Es war kurz vor Weihnachten. Etwa sieben Wochen nach Masons Abflug. Simona und ich schlenderten über den kleinen Handwerker-Weihnachtsmarkt beim Berner Münster.
Die zierliche Freundin meines Bruders war ein kluges und humorvolles Mädchen von sechzehn Jahren, mit dem ich mich ausgesprochen gut verstand. Ihre braunen langen Haare steckten, wie meine, unter einer Wollmütze. Alex und Pa hatten sich derweilen zusammengetan, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Wir wollten uns später wieder hier treffen.
Auf einmal begann es zu stürmen. Der Schnee wehte beinahe waagerecht über den Platz. Jegliche Cafés und Restaurants waren voll.
Da erinnerte ich mich, dass ich vor längerer Zeit ein unterirdisches Café entdeckt hatte. Es lag etwas abseits in einer Seitengasse. Damals war ich alleine unterwegs gewesen und hatte keine Zeit für einen Besuch.
Ich dirigierte Simona dahin und die Treppe hinab.
Verwundert sah ich mich um, als wir durch eine Glastür eintraten.
Auf einer Holztheke in der Ecke standen eine etwas veraltete Kaffeemaschine und eine Kasse, die bereits in der Zeit unserer Eltern nicht mehr als modern gegolten hatte. Mit Knöpfen statt Tasten und einem Hebel an der Seite, stand sie monströs da.
Die Wände und Decke des Raums bestanden aus sandigem Naturstein, die zerkratzten Holzstühle waren fast alle unbesetzt. Nur ein Pärchen im Retrolook, das uns kaum beachtete, hatte sich hierher verirrt. Personal sah ich keines. Es kam mir wie in einem Museum vor.
»Wollen wir wirklich hierbleiben?«, fragte mich Simona stirnrunzelnd. »Das Café wirkt zwar etwas antik auf mich, aber wir könnten uns trotzdem hier aufwärmen. Draußen ist es echt saukalt.«
»Okay. Da bin ich mal gespannt, was die anbieten«, murmelte ich etwas skeptisch.
Wir entledigten uns von den warmen Jacken und Mützen und setzten uns an einen freien Platz in der Nähe der Tür.
Ein älterer Herr mit grauen Haaren kam aus einem anliegenden Raum geeilt. Seine Klamotten waren ebenso speziell wie das Café selbst. Hosenträger hielten die lockeren Anzugshosen am Ort. Ein weißes Hemd mit Rüschen und ein Gilet aus dunklem Samt verdeckten kaum den gewaltigen Bauch.
»Eigentlich wollte ich gleich schließen, aber zwei so hübschen Damen kann ich noch etwas bringen.« Ein freundliches Lächeln huschte über sein rundes Gesicht.
Schleimer , dachte ich amüsiert.
»Was kann ich euch bringen? Vielleicht eine warme Schokolade auf Art des Hauses? Ihr seht durchgefroren aus.«
»Das ist eine gute Idee«, antwortete ich, trotz allem hier neugierig, was er darunter verstand.
»Für mich auch, danke«, erwiderte meine Freundin.
In diesem Moment rief der junge Gast neben uns in drängendem Tonfall: »Wir möchten zahlen!«
Kurze Zeit später verließen sie das Lokal. Nun waren wir die einzigen Gäste hier.
Der Kellner verließ den Raum. Ich hörte ihn leise mit jemandem sprechen, ehe er eine Viertelstunde später mit zwei großen Tassen zurückkehrte. Ein aromatischer Duft nach Schokolade und einem Gewürz, das ich nicht gleich erkennen konnte, stieg mir in die Nase.
Ich wollte gerade einen Schluck trinken, als mich der Serviceangestellte warnte: »Passt auf, der Kakao ist noch heiß.«
Schnell stellte ich die Tasse wieder ab.
»Ich muss leider wegen eines Notfalls weg. Könnten Sie bitte bereits bezahlen? Wenn Sie noch etwas wünschen, kann euch meine Küchenhilfe bedienen. Ihr braucht nur zu rufen.«
»Klar, wir bleiben sowieso nicht mehr lange«, antwortete ich in freundlichem Tonfall. Er hatte sich schließlich viel Mühe gegeben.
Nachdem wir gezahlt hatten, sahen wir amüsiert zu, wie der Mann die Kasse bediente. Er drückte auf ein paar Knöpfe und dann drehte er an der Kurbel, ehe die Schublade sich öffnete und er das Geld reinlegte.
Dann nahm er eine Jacke und einen Hut von der Garderobe und verschwand durch die Glastür nach oben. Wir hörten noch, wie eines der Tore geschlossen wurde und Metall auf Metall klang. Er musste das Schild gedreht haben.
Nervös kicherten wir und tranken schnell unseren Kakao, um danach zu verschwinden.
In diesem Moment steckte eine junge Frau den Kopf aus der Tür. Mir lief ein eisiger Schauer über den Rücken. Das durfte nicht wahr sein. Schockiert und unfähig mich zu erheben, blieb ich sitzen, statt davonzurennen.
Für eine Sekunde starrte mich Natascha genauso ungläubig an, wie ich sie. Wut und Hass schossen durch meinen Körper. Mason hatte mir alles erzählt. Dass sie an der Entführung beteiligt war und ihn erniedrigt hatte.
Auf einmal begann sie schrill zu lachen und steuerte auf mich zu.
Ich zuckte zusammen von dem unangenehmen Ton.
»Schau mal an, Masons kleine Freundin. Ich habe nicht damit gerechnet, dich hier zu sehen. Du kommst wie gerufen, das erspart mir eine weitere Suche nach euch.«
Endlich reagierte ich, stand so hektisch auf, dass beinahe der Stuhl umkippte, und zog mir die Jacke an. »Wir haben leider keine Zeit für dich.«
An Simona gewandt befahl ich hektisch: »Komm, wir gehen.« Ich schenkte ihr einen auffordernden Blick, hoffend, dass sie auch ohne eine Erklärung reagierte.
Sie sah auf ihre Uhr. »Wow, so spät. Du hast recht, es wird Zeit.« Mit den Lippen formte sie aber: »Wer ist sie?«
Natascha ging einen Schritt auf Simona zu. »Du willst wissen, wer ich bin? Das geht dich einen feuchten Dreck an. Verzieh dich, Kleine, wenn du keinen Ärger willst. Die Puppe da«, sie drückte mir den Zeigefinger in die Brust, »bleibt aber hier. Sie wird mir jetzt ein paar Antworten liefern.«
Sie musste völlig durchgeknallt sein, wenn sie dachte, dass ich blieb. Ich wandte mich von ihr ab und versuchte, mit meiner Begleitung das Café zu verlassen, um die Polizei über ihren Aufenthaltsort zu informieren.
Da drehte Natascha durch. Sie riss mich so plötzlich an meinem langen Zopf zu sich heran und wickelte ihn um ihre magere Hand, dass ich völlig überrascht wurde. Schnell machte sie einen Schritt nach hinten und zog mich mit.
»Wer hat dir erlaubt, zu gehen?«, wisperte sie mir gehässig ins Ohr. »Ich habe gesagt, dass du hierbleibst, bis du mir Masons Aufenthaltsort verraten hast. Er gehört mir. Mason kann sich nicht ewig vor mir verstecken.«
»Hey, was wird das? Luana hat dir doch nichts getan!« Simona wollte mir helfen und kam uns einen Schritt entgegen.
Ein paar Herzschläge später hatte ich ein Klappmesser am Hals, das Natascha aus ihrer Cargohose gezogen haben musste.
»Komm mir zu nah und deine Freundin ist tot.«
Das wirkte. Simona blieb stehen und schaute geschockt auf die Szene vor ihr.
»Das ist deine letzte Chance, Kleine. Verzieh dich, dann passiert ihr nichts.«
Ich forderte Simona ebenfalls auf, zu gehen, um sie zu schützen. Doch sie stellte sich stur.
»Ich werde dich sicher nicht mit ihr allein lassen.« Simona machte einen Schritt nach hinten und griff zu meinem Schreck in ihre Handtasche.
Sie hatte doch nicht etwa vor, hier die Polizei zu informieren?
Mit den Händen wedelnd, bewegte ich sie dazu, das Lokal zu verlassen. Warum zögerte sie denn noch?
»Mir platzt gleich der Kragen.« Natascha drückte das Messer näher an meinen Hals und ich spürte einen schneidenden Schmerz.
Vor Entsetzen schrie ich laut auf. Verdammt, tat das weh! Meine Hände zuckten automatisch nach oben, um ihren Arm herunterzureißen, doch sie wehrte mich ab.
»Auf was wartest du noch?«, brüllte Natascha meine Freundin an, was ihr sofort Beine machte.
Endlich rannte Simona die Treppe hinauf, ohne die Glastür zu verschließen, und ließ mich mit der Wahnsinnigen allein.
»Lass mich jetzt endlich los, du Miststück«, zischte ich. Angstschweiß lief mir den Rücken hinab.
»Oh, du wirkst etwas nervös? Das ist gut. Du bist mir nämlich völlig ausgeliefert. Wo ist Mason?«
Sie musste sich ihrer sicher sein, denn sie nahm das Messer von meinem Hals weg. Die Haare hielt sie aber immer noch fest. Ich versuchte sie hinzuhalten, damit Simona die Polizei verständigen konnte.
»Das wirst du nie erfahren. Du hast ihm genug geschadet«, antwortete ich in bitterem Tonfall. »Du bist schuld, dass er beinahe gestorben ist. Hast du dich gut dabei gefühlt, ihn unter Drogen zu setzen und zu quälen?«
Sie kam nah an mein Gesicht. »Du weißt gar nichts. Also verrate mir gefälligst, wo er sich versteckt.«
»Du bist ja gestört.«
»Unterschätz mich nicht.« Sie drückte das Messer wieder an meine Kehle.
Polternde Schritte waren plötzlich auf der Treppe zu hören.
Meine Peinigerin fluchte leise, nahm das Messer von meinem Hals und steckte es in ihre Hose. »Du brauchst gar nicht zu hoffen, dass du fliehen kannst«, flüsterte sie mir gehässig zu und hielt mich weiterhin an den Haaren fest.
Eine dunkle Stimme, die mir schwach bekannt vorkam, rief noch auf der Treppe: »Markus, warum ist die Tür offen? Es wird ja saukalt hier drin.«
Schockiert sah ich Mike entgegen, der damals mit Mason das Eishockeymatch besucht hatte. Er betrat den Raum und schloss hinter sich ab. Ein neues Hindernis für meinen Fluchtweg.
»Er ist nicht da. Ich habe hier alles im Griff. Was willst du?«, schimpfte Natascha.
Nun hatte wohl meine letzte Stunde geschlagen. War ich versehentlich in ein Lokal der Gang gestolpert? Das konnte auch nur mir passieren. Mein Puls schoss in die Höhe und mir wurde innerlich kalt, sodass ich zu zittern begann.
Was würden die beiden mit mir anstellen? Der respekteinflößende Typ checkte mich aus eisblauen Augen ab. Ein unergründliches Lächeln überzog seine Lippen.
»Na, sieh mal an. Das ist ja die Kleine aus dem Eisstadion. Lass sie los, Natascha. Du kannst verschwinden. Ich werde mich um alles kümmern.«
Das hörte sich nicht gerade vielversprechend an und schürte mein Unbehagen zusätzlich. Meine Hände wurden schweißnass vor Angst.
»Warum? Sie gehört mir. Ich habe sie gefunden«, beklagte Natascha sich.
»Ich bin dein Boss, wenn Niko nicht da ist. Also gehört sie mir. Hast du das schon vergessen?«
Wenn ich mich hilflos fühlte, konnte ich ganz schön zickig werden. »Ich gehöre niemandem«, rief ich also dazwischen.
Mike sah mich an und schmunzelte. »Falsch gedacht, Mäuschen. Ab jetzt bist du von meiner Freundlichkeit und Laune abhängig. Bist du nett, bin ich es auch, wenn du dagegen Streit mit mir suchst …«
Shit, was hatte der Typ vor?
Ohne mich weiter zu beachten, wandte er sich wieder an Natascha. Meinen erbosten Blick ignorierte er.
»Warum bist du eigentlich wieder in der Schweiz? Die Polizei fahndet nach dir.«
»Weil ich Mason suche. Deshalb will ich ja, dass uns Luana direkt zu ihm führt. Du bist aber nur an ihr selbst interessiert und wirst es vergeigen.«
»Halt die Klappe!«, donnerte Mike plötzlich so laut, dass selbst ich zusammenzuckte. »Du hast genug Unheil angerichtet und solltest dich endlich damit abfinden, dass dein Spielzeug weg ist.«
Während ihm Natascha einen wütenden Blick zuwarf, schnappte ich nach Luft. Spielzeug? Der hatte sie doch nicht alle.
»Du lässt jetzt die Kleine los«, befahl ihr Mike. Dabei warf er mir einen amüsierten Blick zu. Er fand meine geschockte Reaktion wohl witzig. Arschloch.
Als Natascha seinem Befehl nicht sofort Folge leistete, kam er näher und drückte ihr Handgelenk zusammen. Mit einem Laut der Empörung und des Schmerzes gab sie mich frei.
Ich seufzte auf und trat schnell ein paar Schritte von den beiden weg.
»Wenn du sie noch einmal belästigst, wirst du mich kennenlernen.«
»Was, du ziehst sie einem Gangmitglied vor?«
»Wenn es sein muss. Um mein Eigentum zu schützen, ist mir jedes Mittel recht.«
Es brachte nichts, ihn erneut zu korrigieren. Solange er mich verteidigte, war ich wenigstens vor Natascha sicher. Sie kam mir gefährlicher vor als er, weil ich ihre irrsinnige Art kannte.
Mike wirkte heute Abend ganz anders als das letzte Mal. Rauer, strenger und vor allem gepflegter in seiner schwarzen Jeans und dem dunkelgrauen Shirt unter der offenen gefütterten Lederjacke.
Jetzt stank er nicht mehr nach Bier. Seine Glatze und die beiden Piercings in der rechten Augenbraue glänzten im Licht der spärlichen Beleuchtung. Hinter dem linken Ohr bis zum Saum des Shirts, das eng an seinem muskulösen Oberkörper anlag, schlängelten sich unbekannte Buchstaben wie eine Schlange nach unten. Es war ein neues Tattoo. Das auf der anderen Halsseite hatte ich bereits früher entdeckt.
Ich schlug mir geistig an den Kopf. War ich verrückt geworden? Was zur Hölle tat ich noch hier? Die beiden waren abgelenkt und ich checkte den Typen ab, anstatt zu fliehen . Nun kam ich in die Gänge und rannte los.
»Halt, hiergeblieben, kleine Maus!«
Natascha begann dreckig zu lachen, als mir Mike nachsetzte, mich an der Hüfte an sich zog und an die nächste Wand aus Sandstein presste. Ich strauchelte, aber seine kräftigen Arme hielten mich an der Taille fest.
Frustriert schrie ich auf und trat mit meinem Winterstiefel nach ihm. Irgendwo musste ich ihn getroffen haben, denn er fluchte laut und ließ mich abrupt los.
Wieder rannte ich weg, aber auch diesmal kam ich nicht sehr weit.
Natascha holte mich ein und stellte sich vor die Glastür. Ich versuchte sie zur Seite zu schieben, aber sie stieß mich weg.
»Lass mich durch, Drogenbraut!«, herrschte ich sie an.
»Wie bitte? Was erlaubst du dir eigentlich?« Sie verabreichte mir eine Ohrfeige, die es in sich hatte.
Bestürzt sah ich sie an und hielt die Hand auf meine brennende Wange, ehe ich rasend vor Wut auf sie stürzte, um ihr mit meinen Nägeln das Gesicht zu zerkratzen. Mich schlug niemand und kam ungeschoren davon.
Jedoch verhinderte Mike meine Rache. Seine Hände umfassten mich erneut und zogen mich rückwärts an seine warme Brust. Ich kreischte auf und schlug mit den Beinen nach Natascha.
Die lachte nur hämisch und kam auf mich zu. »Wag es nicht, mich noch einmal zu beleidigen.« Erneut schlug sie mir mit aller Härte ins Gesicht. »Die ist für deine Sturheit, was Masons Aufenthaltsort betrifft.«
Ich kämpfte mit den Tränen, versuchte sie aber mit aller Kraft zurückzuhalten. Niemals würde ich vor dieser Frau weinen. Das stand außer Frage.
»Natascha! Es reicht. Verschwinde dorthin, wo du hergekommen bist. Mit Markus und der Gang werde ich sprechen. Du bist in der Stadt nicht mehr willkommen«, gab Mike in drohendem Tonfall zurück.
»Ich gehe, aber du wirst dir noch wünschen, dich nicht mit meiner Familie angelegt zu haben«, schrie sie ihn wütend an. Dann wandte sie sich wieder an mich. »Noch eins, Luana. Mason wird irgendwann auftauchen und für den Schaden zahlen. Dann war das, was er erlebt hat, nichts gegen das, was kommen wird.«
Ich ging beinahe in die Knie. Nur die festen Arme von Mike verhinderten, dass ich mich doch noch vor diesem Miststück blamierte.
Sie lachte gehässig, warf mir einen triumphierenden Blick zu und eilte zur Treppe, nachdem sie die Glastür provokant offen gelassen hatte.
»Schließ das Tor!«, brüllte er ihr noch hinterher und schloss sie wieder. Ein letzter Lärm des zuschlagenden Metalls erklang und dann war es still um uns. Jetzt war ich mit dem Typen allein.
Mike drehte mich zu sich um. »Zeig mal her.« Er legte einen Finger unter mein Kinn und hob mein Gesicht so an, dass ich ihn ansehen musste. »Kätzchen, das wird anschwellen, wenn wir nichts dagegen tun.« Er wirkte angepisst. »Ich habe das nicht kommen sehen, sonst hätte ich sie aufgehalten.«
Warum musste er jetzt nett sein? Damit konnte ich nicht umgehen. Mike war gemäß Mason ebenfalls ein Verräter. Das sollte ich besser im Kopf behalten.
»Ich bin nicht dein Kätzchen. Lass mich endlich abhauen«, schimpfte ich und riss mich von ihm los.
»Das kann ich nicht tun. Komm, wir gehen in die Küche, um Eis zu holen.«
Ich schwieg und blieb stehen.
Rau lachte er auf und packte mich am Handgelenk. »Du bist genauso stur wie Mason.« Dabei rollte er mit den Augen. »Wir können auch direkt hierbleiben, wenn du morgen mit einer dicken Backe rumlaufen willst.«
»Na und? Das ist doch nicht dein Problem«, gab ich bissig zurück.
Mike seufzte. »Hör zu, ich will dir nichts tun. Ich möchte dir nur helfen.«
»Dann lass mich gehen«, wiederholte ich stur.
»Luana. Mach mich nicht wütend. Wir holen jetzt das Eis und reden ein wenig miteinander.«
Während er das sagte, zog er mich bereits in die moderne Küche mit Chromschränken und Ablagen. Sie passte so gar nicht zu dem anderen Raum.
Mike kramte im Eisschrank herum und drückte mir eine Packung gefrorener Erbsen in die Hand. »Halt sie an die Wange.«
Schon zerrte er mich zurück in den Gastraum, umfasste meine Taille und setzte mich auf den Holztresen.
Erschrocken quiekte ich auf und versuchte, herunterzurutschen. Doch er schob mich erneut nach hinten.
Da holte ich wieder mit den Beinen aus, um ihn zu treffen, was er aber verhinderte, indem er einfach meine Beine mit seinem Knie auseinanderdrückte und dazwischentrat. Dann fasste er mich an den Schultern und schüttelte mich. »Beruhige dich, Luana.«
»Dann rück gefälligst von mir ab«, befahl ich empört, fassungslos über die Stellung, die ich nun innehatte.
»Das geht nicht. So ist es ungefährlicher für mich. Ich brauche mein bestes Stück noch für später. Du könntest natürlich vor mir auf die Knie gehen. Dann lasse ich dich vielleicht runter«, spöttelte er.
»Ich werde niemals vor einem Mann kriechen.«
»Davon habe ich auch nichts gesagt. Ich habe das im Gegensatz zu anderen Leuten nicht nötig.«
»Schön zu wissen«, antwortete ich sarkastisch und hob eine Augenbraue.
Seine Hand umfasste plötzlich meinen Hinterkopf, sodass ich nicht ausweichen konnte. Dann küsste er mich hart auf den Mund.
Hitze schoss mir in die Wangen. »Bist du verrückt geworden?« schimpfte ich, als er mich losließ. »Warum hast du das getan?«
»Wenn du beschäftigt bist, hältst du wenigstens deine freche Klappe. Die bringt dich noch in Schwierigkeiten.«
»Na und? Deshalb hast du noch lange nicht das Recht dazu.«
»Mäuschen, bis jetzt war ich sehr nett zu dir. Verscherze es dir nicht mit mir. Ich kann auch anders.«
»Willst du mich etwa auch ins Wasser werfen wie Mason?«
Seine Miene verfinsterte sich. »Vielleicht sollte ich. Er war danach handzahm«, erklärte er trocken.
Mike verleugnete seine Tat nicht einmal. In meinen Augen begann es zu brennen. Meine Kehle schien sich zu verengen. Verflucht. Ich würde jetzt nicht weinen. Die ganze Situation war mir zu viel.
Erst als mich Mike an sich zog und mit dem Finger über meine Wange fuhr, merkte ich, dass es zu spät war.
Peinlich berührt löste ich mich von ihm und sah eine nasse Spur, die sich über sein T-Shirt zog.
Seine Augen verdunkelten sich. »Ich nehme nicht an, dass du Angst vor dem Wasser hast. Es ist wegen meiner Bemerkung über Mason, oder?«
»Du hast ihn beinahe ertränkt und gibst es auch noch zu. Du bist ein Scheusal. Du gibst vor, jemanden zu mögen und stößt ihm anschließend ein Messer in den Rücken.«
Mike zuckte zusammen, ehe er in gereizter Stimme antwortete:
»Ich verstehe zwar, dass du deinen Freund verteidigst, aber du hast keine verdammte Ahnung, weshalb ich so handelte, Luana. Manchmal hat man keine Wahl. Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß. Mason war übrigens keine Minute in Gefahr, als ich bei ihm war.«
Eine Weile schwieg er, bevor er erneut seufzte. »Natascha hatte also doch recht mit ihrer Vermutung. Mason und du. Ihr habt eine viel engere Verbindung, als ihr zugebt.«
»Nein, wir sind nur enge Freunde. Natascha hatte keinen Grund für ihre blinde Eifersucht.«
Er lachte humorlos. »Wenn du das sagst. Ihr lügt euch doch selbst was vor. Jede eurer Handlungen zeigt uns das Gegenteil.«
Ich tippte mir an die Stirn. »Ihr seid doch irr. Mason und ich stehen uns nur so nah wie Geschwister. Deshalb wirkt es für Außenstehende oft anders.«
Er sah mich unergründlich an. »Weißt du, dass sich Mason und Natascha am Abend vor dem Match heftig wegen dir gestritten haben? Er hat dich vehement verteidigt, als sie über dich herzog.«
»Das machen Freunde so«, antwortete ich zurückhaltend.
»Eigentlich schon, nur soviel ich weiß, wart ihr zu dieser Zeit nicht gerade dicke miteinander und trotzdem hat er dich ihr vorgezogen. Mason hat Natascha wegen dir vor der ganzen Gang beleidigt. Das sagt mir alles.«
Ich schluckte. »Mason würde jeden verteidigen, der grundlos angegriffen wird. Das ist einfach seine Art.«
»Das kann sein. Aber das vor der ganzen Gang zu tun, war ziemlich dumm. Damit hat er sich keinen Gefallen getan. Das Resultat musste er am eigenen Leib erfahren.«
»Mason hat in seiner Trunkenheit noch viel Dümmeres angestellt«, gab ich zurück.
»Er war damals nicht betrunken, aber ich werde nicht mehr darüber diskutieren. Es hat keinen Sinn. Du bist zu stur, um es zu begreifen.«
»Wenn du das sagst, dann kannst du mich endlich gehen lassen.«
»Das werde ich gleich. Ich wollte warten, bis Natascha sicher weg ist. Sie darf nicht denken, dass ich dich sofort wieder gehen lasse. Es ist besser, wenn sie dich als mein Eigentum ansieht. Dann lässt sie dich eher in Ruhe.«
Ich dachte über seine Worte nach und versuchte in seinem Blick seine Motive zu ergründen. »Warum fällst du ihr eigentlich in den Rücken? Bei Masons Gefangennahme warst du sicher nicht so zimperlich.«
»Ich war nicht da, als sie es getan haben und wurde vor vollendete Tatsachen gestellt. Aber das ist vorbei. Mason ist in Sicherheit. Dein Schutz ist jetzt das Wichtigste.«
»Du willst mich schützen? Warum benimmst du dich dann wie ein Lüstling?«
Sein rechter Mundwinkel zuckte nach oben. »Weil ich es kann und du mir schon beim Match gefallen hast. Ich mag dich. Du bist hübsch, hast Klasse und Feuer. Alles, was ich an einem Mädchen schätze. Die Situation musste ich einfach ausnutzen.«
Ich warf ihm einen empörten Blick zu. »Ich mag dich aber nicht. Du bist nicht mein Typ.«
»Damit werde ich leben müssen, aber du wirst mich trotzdem nicht loswerden. Ich werde dich im Auge behalten.«
Er sah auf seine grobe Sportuhr am Handgelenk. »Nur jetzt habe ich noch einen Termin. Wir müssen gehen. So gerne ich noch länger mit dir geplaudert hätte.«
Ich konnte es nicht lassen. Es war meine kindische Retourkutsche für den Kuss. »So schade«, spöttelte ich, während er mir half, von der Theke zu steigen.
Er fasste mich am Kinn, sodass ich zu ihm aufschauen musste. »Sei vorsichtig, Kätzchen«, mahnte er mich. »Du lehnst dich ziemlich weit aus dem Fenster. Auch wenn ich dich mag, lasse ich mich nicht verspotten.« Dann ließ er mich los.
Ich war zu weit gegangen. Bis jetzt hatte er mir kaum einen Grund gegeben, Angst zu haben. Doch Mike war kein Softie. Ich sollte vorsichtiger sein. Entschuldigend sah ich ihn an.
Doch es war zu spät. Sein Tonfall wurde merklich kühler. »Ich lasse dich jetzt gehen. Sei vorsichtig, wenn du in der Stadt unterwegs bist. Besser du nimmst deinen Bruder oder jemanden Erwachsenen mit und sag Mason, dass er sich von der Stadt fernhalten soll. Wenn ihn Natascha in die Hände kriegt, wird sie ihn aus dem Land schaffen.«
Er öffnete die Glastür, stapfte die Treppe hinauf, stieß eine Seite des Metalltors auf und ließ mich ohne Abschied in den kalten Abend hinaus.
Der Schneesturm hatte unterdessen nachgelassen. Ich eilte zurück zum Münsterplatz und sah mich nach meiner Familie um, fand sie aber nirgends. Hier, in der Menschenmenge fühlte ich mich sicherer, lehnte mich an eine Fassadenwand und versuchte zu verstehen, was da gerade passiert war. Aus Mikes Verhalten wurde ich überhaupt nicht schlau.
Wäre die Situation anders gewesen, hätte mich der Typ vielleicht sogar gereizt. Doch sicher würde ich mich nicht mit ihm abgeben. So nett er sein konnte, er war ein Gangmitglied. Eines, das dabei war, als Mason gefoltert wurde.
Ein paar Minuten später hörte ich einen Ruf. Pa, Alex und Simona hatten mich gefunden.
»Geht’s dir gut?«, rief sie mir verzweifelt zu. »Es tut mir so leid, dass ich abgehauen bin.«
Ich winkte ab. »Du hattest keine andere Wahl und musstest Hilfe holen. Also mach dir keinen Stress. Mir geht’s gut.« Meine wirre Gefühlslage verschwieg ich.
Pa sah mich sorgenvoll an und zog mich an sich. »Wir sind so schnell wie möglich hierhergekommen. Die Polizei wurde benachrichtigt und wird gleich eintreffen. Wie konntest du überhaupt entkommen?«
»Ein Bekannter des Besitzers hat mich gerettet. Er hat sich gegen Natascha gestellt.«
»Und wo ist sie nun? Hat er die Polizei nicht verständigt?«
»Nein. Er ist selbst Mitglied der Gang.«
»Du weißt, dass du ihn anzeigen musst«, sagte Pa entschlossen. »Er hätte sie nicht gehen lassen dürfen.«
»Ja, ich weiß.« Mir war aber nicht wohl dabei.
»Warum ist deine Wange so rot?«, fragte Alex auf einmal.
Ich hielt die Hand an die Wange, die immer noch pulsierte, trotz der kalten Erbsenpackung.
»Sie schlug mir mehrmals ins Gesicht«, gab ich mit mahlendem Kiefer zu.
»Die ist nicht ganz dicht!«, fluchte Pa.
Als die Polizei eintraf, erklärte ich ihnen dasselbe.
Doch Natascha blieb unauffindbar. Der Besitzer des Cafés wurde verhört, seine Wohnung durchsucht, weil die Polizei sie bei ihm vermutete. Doch sie fanden nichts. Selbst Mike war untergetaucht.