Nachts in ihrem Versteck auf dem Schiff


Benny und Dirk waren echte ostfriesische Jungs. Sie sprachen nicht viel. Die Situation tat das Übrige.

Manchmal stellte Benny eine Frage, aber Dirk antwortete nicht oder nur ganz knapp. Er lag auf der gepolsterten Sitzbank, die Decke bis zu den Ohren hochgezogen.

Benny hatte sich auf die Bank gegenüber gesetzt und ebenfalls eine Decke um sich gelegt. Er war klirrend kalt auf dem Schiff. Der eisige Wind drang durch die einfachen Fenster. Sie hatten die Sonnenrollos heruntergelassen, um ein wenig mehr Schutz zu haben, aber das half nichts. Der Wintersturm zog derart durch die Fensterrahmen, dass sich die Rollos bewegten und hin und her wackelten. Es war dunkel auf dem Schiff und ruhig, fast totenstill. Draußen im Hafen allerdings war Leben. Der Wintermarkt im Museumshafen von Carolinensiel war trotz der Kälte inzwischen gut besucht.

Der Gedanke daran, dass Dirk seine Mutter vergiftet haben könnte, nahm immer mehr Gestalt in Benny an. Aber womit? Er hatte ihn gefragt und keine Antwort bekommen.

Seine Mutter hatte ihm gesagt, dass der Polizist noch mal da war. Wollte er zu ihm? Oder war er wegen Dirk da?

Wusste die Polizei schon etwas? „Vielleicht, dass ich meinen Vater die Treppe hinuntergestoßen habe?“, flüsterte er vor sich hin.

Jan Becker saß bei der Polizei. Hatte er etwas gesagt? Hatte Becker verraten, dass Dirk und er in der Nacht im Museum gewesen waren? Die Gedanken kreisten in seinem Kopf.

Immer wieder musste er an diese Nacht im Museum denken. An den Moment, als seine Hände auf den Brustkorb seines Stiefvaters trafen und dieser nach hinten stürzte. Plötzlich nichts mehr an den Händen zu fühlen, als er, für ihn wie in Zeitlupe, die Treppe rückwärts hinunterfiel, war furchtbar. Auch wenn er ihn hasste, sich immer wieder vorgestellt hatte, wie es sein könnte, wenn er nicht mehr da wäre, das hatte er nicht gewollt.

Plötzlich schreckte er hoch. Was war das? Auch Dirk saß plötzlich kerzengerade auf der Bank und horchte. Jemand war auf das Schiff gesprungen, und nun waren deutlich Schritte zu hören. Sie lauschten beide angespannt, was nun passieren würde. Kam gleich jemand herein? Der Eigner vielleicht? Becker konnte es nicht sein, überlegte Benny, der saß bei der Polizei. Oder? Wieder waren Schritte zu hören.

Leise Schritte, die vor dem Eingang hin und her gingen, als suchte jemand nach ihnen.

„Wer ist das?“, flüsterte Dirk, als jemand an die Scheibe klopfte.

„Pst!“ Benny hielt sich den Zeigefinger vor den Mund.

„Ich weiß es nicht, leise. Warte!“

Benny hob ganz vorsichtig das Rollo zur Seite und spähte hinaus. Da stand jemand vor der Tür. Schlank, nicht sehr groß, mit dunkler Jacke und Mütze, mehr konnte er nicht sehen. Es klopfte wieder und die Person drehte sich ein wenig in seine Richtung. Als er erkannte, wer es war, atmete er auf. Er ließ einen erleichterten Seufzer hören.

„Meine Mum“, erklärte er in Dirks Richtung und verdrehte die Augen. „Was will die denn?“

Er rutschte aus der Bank und ging zur Tür. Als er sie öffnete, wollte Greta etwas sagen, aber er zog sie schnell in den dunklen Raum und schloss wieder ab.

„Mensch Mum, was willst du denn? Du hast uns erschreckt!“

„Ich habe euch etwas zu essen eingepackt. Hier!“

Sie hielt Benny einen Korb entgegen.

Als Benny genervt aufstöhnte, meinte sie: „Ihr habt doch sicher Hunger. Sonst vergeht keine Stunde, ohne dass du nach etwas Essbarem rufst. Tee habe ich auch mitgebracht und eine Flasche von eurer geliebten Cola. In der Box sind belegte Brote ...“, und deutete auf ihre Mitbringsel.

„Wo ist denn Dirk?“

Greta Frerichs schaute sich um. Es war so dunkel in der Schiffskabine, dass sie ihn hinten auf der Bank nicht sehen konnte.

„Ich bin hier!“, kam es gequält aus der Ecke. „Danke für die Brote, aber wir ...“

„Keine Widerrede, ihr müsst etwas essen und trinken“, wurde Bennys Mutter energischer. „Wenn ihr schon nicht nach Hause kommt, dann bestehe ich darauf, dass ihr etwas esst. Ich kann euch vom Wintermarkt auch noch eine Bratwurst holen, oder Kibbeling von Ady ...“

„Nein!“, riefen die beiden Jungs wie aus einem Mund. Am Ende würden sie noch auffallen, wenn Greta hier ein und aus ginge. Schließlich befanden sie sich ohne die Erlaubnis des Besitzers auf diesem Schiff.

Benny griff beschwichtigend ein. „Nein, lass mal, Mum. Danke für die Verpflegung. Wir haben eigentlich auch langsam Hunger, nicht wahr, Dirk? Danke, aber jetzt geh wieder, wir wollen alleine sein und Dirk muss nachdenken, wie es für ihn weitergeht. Morgen kommen wir nach Hause, versprochen.“

Er nahm ihr den Korb ab. Wenn sie nur bloß endlich gehen würde!

„Jungs, macht keinen Blödsinn. Ich weiß nicht, was mit euch los ist, aber macht bitte keinen Blödsinn.“ Und in Dirks Richtung, der noch immer auf seiner Bank in der Ecke saß: „Dirk, nimm es dir nicht zu sehr zu Herzen, das mit deiner Mutter. Und“, sie stockte kurz, „wenn du etwas getan hast, was ... ich meine ...“, Greta Frerichs stockte wieder und meinte dann mit fester Stimme: „Dirk, du bist nicht volljährig, bist fast noch ein Kind und hast viel durchgemacht. Das lässt sich alles erklären, glaube mir. Es gibt Anwälte und Psychologen, die dir helfen werden. Bestimmt. Aber du musst dir helfen lassen. Und noch eines, bei uns ist immer ein Zuhause für dich. Du bist doch schon lange wie ein zweiter Sohn für mich.“

Sie wandte sich Benny zu: „Ich lasse euch für die Nacht hier auf dem Schiff, wenn ihr das unbedingt wollt. Aber morgen früh kommt ihr nach Hause. Der Polizist kommt und will euch befragen. Ihr müsst, wenn ihr nicht wollt, auch anschließend nicht in die Schule. Die ganze Angelegenheit ist Entschuldigung genug. Morgen um acht Uhr erwarte ich euch“, endete sie mit einer Stimme, die keine Widerrede duldete.

Sie nahm Bennys Kopf zwischen ihre Hände und hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn.

Als Benny die Tür hinter ihr zugeschoben hatte, flüsterte Dirk: „Die ist schon klasse, deine Mum.“ Plötzlich zuckte er zusammen. „Was hat sie denn damit gemeint? Weiß sie etwas?“

Benny schaute ihn fragend an. „Was meinst du?“

„Sie sagte doch etwas von ... wenn ich etwas getan hätte ... und ... durchgemacht ... und ... nicht volljährig, von Psychologen und Anwälten. Benny“, schrie er auf, „sie weiß es!“

„Was?“

„Dass ich es war, das mit meiner Mutter, dass ich es war!“

Benny konnte sich nicht erklären, wie er darauf kam.

„Wie soll sie es denn wissen? Das kann doch gar nicht sein.“

„Vielleicht hat sie entdeckt, dass die Dose weg ist?“

„Welche Dose? Dirk, du sprichst in Rätseln. Erzähle mir endlich, was du getan hast.“ Benny packte seinen Freund bei den Schultern und schüttelte ihn. „Mensch, sag endlich, was los ist!“

„Okay, ich erzähle es dir, aber bring den Korb mit, ich habe Hunger und Durst. Du nicht?“

Es dauerte lange, bis Dirk geendet hatte. Immer wieder kamen ihm die Tränen, zwischendurch schwieg er minutenlang. Einerseits war er entsetzt darüber, dass er überhaupt auf einen solchen Gedanken gekommen war, andererseits aber suchte er nach Erklärungen, vielleicht auch nach einer Entschuldigung.

„Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten. Das mit Mama wurde immer schlimmer. Sie hat mich ständig angemacht, dass ich ihr neue Flaschen besorgen soll. Schnaps und Pfefferminzbonbons, Schnaps und Pfefferminzbonbons, ich konnte es einfach nicht mehr hören. Zwischendurch hat sie mir immer wieder versprochen, dass sie damit aufhört und in eine Klinik geht, aber dann ... Am schlimmsten war es, wenn sie einen Mann bei sich hatte, dann habe ich es gar nicht ausgehalten und bin raus, bin draußen rumgelaufen und erst zurück, wenn der Typ weg war. Als ich dann bei euch diese Dose mit dem Gift gefunden habe, war plötzlich der Gedanke in mir und ließ mich nicht mehr los. Ich habe sie auch nur mitnehmen wollen, erst mal, weil es so in meinem Kopf war. Hab sie einfach eingesteckt. Aber dann ... Ich bin schuld, dass sie tot ist!“ Er schluchzte wieder heftig.

„Wo bei uns hast du denn diese Dose gefunden?“, wollte Benny wissen.

„Im Schuppen, in einer Schublade. Ich weiß auch nicht, warum ...“, schniefte er.

„Bei uns im Schuppen? Ich wusste gar nicht, dass es da so etwas gibt“, meinte Benny verwundert. „Was wolltest du denn im Schuppen?“, wollte er dann wissen.

„Ich, ich ...“, Dirk stotterte und druckste herum, „ich habe die Bibel gesucht“, gestand er dann.

„Aber ich habe dir doch gesagt, dass ich sie ins Museum zurückgebracht habe“, begehrte Benny auf.

„Hast du nicht! Glaubst du denn, ich bin doof? Das habe ich dir damals schon nicht geglaubt und jetzt erst recht nicht. Womit erpresst du Becker denn, wenn du die Bibel nicht hast?“, fauchte er böse und schlug seinem Freund gegen die Schulter.

Benny erschrak. So wütend hatte er Dirk noch nie gesehen.

Sollte er ihn einweihen? Konnte er es riskieren, dass Dirk das Versteck kannte?

„Bist du mein Freund oder nicht?“, fragte Dirk leise von der Seite.

„Bist du mein Freund?“, fragte Benny zurück.

Sie schauten sich lange an.

„Freunde!“, meinte Benny dann. „Freunde für immer und ewig!“, beschwor er ihn.

„Freunde!“, schwor auch Dirk.

Benny rutschte auf der Bank ganz nah an Dirk heran und schaute sich vorsichtig um. Und als hätte er Angst, dass jemand ihn hören könnte, flüsterte er: „Ich habe sie versteckt.“

„Wo?“, fragte Dirk.

„Auf dem Ponton, unter dem schwimmenden Weihnachtsbaum im Hafen. Aber zu niemandem ein Wort. Wenn die Polizei Becker wieder laufen lässt, will er sie haben, ganz sicher. Bis dahin bleibt sie dort. Der soll dafür bezahlen.“

„Lange kannst du sie dort aber nicht lassen“, warf Dirk ein. „Wenn der Weihnachtsbaum abgebaut wird, musst du dir was anderes einfallen lassen. Ist ja wohl klar.“

„Ja, aber das hat Zeit. Das wird vor dem 10. Januar nicht passieren. Das war doch schon immer so. Erst wenn die Weihnachtstouristen abgereist sind, kommt der Baum weg. Bis dahin muss Becker bezahlt haben.“

Die beiden Freunde verfielen wieder in ein Schweigen. Jeder von ihnen hing seinen Gedanken nach. Dirk fühlte sich irgendwie besser, jetzt, wo er seinem Freund erzählt hatte, was passiert war. Aber sonst, sonst konnte er es niemandem erzählen. Er wollte nicht ins Gefängnis. Andererseits, vielleicht hatte Bennys Mutter ja recht und man würde ihn verstehen. Warum er das Gift mitgenommen hatte und warum er es zu Hause ... Er schüttelte sich und wollte nicht weiter darüber nachdenken. Aber er konnte die wiederkehrenden Gedanken nicht abschütteln. Sollte er vielleicht wirklich zu Benny und seiner Familie ziehen? Er hatte doch sonst niemanden. Einen Vater hatte er, ja! Aber der war vor langer Zeit schon abgehauen und hatte ihn bei der saufenden Mutter zurückgelassen. Manchmal, wenn seine Mutter besonders schlimm drauf war, hatte sie ihm vorgeworfen, dass er, Dirk, schließlich schuld sei, dass sein Vater sie vor Jahren verlassen hätte. Lange hatte er es geglaubt. Was konnte ein Kind auch anderes tun, als seiner Mutter zu glauben? „Besorg mir eine Flasche, damit ich es aushalte“, hatte sie oft geschrien, wenn wieder einmal kein Geld im Haus war und ihn losgeschickt. „Schließlich bist du schuld, dass er weg ist.“ Dann ist er schon als ganz kleiner Knirps losgezogen und hat im Supermarkt Schnaps geklaut. Kaufen ging ja schließlich nicht. Schnaps und Pfefferminzbonbons. Irgendwann einmal hatte er ganz nebenbei wohl bei Greta Frerichs erwähnt, was seine Mutter behauptete und die hatte ihm erklärt, dass das nicht stimme. Er habe daran keine Schuld. Kinder hätten nie Schuld. „Egal was passiert“, sprach sie damals eindringlich, „Kinder haben nie Schuld an dem, was wir Erwachsenen tun. Dafür sind wir ganz alleine verantwortlich. Merke dir das, Dirk!“

Damals war er vielleicht neun oder zehn Jahre alt gewesen, aber vergessen hatte er Gretas Worte nie.

Trotzdem ist er immer wieder losgezogen, nach Schnaps, Wein und Pfefferminzbonbons. Als er dann so alt war, dass er sich ein wenig Geld verdienen konnte, musste er die Sachen für seine Mutter nicht mehr klauen oder nur noch selten. Denn immer klappte auch das nicht. Plötzlich fiel ihm ein, dass er total vergessen hatte, den Anzeiger für Harlingerland auszutragen. Seit der Nacht im Museum hatte er es nicht mehr getan. Jetzt war er diesen Job auch los.

Benny hatte ganz andere Gedanken. Klar beschäftigte ihn das, was Dirk ihm erzählt hatte und sein Freund tat ihm auch wirklich sehr leid. Aber er hatte auch Sorgen. Andere. Nicht nur, dass er seinen Stiefvater die Treppe hinuntergestoßen hatte, nein, es gab auch noch das Problem mit der Bibel. Und konnte er seiner Mutter sagen, was er getan hatte? Vielleicht hatte sie ja Verständnis für Dirk und seine Tat. Aber hatte sie auch Verständnis für ihn? Was würde sie sagen, wenn sie erführe, dass er abhauen wollte? Dass er eigentlich nur deshalb in dieser Nacht im Museum war? Und das Geld für die Bibel! Das wollte er natürlich auch nicht abschreiben.

Beide Jungs saßen mit aufgestützten Köpfen auf der engen Bank unter Deck des Ausflugsdampfers. Tief in ihre Gedanken versunken.

Draußen im Museumshafen war es längst still geworden. Der Wintermarkt hatte geschlossen, die Weihnachtsmusik war verstummt und die Besucher nach Hause gegangen.

Benny gähnte und Dirk fiel ein. Sie waren beide sehr müde.

Dirk stand wortlos auf und holte zwei weitere Decken aus dem Innenleben der Sitzbänke und reichte eine davon Benny. „Lass uns schlafen. Ich glaube, morgen gibt es einiges zu erledigen. Deine Mutter sagte, dass der Polizeibeamte um acht Uhr bei euch ist und mit uns reden will. Dafür müssen wir ausgeschlafen sein.“

Jeder von ihnen nahm seine beiden Decken und verzog sich auf eine der gepolsterten Bänke. Wenigstens das, dachte Benny. Trotz der zweiten Decke fror er erbärmlich.