
Ist Tacitus in der Wiedergabe jener Informationen, die sich auf Senatsprotokolle stützen, eine durchaus vertrauenswürdige Quelle, schöpft er in jenen Dingen, deren Hintergründe sich seinem Wissen naturgemäß entziehen, weil sie hinter den Mauern des Kaiserpalastes stattfinden, aus literarischen Vorbildern. So spiegelt diese Debatte zwischen den Freigelassenen Pallas, Callistus und Narcissus ohne Zweifel die mythologische Sage vom Urteil des Paris wider, also jenen Streit zwischen den Göttinnen Aphrodite, Pallas Athene und Hera um den Apfel der Eris mit der Aufschrift „der Schönsten“. In der mythischen Sage legt Zeus das Urteil in die Hand eines Sterblichen und bestimmt den unschuldigen Jüngling Paris, den schönen, wenngleich verstoßenen Sohn des trojanischen Königs Priamos, zum Schiedsrichter. Um Paris für sich zu gewinnen, versucht jede der Göttinnen, ihn zu bestechen, und bietet ihm einen Preis an. Hera verspricht ihm die Herrschaft über die Welt, Athene verspricht Weisheit, Aphrodite hingegen bietet Paris die Liebe der schönsten Frau. Mit dieser Belohnung kann Aphrodite das Urteil für sich entscheiden, verschweigt aber, dass die schönste Sterbliche, Helena, bereits mit Menelaos, dem mächtigen König von Sparta, verheiratet ist. Dieses tückische Versprechen und der zur Erfüllung notwendige Raub der Helena lösen den Trojanischen Krieg aus und damit den Untergang Trojas.
Die Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten in der Handlung dieser beiden Geschichten lassen hier wohl nur den Schluss zu, Tacitus mehr als Literaten denn als Geschichtsschreiber zu sehen. Er stellt die Entscheidung des Claudius für Agrippina auf eine Stufe mit der Entscheidung des Paris, die zum Ausbruch des Trojanischen Krieges führte, zur Vernichtung der Herrscherfamilie und des Volkes der Trojer. Paris, der eigentlich Ausgestoßene, aber in die Familie Zurückgeholte, wird zum Auslöser des Untergangs der Seinen, ebenso wie Claudius für Tacitus diese Rolle in der Geschichte des julisch-claudischen Hauses einnimmt. Diese Episode hat eine enorme Bedeutung für die Intention des Tacitus, eine Geschichte des Verfalls zu schreiben, sie gibt aber wohl kaum die historische Realität wieder.
Agrippina und ihre Rolle in der domus Augusta
Für die Heirat mit Agrippina sprachen letztendlich ihre Abstammung von Germanicus und der älteren Agrippina und damit die augusteische Blutlinie. Da diese Ehe allerdings bedeutete, dass der Onkel seine Nichte heiratete, musste ein eigenes Sondergesetz eingebracht werden, das den Prinzeps von den üblichen Regeln der römischen Ehegesetze befreite, da er sich sonst des Inzests schuldig gemacht hätte.
Agrippina war eine Frau, die seit ihrer Geburt 15 oder 16 n. Chr. im heutigen Köln die Herrschaftsphasen dreier eng mit ihr verwandter Kaiser – Tiberius, Caligula und Claudius – erlebt, zum Teil erlitten hatte. Als einziges Kind des Germanicus hatte sie Verbannung und dynastische Machtkämpfe überlebt und aus den vermeintlichen Fehlern ihrer Vorgängerin gelernt. Sie schien nicht bereit, diese einmal erreichte Stellung wieder aufzugeben. Da sie sich bei aller öffentlichen Herausstellung ihrer Person keine Hoffnung auf eine eigene Herrschaft machen konnte, war es ihr mit allen Mitteln angestrebtes Ziel, ihren inzwischen fast zwölfjährigen Sohn zum Nachfolger des Claudius aufzubauen. Glaubt man den Quellen, bediente sie sich dabei derselben Methode der politischen Intrige, der sich alle Frauen ohne potestas und imperium bedienen mussten, wollten sie eigene Ambitionen umsetzen.
Politisch Sicherungsmaßnahmen
Um Nero die Einheirat in die Familie des Claudius zu ermöglichen, wurde dem Verlobten der Octavia, L. Iunius Silanus, vorgeworfen, Inzest mit der eigenen Schwester begangen zu haben. Sein Selbstmord öffnete den Weg für die Verlobung der Claudius-Tochter mit Agrippinas Sohn Nero. Dies kam einer doppelten dynastischen Absicherung gleich: Die eigenen Ansprüche auf die Nachfolge wurden vermehrt und anderen potentiellen Konkurrenten die Möglichkeit geraubt, sich selbst über eine Einheirat in die domus des Kaisers den Zugang zur Macht zu eröffnen. Der junge Nero hatte gegenüber dem leiblichen Sohn des Claudius den entscheidenden Vorteil, gut drei Jahre älter zu sein, und konnte so an Britannicus vorbei als präsumtiver Nachfolger aufgebaut werden. Ganz in diesem Sinne muss auch die Rehabilitierung des Seneca verstanden werden. Agrippina ließ ihn aus der Verbannung holen und machte ihn zum Erzieher ihres Sohnes. Die Allianz mit der Kaiserin beschleunigte die Karriere Senecas erheblich und katapultierte ihn in den Beraterkreis des Claudius.
Agrippinas Sinn für Machtstrukturen verdeutlichte sich ebenfalls in der ihr zugeschriebenen Umorganisation der Prätorianergarde. Offiziere, bei denen zu große Sympathien für Britannicus vermutet wurden, ließ man ersetzen, und die bisherige Doppelspitze gab man zugunsten eines einzigen Präfekten, Afranius Burrus, auf, der ein Vertrauter der Agrippina war. Die Erinnerung an Germanicus, dem die Prätorianer sich noch immer verpflichtet fühlten, tat hier ihren Dienst. Innerhalb kürzester Zeit gelang es Agrippina, das Umfeld des Claudius in ihrem Sinne personell umzugestalten. Welchem langfristigen Ziel dies diente, wurde am 25. Februar 50 n. Chr. deutlich, als Claudius ihren Sohn unter dem vielsagenden Namen Nero Claudius Drusus Germanicus Caesar adoptierte. Gleichzeitig erhielt Agrippina selbst den Ehrentitel Augusta – eine Auszeichnung, die Livia erst nach ihrem Tod und Messalina niemals erhalten hatte. Weitere Ehrungen, wie die Platzierung auf einem eigenen Tribunal bei gemeinsamen Auftritten mit ihrem Mann, die Benutzung des carpentum, einer Kutsche, oder das Tragen eines mit Goldfäden verzierten Feldherrenmantels (paludamentum) sowie der eigenständige Empfang von Gesandtschaften, nährten in der römischen Öffentlichkeit den Eindruck, Agrippina habe mehr die Rolle einer Mitregentin als die einer traditionell zurückhaltender agierenden Ehefrau. Auch in der Münzprägung nahm sie eine dem Herrscher fast gleichrangige Position ein.
Autobiographie
Als eine absolute Ausnahme unter den Herrscherfrauen zeigte sie sich als Verfasserin einer Autobiographie, die dem Tacitus bei der Abfassung seiner Annalen vorlag und auch vom älteren Plinius in seiner Naturkunde zitiert wird. Dies gibt einen Einblick in die Selbstwahrnehmung dieser Frau, galt die Abfassung der eigenen Lebensgeschichte doch seit Augustus als ein Herrscherprivileg. Vermutlich entstand das Werk nach ihrer Entmachtung 55 n. Chr. und muss als eine Art Generalabrechnung verstanden werden. Agrippinas eigene Handschrift in einem übertragenen Sinn zeigte sich auch in der Einrichtung einer römischen Veteranenkolonie in einer Stadt, in der ihre Eltern einen Teil ihres Lebens verbracht hatten, der Hauptstadt der civitas Ubiorum, die ab dem Jahr 50 n. Chr. den Namen Colonia Claudia Ara Agrippinensium (heute Köln) erhielt.
Agrippinas Rolle beim Machtwechsel
Die Aufwertung der eigenen Person nutzte Agrippina stets auch zur Erhöhung ihres Sohnes Nero. Im Jahr 51 n. Chr. erhielt Nero die Männertoga, obwohl er noch nicht sein 14. Lebensjahr vollendet hatte, und wurde anschließend supra numerum in alle vier großen römischen Priesterkollegien aufgenommen. Diese Ehrung übertraf selbst das, was Augustus jemals für seine Adoptivsöhne an Ehrungen gestattet hatte. Auf Anregung des Senates erhielt der junge Mann auch das Privileg, bereits mit 19 Jahren ein Konsulat zu bekleiden, bis dahin sollte er princeps iuventutis sein. Neros Position als Nachfolger wurde schließlich durch ein imperium proconsulare extra urbem gefestigt. Er verteilte auch bereits Geldgeschenke an die Soldaten und die plebs urbana und hielt eine Dankesrede im Senat. 53 n. Chr. heiratete er schließlich die Kaisertochter Octavia und war damit dank seiner Mutter Agrippina bereit zur Übernahme der Herrschaft.
Glaubt man den Quellen, so verschlechterte sich das Verhältnis zwischen Claudius und Agrippina im Laufe des Jahres 54 n. Chr. dramatisch. Ein Grund für dieses Zerwürfnis mag im Heranwachsen des Britannicus gelegen haben, der nun auch bald die Männertoga anlegen sollte und damit eine Gefahr für Neros Machtansprüche geworden wäre. Diese Nachrichten auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, ist ebenso unmöglich wie die Überprüfung der angeblichen Vergiftung des Claudius mit einem Pilzgericht am 13. Oktober 54 n. Chr. durch Agrippina. Der Tod des Claudius soll vor der Öffentlichkeit noch einige Stunden geheimgehalten worden sein, um die Vorbereitungen für Neros Thronbesteigung treffen zu können. Nero wurde in die Kaserne der Prätorianer gebracht, wo er sich die Unterstützung der Soldaten durch eine wohl von Seneca vorbereitete Rede und ein Geldgeschenk sicherte. Genau wie beim Herrschaftsantritt des Claudius akklamierten auch ihn zunächst die Prätorianer zum imperator. Anschließend begab Nero sich in den Senat, der entsprechend vorbereitet war und ihm die tribunicia potestas und weitere nötige Kompetenzen verlieh. Nun informierte man die Öffentlichkeit über den Tod des Claudius und die Ernennung des Nachfolgers Nero. Agrippina blieb beim reibungslosesten Herrschaftswechsel in der Geschichte der julisch-claudischen Dynastie im Hintergrund. Die erste Parole, die Nero den Prätorianern bei der Wachablösung erteilt haben soll, offenbarte allerdings ihre Rolle und das Wissen ihres Sohnes um diese Rolle, sie lautete „Die beste Mutter!“.
Eine realistische Einschätzung der so widersprüchlichen Herrscherfigur des Claudius kann nur gelingen, wenn man auch der zweiten Gruppe die nötige Aufmerksamkeit schenkt, die in den Quellen übereinstimmend als äußerst einflussreich am Hof dieses Kaisers beschrieben wird. Mehrfach bereits ist die Rolle der liberti, der großen Freigelassenen des Claudius angeklungen, die unter ihm in zentrale Positionen nicht nur innerhalb der kaiserlichen domus oder in der Verwaltung seiner Besitzungen, sondern auch in der Politik gelangten, und sie soll an dieser Stelle einer systematischen Betrachtung unterzogen werden.
Freigelassene in Republik und frühem Prinzipat
Bereits in den Zeiten der römischen Republik griffen die römischen Aristokraten auf die Hilfe von Freigelassenen zurück, um private oder geschäftliche Arbeiten erledigen zu lassen. Diese Männer waren hochgebildet und genossen eine Vertrauensstellung. Da die römischen Amtsträger kaum auf eine administrative Infrastruktur zurückgreifen konnten und vor allem die römischen Provinzen keine öffentliche Verwaltung im modernen Sinne besaßen, waren die Freigelassenen für ihre Herren auch bei der Amtsführung in Rom und in den Provinzen unersetzlich.
Durch die Doppelfunktion des kaiserlichen Haushaltes, der einerseits stets aristokratische domus blieb, auf der anderen Seite aber zur politischen Schaltzentrale wurde, begannen diese Freigelassenen zunehmend auch politische Aufgaben zu übernehmen. Dabei ergab sich aus der ambivalenten Rolle des Prinzeps eine Schnittstelle zwischen privater und öffentlicher Person. Eine solche Ambivalenz spiegelt sich auch in der folgenden Inschrift wider.
Quelle
Grabinschrift eines Freigelassenen des Kaisers Claudius (AE 1990, 72)
Ti(berius) Claudius/Aug(usti) l(ibertus) Aesius/a memoria/accensus et/procurator aedium/sacrarum locorumq(ue) publicorum.
Tiberius Claudius Aesius, kaiserlicher Freigelassener, Leiter (des Verwaltungsbereichs) a memoria, Amtsdiener und Verwalter der Tempel und öffentlichen Plätze.
Die römische Grabinschrift beschreibt die Karriere des Tiberius Claudius Aesius, eines Freigelassenen des Kaisers Claudius. Die Inschrift gibt seinen beruflichen Werdegang in umgekehrter Reihenfolge wieder (cursus inversus). Zunächst bekleidete er demzufolge den Posten eines Verwalters der Tempel und öffentlichen Plätze – ein eindeutig dem öffentlichen Bereich zuzuordnendes Amt –, um dann als persönlicher Referent (accensus) dem Kaiser zuzuarbeiten und schließlich von diesem mit der Leitung des Amtsbereichs a memoria betraut zu werden, was wohl bedeutete, dass er das kaiserliche Archiv führte. Dieser zuletzt genannte Posten war die höchste Stufe seiner Karriereleiter.
Neue Funktionen seit Caligula
Bereits unter Caligula hatte die Rolle der Freigelassenen des kaiserlichen Haushalts eine neue Qualität erhalten. Nach der Verschwörung des Jahres 39 n. Chr. gestaltete Caligula sein persönliches Umfeld völlig um. Dieser Schritt, der in der Forschung als „Entaristokratisierung“ bezeichnet wurde, hob unter anderem die Freigelassenen systematisch in eine neue Vertrauensposition, indem ihnen politische Aufgaben übertragen wurden. Männer wie Helikon, Protogenes oder Callistus, der unter Claudius noch von sich Reden machen sollte, wurden nun in den Quellen häufig erwähnt und vor allem in der senatorischen Geschichtsschreibung aufs schärfste kritisiert und diffamiert.
Senatorische Kritik
Die Senatoren, die aufgrund ihrer höchsten gesellschaftlichen Stellung für sich die politische und soziale Position an der Seite des Prinzeps reklamierten, konnten diese Aufsteiger aus der sozial stigmatisierten Gruppe der ehemaligen Sklaven, die beinahe uneingeschränktes Zugangsrecht zum Kaiser besaßen und nun auch die politischen Weichen stellten, nur schwer ertragen. Zudem erschlossen sich diese Männer natürlich auch finanzielle Ressourcen, die bislang der Oberschicht vorbehalten waren. Aufschlussreich für die Entwicklungen unter Claudius und die senatorische Kritik daran ist wiederum Tacitus.
Quelle
Kritik an der Rolle der kaiserlichen Freigelassenen unter Claudius (Tac. Ann. 12, 53)
Für [den kaiserlichen Freigelassenen] Pallas, den der Kaiser als geistigen Vater dieses Antrags bezeichnet hatte, beantragte der designierte Konsul Barea Soranus die Insignien eines Prätors und die Zahlung von 15 Millionen Sesterzen. Hinzugefügt wurde von Scipio Cornelius, man müsse ihm öffentlichen Dank sagen, dass er trotz seiner Abkunft von den Königen Arkadiens seinen uralten Adel dem Staatswohl hintansetze und sich zu den Dienern des Prinzeps zählen lasse. Da versicherte Claudius, zufrieden mit seiner Ehrung sei Pallas und wolle in seiner bisherigen Armut verbleiben. Und wirklich wurde auf einer Erztafel der Senatsbeschluss öffentlich angebracht, wonach der Freigelassene, Eigentümer von 300 Millionen Sesterzen, wegen seiner Sparsamkeit mit Lobsprüchen überhäuft wurde. (Übersetzung E. Heller)
Die Beziehung von Prinzeps und Freigelassenen
Für die Principes besaßen die kaiserlichen Freigelassenen aber unbestreitbare Vorteile gegenüber Mitarbeitern aus den Reihen der Senatoren oder der Ritter. Durch ihre spezielle Bindung an den Kaiser als Patron waren sie gänzlich von dessen Gunst abhängig. Der Prinzeps konnte sie jederzeit ersetzen, ohne auf öffentliche Belange Rücksicht nehmen zu müssen. Als Patronus besaß der Kaiser zudem ein Zugriffsrecht auf die Vermögen der Freigelassenen. Während sich die senatorischen und ritterlichen Amtsträger jederzeit auf ihren gesellschaftlichen Rang zurückziehen konnten, der ihnen eine gewisse Sicherheit gab, war die persönliche Sicherheit der Freigelassenen direkt vom Prinzeps abhängig. Ihre gesamte Existenz hing am Leben und Überleben des jeweiligen Kaisers, an dessen Wohlergehen sie darum in der Regel – hier gibt es Ausnahmen – ein großes Interesse hatten. Nicht selten benutzte der Kaiser die Freigelassenen auch als Bauernopfer, um einer aufgebrachten römischen Öffentlichkeit einen Schuldigen für Fehlleistungen des kaiserlichen Hauses bieten zu können.
Claudius und die Freigelassenen
Unter Claudius stiegen Männer aus dem Stand der Freigelassenen in zentrale Ämter in der Reichsverwaltung auf. Claudius selbst verfügte über wenig Erfahrung in der praktischen Ausübung des Herrscheramtes und griff aus diesem Grund auf die Freigelassenen seines Vorgängers zurück. Für seine Herrschaftszeit sind mehrfach Namen und Ämter von Freigelassenen belegt. So bekleidete Narcissus das Amt ab epistulis, war also verantwortlich für die Korrespondenz des Kaisers. Pallas hatte das Amt a rationibus inne und war damit für die Finanzen des Kaisers zuständig. Callistus bearbeitete als a libellis die Eingaben und Petitionen, die an Claudius gerichtet wurden, und Polybius war als a studiis mit Archivaufgaben betraut. Dass Claudius sich damit in eine Abhängigkeit begab, steht außer Frage, dass diese Abhängigkeit zwangsläufig einen „schwachen Kaiser“ produzierte, trifft nicht zu.
Ganz ähnlich wie im Fall der kaiserlichen Frauen war die Sonderstellung dieser Männer nicht durch ein reguläres Amt legalisiert. Sie unterlag daher zwar nicht den damit verbundenen Beschränkungen, hatte aber außer dem Vertrauen des Kaisers auch keine anderen Sicherheiten zu bieten. Drohte dieses zu schwinden oder sahen die Freigelassenen die Position ihres Patronus gefährdet, wandten sie sich daher auch neuen Thronaspiranten zu oder suchten sich Verbündete innerhalb des kaiserlichen Haushalts oder im Umfeld des Herrschers. Je stärker diese Verbündeten waren, umso sicherer schien die Position der Freigelassenen, und so lassen sich die Allianzen zwischen Freigelassenen und Herrscherfrauen oder Prätorianern erklären. Die eigenen Netzwerke und sozialen Beziehungen ersetzten die Sicherheit einer Rangstellung. Was in den Quellen als Hofintrige, sexuelles Verhältnis oder korrupte Machenschaften rein negativ dargestellt wird, muss wohl eher als Versuch gewertet werden, die eigenen Handlungsspielräume zu nutzen.
Welchen Stellenwert muss man Claudius in der Reihe der julisch-claudischen Herrscher einräumen? Es erweist sich als schwierig, dieser Herrschergestalt mit einem eindimensionalen Urteil gerecht zu werden, auch wenn die Forschung dies von ganz unterschiedlichen Ansätzen ausgehend und ganz unterschiedliche Ergebnisse erzielend immer wieder versucht hat. Ältere Verdikte, etwa Claudius sei ein „Mann ohne eigenen Willen“ gewesen (Mommsen), stehen neueren Meinungen gegenüber, die Claudius zum „first Roman emperor“ erklären (Levick, in der Nachfolge C.E. Stevens) und seiner Regierungszeit den Charakter einer Zeitenwende verleihen wollen. Dass ein Urteil über Claudius alles andere als einfach zu fällen ist, liegt in erster Linie an der Widersprüchlichkeit der Quellen. Bei allen Autoren finden wir Berichte über die offenbar unbestreitbaren Leistungen des Claudius neben Beschreibungen eines im besten Fall seltsamen, im schlimmsten Fall bösartigen und blutrünstigen Charakters.
Mit Blick auf seine Bildung muss man Claudius sicherlich eine Sonderstellung in der Reihe der julisch-claudischen Herrscher einräumen. In der Provinzialverwaltung, in der Baupolitik und in der Gesetzgebung verdankte ihm das Reich zahlreiche Entscheidungen, die nachhaltige Entwicklungen anstießen. Bereits zu Lebzeiten, vor allem aber in den Augen der Nachwelt prägte das schwierige Verhältnis zum Senat die Sicht auf den Prinzipat des Claudius. In dieser Gruppe hatte Claudius ein Akzeptanzproblem, das durch seine Biographie und eine Reihe von Prozessen gegen mutmaßliche oder tatsächliche Konkurrenten aus den Reihen der Senatoren bestimmt war.
Körperliche Defizite in der Antike
Aus heutiger Sicht problematisch erscheint die starke Ablehnung dieses Kaisers in den Quellen aufgrund seiner körperlichen Defizite. Allerdings muss man sich dabei vor Augen halten, dass die Antike ein anderes Körper- und Menschenbild besaß. Positive und zur Herrschaft befähigende Eigenschaften spiegelten sich nach antiken Maßstäben immer auch im äußeren Erscheinungsbild eines Menschen. Ein physisches Handicap war in vormodernen Gesellschaften weitaus mehr als eine Einschränkung des Lebens, es stigmatisierte den Menschen in seiner sozialen Rolle. Wenn Personen mit körperlichen Missbildungen in der antiken Kunst abgebildet wurden, stellte dies in der Regel einen Ausdruck des fremden und sozial Andersartigen dar, zu dem man auf Distanz ging. Der degradierende und ausgrenzende Umgang mit Körperbehinderten hatte eine lange Tradition in der römischen Gesellschaft. Bereits in der ältesten römischen Rechtskodifikation, dem 12-Tafel-Gesetz, wurde die Aussetzung oder gar Tötung behinderter Kinder erlaubt. Gleichzeitig galt körperliche Missbildung als warnendes Zeichen der Götter, war also religiös aufgeladen. Aber die Römer hatten auch eine für uns heute schwer nachvollziehbare Freude daran, sich an Missgebildeten zu ergötzen und sie zu ihrer Belustigung einzusetzen. Man ließ kleinwüchsige Menschen zur Unterhaltung auftreten oder in der Arena kämpfen.
Ein römischer Aristokrat, der eine körperliche Behinderung hatte, musste in besonderer Weise seine Befähigung zur Wahrnehmung seiner gesellschaftlichen und politischen Rolle unter Beweis stellen. Er stand unter einem ständigen Rechtfertigungszwang. Dies traf natürlich umso mehr für den Kaiser selbst zu. Vor diesem Hintergrund wird auch der Konflikt verständlich, in dem sich die Familie des Claudius befand. Sie verwehrte ihm eine öffentliche Rolle, weil sie eben besonders unter dem Druck der öffentlichen Meinung und Wahrnehmung stand. Für die Familie war Claudius aufgrund seiner physischen Einschränkungen niemals ein ernsthafter Kandidat für ein Amt, geschweige denn für die Nachfolge im Prinzipat.
Senecas Apokolokýntosis
Kein Urteil über den Kaiser Claudius kann vollständig sein, ohne auf jenes Schmähgedicht des zeitgenössischen Dichters Seneca einzugehen, welches das Bild des Claudius in der Nachwelt prägte und für das Cassius Dio den Titel „Verkürbissung des Claudius“ (Apokolokýntosis) überliefert. Es wirft ein Schlaglicht auf den Umgang senatorischer Kreise mit Claudius und seiner Behinderung. Seneca, der mit Hilfe der Agrippina zum wichtigsten Berater des jungen Nero aufgestiegen war, hatte zunächst mit dafür gesorgt, dass der verstorbene Claudius ein angemessenes Staatsbegräbnis erhielt. Die Leichenrede, die Nero bei der Trauerfeier verlas, soll von ihm verfasst worden sein. Relativ bald nach diesem Ereignis zirkulierte aber am Hof eine wohl ebenfalls von Seneca verfasste Satire, deren Titel in Anspielung auf die Apothéosis, also die offizielle Vergöttlichung des Claudius, gewählt worden war und diesen verunglimpfte.
Das mit viel Liebe zum Detail in Form einer Menippeischen Satire verfasste Stück beschreibt die gescheiterte Himmelfahrt des Claudius mit zahlreichen politischen, familiären, religiösen und literarischen Anspielungen. Höhepunkt ist ein Göttergericht, in dem die Olympier über die Aufnahme des Claudius in ihren Kreis debattieren. Als es Streit darüber gibt, ergreift der ebenfalls anwesende göttliche Augustus das Wort:
Quelle
Augustus über Claudius in Senecas Apokolokýntosis (Sen. apocol. 11, 3)
„Diesen Menschen wollt ihr jetzt zum Gott machen? Seht seinen Körper an: Der Zorn der Götter stand über seiner Geburt! Kurz gesagt: Drei Wörter mag er ohne Stocken aussprechen, dann kann er mich als Sklaven mitnehmen. Wer wird denn diesen Typ als Gott verehren? Wer wird an ihn glauben?“ (Übersetzung G. Binder)
Die Rede des Augustus gibt den Ausschlag, Claudius den Zugang zum Olymp zu verweigern und ihn in die Unterwelt zu verbannen, wo er mit seinen Opfern konfrontiert wird und schließlich als Sklave des Caligula endet. Seneca – so einige seiner modernen Interpretatoren entschuldigend – schrieb diese Polemik, die doch so wenig dem Ideal stoischer Gelassenheit entsprach, für den hofinternen Gebrauch. Sie sei angeblich niemals für die breite Öffentlichkeit gedacht gewesen und müsse als Ventil begriffen werden, mit dem der Hof den unter Claudius unerträglich gewordenen psychischen Druck verarbeitet habe. Es bedarf allerdings keiner Entschuldigung Senecas, da dies implizieren würde, die Apokolokýntosis sei eine Abweichung von dem gewesen, was bei Hof über (den toten) Claudius kolportiert wurde. Viel eher jedoch als die bald nach dem Tod des Claudius verfasste Schrift de clementia, jene von der Philosophie der Stoa getragene Anleitung zur maßvollen Amtsführung an den jungen Herrscher Nero aus der Feder des Seneca, spiegelt dieses Werk die Stimmung am Hof und bei vielen Senatoren wider, unter der Neros Prinzipat seinen Anfang nahm.
Der Prinzipat des Claudius ermöglicht einen Einblick in die Voraussetzungen erfolgreicher Machtpolitik: Seine Thronerhebung erfolgte mit Hilfe der Prätorianer, die eine Stütze seiner Herrschaft blieben. Legitimation erlangte er durch kluge innen- und außenpolitische Maßnahmen, wie beispielsweise die Neuorganisation der Getreideversorgung und der Rechtsprechung, ein umfangreiches Bauprogramm mit stark utilitaristischem Charakter, durchdachte Personalpolitik, einen Verzicht auf religiöse Überhöhung der eigenen Position, eine erfolgreiche Eroberungspolitik mit entsprechender propagandistischer Darstellung der Siege und eine Aufwertung der Provinzialen durch Aufnahme in die Reichsaristokratie, vor allem in den Senat. Inschriften und Münzen deuten darauf hin, dass es Claudius gelang, die eigene Person, die Erfolge seiner Herrschaft sowie seine Familienpolitik positiv darzustellen. Dennoch findet sich Claudius’ Name in der Betrachtung späterer Quellen stets unter jenen Herrscherfiguren, die negativ beurteilt werden. Diese Diskrepanz ist einmal mehr den Quellen geschuldet. Die senatorische Perspektive stellt die aus Gründen der Machtsicherung erfolgten politischen Prozesse und Hinrichtungen in den Fokus ihrer Beurteilung und konzentriert sich vor allem auf den Hof und das vermeintliche Versagen des Claudius seinen Frauen und Freigelassenen gegenüber.
Ginsburg, J.: Representing Agrippina: Constructions of Female Power in the Early Roman Empire, Oxford 2006. Exemplarische Studie zur Rolle der Kaiserfrauen in der antiken Literatur.
Kolb, A. (Hg.): Augustae. Machtbewusste Frauen am römischen Kaiserhof? Herrschaftsstrukturen und Herrschaftspraxis II, Akten der Tagung in Zürich 18.–20.9.2008, Berlin 2010. Untersuchungen zu den politischen Einflussmöglichkeiten von Kaiserfrauen und den sozialen, ökonomischen sowie dynastischen Grundlagen ihrer Macht.
Levick, B.: Claudius, London, New York 22015. Aktualisierte Überarbeitung der 1990 erstmals vorgelegten exzellenten Studie zur Evolution des frühen Prinzipats anhand der politischen Biographie des Kaisers Claudius.
Osgood, J.: Claudius Caesar: Image and Power in the Early Roman Empire, Cambridge, New York 2011. Sehr gut lesbare Biographie des Claudius mit einer erfrischenden Skepsis den literarischen Quellen gegenüber, starkem Fokus auf den dokumentarischen Quellen und der Frage nach Kommunikation, Repräsentation und Symbolik von Herrschaft im Mittelpunkt.
Ronning, C.: Zwischen ratio und Wahn: Caligula, Claudius und Nero in der altertumswissenschaftlichen Forschung, in: Zwischen Strukturgeschichte und Biographie. Probleme und Perspektiven einer neuen Römischen Kaisergeschichte, hrsg. v. A. Winterling, München 2011, S. 253–276. Untersuchung moderner Biographien zu den genannten Kaisern und Erörterung der Frage nach dem wissenschaftlichen Sinn des biographischen Zugangs.
Strocka, V.M. (Hg.): Die Regierungszeit des Kaisers Claudius (41–54 n. Chr.). Umbruch oder Episode? Internationales, interdisziplinäres Symposion aus Anlass des hundertjährigen Jubiläums des Archäologischen Instituts der Universität Freiburg i. Br., 16.–18. Februar 1991, Mainz 1994. Interdisziplinärer Sammelband, der historische, archäologische und kunsthistorische Fragestellungen in einem holistischen Ansatz vereint.