VIII. Nero

Überblick

Nero, der letzte Kaiser der julisch-claudischen Dynastie, gehört sicherlich zu den bekanntesten Herrschergestalten der Antike. Dies hat seine Ursachen in der in vieler Hinsicht unkonventionellen Persönlichkeit dieses Kaisers, die im Zusammenspiel verschiedener Überlieferungstraditionen eine extreme Ablehnung in den Quellen erfuhr. Im Hinblick auf dynastische Legitimation, reibungslosen Herrschaftsantritt, Umfeld und Akzeptanz bei Senat, Militär und Bevölkerung schien seine Regierung eine ideale Ausgangsbasis zu haben. Dennoch endete sie nach knapp 14 Jahren durch einen Putsch militärischer Verbände, weil es Nero nicht gelang, die Erwartungshaltungen an seine Person zu erfüllen. Seine sich stetig steigernden künstlerischen Ambitionen und eine schon von Zeitgenossen als exzessiv empfundene Ausgabenpolitik, u.a. für Bauprojekte, die auch mit einer finanziellen Überlastung der Reichskassen einherging, brachten ihm Kritik und Akzeptanzverlust bei den herrschaftsrelevanten Gruppen ein.

Zeittafel  
15.12.37 n. Chr. Geburt in Antium
39 n. Chr. Tod des leiblichen Vaters, Verbannung der Mutter Agrippina Minor
49 n. Chr. Verlobung mit der Claudius-Tochter Octavia
25.2.50 n. Chr. Adoption durch Claudius, neuer Name: Nero Claudius Caesar Drusus Germanicus
51 n. Chr. Ernennung zum princeps iuventutis und Übertragung eines imperium proconsulare extra urbem, Aufnahme in alle Priesterkollegien
53 n. Chr. Heirat mit Octavia
13.10.54 n. Chr. Erhebung zum Kaiser
55 n. Chr. Wahl zum pontifex maximus, Annahme des pater patriae-Titels
März 59 n. Chr. Ermordung der Agrippina
60 n. Chr. Einrichtung neuer Spiele (Neronia) in Rom
61 n. Chr. Aufstand in Britannien
62 n. Chr. Heirat mit Poppaea Sabina
Juli 64 n. Chr. Brand Roms
65 n. Chr. Aufdeckung der Pisonischen Verschwörung
66 n. Chr. Empfang des armenischen Königs Tiridates in Rom
66–67 n. Chr. Griechenland-Tournee
66–71/74 n. Chr. Jüdischer Krieg
9.6.68 n. Chr. Tod Neros und damnatio memoriae

1. Die Quellen und ihre Probleme

Das negative Bild Neros in den antiken Quellen

Wie kein anderer Prinzeps steht Nero im Ruf, ein miserabler Prinzeps, ein narzistischer Künstler-Kaiser und ein grausamer Mensch gewesen zu sein. Dieses Bild ist eine von den Quellen erschaffene Fiktion ex eventu. Hatten die antiken Autoren bei den bisher behandelten Kaisern der julisch-claudischen Dynastie bereits stark manipulativ in die Gestaltung von Figuren und Ereignissen eingegriffen, so konstruierten sie um die Person Neros herum eine geradezu dystopische Gegenwelt. Dies taten sie mit verschiedensten Intentionen und aus unterschiedlichsten Motiven. Politische Gründe hatten vor allem die Schriftsteller der flavischen Epoche (69–96 n. Chr.), allen voran die Dichter Martial und Juvenal, aber auch Plinius der Ältere oder Flavius Josephus. Ihnen war daran gelegen, eine möglichst große Distanz zwischen dem letzten Spross der Julier und Claudier und den neuen flavischen Herrschern zu erschaffen. Plinius der Ältere kann als exemplarisch gelten. In seiner Naturkunde erklärte er Nero zum Feind des Menschengeschlechts (hostis generis humani). Der Beginn der flavischen Herrschaft markierte offenbar einen Wendepunkt, an dem der extrem negativ gestaltete Diskurs um die Person Neros begann, der sich später in eine geradezu hasserfüllte Ablehnung dieses Kaisers steigerte. Die Autoren des 2. und 3. Jahrhunderts n. Chr. – Tacitus, Sueton oder Cassius Dio – griffen also in ihren Werken auf ein bewährtes und beim Publikum antizipiertes Nerobild zurück, schmückten es aus, trieben es nicht selten literarisch auf die Spitze, bewegten sich dabei aber immer in bekannten Bahnen tyrannischer Topoi: Nero der Muttermörder, der Bruder- und Gattenmörder, der despotische Herrscher, der Brandstifter und exzentrische Künstler.

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Abb. 13 Kopf des Nero von einer überlebensgroßen, etwa 2,40 m hohen Statue, nach 64 n. Chr. Glyptothek, München.

Diese negative römische Tradition bildete gemeinsam mit einer einflussreichen jüdischen antirömischen Polemik den Grundstein einer christlichen Überlieferung, die Nero als vermeintlich ersten Verfolger der Christen verurteilte und in ihm einen Vorläufer des Antichristen sah.

Die Schwierigkeit der Dekonstruktion

Dem gegenüber steht allerdings eine Reihe von zeitgenössischen oder unverdächtigen späteren Zeugnissen der Literatur und der materiellen Überlieferung, die mit diesem Nerobild nur schwer in Einklang zu bringen sind. Das von Aurelius Victor dem Trajan zugeschriebene dictum, Neros Herrschaft habe in den ersten fünf Jahren diejenige aller anderen Kaiser von Augustus bis Hadrian übertroffen, konterkariert das Nerobild eines Tacitus, Sueton oder Cassius Dio wohl am stärksten. Hier und vor allem in den dokumentarischen Quellen begegnet man einem Kaiser Nero, der eine durchdachte Sachpolitik betrieb, die vor allem geprägt war von einer innovativen und umfassenden Baupolitik, aber auch von stringenten außenpolitischen Handlungen, problemorientiertem Agieren in der Fiskal- und Steuerpolitik und konsequenter Einbindung der provinzialen Eliten. Teile der Forschung neigen in jüngerer Zeit sogar dazu, Neros vermeintlich irrationale Herrschaftsweise als den Versuch einer konzeptionell eigenen, an hellenistischen Vorbildern orientierten Ausgestaltung des Prinzipats zu deuten, und knüpfen damit an die Neubewertung des Caligula an. Dafür gibt es durchaus gute Gründe, wie im Folgenden immer wieder deutlich werden wird. Letztendlich lässt sich die negative Umdeutung Neros aber niemals in Gänze aufheben, und jeder Versuch einer Rehabilitierung, der immer mit der Dekonstruktion der vorliegenden Hauptquellen einhergeht, erschafft eine Leerstelle, die mit nur wenigen verlässlichen Informationen zu füllen ist.

Stärker als für jeden anderen Kaiser ist es also für Nero angebracht, die Überlieferung zu hinterfragen, ohne sie jedoch gänzlich ablehnen zu können. Punktuell – wie im Fall seiner Baupolitik – erscheint es möglich, Neros Verhalten rational zu deuten, Ablehnung in den Quellen erklärbar zu machen oder als Erfindung zu entlarven. Bei anderen überlieferten Ereignissen – wie dem Mord an seiner Mutter – bietet sich kaum Raum für Interpretation und es bleibt unmöglich, durch das Geflecht der antiken Stimmen zu einer historischen Wahrheit vorzudringen, auch wenn die Forschung zahlreiche Versuche unternommen hat, Nero zu entlasten.

2. Quinquennium Neronis

Aurelius Victor und die guten fünf Jahre

Schenkt man jener dem Kaiser Trajan zugeschriebenen und ausschließlich von Aurelius Victor, dem spätantiken Verfasser eines kurzgefassten Geschichtswerks (Breviarium), überlieferten Aussage vom quinquennium Neronis Glauben, erwies sich Neros Herrschaftsbeginn als Segen für Rom und das Reich.

Quelle

Trajan über Neros Herrschaftsbeginn (Aur. Vict. Caes. 5, 2)

Er, der in noch sehr jugendlichem Alter ebensolange an Jahren wie sein Stiefvater die Herrschaft innehatte, zeichnete sich immerhin fünf Jahre lang [quinquennium] derart aus, zumal durch die Verschönerung der Stadt, dass Trajan mit Recht des öfteren bekräftigte, alle Kaiser blieben weit hinter Neros ersten fünf Jahren zurück. (Übersetzung Groß-Albenhausen/Fuhrmann)

Bei der Deutung dieser Quelle sollte man nicht außer Acht lassen, dass schon die Zeitgenossen bewusst versuchten, jene Jahre, in denen Nero unter Anleitung seines Erziehers Seneca, des Prätorianerpräfekten Burrus und seiner Mutter Agrippina regierte, als positiv zu stilisieren, um damit seine Grausamkeiten, aber auch die zweifellos vorhandene Kooperation des Senats in späteren Jahren zu relativieren. Auch scheint es gerade für die jung auf den Thron gelangten Herrscher ein erzählerisches Muster in den Quellen gegeben zu haben, das schon bei Caligula sichtbar wurde: Den jugendlichen Kaisern wurde häufig ein gelungener Beginn konzediert, der aber den Durchbruch des wahren Charakters nur umso dramatischer wirken ließ. Dennoch spricht einiges dafür, Trajans Worten Glauben zu schenken, bezog er sich doch in erster Linie auf die im Stadtbild sichtbare Baupolitik und wurden sie doch mit Trajan einem in der Baupolitik selbst äußerst engagierten Kaiser in den Mund gelegt.

Die memoria des Claudius

Nero profitierte bei seinem Herrschaftsantritt ganz erheblich von seiner direkten Abstammung von Augustus, während seinem jüngeren Konkurrenten Britannicus sowohl seine weniger herausragende Abkunft als auch die Ressentiments der Senatoren dem Claudius-Sohn gegenüber schadeten. Die von Seneca verfasste Satire auf Claudius traf wohl die Stimmungslage der Senatoren, die jenen Prinzeps aus aristokratischer Perspektive für den Tiefpunkt der Dynastie hielten. Offiziell allerdings erhielt Claudius ein Staatsbegräbnis, wurde anschließend durch die Erhebung unter die Götter zum Divus Claudius und man dekretierte ihm einen Tempel. Sein offizieller Kult in Rom wurde in die bereits bestehende Priesterschaft für den vergöttlichten Augustus integriert, die sich nun Augustales Claudiales nannte. Die Überreste des heute noch in Teilen existierenden templum divi Claudii kann man als außergewöhnliche Architektur bezeichnen, die im Widerspruch zu jenen Quellen steht, die diese Ehrung des verstorbenen Claudius als bloße Inszenierung verunglimpfen. Sowohl die Monumentalität der gesamten Anlage als auch ihre Lage sprechen eher dafür, dass man hier neben dem Tempel des vergöttlichten Augustus, in dem auch Livia als Diva Augusta mitverehrt wurde, einen weiteren architektonischen Ankerpunkt des julisch-claudischen Kaiserkultes in der Stadt erschaffen wollte. Vor allem Agrippina wird als Gestalterin der postumen claudischen Erinnerung dargestellt und erweist sich damit einmal mehr als Frau mit politischem Weitblick. Erst unter Vespasian (69–79 n. Chr.) wurde der Tempel des vergöttlichten Claudius vollendet. Der Begründer der flavischen Dynastie demonstrierte damit explizit seine Kontinuität zu Claudius unter Umgehung des der damnatio memoriae anheimgefallenen Nero.

Die Berater

Wie stark der Einfluss Neros selbst in dieser Zeit auf die Staatsgeschäfte war, ist kaum mehr nachzuvollziehen. Generell vermitteln die Quellen den Eindruck, Burrus und Seneca hätten sich gemeinsam mit Agrippina um die Abwicklung des Tagesgeschäftes gekümmert und dabei auch den Senat eingebunden. Diese Darstellung scheint angesichts des Alters des gerade 17-jährigen Nero sowie der Erfahrenheit seiner Mutter und seiner Berater durchaus glaubhaft. Keine einzige politische Entscheidung der ersten fünf Jahre lässt sich allerdings gesichert mit der Person Senecas oder Burrus’ verbinden, lediglich die exponierte Stellung Agrippinas in der frühen neronischen Münzprägung mag dem Einfluss der Mutter zugeschrieben werden. Wie glaubhaft jene Nachrichten sind, denen zufolge Agrippina auch im Prinzipat Neros vor politischen Morden zur Absicherung der Macht ihres Sohnes nicht zurückschreckte und denen zufolge Nero sich ganz den Ausschweifungen eines jugendlichen Aristokratenlebens widmete, muss offenbleiben. Zerwürfnisse im inneren Machtzirkel scheinen aber bald zutage getreten zu sein.

Agrippina erscheint in der Münzprägung Neros in einer Art halboffizieller Stellung, die für die Kaisermutter nicht vorgesehen war und die ihr Burrus oder Seneca auch nicht zugestehen wollten. Als Augusta, Kaiserwitwe, Kaisermutter, Priesterin des vergöttlichten Claudius und einflussreiche Patronin verfügte Agrippina einerseits über realpolitische Einflussmöglichkeiten, andererseits aber auch über eine Fülle an symbolischem Kapital, das sie einsetzen konnte, um die Dinge in ihrem Sinne zu steuern. In politischen Fragen allerdings, die mit Amtsgewalt und Befehlsausübung verbunden waren, war sie zwingend darauf angewiesen, über ihren Sohn Einfluss zu nehmen. Hier verliefen die Grenzen ihrer Macht, die für sie nicht zu überschreiten waren, und hier verschwammen gleichzeitig die Grenzen zwischen der offiziellen Rolle des Prinzeps und der privaten Rolle des Sohnes. Die Quellen suggerieren ein daraus erwachsendes Dilemma.

Agrippina, die sich und ihren Sohn mit großer Zähigkeit, persönlichen Opfern und einem hohen Maß an Skrupellosigkeit an die Macht gebracht hatte, musste nun zusehen, wie ihr Zugriff auf den Prinzeps Nero schwand. Glaubt man den Quellen, stieß Neros außereheliche Beziehung zu einer Freigelassenen namens Acte auf den Unmut der Mutter. Agrippina soll auf diese Liaison, die sie als Beeinträchtigung ihres persönlichen Einflusses verstand, ausgesprochen verärgert reagiert haben, während Burrus und Seneca ihr positiv gegenüberstanden. Eine Frau aus dem Stand der Freigelassenen galt als rechtlich infame Person, mit der aus formaljuristischer Perspektive kein Ehebruch möglich war. Agrippina aber soll nun zum Beweis ihrer Macht den zweiten Claudius-Sohn, Britannicus, nachdrücklich gefördert haben. Nero verstand diesen Versuch seiner Mutter, ihre Macht als Königsmacherin zu demonstrieren, und ließ – so der Tenor der antiken Quellen – Britannicus vergiften.

Erste Auftritte als Künstler

Das Narrativ der neronischen Herrschaft lässt auch bereits in den frühen Jahren Neros Leidenschaft für die Kunst, insbesondere die Musik, eine wichtige Stellung in seinem Leben einnehmen. Interessanterweise stellte aber gerade Sueton, dessen Nero-Biographie ganz stark in zwei Herrschaftszeiträume zerfällt – einen positiv bewerteten bis zum Jahr 59 n. Chr. und einen als negativ erachteten von 59 bis 68 n. Chr. –, die künstlerischen Ambitionen Neros im quinquennium in positive erzählerische Kontexte. Sogar die später so scharf kritisierten öffentlichen Auftritte erfahren Anerkennung.

Quelle

Nero und die Kunst am Beginn seiner Herrschaft (Suet. Nero 10, 2)

Bei seinen Übungen auf dem Marsfeld durfte auch das Volk hinzukommen, und Redeübungen betrieb er oft vor Publikum. Er las auch Gedichte vor, und das nicht nur zu Hause, sondern auch im Theater; er begeisterte alle so sehr, dass man für ihn wegen einer solchen Lesung ein Dankfest beschloss und die Verse, die er aus Gedichten rezitiert hatte, in goldenen Buchstaben dem Jupiter Capitolinus weihte. (Übersetzung H. Martinet)

Der erzählerische Kontext forderte es hier offenbar, die künstlerischen Ambitionen des jungen Herrschers als kulturelle Aktivität zu schildern, die in der Tradition aristokratischen Verhaltens stand. Weder die Öffentlichkeit des Auftritts noch die Umgebung des Theaters scheinen Sueton hier anstößig. Im Gegenteil scheint Neros Erfolg in der Darbietung seine auctoritas als Prinzeps in ähnlicher Weise vermehrt zu haben wie militärische Sieghaftigkeit oder rhetorische Fähigkeiten im Falle anderer Kaiser.

3. Kunst und Tod

a. Der Prinzeps als Künstler

Kunst und Politik

Nero pflegte also von Beginn seiner Herrschaft an eine Obsession für die Kunst und konzentrierte sich auf seine Ausbildung zum Künstler, vor allem zum Sänger und Musiker. So engagierte er den besten Lyraspieler seiner Zeit und befolgte mit großer Konsequenz dessen Anweisungen, um seine Stimme zu schulen. Diese Vorliebe für die Kunst, das Theater und auch Spiele war in den Augen konservativer Senatoren, aber auch seiner Mutter Agrippina wenig geeignet, die Erwartungen an einen Prinzeps zu erfüllen. Dabei zeigen neuere Forschungen, die sich intensiv mit der Frage der zeitgenössischen Beurteilung der neronischen Leistungen als Künstler befasst haben, dass weniger der Auftritt in der Öffentlichkeit das eigentlich kritikfähige Verhalten Neros darstellte. Da die Öffentlichkeit zentrales Kriterium aristokratischer Existenz war, konnte sich daran keine Kritik entzünden. Ebenso wenig wurde der Auftritt als Künstler grundsätzlich abgelehnt. Hier hatte sich in der Wahrnehmung aristokratischer Betätigungsfelder seit den Zeiten der römischen Republik ein Wandel vollzogen. Die traditionell als standesgemäß geltenden Betätigungen als Redner und Historiker waren seit dem Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. durch literarische Übungen erweitert worden. Seit dem Beginn des Prinzipats traten auch die Dichtkunst sowie der Vortrag literarischer Werke vor Publikum neben die althergebrachten aristokratischen Betätigungsfelder und gewannen an Bedeutung, wenn es darum ging, sich innerhalb der Gruppe der Nobilität auszuzeichnen. Allerdings verletzte es gesellschaftliche Normen, wenn der adelige Künstler die Schwelle zum professionellen Berufskünstlertum überschritt. Die Professionalisierung der künstlerischen Ambitionen, wie Nero sie vollzog, wird in den Quellen als unlösbarer Rollenkonflikt angelegt, der sich schrittweise entwickelte.

Neue Spiele

Nero richtete bereits 59 n. Chr. mit den Iuvenalia neue Spiele in Rom ein, die noch in der römischen Tradition der ludi standen. Im Jahr 60 n. Chr. bereits brach Nero aber mit römischen Sitten und installierte mit den nach ihm benannten Neronia einen alle fünf Jahre stattfindenden griechischen Agon. Seine künstlerischen Ambitionen schienen mehr und mehr eine griechischhellenistische Ausrichtung gewonnen zu haben.

Quelle

Nero als Veranstalter griechischer Spiele in Rom (Suet. Nero 12, 3)

Er veranstaltete auch als erster von allen in Rom einen Wettkampf, der alle fünf Jahre stattfand und wie bei den Griechen aus drei Disziplinen bestand: einer musischen, einer athletischen und einer Disziplin zu Pferde. Dieser Wettkampf erhielt den Namen Neronia. […] Dann stieg er auf die Orchestra und zu den Senatoren herab und wurde mit dem Siegeskranz für römische Rede- und Dichtkunst ausgezeichnet; darum hatten Koryphäen gewetteifert, sie alle aber hatten einstimmig ihm die Auszeichnung zuerkannt. Dafür, dass ihm die Richter auch noch den Siegespreis für das Kitharaspiel überbrachten, zollte er ihnen Respekt und befahl, den Kranz zur Statue des Augustus zu bringen. (Übersetzung H. Martinet)

Die Grenze zwischen begeistertem Amateur und professionellem Künstler überschritt Nero erst im Jahr 64 n. Chr., wobei ihm die Verletzung der aristokratischen Norm bewusst gewesen zu sein scheint, wählte er für seinen ersten Auftritt doch Neapel und nicht Rom. Neapel veranstaltete als griechische Polis einen bekannten penteterischen Agon, der dort seit Augustus gefeiert wurde, wobei der jeweilige Kaiser als offizieller Spielegeber auftrat. Bei diesen Spielen zu Ehren des Kaisers (Sebasta) traten auch Künstler aus dem griechischen Reichsteil auf, für die die Regeln der römischen Gesetzgebung nicht galten, d.h. die Teilnahme an solchen Agonen brachte nicht automatisch die Infamie mit sich. Dies war eine eindeutige Konzession an die kulturelle Tradition des griechischen Reichsteils, wo Sportler und Künstler hochangesehene Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft waren.

b. Die Morde Neros

Tod der Agrippina

Der Auftritt des Jahres 64 n. Chr. bildete den Höhepunkt einer Entwicklung, die ab 59 n. Chr. mehr und mehr zutage trat. Die Quellen stellen dabei eine enge Relation zwischen dem Tod seiner Mutter und der Wandlung zum Künstler-Kaiser her. Bereits im Jahr 55 n. Chr. hatten Neros künstlerische Ambitionen zu einem weiteren Zerwürfnis mit seiner Mutter geführt, das unter Vermittlung von Seneca noch einmal beigelegt werden konnte. Den eigentlichen Anstoß, sich von der Mutter zu befreien, soll die Liaison zu einer neuen Frau, Poppaea Sabina, gegeben haben. Sie entstammte einer alten und angesehenen Familie der senatorischen Aristokratie, stellte für seine Ehe mit Octavia eine ernsthafte Gefahr dar und stieß daher bei Agrippina auf große Ablehnung. Diese Ablehnung soll für Nero nun ausschlaggebend gewesen sein, den Plan des Muttermordes zu fassen. Die Quellen überbieten sich an abenteuerlichen Geschichten, wie dieser Plan umgesetzt wurde. Wie in einer Theaterinszenierung wurde ein Schiff präpariert, das auf dem Golf von Baiae auseinanderbrechen und Agrippinas Tod wie einen Unfall erscheinen lassen sollte. Dieser Plan aber misslang, und so wurde sie schließlich in ihrem Haus von einem Soldaten erstochen.

Nach der Ermordung der Mutter im März 59 n. Chr. wurde offiziell verlautbart, sie habe Selbstmord begangen, nachdem ihr Plan, Nero zu töten, gescheitert sei. Dass dies die Version der Geschichte war, die von den Zeitgenossen als akzeptierte Historizität verbreitet wurde, zeigen die offiziellen Protokolle der Arvalbrüder. Der Senat beschloss Agrippinas damnatio memoriae, so zumindest berichten es die schriftlichen Quellen. In verschiedenen Regionen des Reiches aber hielt man Neros Mutter offenbar in bester Erinnerung: In Germanien überlebte ihr Name. Ihr Geburtsort, das heutige Köln, war von ihr zur Kolonie erhoben worden und verehrte sie über ihren Tod hinaus. In Herculaneum wurden mehrere Statuen der Agrippina entdeckt, die bei Ausbruch des Vesuv 79 n. Chr. noch intakt waren, wohl Agrippina als Priesterin des Claudius zeigten und sich in unmittelbarer Nähe zu anderen Mitgliedern der domus Augusta wie Augustus oder Livia befanden. Hier scheint die verwandtschaftliche Nähe der Agrippina zur julischen Familie deutlich schwerer zu ihren Gunsten gewogen zu haben als die von Kaiser und Senat angeordnete Tilgung aus dem kollektiven Gedächtnis.

Weitere Opfer

Nach dem Tod Agrippinas zog sich auch Seneca mehr und mehr zurück. Im Jahr 62 n. Chr. starb der noch immer mächtige Prätorianerpräfekt Burrus und wurde durch Tigellinus ersetzt, den die Quellen als loyalen und skrupellosen Nero-Getreuen beschreiben. Auch die offizielle Ehefrau Octavia wurde nun vom Hof entfernt und schließlich ermordet. Die antiken Autoren sahen in Octavia eines der tragischsten Opfer Neros. Selbst das römische Volk soll gegen die grausame Behandlung der Claudius-Tochter protestiert haben. Ihr Schicksal bewegte die Zeitgenossen offenbar sehr, wie eine wenige Jahre nach ihrem Tod erschienene Tragödie eines unbekannten Autors mit dem Titel Octavia zeigt. Ihr Leben und Sterben wurde bereits zu Lebzeiten Neros bewusst instrumentalisiert, um seinen Ruf zu schädigen, und fand beim römischen Publikum durchaus Anklang.

Nero heiratete nun seine Favoritin Poppaea Sabina, die 63 n. Chr. eine gemeinsame Tochter zur Welt brachte. Das Mädchen verstarb allerdings wenige Monate nach ihrer Geburt und wurde als Diva Claudia virgo mit einem offiziellen Götterkult geehrt. Poppaea selbst, der in den Quellen großer Einfluss auf den Kaiser zugeschrieben wird, verstarb im Jahr 65 n. Chr., wahrscheinlich an den Begleitumständen einer erneuten Schwangerschaft. Auch hier sollte die spätere Geschichtsschreibung Nero zum Mörder und Poppaea zum Opfer eines Zornausbruchs des Prinzeps machen. Tatsächlich ließ Nero sie als Diva Sabina vergöttlichen und mit einem Tempel ehren.

Das Narrativ der Quellen zeichnet also die Hinwendung zur Kunst parallel zur politischen und persönlichen Entwicklung des Kaisers nach, die als Fehlentwicklung und Entmenschlichung dargestellt wird. Dieser Prozess findet seinen scheinbaren Höhepunkt in einem wahrhaft apokalyptischen Szenario im Juli 64 n. Chr.

4. Der Brand Roms 64 n. Chr. und die Baupolitik Neros

a. Der Brand des Jahres 64 n. Chr.

Verlauf

Bis heute gilt der Brand des Jahres 64 n. Chr. als jene Katastrophe der stadtrömischen Geschichte, die aufs engste mit dem Namen Nero verbunden ist. Für den eigentlichen Verlauf der Brandkatastrophe, deren Beginn auf den 18. Juli datiert wird, bietet Tacitus eine ausführliche Beschreibung der Ereignisse (Tac. Ann. 15, 38–41). Das Feuer brach unmittelbar am Circus Maximus aus, breitete sich zunächst in den engbebauten und dichtbevölkerten Stadtteilen nach Norden und schließlich in Richtung Subura aus, den am dichtesten besiedelten Teil Roms. Laut Tacitus wurden zunächst Siedlungsgebiete in der Ebene vernichtet, danach raste das Feuer die Hügel empor, um anschließend die dahinterliegenden Stadtteile zu vernichten. Erst nach sechs Tagen kam es durch umfängliche Lösch- und Abrissarbeiten zum Stillstand. Dem Brand fielen unter anderem die kaiserlichen Paläste auf dem Palatin, die Regia, der frühere Amtssitz des pontifex maximus am Rande des Forum Romanum, sowie der Tempel der Vesta an der sacra via zum Opfer. Die Aussage des Tacitus, von den 14 innerstädtischen Regionen sollen sieben völlig vernichtet worden und lediglich vier gänzlich unversehrt geblieben sein, muss nach Ausweis der archäologischen Forschung als eine polemische Übertreibung des an realen Schadensmeldungen wenig interessierten Autors angesehen werden. Tacitus hatte wie alle anderen antiken Autoren, die von diesem Feuer berichteten, ein dezidiertes Interesse daran, seine Größe zu einer Katastrophe von beispiellosem Ausmaß zu steigern, um die Monstrosität des Verbrechens, das man Nero anlastete, herauszustreichen.

Das Gerücht um den Brandstifter Nero

Relativ schnell stellte sich nämlich die Frage nach den für das Feuer Verantwortlichen. Zwar spricht aus heutiger Sicht vieles dafür, dass ein Unfall als Ursache gelten kann und dass eine Verkettung unglücklicher Umstände zu seiner raschen und schwer kontrollierbaren Ausbreitung führte, zu verlockend war aber für die Zeitgenossen und die Geschichtsschreibung der postneronischen Zeit die Verknüpfung eines apokalyptischen Brandszenarios mit der Person des verhassten Kaisers. So ging Nero in die Geschichte als jener Herrscher ein, der Rom in Brand stecken ließ, um eine neue Stadt nach seinen Idealvorstellungen zu schaffen.

Quelle

Sueton erklärt Nero zum Brandstifter (Suet. Nero 38, 1)

Aber nicht einmal das Volk oder die Mauern seiner Vaterstadt blieben von ihm verschont. Als einmal jemand in einem leutseligen Gespräch den griechischen Vers zitierte: „Wenn ich tot bin, da soll sich doch ruhig Erde mit Feuer mischen!“ entgegnete er: „Ganz im Gegenteil, das soll noch zu meinen Lebzeiten passieren!“ Und genau das brachte er dann auch wirklich zustande. Er gab nämlich vor, die Schäbigkeit der alten Gebäude und die engen und gewundenen Gässchen erregten sein Missfallen; also ließ er die Stadt in Brand stecken. Das konnte jeder mitbekommen: eine ganze Reihe ehemaliger Konsuln ertappten seine Kammerdiener mit Pechkränzen und Fackeln auf ihrem Grund und Boden, wagten aber nicht, sie anzurühren. (Übersetzung H. Martinet)

Christen als Sündenböcke

Von allen Autoren ist es allein Tacitus, der im Kontext des Brandes eine weitere Episode berichtet, die Neros Grausamkeit untermauern und den Herrscher diskreditieren soll. Der Prinzeps soll – um von den Anschuldigungen gegen seine eigene Person abzulenken – die Christen als Brandstifter angeklagt und aufs grausamste bestraft haben. Relativ umstritten ist es dabei, wie groß und wie strukturiert diese Gruppe im Jahr 64 n. Chr. war. Der römischen Öffentlichkeit waren diese Anhänger eines Mannes, der unter Tiberius als Aufrührer in einer unruhigen Provinz hingerichtet worden war, bereits seit einigen Jahren bekannt, weil sie unter Kaiser Claudius durch Auseinandersetzungen innerhalb der jüdischen Gemeinde Roms aufgefallen waren. Tacitus selbst bezichtigte die Christen des Hasses auf das Menschengeschlecht, fällte also in der grundsätzlichen Beurteilung der Christen ein unzweifelhaft negatives Urteil. Mitleid erregte in seinem Bericht lediglich die übertriebene Grausamkeit, mit der die Christen von Nero bestraft wurden.

Quelle

Tacitus über die Christen (Tac. Ann. 15, 44)

Aber nicht durch menschliche Hilfeleistung, nicht durch die Spenden des Kaisers oder die Maßnahmen zur Beschwichtigung der Götter ließ sich das böse Gerücht unterdrücken, man glaubte vielmehr fest daran: befohlen worden sei der Brand. Daher schob Nero, um dem Gerede ein Ende zu machen, andere als Schuldige vor und belegte die mit den ausgesuchtesten Strafen, die, wegen ihrer Schandtaten verhasst, vom Volk Chrestianer genannt wurden. Der Mann, von dem sich dieser Name herleitet, Christus, war unter der Herrschaft des Tiberius auf Veranlassung des Prokurators Pontius Pilatus hingerichtet worden; und für den Augenblick unterdrückt, brach der unheilvolle Aberglaube wieder hervor, nicht nur in Judäa, dem Ursprungsland dieses Übels, sondern auch in Rom, wo aus der ganzen Welt alle Gräuel und Scheußlichkeiten zusammenströmen und gefeiert werden. So verhaftete man zunächst diejenigen, die ein Geständnis ablegten, dann wurde auf ihre Anzeige hin eine ungeheure Menge nicht so sehr des Verbrechens der Brandstiftung als einer hasserfüllten Einstellung gegenüber dem Menschengeschlecht schuldig gesprochen. Und als sie in den Tod gingen, trieb man noch seinen Spott mit ihnen in der Weise, dass sie, in die Felle wilder Tiere gehüllt, von Hunden zerfleischt umkamen oder, ans Kreuz geschlagen und zum Feuertod bestimmt, sobald sich der Tag neigte, als nächtliche Beleuchtung verbrannt wurden. Seinen Park hatte Nero für dieses Schauspiel zur Verfügung gestellt und gab zugleich ein Circusspiel, bei dem er sich in der Tracht eines Wagenlenkers unters Volk mischte oder sich auf einen Rennwagen stellte. Daraus entwickelte sich Mitgefühl, wenngleich gegenüber Schuldigen, die die härtesten Strafen verdient hätten: denn man glaubte, nicht dem öffentlichen Interesse, sondern der Grausamkeit eines Einzelnen würden sie geopfert. (Übersetzung E. Heller)

Keine Christenverfolgung

Die Grausamkeit bei der Bestrafung der Christen erscheint aus heutiger Sicht exzessiv, doch dies entsprach nicht dem Rechtsempfinden der damaligen Zeit. Das Kapitalverbrechen der Brandstiftung, nicht die Zugehörigkeit zur Religionsgemeinschaft der Christen wurde hier bestraft. Kreuzigung oder Verurteilung zum Tod in der Arena (ad bestias) entsprachen den römischen Gesetzen. Für die pagane Antike war die Hinrichtung der Christen von keinerlei Relevanz, im Werk des Tacitus diente der Text lediglich dazu, die Grausamkeit Neros herauszustreichen und sie an einer Gruppe zu exemplifizieren, die in ihrem Hass auf die Menschheit dem Kaiser ebenbürtig schien. Die spätantiken Kirchenhistoriker und christlichen Schriftsteller aber formten aus dieser Episode ein Nerobild, das diesen Kaiser zum Antichristen schlechthin stilisierte, der am Beginn der römischen Verfolgungsgeschichte ihrer Glaubensgemeinschaft stand. Die christlichen Autoren schufen einen Nero, der durch das gesamte Mittelalter und die Neuzeit hinweg zum Stereotyp des satanischen Christenverfolgers, zur Inkarnation des Bösen wurde. Zusammen mit den negativ wertenden Quellen der römischen Historiographie und einer nerofeindlichen jüdischen Überlieferung entstand so ein Bild, das es für heutige Historiker kaum noch möglich macht, eine historische Realität zu erkennen.

Umso wichtiger erscheint es, Aspekte zu beleuchten, die den historischen Nero noch im Ansatz sichtbar machen können. Einer dieser Aspekte ist das öffentliche und private Bauprogramm, das Nero nach dem Brand begann.

b. Neros Baupolitik nach dem Brand

domus transitoria

Baupolitik stellte für Nero ein zentrales Anliegen während seiner gesamten Regierungszeit dar. Dies zeigen seine städtischen Bauprojekte, die vom Beginn seiner Herrschaft an quantitativ, aber vor allem qualitativ Akzente setzten. Bereits einige Jahre vor dem Brand von 64 n. Chr. hatte Nero mit dem Bau einer neuen Palastanlage begonnen. Die heute noch in Teilen erhaltene domus aurea, die Nero angeblich auf den Resten des alten Rom errichtete, war folglich kein völlig neuartiger Baukomplex. Ausgangspunkt dieses „Goldenen Hauses“ war sein bereits im Bau befindlicher und beim Brand völlig zerstörter Palastkomplex, die domus transitoria, die ihren Namen dem Umstand verdankte, dass sie als Verbindung zwischen den kaiserlichen Besitzungen auf dem Palatin und dem Esquilin fungieren sollte. Mit der Idee, sich eine repräsentative Anlage zu errichten, setzte Nero die Tradition seiner Vorgänger fort. Die Palastanlagen der julisch-claudischen Kaiser auf dem Palatin wurden durch neueste archäologische Befunde aus dem östlichen Bereich des Palatinhügels als deutlich aufwendiger und luxuriöser ausgewiesen, als bislang angenommen. Die Zeiten eines Augustus, der in einer eher schlichten, aristokratischen domus auf dem Palatin gelebt hatte, gehörten der Vergangenheit an.

Neros domus transitoria verschob allerdings erstmals den Fokus der Kaiserresidenz weg vom Palatin und erhielt somit eine zusätzliche symbolische Komponente: Nero bewegte sich mit diesem Bau nicht nur weg von der angestammten Residenz seiner unmittelbaren Vorgänger und dem übermächtigen Vorbild des Augustus, sondern er verließ auch einen für die Geschichte der Stadt extrem aufgeladenen Ort. Der Palatin als jener Ort, auf dem die Romulus-Hütte stand und den Augustus für sein Haus gewählt hatte, nachdem ein Blitzschlag als göttliches Zeichen ihm diesen Ort gewiesen hatte, bildete den Kern der julisch-claudischen Herrschaft in Rom. Eine Abwendung von diesem Ort bedeutete auch eine Abwendung von den bislang praktizierten Herrschaftsauffassungen.

domus aurea

Die domus aurea beruhte nun auf diesem beim Brand vernichteten Vorgängerbau. Damit wird der oftmals in der antiken Dichtung und Geschichtsschreibung vorgebrachte Vorwurf, Nero habe „den Armen ihr Heim entrissen“ und „ganz Rom zu seinem Haus gemacht“ als literarische Fiktion entlarvt. Die Vorwürfe der Brandstiftung und der Enteignung zur Schaffung von Raum für den Bau der neuen Palastanlage scheinen also kaum haltbar. Auch archäologische Befunde zu den Häusern der senatorischen Familien im 1. Jahrhundert n. Chr. sprechen dafür, dass die Region auf dem Palatin und im Bereich des Forums mehr und mehr in den Besitz der Kaiser überging und zwar durch Vererbung und Kauf. Seit der Zeit des Augustus konzentrierten sich die Stadthäuser der führenden Familien nicht mehr im direkten politischen Zentrum, zumindest nicht in der Region der späteren domus aurea.

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Neugestaltung der Stadt

Zu den Vorwürfen der Monopolisierung des öffentlichen Raumes wollen dann auch nicht die Berichte passen, die Neros Pläne für die Wiederherstellung der Stadt als großes urbanistisches, nicht nur privates Neugestaltungsprojekt beschreiben. Dieses nach dem Brand gestartete Wiederaufbauprogramm, das nicht nur auf den Neubau der Herrschaftsarchitektur konzentriert war, sondern eine völlig neue urbanistische Gestaltung der vernichteten Stadtviertel vorsah, griff nicht unerheblich in die römischen Besitzverhältnisse ein. Nero erließ eine Vielzahl neuer Regelungen, die dazu dienen sollten, eine erneute Brandkatastrophe zu verhindern und grundsätzlich bessere Wohn- und Lebensbedingungen zu schaffen. Kein Kaiser vor ihm hatte so umfassend in die städtebauliche Gestaltung auch im privaten Bausektor eingegriffen, und keine gesetzliche Regelung vorher konnte in einer solchen Dimension umgesetzt werden. Dabei sehen wir einen Kaiser, der durchaus eine Gesamtkonzeption in der Stadtplanung verfolgte: Tacitus beschreibt, dass nun nicht mehr planlos gebaut, sondern „sorgsam ausgemessene Häuserzeilen und breite Straßen“ angelegt werden sollten, dass die Höhe begrenzt, Innenhöfe und Säulengänge angelegt sowie Brandschutzmaßnahmen umgesetzt werden mussten.

Breite Kritik an Neros Bauten

So förderlich diese Maßnahmen auch für die oft beklagte Sicherheit der Wohngebäude, den Brandschutz, die Hygiene und den Verkehr waren, so dürften sie doch auch großen Unmut unter den Besitzern von Grundstücken und Immobilien nach sich gezogen haben, da ihnen ökonomische Verluste drohten. Neros städtebauliche Neugestaltung stieß also bei jenen, die Besitz in der Stadt hatten, auf Vorbehalte und Kritik. Ferner förderte er mit den Latini luniani ehemalige Sklaven und erhob sie zu Hausbesitzern in Rom.

Stichwort

Latini luniani

Die Latini luniani waren Freigelassene mit einer minderen Rechtsstellung. Nero verfügte nach dem Brand, dass sie das volle Bürgerrecht erhalten sollten, wenn sie von einem Mindestvermögen von 200.000 Sesterzen mindestens die Hälfte in den Neubau eines Hauses in Rom investierten (Gaius, Institutiones I 33). Er griff damit auf zwei Arten in die Rechte der städtischen Eliten ein: Er erhob die ehemaligen Sklaven zu Hausbesitzern im Zentrum Roms, was ein Affront gegenüber alteingesessenen Adelsfamilien war. Und er verhinderte, dass die früheren Besitzer dieser Latini luniani deren Vermögen erbten, denn ihre mindere Rechtsstellung drückte sich vor allem darin aus, dass sie testamentarisch nicht über ihr Vermögen verfügen konnten, sondern dieses im Fall ihres Todes an ihre früheren Besitzer fiel.

Hinzu trat mit der domus aurea ein Bauprojekt, das letztlich nur in den Dimensionen einer hellenistischen Palastanlage beschrieben werden kann. Neros neue repräsentative Architektur unterstreicht einmal mehr in ihrer Formensprache die veränderte, hellenisierte Herrschaftsauffassung.

Der postneronische Diskurs

Diese Vision des neuen Rom in all ihren Facetten – nicht nur die domus aurea – stieß also aus ökonomischen, sozialen und politischen Gründen auf größte Ablehnung innerhalb der römischen Elite. Nach Neros Tod konzentrierte sich der Diskurs aber vor allem darauf, die neronische Stadtgestaltung zur politischen Schreckensvision zu erklären. Der römische Dichter Martial, der am Hof der flavischen Kaiser seinen Aufstieg gemacht hatte, stand am Beginn der Debatte. Eines der offensichtlich karrierefördernden Themen jener Zeit war die Verurteilung der großen neronischen Bauprojekte in Rom. Zu den besonders häufig gepflegten Stereotypen zählte offenbar der Hinweis darauf, dass Nero mit seinem „Goldenen Haus“ die armen Stadtbewohner ihrer Heimat beraubt habe und die gesamte Stadt für sich okkupieren wollte.

Quelle

Martial und der Diskurs über die domus aurea (Mart. de spectaculis 2)

Hier, […], strahlte vordem der verhasste Palast des grausamen Herrschers; und auf dem Raume der Stadt gab’s nur ein einziges Haus. Hier, wo die wuchtige Masse des herrlichen Amphitheaters aufstrebt voll Majestät, hatte einst Nero den See. Hier, wo wir jetzt die rasch entstandenen Bäder bewundern, hatte ein prächtiger Park Armen entrissen ihr Heim […] Rom ist sich wiedergeschenkt, und, Caesar, in deiner Regierung dient zum Entzücken des Volks, was nur dem Herrscher gedient. (Übersetzung R. Helm)

Martial suggeriert, die flavischen Kaiser hätten die von Nero geraubte Stadt dem Volk zurückgegeben. Plinius der Ältere gibt seine Sicht auf Neros Palast in ähnlicher Weise in seiner Naturkunde wieder. Er verknüpft schlechte Herrschaft mit Maßlosigkeit beim Bauen: Nur unter den beiden schlechten Kaisern Caligula und Nero sei ganz Rom von Palästen umgeben gewesen. Der Diskurs lässt sich dann bei Tacitus weiterverfolgen, der mit der engen textlichen Korrelation von Brand und Palastbau nahelegt, Nero habe Rom in Brand stecken lassen, um seinen neuen Palast zu errichten. Einige Jahre später macht der Kaiserbiograph Sueton aus diesem Gerücht dann eine Tatsache. Hinzu trat die Verdammung Neros in der christlichen Geschichtsschreibung, und so schufen die antiken Autoren das Bild eines Monsters, das ein Neropolis aus Selbstsucht und Hypertrophie heraus zu erschaffen suchte. Die modernen Medien griffen diese Vorlage auf. Das wohl berühmteste Beispiel ist die Darstellung Neros im Hollywood-Klassiker „Quo Vadis?“ aus dem Jahr 1951, der auf dem gleichnamigen Roman des polnischen Literaturnobelpreisträgers Henryk Sienkiewicz aus dem Jahr 1896 basiert. Die Okkupation und Umgestaltung der römischen Innenstadt wurden für antike wie moderne Historiker zu Neros größten Verfehlungen als Herrscher.

5. Verschwörung und Opposition

Unmittelbar nach der Brandkatastrophe des Jahres 64 n. Chr. scheint es zunehmend zu Spannungen zwischen dem Prinzeps und verschiedenen Gruppen, die oftmals etwas verallgemeinernd als „Opposition“ bezeichnet werden, gekommen zu sein. Zwei Bewegungen treten dabei deutlich hervor, die vor allem bei Tacitus sehr genau beleuchtet werden: die sogenannte „Pisonische Verschwörung“ des Jahres 65 n. Chr. und eine Gruppe um die Senatoren Publius Clodius Thrasea Paetus und Marcius Barea Soranus im Jahr 66 n. Chr.

a. Die Pisonische Verschwörung

Beteiligte

Folgt man dem ausführlichen Bericht des Tacitus, bildete sich ab dem Jahr 64 n. Chr. eine oppositionelle Bewegung um den Senator C. Calpurnius Piso. Diese Gruppe war extrem heterogen, es finden sich in ihr Angehörige des Senatorenstandes, Ritter, Prätorianer, Dichter wie Lukan und sogar Frauen aus dem Stand der Freigelassenen – ein Umstand, der Zweifel an der Historizität der Details, die Tacitus liefert, aufkommen lässt. Diese Menschen verband – so Tacitus – der Hass gegen Nero und die Anhängerschaft zu Piso, der wohl auserwählt wurde, nach einem erfolgreichen Attentat als neuer Prinzeps die Nachfolge Neros anzutreten.

Die Motive

Die Motivlage erscheint so heterogen wie die Gruppe selbst, in den Quellen kristallisiert sich eine Mischung aus verletzter Ehre, Zurückweisung und Tyrannenmörder-Habitus heraus. Abweichend zu Tacitus berichtet Cassius Dio, der für diese Zeit leider nur epitomarisch überliefert ist, an der Spitze der Bewegung hätten Seneca und einer der Prätorianerpräfekten, ein Mann namens Rufus, gestanden. Den einzigen gemeinsamen Nenner der Gruppe bildete wohl der Wunsch, Nero zu beseitigen. Politische Ambitionen beschränkten sich darauf, den Prinzeps auszutauschen, wobei Piso in der Charakterisierung des Tacitus als durchaus zweifelhafte Alternative dargestellt wird. Unter den Verschwörern erweisen sich lediglich die Freigelassene Epicharis und Teile der Prätorianer als Personen, die entsprechend dem aristokratischen Wertekanon handeln: Epicharis verrät nach Aufdeckung der Attentatspläne im Gegensatz zu ihren senatorischen und ritterlichen Mitverschwörern selbst unter Folter keine Namen und wählt schließlich den Freitod als Ausweg.

Quelle

Die Freigelassene Epicharis und ihr standhaftes Verhalten im Urteil des Tacitus (Tac. Ann. 15, 57)

[…] ein umso leuchtenderes Vorbild, als es eine Freigelassene, eine Frau gab, indem sie in solcher Bedrängnis Fremde und fast Unbekannte schützte, während Freigeborene, Männer, römische Ritter und Senatoren, von der Folter unberührt, jeweils die teuersten ihrer Angehörigen verrieten. (Übersetzung E. Heller)

Zweifel an der Schilderung des Tacitus

Angesichts dieser Schilderung muss man die Frage stellen, inwieweit es Tacitus mit seiner Darstellung um historische Fakten ging. Viel eher scheint er die tatsächlichen oder vermeintlichen Ereignisse um eine aufgedeckte Verschwörung als Folie zu benutzen, um die römische Aristokratie in ihrem Niedergang und in ihrer Unfähigkeit der Lächerlichkeit preiszugeben. Ganz im Bild einer literarischen Bearbeitung eines historischen Stoffes bleibt auch die äußerst theatralische Schilderung vom Ende der Verschwörung, die bereits vor ihrer spektakulär nach dem Vorbild des Caesar-Attentats geplanten Ausführung scheiterte. Einer der Mittäter, ein Senator namens Flavius Scaevinus, ein Mann, der „durch sein ausschweifendes Leben jegliche Energie eingebüßt [hatte] und […] daher sein träges Leben im Halbschlaf [verbrachte]“ (Tac. Ann. 15, 49), wollte den ersten Dolchstoß gegen Nero mit einem extra aus dem Tempel der Fortuna in Ferentinum herangeschafften Dolch ausführen. Allerdings ließ er die altertümliche und wohl schon etwas stumpfe Waffe bedeutungsvoll schärfen und verhielt sich wohl auch sonst so auffällig, dass ein Freigelassener Verdacht schöpfte und sein Wissen an die Freigelassenen des Nero weitergab. Schnell brachen die vermeintlichen Attentäter unter dem Verhör zusammen und verrieten Freunde, Familienmitglieder und sogar Unschuldige, nur um das eigene Leben zu retten. Nero nutzte diese Situation – so scheint es – um zahlreiche tatsächliche oder vermutete Gegner töten zu lassen. Auch Seneca wurde im Zuge dieser Verschwörung in den Selbstmord getrieben. Einige Indizien weisen darauf hin, dass er mehr als ein am Rande Informierter der Planungen war. In einigen Fällen lässt sich auch nachzeichnen, dass hinter den Morden, die Nero nun anordnete, finanzielle Motive standen.

b. Die Opposition der Stoiker

Personen

Eine Gruppe von Senatoren um Thrasea Paetus und Barea Soranus, die bei Tacitus als dezidierte Anhänger der stoischen Philosophenschule beschrieben und in ihrem Handeln als diesen Werten verbunden dargestellt werden, bildeten ein zweites Zentrum von „Opposition“ gegen Nero. Im Gegensatz zu C. Calpurnius Piso werden diese Senatoren von Tacitus als „die Tugend selbst“ (Ann. 16, 21) beschrieben. Die beiden Männer scheinen den Hass des Prinzeps vor allem durch eine relativ offen nach außen getragene Ablehnung des neronischen Herrschaftsstils auf sich gezogen zu haben.

Vorwürfe

Zum konkreten Vorwurf machte man dem Thrasea Paetus dann aber in einem offiziellen Prozess einerseits die Vernachlässigung seiner Amtspflichten als Senator und Priester. So habe er Senatssitzungen versäumt und Opfer nicht vollzogen und damit andere ermutigt, sich ebenfalls an diesem sektiererischen, auf einen Bürgerkrieg ausgerichteten Verhalten zu beteiligen. Andererseits sah man bei ihm Verstöße gegen den Herrscherkult. Er habe nicht an die Göttlichkeit der verstorbenen Kaisergattin Poppaea geglaubt, die in einem offiziellen Staatsakt vom Senat als Diva Sabina unter die Götter erhoben worden war, und habe sich geweigert, auf die Verordnungen des Divus Julius und des Divus Augustus zu schwören.

Dem Barea Soranus warf man vor, sein Prokonsulat in der wichtigen Provinz Asia genutzt zu haben, um von dort aus einen Umsturz zu planen, seine Tochter soll sogar magische Rituale vollzogen haben, um Nero zu schaden. Der Senat verurteilte beide Senatoren und die Tochter des Soranus zum Tod. Diese zunächst seltsam anmutenden Vorwürfe sind, was ihre potentiell umstürzlerischen Aspekte betrifft, ernst zu nehmen. Auch die religiösen Verfehlungen der beiden Angeklagten müssen in der Konsequenz einer Überhöhung des Prinzipats, wie sie unter Nero wohl stattfand, durchaus als nachvollziehbar angenommen werden. Tacitus’ Beschreibung beider Männer als Inbegriff römischer virtus versuchte natürlich, die Urteile des Senats, der auf Anweisung Neros handelte, als gravierende Fehlentscheidungen umzudeuten.

6. Die Außen- und Provinzpolitik Neros

Außenpolitisch-militärische Erfolge bildeten im Prinzipat, wie er von Augustus angelegt und von seinen Nachfolgern fortgeführt worden war, einen zentralen Aspekt der Legitimation des Herrschers in der Öffentlichkeit. Die Meriten, die sich Tiberius als Militär vor allem vor seinem Herrschaftsantritt erworben hatte, waren unbestritten. Caligula wollte sich durch militärische Erfolge in Germanien und Britannien profilieren. Selbst Claudius hatte durch die Eroberung Britanniens seine Sieghaftigkeit und damit seine Herrschaftsfähigkeit unter Beweis gestellt. Für Nero dagegen scheint die offensive Suche nach militärischer Legitimation nicht zu seiner Vorstellung von den zentralen Aufgaben des Prinzeps gehört zu haben.

Quelle

Sueton über Neros Zurückhaltung in der Eroberungspolitik(Suet. Nero 18)

Er hatte niemals vor, das Reich noch weiter über seine Grenzen auszudehnen, noch versprach er sich etwas davon; er hat sogar daran gedacht, das Heer aus Britannien abzuziehen. Nur weil er fürchtete, das könne so aussehen, als wolle er den Ruhm seines Vaters schmälern, ließ er diese Überlegung fallen. Zu Provinzen machte er nur das Königreich Pontus, als Polemon es ihm abtrat, und noch das Reich des Cottius in den Alpen, als dieser verstarb. (Übersetzung H. Martinet)

Dass Neros Eingreifen aber doch an zwei Schauplätzen – in Armenien und in Britannien – notwendig wurde, war den Ereignissen vor Ort geschuldet, auf die der Prinzeps reagieren musste. Dabei bewies Nero, dass er durchaus fähig war, militärische Konflikte zu lösen und fähige Personen mit diesen Aufgaben zu betrauen. Auch auf dem Feld der Militärpolitik zeigte sich sein Hang zur künstlerisch-theatralischen Inszenierung. Auf einem dritten Schauplatz, in Judäa, das sich ab 66 n. Chr. in einem großen Aufstand gegen die römische Herrschaft erhob, wurde Nero mit einem Krisenherd konfrontiert, dessen Wurzeln weit in die Zeit seiner Vorgänger zurückreichten. Auch hier agierte der Kaiser mit klugen Personalentscheidungen und stellte damit unbewusst die Weichen für die Zukunft des Prinzipats.

a. Armenien

Nachdem zu Beginn der Regierungszeit Caligulas der damalige Statthalter Lucius Vitellius in einem Treffen am Euphrat den Grenzkonflikt mit den Parthern entschärft hatte, war die armenische Frage längere Zeit ohne Relevanz gewesen, da der armenische Thron anschließend durch Mithradates von Iberien besetzt blieb, der von Claudius dort eingesetzt worden war. Erst im Jahr 51 n. Chr. war Armenien erneut in den Fokus von Spannungen zwischen Rom und dem Partherreich gerückt. Pharasmanes, der König von Iberien und zugleich Bruder des armenischen Königs, hatte Mithradates trotz römischer Hilfe stürzen können. Das Machtvakuum nutzte der parthische Großkönig Vologaeses I., um wiederum seinen eigenen Bruder auf dem armenischen Thron zu installieren. Während andere Kaiser vor Nero sich eher auf Diplomatie verlegt hatten, um dieses Problem im Sinne Roms zu beeinflussen, waren Nero und sein Beraterstab der Meinung, dass ein energisches militärisches Eingreifen die einzig richtige Antwort sei. Nero stattete in der Folge den Feldherrn Domitius Corbulo mit einem Sonderkommando für den Osten aus und entsandte ihn nach Armenien. Die Kämpfe zogen sich beinahe ein Jahrzehnt hin, Rom musste einige empfindliche Rückschläge hinnehmen, so dass man schließlich auf beiden Seiten bereit war, einen Kompromiss als Lösung zu akzeptieren:

Tiridates in Rom

Tiridates, der Bruder des parthischen Königs Vologaeses I., sollte über Armenien herrschen, seine Einsetzung allerdings sollte von Nero ausgehen, der ihm das Diadem als Zeichen der Herrschaft überreichen würde. Diese Einsetzung des Parthers in Armenien durch Nero kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Ergebnis des langen Krieges für Rom kein positives war. Die Römer hatten es trotz großen Einsatzes nicht vermocht, Tiridates vom armenischen Thron zu verdrängen. Vor allem die öffentlichkeitswirksame Inszenierung der Ereignisse sollte über den tatsächlich eingetretenen Schaden hinwegtäuschen. Im Jahr 66 n. Chr., drei Jahre nach Ende des Krieges, reiste Tiridates in die römische Hauptstadt und erhielt in einer großartig ausgestalteten Zeremonie von Nero das Diadem. Der Kaiser inszenierte diese Inthronisierung als Schauspiel für die römische Öffentlichkeit und trat in diesem Rahmen auch als Sänger auf – seinen größten außenpolitischen Erfolg feierte er mit einem Auftritt als Künstler vor dem Staatsgast und der römischen Öffentlichkeit. Neros Künstlertum war mehr als eine Rolle, die er bisweilen spielte, Nero der Prinzeps war Nero der Künstler.

b. Der Aufstand der Boudicca in Britannien

Problematische Entwicklungen seit Claudius

Nach der Eroberung Britanniens durch Claudius im Jahr 43 n. Chr. war die Provinzialisierung dieses Gebietes schnell vorangekommen. Diese Erfolge standen aber im Jahr 61 n. Chr. durch das Versagen der römischen Provinzialadministration und die zum Teil skrupellose Ausbeutung des Gebietes in Frage. So war es beispielsweise bei der Anlage der römischen Kolonie Camulodunum zu völlig überzogenen Forderungen an die Leistungsfähigkeit der Einheimischen gekommen. Sie mussten Land abtreten und Leistungen für den Aufbau der colonia erbringen.

Römische Provokationen

Als Prasutagus, der König der mit Rom verbündeten Iceni im heutigen Norfolk, ohne männliche Erben starb, hinterließ er sein Reich testamentarisch zu gleichen Teilen dem Kaiser und seinen beiden Töchtern. Die im Vergleich zum römischen Verständnis sehr starke Position von Frauen entsprach ganz der keltischen Rechtstradition. Der zuständige römische Prokurator allerdings nahm darauf keine Rücksicht, zog den gesamten Besitz des Königs ein und behandelte die Iceni laut Tacitus wie im Kampf unterworfene Feinde und Sklaven. Er ließ die Königswitwe Boudicca und die beiden Töchter schwer misshandeln. Diese Ereignisse verstärkten die in Teilen schon ablehnende Stimmung in der Bevölkerung gegenüber Rom. Die Mischung aus Demütigung der Königsfamilie und drückenden Leistungsforderungen führte zur offenen Rebellion der Iceni unter Führung der Boudicca, der sich bald andere Stämme anschlossen. Die römische Kolonie Camulodunum mit dem Kaiserkultzentrum für den Divus Claudius wurde angegriffen und zerstört. Erst der Einsatz des Statthalters Suetonius Paulinus stabilisierte die Lage wieder.

Die Rolle Senecas

Als eine jener verantwortlichen Personen, die durch ihr Verhalten zu der brisanten Situation auf der Insel beigetragen hatten, wird bei Cassius Dio Seneca genannt, bei dem große Teile der aufständischen Britannier offensichtlich hoch verschuldet waren und der die gegen Wucherzinsen geliehenen Gelder nun auf einen Schlag zurückforderte. Damit erhöhte sich der ökonomische Druck auf die Einheimischen in einer Weise, die ihnen einen Aufstand als einzigen Ausweg erscheinen ließ.

c. Der Aufstand in Judäa

Gründe

In der römischen Provinz Judäa, die seit 6 n. Chr. unter Führung eines ritterlichen Präfekten bzw. seit Claudius unter der Aufsicht eines Prokurators stand, existierten seit Jahrzehnten Konflikte, die sich im Jahr 66 n. Chr. in einem großen Aufstand gegen Rom entluden. Die Gründe, die zu dessen Ausbruch führten, waren vielfältig und können nicht Nero allein angelastet werden. Die Provinz war geprägt von gravierenden sozialen, religiösen, ökonomischen und politischen Verwerfungen. Innerjüdische Spannungen wurden überlagert und befeuert durch die Frage des Umgangs mit den römischen Besatzern. Teile der jüdischen Bevölkerung opponierten mit sozialen und messianischen Parolen gegen die römische Oberhoheit. Insbesondere die Zeloten schürten messianische Hoffnungen und verknüpften sie mit politischen Erwartungshaltungen, wonach die Römer vertrieben und ein Gottesreich eingerichtet werden würde.

Stichwort

Messianismus

Als Messias (Gesalbter) wird ursprünglich der jüdische König bezeichnet. Seit dem Frühjudentum (6. Jh. v. Chr.) wird der Begriff des Messias mit der Heilserwartung verknüpft und auf einen zukünftig kommenden Retter gemünzt, mit dem die Gottesherrschaft anbrechen wird. Durch die römische Herrschaft gewann die traditionell eher religiös gedeutete Rettergestalt eine politisch-soziale Dimension. Von ihr wurde die Beendigung der römischen Okkupation erwartet, also eine Erlösung im Sinne einer Befreiung.

Ein großer Teil der jüdischen Oberschicht aber stand den Römern durchaus positiv gegenüber und kooperierte mit ihnen. Gerade in dieser Phase des sich anbahnenden Konfliktes erweist sich nun die römische Provinzialverwaltung als besonders skrupellos und unfähig, die traditionell respektierte religiöse Autonomie der jüdischen Bevölkerung auch in Krisensituationen zu handhaben.

Den unmittelbaren Auslöser des Aufstands soll die Plünderung des Tempelschatzes in Jerusalem durch den römischen Prokurator Gessius Florus gebildet haben. Im Verlauf der daraufhin ausbrechenden Unruhen musste Florus Jerusalem verlassen, die Festung Masada wurde von den Zeloten erobert, und der Hohepriester stellte das tägliche Opfer für den Kaiser ein. Dies war das Zeichen zum offenen Aufstand gegen Rom. Selbst das Eingreifen der in Syrien stationierten Legion brachte keinen Erfolg. Der Aufruhr breitete sich wie ein Flächenbrand über die gesamte Provinz Judäa aus.

Vespasian

Nero betraute nach den anfänglichen Misserfolgen den erfahrenen Militär Titus Flavius Vespasianus mit dem Kommando des Krieges. Gemeinsam mit seinem Sohn Titus sollte er mit drei kompletten Legionen die Lage wieder unter Kontrolle bringen. Vespasian gelang es bereits im Jahr 67 n. Chr., das aufständische Gebiet Galiläa zurückzuerobern, im Laufe der nächsten Jahre gewann er das gesamte Gebiet von Judäa wieder für Rom, dabei wurde im Jahr 70 n. Chr. auch der Tempel in Jerusalem völlig zerstört. Die Legionen, die Nero dem Kommando des Vespasian unterstellt hatte, wurden im Machtkampf um die Nachfolge des letzten Kaisers der julisch-claudischen Dynastie zum entscheidenden Faktor. Sie bestätigten wohl am 3. Juli 69 n. Chr. die Erhebung Vespasians zum Kaiser, nachdem er von den Legionen in Alexandria zwei Tage zuvor zum imperator akklamiert worden war.

Flavius Josephus

Informationen aus erster Hand über diesen Krieg liefert der jüdische Autor Joseph ben Mattitjahu, der später den römischen Namen Flavius Josephus annahm. Er war als jüdischer Kommandant des Gebietes von Galiläa direkt in die Kämpfe involviert. Sein Renegatentum begründete er mit einer Prophezeiung, die ihm Vespasian als Nachfolger Neros verkündet und damit die eigene Rettung sowie den Sieg der Römer als göttlichen Willen offenbart habe. Da Josephus sein Werk über die „Geschichte des jüdischen Krieges“ erst unter den flavischen Kaisern veröffentlichte, bietet er mit Sicherheit eine Interpretation der Ereignisse, die einerseits die eigene Rolle positiv färbte, andererseits die von Nero eingesetzten Amtsträger als die wahren Schuldigen betonte. Beides muss nicht der historischen Wahrheit entsprechen.

7. Neros Griechenlandreise

Als der Aufstand in Judäa im Jahr 66 n. Chr. ausbrach, befand sich Nero auf einer Reise durch Griechenland. Zutreffend ist diese Reise immer wieder als „Tournee“ bezeichnet worden. Es war Neros erste und einzige Reise in die Gebiete außerhalb Italiens, und sie diente ganz und gar seiner Darstellung als Künstler und Athlet. Entsprechend negativen Nachhall hat sie in den literarischen Quellen erfahren. Da zudem die Annalen des Tacitus für die Jahre nach 66 n. Chr. verloren sind, bleibt diese Reise Neros stark verzerrt und kann nur unzureichend in ihrem Sinn und ihrem genauen Ablauf rekonstruiert werden.

Freiheitsdekret

Für die Griechen war der Besuch des Kaisers die erste direkte Begegnung mit einem Herrscher seit Augustus. Sie stieß bei den Bewohnern der Provinz auf großen Zuspruch, zumal sich Nero als ausgesprochener Verehrer griechischer Kultur und Geschichte präsentierte. Den politischen Höhepunkt der Reise bildete sicherlich die öffentliche Verkündigung eines Freiheitsdekretes durch den Kaiser, ein Akt, den er in bewusster Nachahmung des berühmten Freiheitsdekretes des Flamininus 196 v. Chr. am Isthmos von Korinth vollzog und in dem er der Provinz Achaia Autonomie und Steuerfreiheit dekretierte.

Quelle

Neros Freiheitsdekret für die Griechen (SIG 814)

Ein unerwartetes, wenn auch von meiner Großherzigkeit durchaus nicht unerhoffbares Geschenk, Männer von Griechenland, mache ich euch, so groß, dass ihr es nicht zu erbitten wagtet. Ihr Griechen alle, die ihr Achaia und die bisher so genannte Peloponnes bewohnt, empfangt Freiheit und Steuerbefreiung, die ihr auch in euren gesamten glücklichsten Zeiten niemals besessen habt […] Denn andere Herrscher haben Städten die Freiheit gegeben, allein Nero jedoch einer ganzen Provinz. […] (Übersetzung M. Bergmann)

Der Prinzeps als „Periodonike“

Der riesige Umfang des kaiserlichen Trosses, die Teilnahme Neros an zahlreichen Spielen sowie Münzprägungen und Baumaßnahmen beispielsweise in Olympia deuten darauf hin, dass diese Reise von langer Hand geplant war. Nero legte großen Wert darauf, an möglichst vielen Wettkämpfen teilzunehmen, und kehrte laut Cassius Dio mit 1808 Siegerkränzen zurück. Mit Sicherheit gehörten die großen panhellenischen Spiele in Olympia, Delphi, Korinth und Nemea sowie die Actia in Nikopolis zu seinem Programm. Um die Teilnahme Neros an allen von ihm gewünschten Wettkämpfen möglich zu machen, mussten die traditionellen Termine der einzelnen Agone geändert werden. Auch der Katalog der einzelnen Wettkämpfe wurde nach seinen Vorstellungen erweitert oder umgestaltet. Zwar absolvierte Nero auf seiner Tournee sowohl musische und dramatische als auch hippische Agone, seine Vorliebe galt aber Schauspiel und Gesang.

Motiv der Reise

Das letztliche bleibt verschwommen, auch wenn es nicht an Erklärungen in der Forschung fehlt. Sollte ein politisches Motiv dahinter zu suchen sein, lässt es sich nicht überzeugend rekonstruieren. Weder der Philhellenismus des Kaisers, der eine kulturelle Symbiose oder gar Gleichstellung von Griechentum und Römertum herstellen wollte, noch die Suche nach einer neuen Akzeptanzbasis seiner Herrschaft oder der Aufbruch zu einer militärischen Kampagne in den Kaukasus und nach Äthiopien scheinen als Erklärungsmuster schlüssig. Im Zentrum der Reise scheint die persönliche künstlerische und sportliche Ambition des Kaisers zu stehen, der seine agonistische Sieghaftigkeit auch bei seiner Rückkehr 67 n. Chr. in einer Adaption militärischer Triumphe zelebrierte. Neros Griechenlandreise sollte also einmal mehr den Blick auf seinen Versuch lenken, das Feld der Kunst zum Aspekt herrscherlicher Legitimation im Prinzipat zu machen. Dabei sind aber die Adressaten dieser vom Prinzeps ausgehenden Interaktion weniger im aristokratischen Publikum römischer Senatoren oder in der stadtrömischen plebs zu suchen, als vielmehr in den Griechen als durch Mythos und Kunst idealiter aufgeladener Ethnie und in Griechenland als kulturellem Raum. Nero selbst soll sich dazu wie folgt geäußert haben:

Quelle

Nero und die Griechen (Suet. Nero 22, 3)

[…] er wurde so stürmisch aufgenommen, dass er sagte, nur die Griechen verstünden zuzuhören, und nur sie seien auch seiner Kunst würdig (Übersetzung H. Martinet)

Reaktionen

Dass diese Reise nicht nur bei den postneronischen Autoren, sondern schon bei den Zeitgenossen als verstörend empfunden wurde, zeigen verschiedene Berichte. Zunächst scheint es als großer Affront in Rom aufgefasst worden zu sein, dass Nero die politische Verantwortung für die Tagesgeschäfte an den kaiserlichen Freigelassenen Helios delegierte. Der Kaiser nahm inzwischen in seinen öffentlichen Auftritten keine Rücksicht mehr auf die Meinung der Senatoren, von deren Mehrheit Nero offensichtlich keine positiven Reaktionen mehr erwartete und die zum Teil auch trotz seiner Abwesenheit weiter verfolgt wurden. Daneben erwies sich die Anwesenheit Neros auch für die Provinz als zweischneidiges Schwert. Denn zum einen mussten die Kosten weitgehend von den einheimischen Eliten getragen werden, zum anderen plünderten die Beauftragten und Freunde des Prinzeps ohne Rücksicht die wichtigsten Städte und Heiligtümer vor allem Südgriechenlands, um die berühmtesten Kunstwerke nach Rom bringen zu lassen, wo sie die domus aurea und die Villen und Gärten der Kaiserfreunde schmücken sollten. So sollen allein aus dem Heiligtum von Delphi 500 Kunstwerke geraubt worden sein.

In Rom spitzte sich die Lage immer weiter zu. Der kaiserliche Freigelassene Helios schickte im Verlauf des Jahres 67 n. Chr. immer dringlichere Appelle nach Griechenland, um den Kaiser zur Rückkehr zu bewegen. Im Gegensatz zu Nero hatte er erkannt, welche Gefahren die bald einjährige Abwesenheit barg und welche Kräfte sich in Rom, Italien und den Provinzen gegen Nero formierten. Erst als Helios persönlich bei Nero erschien, ließ dieser sich allerdings überzeugen und zog – ohne Eile – in einem triumphartigen Marsch von Neapel über die Städte Italiens nach Rom, wo er Ende 67/Anfang 68 n. Chr. eintraf. In einer letzten großen Inszenierung feierte er seine „siegreiche“ Reise in der Art eines militärischen Triumphes.

8. Aufstände in den Provinzen und Neros Tod

Bereits wenige Wochen nach seiner Rückkehr aus Griechenland formierten sich in den westlichen Provinzen Aufstände gegen Neros Herrschaft.

Der Aufstand des Vindex

Der entscheidende Aufstand brach im März des Jahres 68 n. Chr. unter Gaius Julius Vindex, dem Statthalter der Gallia Lugdunensis, aus. Die Gründe, die die römische Historiographie dafür anführt, dass gerade in Gallien die Abfallbewegung von Nero begann, bewegen sich im Rahmen der üblichen Tyrannen-Vorwürfe gegen den Kaiser. Tatsächlich lassen sich aber auch wirtschaftliche Motive erkennen, denn Neros finanzielles Gebaren schlug sich in der Abgabenlast der Provinzen einerseits und in ausstehenden Zahlungen an das Militär andererseits nieder. Darüber hinaus scheint die deutliche Bevorzugung der östlichen Reichshälfte durch Nero eine gewisse Frustration unter den Bewohnern des von allen Vorgängerkaisern privilegierten Gallien hervorgerufen zu haben. Die Nachricht von der Revolte erreichte Nero im März 68 n. Chr. in Neapel, wohin er erneut gereist war. Neros Ruhe im Angesicht des Aufstands deutet darauf hin, dass er die militärische Bedrohung als gering und die Loyalität seiner Truppen in den anderen westlichen Provinzen als hoch einschätzte. Tatsächlich stellte sich der Kommandant der obergermanischen Truppen, Verginius Rufus, gegen Vindex und besiegte dessen Heer bei Vesontio.

Der Abfall des Galba

Zwischenzeitlich hatte allerdings der spanische Statthalter Sulpicius Galba, ein Senator aus einer alten patrizischen Familie mit einer langen Karriere, seine Gefolgschaft aufgekündigt, sich zum Legaten des Senates und des römischen Volkes erklärt und damit das Zeichen für eine Abfallbewegung in anderen Provinzen und unter den in Norditalien stationierten Truppen gegeben. Nun liefen auch die Prätorianer zu Galba über, der Senat erklärte Nero zum hostis publicus, und ihm blieb nichts als die Flucht, die der Kaiserbiograph Sueton mit allen Elementen eines typischen Tyrannentodes literarisch inszeniert: Nero flieht mit nur wenigen Getreuen in die villa seines Freigelassenen Phaon, die Flucht wird ganz im Stil einer Unterweltsfahrt dargestellt. Dort angekommen, bringt Nero nicht den Mut auf, sich selbst zu töten, und lässt sich von einem seiner Freigelassenen einen Dolch in den Hals stoßen. Am 9. Juni 68 n. Chr. stirbt Nero. Er soll mit den Worten „Was für ein Künstler geht mit mir zugrunde!“ (Suet. Nero 49, 1) aus dem Leben geschieden sein. Der Senat verhängte über Nero die damnatio memoriae.

9. Künstler, Muttermörder, Christenverfolger – Neros Nachleben

Nero, der Mörder und Sänger, der megalomane Bauherr und Christenverfolger, der Inbegriff von Spielen, Luxus und Verschwendung, hat die Phantasie der Nachwelt immer wieder beschäftigt. Betrauert wurde er besonders im griechischen Osten, wo drei Mal ein „falscher Nero“ behaupten konnte, er sei seinen Mördern entkommen, und bei Teilen der römischen plebs. Auch die unmittelbaren Nachfolger Neros aus dem Vierkaiserjahr 68/69 n. Chr. distanzierten sich nicht oder nur bedingt von ihm.

Erst mit Vespasian fand ein deutlicher Bruch mit der neronischen Zeit statt, am deutlichsten versinnbildlicht in der Architektur. Die flavischen Kaiser setzten mit dem Bau ihres Amphitheaters (amphitheatrum Flavium), des Kolosseums, eine öffentliche, römisch geprägte Unterhaltungsarchitektur gegen Neros hellenistische Herrschaftsarchitektur. Sie nutzten den von Nero und seinen Vorgängern geschaffenen Raum zur Legitimation der eigenen Dynastie. Von den römischen Eliten der flavischen Epoche – von denen nicht wenige unter Nero ihre Karrieren vorangetrieben hatten – wurde sein Bild ganz im Sinne der neuen Dynastie ebenfalls negativ gezeichnet: Flavius Josephus, Martial, Juvenal, später Tacitus, Sueton, Cassius Dio oder Aurelius Victor erschufen das Bild des enthemmten Künstlers, Tyrannen und Mörders.

Auch das jüdische Nerobild war und blieb in der Nachfolge des jüdischen Aufstandes immer negativ: Er galt als Feind des jüdischen Volkes und blieb es durch die Jahrhunderte. In der Figur Neros subsumierte sich für die Juden ihr Hass auf den römischen Staat, der ihnen die Existenz raubte. Für die Christen war Nero der erste Verfolger ihrer Religionsgemeinschaft, der Rom zur Stätte der Märtyrer machte. In diesem Kontext allerdings konnte Nero am Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. noch einmal ein positives Image erlangen: Er wurde zum Symbol der Auseinandersetzungen zwischen den paganen Römern und den Christen. Die Anhänger der alten Traditionen und des polytheistischen Glaubens feierten Nero als Repräsentanten von Spielen und Rennen, jener Bereiche also, die für die antike Zivilisation stets zentral waren, während sie für die Christen eine Provokation darstellten.

Nero blieb Polarisationsfigur über die Antike hinaus. Für das 20. Jahrhundert entscheidend wurde eine literarische Verarbeitung der neronischen Christenverfolgung aus dem Jahr 1896. Der polnische Schriftsteller Henryk Sienkiewicz schuf mit seinem Roman „Quo vadis“, der die Anfänge des Christentums in Rom beschreibt, das Bild des wahnsinnigen Nero schlechthin. Durch die mehrfache Verfilmung des Stoffes und seine Verbreitung in modernen Massenmedien wie Film und Fernsehen erhielt Nero ein schwer aus dem Gedächtnis zu entfernendes Gesicht. Prägend wurde die Darstellung Neros durch den englischen Schauspieler Sir Peter Ustinov in einer oscarprämierten Hollywood-Verfilmung aus dem Jahr 1951 unter der Regie von Mervyn LeRoy.

Auf einen Blick

Neros Herrschaft zerfällt in der Darstellung der Quellen in zwei Teile. Einem als positiv erachteten ersten Zeitraum von fünf Jahren folgten weitere neun Jahre tyrannischer Exzesse. Der Mord an seiner Mutter wird als Zäsur dargestellt. Mit ihm begann jene Zeit Neros, die von künstlerischen Ambitionen, politischen Morden, hypertrophen Bauprojekten und schließlich einer gänzlich der agonistischen Selbstverwirklichung dienenden, 15-monatigen Griechenlandreise geprägt war. Ein gravierendes Ereignis für die stadtrömische Geschichte war der Brand Roms im Jahr 64 n. Chr., der Nero die Möglichkeit gab, ein umfassendes Bauprogramm zu starten. Teil dieses Programms war der Neubau seines Palastes, der domus aurea. Gerüchten, er selbst habe den Brand gelegt, soll er mit der Beschuldigung der Christen begegnet sein. Die christliche Geschichtsschreibung formte diese Episode zur ersten römischen Christenverfolgung um. Unter seiner Herrschaft kam es zu Aufständen in den Provinzen Britannien und Judäa, seine außenpolitischen Erfolge beschränkten sich auf die Lösung der Armenienkrise, die zwar als römischer Sieg propagiert wurde, tatsächlich aber ein Zugeständnis an die Parther war. Eine breite Oppositionsbewegung wird in den Quellen suggeriert, lässt sich aber nur schwer fassen. Am Ende scheiterte die Herrschaft Neros an einem Putsch des Militärs, dem sich die Prätorianer anschlossen. Mit Nero endet die julisch-claudische Dynastie. Als Stereotyp des tyrannischen Herrschers, Christenverfolgers und Brandstifters erlebte Nero eine breite Rezeption bis in die Moderne.

Literaturhinweise

Böhnisch-Meyer, S. u.a. (Hgg.): Nero und Domitian. Mediale Diskurse der Herrscherrepräsentation im Vergleich, Tübingen 2014. Sammelband, der zahlreiche Aspekte der neronischen Herrschaft im Vergleich zu Domitian aufarbeitet.

Buckley, E./Dinter, M.T. (Hgg.): A Companion to the Neronian Age, Chichester 2013. Weitgespanntes Kompendium mit Schwerpunkten auf Literatur- und Rezeptionsgeschichte.

Champlin, E.: Nero, Cambridge, MA, London 2003. Empfehlenswerte Studie zu Neros Selbststilisierung und Versuch, diese rational zu deuten.

Elsner, J./Masters, J. (Hgg.): Reflections of Nero. Culture, History and Representation, London 1994. Überzeugende Sammlung von Beiträgen, die am Beginn einer neuen, kritischen Auseinandersetzung mit den Quellen zu Nero stand.

Nero. Kaiser, Künstler und Tyrann. Begleitband zur Ausstellung in Trier 14. Mai bis 16. Oktober 2016, Darmstadt 2016. Knappe, aber auf aktueller Forschung basierende Beiträge zu Neros Leben, dem römischen Reich unter seiner Herrschaft und seiner Rezeption, mit zahlreichen Abbildungen versehen.

Sonnabend, H.: Nero. Inszenierung der Macht, Darmstadt 2016. Die schwierige Aufgabe, angesichts der problematischen Quellen eine gelungene Nero-Biographie zu schreiben, wird von Sonnabend überzeugend gemeistert.