Gefahr per Post
Ein neuer John Pickett Krimi
von
Sheri Cobb South
Kapitel 1
In dem John Pickett einen neuen Fall übernimmt
Die hohe Standuhr in der Halle schlug sieben, die absteigenden Töne ihres Whittington–Glockenspiels hallten bis zu den Schlafzimmern im Stockwerk darüber. John Pickett schlug die Decken zurück, setzte sich auf und schwang seine Beine aus dem Bett, wobei er gähnte und mit den Fingern durch seine zerzausten braunen Locken fuhr. Hinter ihm bewegte sich ein Berg zerknitterter Laken und eine schläfrige weibliche Stimme schnurrte:
„Mhmmm, es ist nett, neben dir aufzuwachen.“
Er drehte sich um und sah überrascht die Frau an, die seit drei Monaten seine Ehefrau war. „Oh?“
Julia lächelte ihn verschlafen an. „Du findest das überraschend?“
„Allerdings“, gestand er und wandte sich dann ab, um das verschmitzte Lächeln zu verbergen, das er nicht ganz unterdrücken konnte. „Ich dachte nicht, dass du vor dem Mittag, frühestens,
aufwachen würdest.“
Als sie in gespielter Empörung protestierte, beugte sich Pickett vor, um nach der Hose zu greifen, die auf einem Stuhl neben dem Bett lag. Damit beging er einen taktischen Fehler, denn sie nutzte die Gelegenheit, um ihm einen Klaps auf sein nacktes Hinterteil zu geben. Solche weibliche Frechheit durfte nicht ungestraft bleiben, daher krabbelte er zurück ins Bett, entschlossen, sich an seiner lachenden besseren Hälfte zu rächen. Infolgedessen war mehr als eine halbe Stunde vergangen, bis er das Stadthaus in der Curzon Street verließ und sich auf den Weg zur Bow Street machte.
„Spät, spät, spät“, murmelte er leise um einen Bissen Brötchen herum, das er auf dem Weg nach draußen aus dem Frühstückszimmer geholt hatte, um es im Gehen zu essen.
Doch leider war es trotz seiner größten Anstrengung fünf Minuten nach acht, als er die Amtsräume in der Bow Street betrat, und jede Hoffnung, die er vielleicht gehegt hatte, unbeobachtet hineinschlüpfen zu können, wurden zerstört, als Harry Carson, eines der neuen Mitglieder der berittenen Wache, ihm zurief: „Ein bisschen knapp, wie, Casanova?“
Woher wussten
sie es, fragte Pickett sich und wurde knallrot, weil ein Dutzend Gesichter ihn wissend angrinsten. War es so offensichtlich? Konnte man es auf seinem Gesicht ablesen?
„Wie nett, dass Ihr Euch uns anschließt, Mr. Pickett“, sagte der Richter und sah weit weniger erheitert aus als seine Männer.
„Tut mir leid, Sir“, begann Pickett, doch Mr. Colquhoun brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen. Er beendete die Anweisungen, die er den Männern erteilte und entließ sie zu ihren Pflichten, schloss dann aber mit: „Ihr nicht, Mr. Pickett.“ Während Pickett sich in Erwartung des kommenden Tadels innerlich wand, wartete der Richter, bis die Gruppe sich zerstreut hatte. Sobald er sicher sein konnte, dass niemand mithörte, musterte er seinen jüngsten Läufer mit einem unfreundlichen Blick. „Das ist das dritte Mal seit Eurer Heirat, dass Ihr zu spät kommt, nicht wahr, Mr. Pickett?“
Pickett erinnerte sich an mehrere späte Abende und bestimmte außerplanmäßige Aktivitäten am Morgen und konnte es nicht leugnen. „Es tut mir leid, Sir. Es – es soll nicht wieder vorkommen.“ Er dachte über seine letzte Bemerkung nach. „Eigentlich wird es wohl vorkommen, aber ich werde mich nicht wieder verspäten. Das heißt …“ Er dachte an die warme und einladende Umarmung seiner Frau und lächelte in liebevoller Erinnerung. „… ich werde versuchen, nicht wieder zu spät zu kommen.“
Mr. Colquhouns schottisches Gebrumm holte ihn wieder in die Gegenwart zurück. „Ihr könntet etwas weniger selbstzufrieden
auszusehen versuchen, Mr. Pickett. Ihr habt nichts Neues erfunden, wisst Ihr.“
„Für mich ist es neu“, widersprach Pickett, was Mr. Colquhoun bestätigte, was er bereits vermutet hatte.
Der Richter seufzte. „Ihr hattet keine besonders schöne Hochzeitsreise, oder?“, fragte er, nicht ohne Mitgefühl.
Dem konnte Pickett nicht zustimmen. „Zwei Wochen in Somersetshire“, erinnerte er seinen Richter, „mit Lohn.“
„Während denen Ihr Euch nicht nur mit einem Fall einer vermissten Person und einem Mord konfrontiert saht, sondern die gesamte Zeit unter dem Dach Eures Schwiegervaters untergebracht wart. Und sagt mir nicht, dass das Letztere weniger als das Erstere den Flitterwochen einen Dämpfer aufgesetzt hat.“
Pickett erinnerte sich an seine unangenehme erste Begegnung mit seinen entsetzten Schwiegereltern und schauderte. „Nein, Sir, das werde ich nicht.“
„Da dies so ist, würde Euch eine Reise in den Lake District mit Eurer Frau zusammen gefallen? Sagt mir, was Ihr hiervon haltet.“
Mr. Colquhoun streckte seine Hand über das Geländer, das die Richterbank vom übrigen Raum trennte, aus und reichte Pickett ein gefaltetes Blatt Papier, ein Papier, das an Patrick Colquhoun, Esq., Bow Street 4, London,
adressiert war.
Pickett öffnete es und überflog die wenigen darin enthaltenen Zeilen. Die Nachricht war kurz und knapp:
Bitte sendet einen Eurer Männer in das Dorf Banfell in Cumberland. Er kann im Hart and Hound logieren.
Pickett schaute zu dem Richter auf. „Es gibt keine Unterschrift.“
Mr. Colquhoun nickte. „Offensichtlich hat die Ehe Euren messerscharfen Verstand nicht getrübt.“
Pickett bestätigte diesen verbalen Stoß mit einem eher verlegenen Grinsen. „Nein, aber es gibt nicht viel, was man hieraus entnehmen kann, nicht wahr?“
„Nein, das tut es nicht. Um die Wahrheit zu sagen, ich bin ein bisschen verärgert darüber, dass ich einen Shilling zahlen musste für den zweifelhaften Vorzug, es annehmen zu dürfen. Und doch, wer auch immer das geschrieben hat, erwartet, dass ich einen Mann auf eine teure und zeitraubende Reise schicke, ohne auch nur einen Hinweis darauf zu geben, zu welchem Zweck das sein soll. Ich weiß nicht, ob ich Euch in den Lake District schicken oder diesen Zettel ins Feuer werfen sollte.“
„Doch was, wenn er nicht mehr sagen konnte?“, schlug Pickett ein wenig verzweifelt vor, da er die in Aussicht gestellten Flitterwochen vor seinen Augen entschwinden sah. „Was, wenn er keine Zeit hatte, mehr als eine schnelle Nachricht zu kritzeln, aus Angst, dass jemand anders sie sehen könnte? Oder vielleicht Angst hatte, genauer zu werden, falls sie in die falschen Hände geriete?“
„Ja, da könntet Ihr ins Schwarze getroffen haben“, sagte der Richter nachdenklich und trommelte mit seinen Fingern auf der Bank. „Wenn ich Euch mit so wenigen Informationen nach Cumberland schicken würde, Mr. Pickett, wo würdet Ihr anfangen?“
Pickett sah auf die wenig erklärende Nachricht in seiner Hand hinab und seufzte. „Ich schätze, ich würde damit beginnen, mir ein Zimmer im Hart and Hound zu nehmen und es bekannt werden zu lassen, dass ich aus London komme und darauf warten, dass unser anonymer Briefschreiber sich zu erkennen gibt.“
„Ja, und in der Zwischenzeit wäret Ihr und Eure Gattin nur ein frisch verheiratetes Paar auf der Hochzeitsreise, was Eure schauspielerischen Fähigkeiten nicht übermäßig beanspruchen sollte. Ich schätze, es könnte funktionieren. Ihr könntet den Ortswechsel vielleicht sogar genießen. Die Landschaft im Lake District ist wild und wunderschön. Erinnert mich ein bisschen an meine Heimat Schottland, an das Land um den Loch Lomond.“
Pickett fand nur ein Problem bei diesem Plan. „Ich bin nicht sicher, ob Julia in ihrem Zustand reisen sollte.“
„Wie weit ist sie?“
Es war für beide Picketts, ihn wie sie, ein Schock gewesen, als sie entdeckten, dass Julia – die nach sechs Jahren kinderloser Ehe mit ihrem Ehemann geglaubt hatte, unfruchtbar zu sein – fast sofort nach dem Vollzug ihrer neuen Ehe ein Kind empfangen hatte.
„Ungefähr drei Monate – keinesfalls länger.“
„John, nach einem weiteren Monat, höchstens nach zweien, wird ihr Zustand sichtbar werden und sie wird bis nach der Geburt ans Haus gefesselt sein. Wenn Ihr einen guten Rat von einem Mann annehmen wollt, der es siebenmal mit seiner eigenen Frau durchgemacht hat, lasst sie so viel wie möglich ausgehen, solange sie es noch darf.“
Für Frauen von Picketts eigenem Stand ging das Leben weiter wie gewöhnlich, ob sie schwanger waren oder nicht, daher verstand er die Sitte des Adels nicht, schwangere Frauen außer Sicht zu verstecken – dachten sie, Babys würden vom Storch gebracht? – doch er hatte keinen Zweifel daran, dass seine Frau, die als Lady geboren und erzogen war, beabsichtigte, sich an eine Sitte zu halten, die für sie zweifellos völlig vernünftig schien. Dann war da noch die Tatsache, dass sie ihn hatte begleiten wollen, als er das letzte Mal gezwungen gewesen war, im Laufe einer Ermittlung zu reisen. Er hatte sich geweigert, es ihr zu erlauben, ohne zu erkennen, dass sie ihre Gründe dafür hatte, nicht gern allein in London bleiben zu wollen. Was dann folgte, war ihr erster (und, klopf auf Holz, einziger) Streit gewesen und ihm lag nicht daran, diese Erfahrung zu wiederholen. Außerdem, wenn das Baby erst da wäre, war er nicht sicher, ob sie es lange genug bei seinem Kindermädchen würde lassen wollen, um ihn auf eine Ermittlungsreise zu begleiten. Sie
würden vielleicht keine andere Gelegenheit mehr bekommen.
„Gut, Ihr habt mich überzeugt“, sagte er schließlich.
„Guter Mann! Zufällig habe ich einen alten Freund, der in dieser Gegend lebt, einen Mann namens Robert Hetherington. Wenn Ihr ein wenig warten wollt, schreibe ich Euch ein Empfehlungsschreiben. Wer weiß, ob es für Euch nützlich werden könnte, einen Einheimischen dort zu kennen.“
Einige Minuten lang gab es kein anderes Geräusch als das Kratzen der Feder, während der Richter seinen Brief schrieb. Schließlich stellte er die Feder wieder in ihren Stand, streute Sand über seine Nachricht, um die Tinte zu trocknen, faltete und versiegelte sie.
„Normalerweise würde ich Euch anweisen, die Postkutsche zu nehmen, doch in Anbetracht der Tatsache, dass Ihr mit einer Dame reist – und einer schwangeren Dame noch dazu, die zweifellos an jedem passenden Ort zwischen hier und Penrith wird anhalten wollen – werde ich den Unfug einer Mietkutsche unterstützen.“
„Vielen Dank, Sir“, sagte Pickett ziemlich überrascht, der nicht daran gewöhnt war, auf Kosten der Bow Street so luxuriös zu reisen.
„Aber keine Dienstboten“, fügte der Richter hinzu. „Ich muss die Kosten so niedrig halten, wie ich kann. Meint Ihr, Eure Frau wird zurechtkommen?“
„Da bin ich mir sicher“, versicherte Pickett ihm mit nicht
geringem Stolz in seiner Stimme über die unerwartete Vielseitigkeit seiner Frau. In der Tat war er überrascht gewesen, wie gut seine hochgeborene Frau sich an das Leben in seiner eigenen Wohnung in der Drury Lane gewöhnt hatte während der beiden Wochen, die sie dort verbracht hatten, obwohl er nicht beabsichtigte, sie zu bitten, auf Dauer ein solches Opfer zu bringen.
„Ausgezeichnet! Ihr werdet mehr als eine halbe Woche brauchen, um Cumberland zu erreichen“, fuhr Mr. Colquhoun fort und kritzelte den Namen seines Bekannten auf die Außenseite des Briefs, bevor er ihn über das Geländer reichte. „Noch eine halbe Woche für die Rückreise und ich erwarte, Euch in, sagen wir, drei Wochen wiederzusehen. Solltet Ihr mehr Zeit benötigen – Zeit für Eure Ermittlungen, heißt das, nicht für Eure Flitterwochen – könnt Ihr mir schreiben, um mir das mitzuteilen. Was das angeht, solltet Ihr mich darüber informieren wollen, was Ihr dort feststellt, werde ich gern alle Briefe annehmen, die Ihr zu schicken habt.“
„Vielen Dank, Sir.“ Pickett wusste, dass dies kein kleines Zugeständnis war, da die Gebühr für den Erhalt des Briefs aus dem Haushalt des Amtes der Bow Street kommen würde, wenn nicht aus Mr. Colquhouns eigener Tasche. Und diese Korrespondenz würde auch nicht billig werden: ein einzelner Brief, der durch die Königliche Post aus einem so abgelegenen Ort überbracht würde, dürfte den Empfänger nicht weniger als einen Shilling kosten – vier
Prozent von Picketts wöchentlichem Lohn. „Ich verspreche, dieses Privileg nicht zu missbrauchen. Wenn Ihr einen Brief von mir erhaltet, könnt Ihr sicher sein, dass ich wichtige Neuigkeiten zu berichten habe.“
„Ich bezweifle ohnehin, dass Ihr viel Zeit zum Schreiben haben werdet, Mr. Pickett“, sagte der Richter und fügte dann mit einem Augenzwinkern hinzu: „Schließlich seid Ihr ja auf Eurer Hochzeitsreise.“
* * *
Pickett kehrte kurze Zeit später in die Curzon Street zurück, um Julia im Esszimmer zu finden, wo sie weiße Leinenstreifen auf dem Tisch ausgebreitet hatte und zuschnitt.
„So bald schon zurück?“, fragte sie, als sie mit allen Anzeichen von Freude von ihrer Arbeit aufblickte. „Es ist doch alles in Ordnung, hoffe ich?“
„Nein, aber – Schatz, ich bin sicher, dass du einen sehr guten Grund haben musst, aber warum zerschneidest du das Tischtuch?“
„Das ist kein Tischtuch, Dummchen“, sagte sie und hielt lange genug bei ihrer Arbeit inne, um ihn mit einem Kuss zu begrüßen. „Ich mache Windeln für das Baby.“
„Windeln?“ Picketts erstaunter Blick wanderte über die Berge großer, weißer Rechtecke, die auf mehreren Stühlen gestapelt waren, sowie die Stoffbahn, die Julia in noch mehr davon verwandelte, und
er hatte eine ziemlich gute Ahnung, welcher Nutzung diese „Windeln“ zugeführt werden sollten. „Wie viele Windeln braucht ein durchschnittliches Baby wohl?“
„Mein lieber John, du willst sicher nicht andeuten, dass unser Kind ‚durchschnittlich‘ sein wird!“
„Sagen wir, es gibt einige Dinge, bei denen es mir lieber wäre, wenn es sich nicht darin auszeichnen würde“, sagte Pickett und rümpfte seine Nase bei der Vorstellung. „Aber du musst sie doch nicht selbst nähen, weißt du. Ich bin sicher, dass wir es uns leisten können, sie zu kaufen.“ Es war für ihn immer noch ein wunder Punkt, dass er ihr nicht die vielen kleinen Luxusdinge verschaffen konnte, an die sie gewöhnt war; er vermutete, es würde immer so sein, ganz gleich, wie oft sie ihm versicherte, dass das keine Rolle spielte. Trotzdem konnte er sich nicht vorstellen, dass diese Ausgabe seine Möglichkeiten übersteigen würde.
„Oh, aber ich möchte es gern! Ich möchte
etwas zu tun haben in diesen letzten Monaten. Ich dachte, wenn ich sie jetzt zuschneide, solange ich mich noch problemlos über den Tisch beugen kann, könnte ich sie später, wenn ich das Haus nicht mehr verlassen kann, die Ränder einrollen und säumen, um ein Ausfransen zu verhindern. Doch du wolltest mir sagen, warum du so früh nach Hause kommst“, erinnerte sie ihn.
„Ich muss packen.“
„Oh?“ Ihre Schere glitt durch den Stoff, ohne auch nur innezuhalten. „Musst du verreisen?“
Er hätte durch ihre scheinbare Gleichgültigkeit enttäuscht, ja verletzt sein können, hätte er nicht bemerkt, wie entschlossen sie war, ihn nicht anzusehen. Er stützte eine Hand auf den Tisch und beugte sich vor, was es ihr fast unmöglich machte, seinem Blick auszuweichen. „Wir
werden verreisen“, berichtigte er sie. „Wie würde es dir gefallen, mit mir in den Lake District zu fahren?“
Die Schere fiel klappernd auf den Tisch, das Baby und seine Windeln waren vorübergehend vergessen. „Oh John, ist das dein Ernst?“
„Ja.“ Wieder einmal fühlte er einen Stich von Schuldgefühlen, weil die Ehe mit ihm sie förmlich aus der Gesellschaft ihrer eigenen Klasse ausgestoßen hatte. Mr. Colquhoun hatte recht: Er musste sie in den nächsten ein oder zwei Monaten so oft wie möglich außer Haus mitnehmen. Und danach, wenn das Verstecken ihres Zustands vor der Welt ihr helfen würde, ein wenig ihres durch ihre Heirat verlorenen Status‘ wieder zurückzuerlangen – ganz zu schweigen davon, dass es ihr erlauben würde, der Öffentlichkeit fernzubleiben, bis der Klatsch über ihre ungleiche Ehe vergessen werden könnte – nun, wer könnte sie tadeln? „Mr. Colquhoun denkt, wir könnten überzeugend ein frisch vermähltes Paar darstellen – ich kann mir nicht vorstellen, wie er darauf kommt – während ich verdeckt
nebenbei ein wenig ermittle.“
„Was für ein Fall ist es?“, fragte sie. „Wann reisen wir ab?“
„Ganz früh am nächsten Morgen, wenn du so schnell bereit sein kannst. Was die Art des Falls angeht, nun, es ist eine seltsame Angelegenheit.“ Er nahm den Brief aus der Tasche und reichte ihn ihr.
„Allerdings seltsam.“ Sie überflog die kurze Nachricht, ebenso, wie er es vor kurzer Zeit gemacht hatte, drehte sie dann um und suchte vergeblich nach einem Hinweis auf eine Frankierung, die es ermöglicht hätte, den Brief ohne Zahlung zuzustellen. „Und außerdem anmaßend zu erwarten, dass dein Richter einen Shilling für nicht mehr als dies zahlen würde.“
„Ja, Mr. Colquhoun sagte, er wäre ein bisschen ‚verdattert‘ darüber gewesen, was, wie ich annehme, bedeutet, dass er nicht gerade zufrieden war.“
„Ich kann nicht sagen, dass ich ihm das verübeln würde.“ Eines der wenigen Dinge – der sehr
wenigen Dinge – die sie an ihrer ersten Ehe vermisste, war der Verlust von Lord Fieldhursts Privileg, Briefe freimachen zu können. Sie nahm an, der Cousin ihres Ehemannes, George, der neue Viscount, würde ihre Briefe frankieren, wenn sie ihn darum bäte – er hätte es kaum ablehnen können, ohne wie der Pfennigfuchser zu wirken, der er war – doch sie weigerte sich, ihm die Befriedigung zu gönnen, ganz richtig glauben
zu dürfen, dass ihr zweiter Ehemann nicht in der Lage war, ihr allen Luxus zu bieten, an den sie gewöhnt war. Stattdessen, da sie sich neuerdings der Kosten eines Haushalts (und der Notwendigkeit, diese mit dem Seelenfrieden eines Mannes, dessen Einkommen viel geringer war als ihr eigenes, abzustimmen), sparte sie sich ihre Korrespondenz dafür auf, wenn sie wirkliche Neuigkeiten mitzuteilen hatte – oder, wie ihr zunehmend bewusst wurde, um einen ziemlich großen Gefallen bitten musste. „In der Tat bin ich überrascht, dass Mr. Colquhoun dich auf so wenige Informationen hin überhaupt losschickt.“
„Oh, er war sehr in Versuchung, den Brief ins Feuer zu werfen, aber ich habe ihn vom Gegenteil überzeugt.“
„So? Wie das? Und vielleicht noch wichtiger, warum denn? Es sei denn, dass du darin eine Gelegenheit sahst, dass wir uns für ein paar Wochen an einen abgelegenen und malerischen Ort fortstehlen könnten, in welchem Fall du klüger bist, als ich gedacht hätte.“
„Nein, ich fürchte, das nicht, so sehr es mich schmerzt, dir die Illusion zu rauben“, gestand er. „Es wirkte nur ein wenig, ich weiß nicht, verzweifelt, könnte man sagen. Als ob, wer auch immer das geschrieben hat, – so viel da steht – sich nicht traute, mehr zu schreiben, aus Angst, es könnte in falsche Hände geraten.“
„Es hört sich sehr kryptisch und geheimnisvoll an.“
„Und könnte sich doch als eine Jagd nach einem Phantom
erweisen – in welchem Fall Mr. Colquhoun nicht sehr zufrieden mit mir sein würde, weil ich ihn dazu überredet habe, diesen kleinen Ausflug zu finanzieren.“
„Ich hätte gedacht, dass die Person, die nach dir geschickt hat, die Ausgaben würde tragen müssen.“
„Ja, aber der Brief trägt keine Unterschrift“, stellte er fest. „Wenn ich den Absender nicht herausfinden kann, wird die Bow Street die Rechnung tragen müssen, die erheblich sein wird, wenn wir eine Kutsche nach Cumberland und zurück mieten. Aber Mr. Colquhoun meinte, ich würde nicht wollen, dass meine Frau in der gewöhnlichen Postkutsche reist. Und damit hatte er recht“, fügte er hinzu, nahm sie in die Arme und küsste sie erneut.
Ihr Gesicht wurde ernst. „John, wenn du lieber allein fahren möchtest, würde ich das verstehen. Ehrlich.“
Er musste nicht fragen, um zu verstehen, dass auch sie an ihren kürzlichen Streit dachte. „Ich möchte dich bei mir haben, Julia, daran darfst du nie zweifeln. Außerdem“, er zog sie fester an sich und tupfte ihr einen erneuten Kuss auf die goldenen Locken – „ich würde wie ein schöner Narr wirken, wenn ich ganz allein auf Hochzeitsreise ginge!“
* * *
Nachdem die Angelegenheit nun zur beiderseitigen Zufriedenheit geregelt war, schickte Pickett Andrew, den Lakaien,
zur Poststation, um eine Kutsche zu mieten; obwohl er sich noch nicht ganz an seinen Aufstieg in der Welt gewöhnt hatte, den ihm seine Heirat eingebracht hatte, lernte er doch, wie er Dienern Anweisungen erteilen konnte, ohne allzu schüchtern oder zum Ausgleich der zuvor erwähnten Schüchternheit zu herrisch zu wirken. Als der Lakai zu dieser Besorgung aufbrach, ging Pickett zu seiner Lady ins Schlafzimmer, wo er sie fand, wie sie Betsy, ihrer Zofe, ebenso wie Thomas, seinem kürzlich zum Kammerdiener beförderten Lakaien, Anweisungen zum Packen der Koffer erteilte.
„Ah, da kommt ja Mr. Pickett“, sagte Julia, als er den Raum betrat, gerade rechtzeitig, um Thomas seine Abendkleidung aus dem Schrank nehmen und vorsichtig auf dem Bett auslegen zu sehen. „Ich bin sicher, dass wir beide den Rest selbst erledigen können. Ihr dürft jetzt gehen, alle beide.“
„Ich gehe schon und packe meine eigenen Sachen, ja, Sir?“, bot Thomas eifrig an.
Pickett schüttelte den Kopf. „Nein, danke, Thomas. Mrs. Pickett und ich werden allein reisen.“ Als er den niedergeschlagenen Gesichtsausdruck seines Kammerdieners sah, fügte er hinzu: „Vielleicht beim nächsten Mal.“
„Sehr wohl, Sir.“ Thomas wandte sich ab und brummte in sich hinein: „Genau das habt Ihr auch schon beim letzten Mal gesagt.“
Dass der Mann recht hatte, entschuldigte seine
Unverschämtheit in keiner Weise. „Wenn du in deiner neuen Stellung unzufrieden bist“, sagte Pickett mit einem Hauch von Härte in der Stimme, „bin ich sicher, ich könnte mit Andrew darüber sprechen, dass ihr eure Plätze tauscht.“
„N–nein, Sir. Ich habe nicht sagen wollen …“
„Oh, ich denke doch“, sagte Pickett mit einem Seufzer. Thomas war bei mehr als einer Gelegenheit ein unschätzbarer Verbündeter gewesen und Pickett wollte ihn nicht gern verlieren. Darüber hinaus konnte er die Sehnsucht nach Abenteuern verstehen und mitfühlen, die ein Mann etwa in seinem Alter empfand. „Und ich kann es dir nicht verdenken. Aber diese Reise ist schon teuer genug. Ich kann meinen Richter nicht bitten, eure zusätzlich zu meinen Ausgaben zu bezahlen.“
„Jawohl, Sir.“ Thomas sah das Argument bereitwillig ein, aber sein fragender Blick wanderte zu Julia, für die die zusätzlichen Ausgaben keine besondere Belastung darstellen würden.
„Nein“, fügte Pickett schnell hinzu, „also denke nicht einmal darüber nach. Mrs. Pickett wird auch ohne Betsy reisen.“
„Ja, Sir“, sagte Thomas erneut und kehrte ins Dienstbotenquartier zurück, wo, daran hatte Pickett keinen Zweifel, er und Betsy sich eine schöne Zeit machen und darüber klatschen würden, was für ein Geizkragen der neue Herr war.
Nun, daran konnte er nichts ändern, also schlug er sich das
Problem aus dem Kopf und wandte seine Aufmerksamkeit der dringlicheren Aufgabe zu, für die Reise zu packen. Er nahm die von Thomas so sorgfältig herausgelegte Abendkleidung und trug sie zurück in den Kleiderschrank.
„Es macht dir nichts aus, oder?“, fragte er Julia entschuldigend. „Ohne Diener zu reisen, meine Ich. Außer den höheren Kosten bin ich auch nicht sicher, ob ich auf Thomas' Diskretion vertrauen kann. Die Versuchung, vor dem Personal des Gasthauses damit zu prahlen, dass er mich in Angelegenheiten der Bow Street begleitet, könnte zu groß sein, um ihr zu widerstehen.“
„Nein, das macht mir nichts aus“, sagte Julia und sah verwirrt zu, als er begann, seinen Abendanzug wegzuräumen, „aber was machst du da?“
„Diese Sachen werde ich mit Sicherheit nicht brauchen“, widersprach Pickett. „Ich habe eine Ermittlung durchzuführen. Ich weiß nicht, welche Art von Fall es genau ist, aber ich bin ziemlich sicher, dass ich deshalb nicht auf einen Ball gehen muss. Zumindest hoffe ich das nicht“, fügte er etwas erschrocken über diese neue und unwillkommene Neuigkeit hinzu.
Julia nahm ihm die Kleider vom Arm und trug sie wieder zum Bett. „Im Gegenteil, du überbringst doch ein Empfehlungsschreiben an einen alten Freund von Mr. Colquhoun. Es wäre sehr seltsam, wenn dieser Freund dich nicht zu einem Diner einladen würde. Und“,
veranlasste ein mutwilliges Teufelchen sie, hinzuzufügen: „Wenn er und seine Frau zufällig einen Ball geben, während wir in der Gegend sind, kannst du sicher sein, dass wir eine Einladung erhalten.“
Pickett starrte sie an. „Das kann nicht dein Ernst sein!“
„Nun, vielleicht das mit dem Ball nicht“, räumte sie mit einigem Bedauern ein. „Aber bei der Einladung zum Diner bin ich mir sicher. Etwas anderes zu tun wäre ein schockierender Affront gegen Mr. Colquhoun, wie du weißt.“
Tatsächlich hatte Pickett es nicht
gewusst. Er hatte angenommen, dass das Empfehlungsschreiben ihm ermöglichen würde, den Mann nach allen relevanten Dingen auszufragen, die er von jemandem, der sich in der Gegend und mit ihren Bewohnern auskannte, erhoffen konnte; er war sich keineswegs sicher, dass ihm die Vorstellung von gesellschaftlichen Pflichten behagte, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass er sich vor Kurzem in einer solchen Situation vor seinen Schwiegereltern zum Narren gemacht hatte.
„Ich habe keinen Zweifel daran, dass du alles sehr gut meistern wirst, unabhängig von den Umständen“, versicherte Julia ihm und blieb, die Arme voller primelfarbenem Musselin, lange genug stehen, um ihm einen schnellen Kuss zu geben.
„Wenn du das sagst“, sagte Pickett wenig überzeugt. „Auf jeden Fall werde ich mich mit dem Wissen trösten, dass Mr. Colquhouns Freund unmöglich furchterregender sein kann als deine Mutter.“
„Und du hast es geschafft, sie für dich zu gewinnen, zumindest bis zu einem gewissen Grad, also siehst du“, sagte Julia und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem halb leeren Portmanteau zu.
Picketts eigene Packerei dauerte nicht lange, da seine Garderobe nicht umfangreich war (obwohl Julia ihr Bestes tat, um diese Lage der Dinge zu ändern) und leicht in einen einzigen Koffer passte. Er hatte den seinen gefüllt und wollte ihn gerade schließen, als Julia sagte: „Vergiss das hier nicht.“
Er drehte sich um und sah, wie sie die Pistole, die er ganz hinten in einer der Schreibtischschubladen versteckt hielt, herausholte. „Ich hatte sie nicht vergessen.“ Er nahm ihr die Pistole ab und legte sie wieder an ihren Platz zurück. „Ich nehme sie nicht mit.“
„Du nimmst sie nicht
mit? John, du wirst irgendeine Waffe brauchen!“
Er starrte sie ungläubig an. „Schatz, warum sollte ein Mann eine Pistole auf seine Hochzeitsreise mitnehmen?“
„Dies ist nicht nur eine Hochzeitsreise“, beharrte sie. „Dieser Fall, was auch immer daran sein mag, könnte sich als gefährlich erweisen.“
„Wenn ich gedacht hätte, dass ich dich irgendwie in Gefahr bringen könnte, würde ich nie zugestimmt haben, dich mitzunehmen – und Mr. Colquhoun hätte das auch nicht von mir verlangt. Doch
wenn jemand entdecken sollte, dass ich bewaffnet bin – nun, das könnte zumindest unangenehme Fragen bewirken.“
„Du könntest sie in unserem Zimmer verwahren …“
„Zimmer können durchsucht werden, wie du weißt, wenn jemand misstrauisch oder auch nur von Neugier überwältigt würde. Außerdem“, fügte er hinzu, da sie nicht überzeugt war, „wenn sie in meinem Zimmer versteckt ist, würde sie mir auf jeden Fall nicht viel nützen, es sei denn, der Verbrecher würde so freundlich sein, dass er an unsere Tür klopft und seine Absichten erklärt.“
„Das ist nicht komisch“, protestierte sie und warf dann einen anerkennenden Blick auf seine Person. Leider ließ die aktuelle Mode langschößiger Röcke, die vorn kurz geschnitten waren, wenig Raum, um etwas zu verstecken – einschließlich, zu gewissen Zeiten, was ihr Ehemann dachte. „Ich fürchte, du könntest die Pistole nicht hinten in den Hosenbund stecken, unter den Rockschößen?“
„Das klingt wie eine ausgezeichnete Möglichkeit, mich selbst in den Hintern zu schießen“, sagte Pickett in einem Tonfall, der keine Widerrede duldete. „Es tut mir leid, Julia, aber die Antwort ist nein.“
„Aber du weißt doch nicht, wo du da hineingerätst!“
Als er die Angst in ihren blauen Augen sah, zog er sie in die Arme und küsste sie lange. Als er schließlich seinen Kopf hob, erhellte der Hauch eines Lächelns seine braunen Augen. „Wenn ich mich in Gefahr finde“, versprach er, „verstecke ich mich einfach
hinter dir.“
Die Zeit ihrer Werbung (wenn man es so nennen durfte) war mit ein oder zwei Leichen in der Nähe verstrichen und vor einem solchen Hintergrund von Mord und Chaos war es für Julia eine große Überraschung gewesen zu entdecken, dass ihr junger Bow Street Läufer einen ziemlich aufreizend selbstironischen Sinn für Humor hatte. Sie ließ sich daher von diesem feigen Versprechen nicht täuschen.
„Das könnte ziemlich schwierig werden, wenn man bedenkt, dass du einen ganzen Fuß größer bist als ich“, erwiderte sie. „Außerdem glaube ich nicht, dass du dich in deinem Leben je schon vor etwas versteckt hast.“
„Nur, weil du mich nicht mit vierzehn Jahren gesehen hast, einen gestohlenen Apfel in meiner Tasche und den Konstabler auf den Fersen.“ Etwas ernsthafter fügte er hinzu: „Glaube nicht, dass du eine Art Held geheiratet hast, Julia, mit oder ohne Pistole in meiner Hand. Nichts könnte der Wahrheit ferner liegen.“
„Ich glaube
nicht, einen Helden bekommen zu haben – ich weiß
es! Ich muss jedoch zugeben, dass ich neugierig bin: Wie würdest du
einen Mann beschreiben, der, als er sich in einem brennenden Theater mit der Frau, die er liebt, wiederfindet, ein Seil aus den Vorhängen bastelt und mit ihr auf dem Rücken dort hinabklettert?“
„Das war nicht heldenhaft“, protestierte er. „Es war der einzige Ausweg. Glaube mir, wenn es einen weniger dramatischen Ausgang gegeben hätte, würde ich gern auf das Seil verzichtet haben. Außerdem hätte ein echter Held es geschafft, das zu tun, ohne einen Schlag auf den Kopf zu bekommen.“
Julia konnte dieser Einschätzung natürlich nicht zustimmen, und es folgte eine sehr angenehme Diskussion über Picketts heldenhafte Eigenschaften oder auch deren Fehlen. Erst am letzten Morgen, lange, nachdem sie London hinter sich gelassen hatten, wurde ihr klar, dass er doch seinen Willen bekommen hatte.
Die Pistole lag immer noch im Stadthaus in der Curzon Street, ganz hinten in der Schreibtischschublade.