Cranston und Athelstan bedankten sich bei Coverdale. Sie stiegen die Treppe hinauf, durchquerten das Vestibül und gelangten über eine zweite Treppe zur St. Faith-Kapelle. Dort, in der kleinen Kapelle, setzten sie sich auf eine Bank an der Wand. Cranston schloß die Augen und döste halb. Athelstan betrachtete ein Gemälde: St. Faith mit Krone und Feuerrost, dem Symbol ihres Martyriums. Neben ihr sah man - halb so groß wie sie - die kleine Figur eines betenden Benediktiners. Aus seinen Lippen kam eine Schriftrolle mit den Worten:
»Von der Last meiner Sünde, selige Jungfrau, befreie mich. Schließe Frieden für mich mit Christus und bedecke meine Unzulänglichkeit.«
»So könnten wir wohl alle beten«, murmelte Athelstan.
»Was?« Cranston rührte sich und schmatzte. »Eine schöne Kapelle, Athelstan«, stellte er dann fest. »Ein bißchen zuviel hineingepackt, und etwas unordentlich. Aber was hast du gesagt?« Athelstan deutete auf die Gestalt an der Wand und die Worte des Gebets. »Ich glaube, das gilt auch für unsere Lage, nicht wahr, Sir John?«
»Ich habe nichts Unrechtes getan«, erklärte der Coroner. Dann machte er ein betretenes Gesicht. »Nun ja, ich trinke zuviel.« Er gab Athelstan einen Rippenstoß. »Aber nur manchmal.« Athelstan machte ein nachdenkliches Gesicht. »Ich frage mich, wie dieser Mörder in die Kreuzgänge der Abtei gelangen, in die Monstranzkammer hinuntersteigen und diese schreckliche Tat begehen - und wie er dann unerkannt verschwinden konnte. Sir John, es muß ein Soldat gewesen sein. Oder einer der Abgeordneten?«
»Aber doch sicher kein Mönch?«
Athelstan fuhr herum. Pater Benedict stand in der Tür. Athelstan und Cranston erhoben sich.
»Pater, ich danke Euch, daß Ihr gekommen seid.« Cranston bemühte sich verlegen, den Weinschlauch zu verbergen, der unter seinem Mantel hervorschaute.
»Setzt Euch doch! Setzt Euch!« Cranston und Athelstan gehorchten; Pater Benedict holte sich einen kleinen Stuhl heran, der in einer Ecke der Kapelle stand. Der Mönch sah sich zum Altar um, wo unter der Monstranz mit dem Leib Christi eine Kerze brannte.
»Wenn du mich hier befragst, Bruder«, sagte Pater Benedict leise, »bleibt mir kaum etwas anderes übrig, als dir die Wahrheit zu sagen.«
»Worüber?« fragte Cranston neugierig.
»Oh, nicht über die Morde«, antwortete Athelstan für Pater Benedict. »Der Pater ist unschuldig wie ein neugeborenes Kind. Aber über den Kelch, den Heiligen Gral, den Becher aus Zedemholz, der heute morgen ins Gasthaus ›Zum Ungeheuer gebracht wurde. Den hast du geschickt, nicht wahr, Pater?«
Der Mönch schob die Hände in die weiten Ärmel seiner schwarzen Kutte. Blinzelnd schaute er zu Boden, als sei er fasziniert von den Fliesen.
»Dein Freund, Pater Antony, hat ihn dir gegeben, nicht wahr?« Athelstan blieb beharrlich.
Pater Benedict nickte. »Vor vielen Jahren.« Und langsam begann er: »Pater Antony kam aus Lilleshall hierher. Wir wurden gute Freunde. Wir hatten vieles gemeinsam: die Liebe zu Büchern und Manuskripten - es gibt ja nichts Schöneres als den Geruch von Pergament, von Tinte und Kreide und brennendem Wachs, nichts Schöneres als das Studium der Antike.« Pater Benedict räusperte sich. »Nachdem er schon achtzehn Monate hiergewesen war, lud Pater Antony mich in seine Zelle ein. Er zeigte mir den Kelch, den ihr heute morgen gesehen habt, und gestand, daß er ihn den Rittern vom Schwan gestohlen hatte. Er erzählte von ihren Vergnügungen und Turnieren in Lilleshall und meinte, der Kelch könne durchaus der Heilige Gral sein.«
Pater Benedict schwieg und wiegte sich sanft auf seinem Stuhl. Er lächelte. »Ich habe den Becher sehr sorgfältig untersucht. Ich glaubte, daß er vier- bis fünfhundert Jahre alt ist und wahrscheinlich aus der Schatztruhe König Alfreds von Wessex stammt, aber nicht vom Hof des legendären Artus.«
»Wie ging es mit Pater Antony weiter?« fragte Athelstan.
»Er hat mir die Geschichte erzählt und wollte wissen, was er jetzt tun sollte. Ich sagte ihm, der Kelch müsse seinen rechtmäßigen Eigentümern zurückgegeben werden, da er meiner Meinung nach nicht nur einen Diebstahl, sondern ein Sakrileg begangen habe.«
»Aber das ist nicht geschehen?« fragte Athelstan.
»Nein. Antony bat mich um Absolution und vertraute mir den Kelch an. Er bestand darauf, daß es sich um ein heiliges Gefäß handele, was immer seine Herkunft sein möge, und daß es daher diesen bösen Männern nicht zurückgegeben werden dürfe. Ich fragte ihn, was er damit meinte. Antony schüttelte nur den Kopf und murmelte, er wolle seinen anderen Fehlem nicht noch den der üblen Nachrede hinzufügen. Ich bedrängte ihn, mir zu sagen, warum er den Kelch überhaupt gestohlen habe.« Der Benediktiner lächelte Athelstan an. »Keine Sorge, ich werde das Siegel des Beichtgeheimnisses nicht brechen. Antony und ich haben sehr viel darüber gesprochen. Er sagte nur - und wiederholte es immer wieder -, er halte es für Blasphemie, daß die Ritter vom Schwan so täten, als seien sie König Artus’ Paladine, daß sie sich auf heiligem Boden träfen, und erst recht, daß sie eine solche heilige Reliquie in ihrem Besitz hätten.«
»Er behauptete also, er habe nicht wirklich gesündigt«, vermutete Athelstan, »sondern er sei seinem Gewissen gefolgt und habe einen heiligen Gegenstand aus der Hand der Bösen genommen?«
»Jawohl, Athelstan, das trifft es genau. Eben das hat er gesagt.«
»Aber worin bestand die Bosheit?« fragte Cranston. »Pater, mit allem schuldigen Respekt, aber ein reicher Landbesitzer ist wohl kaum ein Franz von Assisi. Sir Henry Swynford und seine Kollegen sind - wie ich - sehr weltliche Männer.«
Das Gesicht des Mönchs erstrahlte in einem ehrlichen Lächeln. »Das glaube ich nicht, Sir John. Antony sprach von Mord, und zwar nicht einmal, sondern bei mehreren Gelegenheiten. Und bevor Ihr fragt: Mehr wollte er nicht sagen.« Der Mönch warf einen Blick zur Tür der Kapelle, um sich zu vergewissern, daß sie geschlossen war. »Wie Ihr wißt, haben im Laufe der letzten Jahre in Westminster mehrere Parlamente stattgefunden, und Sir Edmund Malmesbury und die meisten seiner Gefährten wurden jedesmal als Abgeordnete gewählt. Wenn sie kamen, behauptete Antony immer, er sei krank, und verbrachte die ganze Zeit in der Krankenstube.« Der Benediktiner zuckte die Achseln. »Nicht, daß es wichtig gewesen wäre. Die Ritter wohnen ja immer im ›Ungeheuer‹ oder in einem anderen Gasthof; in der Abtei selbst verkehren sie kaum.«
»Diese Ritter wurden also schon oft zu Abgeordneten der Commons gewählt?« fragte Athelstan.
»Oh, natürlich, Bruder. Sie stolzieren arrogant umher wie die Pfauen. Sie lieben London und seine Fleischtöpfe. Außerdem ist Master Banyard ein überaus großzügiger Wirt.«
»Aber so etwas ist bisher noch nie passiert, oder?« fragte Cranston.
»Nein. Mein Freund Antony blieb immer in der Krankenstube. Die Abgeordneten erwähnten ihn niemals. Ich möchte wetten, wenn sie ihm begegnet wären, hätten sie ihn nicht erkannt. Vor einem Jahr nun«, fuhr der Benediktiner fort, »starb Antony an der Fallsucht. Ich nahm ihm noch die Beichte ab und gab ihm die Letzte Ölung. Er bat Gott um Vergebung, und sein letzter Wunsch war, daß der Kelch den Rittern vom Schwan zurückgegeben werde, wenn ich es für richtig hielte.«
»Und das hast du getan?«
»Nein.« Der Benediktiner schüttelte den Kopf. »Nicht sofort. Ich habe den Kelch in der Messe benutzt; je länger ich Sir Edmund Malmesbury und seinen Zirkel mit ihrer Liebe zu den Dirnen und den Fleischtöpfen der Stadt beobachtete, desto größer wurden meine Bedenken.« Pater Benedict schnippte mit den Fingern. »Und dann verging die Zeit, und ich bekam Skrupel, weil ich den Kelch behalten hatte. Und als der Pater Abt einen Freiwilligen suchte, der als Kaplan bei den Commons dienen wollte, da meldete ich mich.« Er hielt inne und holte scharf Luft. »Aber diesmal war alles anders. Sir Henry kam zu mir, kurz nachdem Sir Oliver Bouchons Leichnam aus der Themse gezogen worden war. Er war nervös und sehr erregt. Er glaubte, daß er sterben müsse, und er wollte wissen, ob unverziehene Sünden die Seele verfolgen könnten oder ob es eher der Zorn Gottes sei. Ich fragte ihn, was für unverziehene Sünden es denn seien. Swynford schüttelte nur den Kopf und sagte, wenn er wieder in Shrewsbury wäre, wolle er dort beichten und alles gestehen, und dann wolle er auf eine Wallfahrt nach Compostela gehen.« Der Benediktiner zog die Hände aus den Ärmeln seiner Kutte. »Nun, er wurde ermordet, und letzte Nacht traf es auch Sir Francis Hamett. Die Brüder sind entsetzt, und Pater Abt meint, das Kapitelhaus und das Vestibül würden neu geweiht werden müssen, weil auf geheiligtem Boden Blut vergossen wurde.« Pater Benedict seufzte. »Ich habe mich schon gefragt, ob diese Abgeordneten sich wegen dieses Kelches etwa gegenseitig umbringen.«
»Und deshalb hast du ihn zurückgebracht.«
»Ja. Ich beschloß, nicht länger zu warten. Heute morgen nach der Frühmesse säuberte ich den Kelch gründlich und brachte ihn dann zum ›Ungeheuer‹.« Er blinzelte. »Ich habe gehört, daß ihr da wart.« Er sah Athelstan in die Augen. »Du hast einen scharfen Blick und einen wachen Verstand, Bruder. Woher wußtest du, daß ich es war?«
Athelstan verzog das Gesicht. »Als wir uns das erste Mal begegneten, Pater, da war dir nicht wohl. Es war etwas in deiner Haltung: Dir war nicht behaglich als Kaplan bei den Commons, und doch hattest du dich freiwillig gemeldet. Ich habe mich gefragt, warum. Außerdem - deine Freundschaft mit Antony und dessen Beziehung zu Shrewsbury, das konnte kein Zufall sein.« Athelstan grinste befangen. »Um die Wahrheit zu sagen, Pater, ich möchte nicht gerissener erscheinen, als ich wirklich bin. Ich habe den Kelch gründlich untersucht; er war wunderschön gepflegt. Als ich ihn heute morgen in der Hand hielt, nahm ich einen leisen Duft von Wachs und Wein wahr. Und schließlich kam er in einem Lederbeutel zurück, wie er eigens für geweihte Gefäße angefertigt wird. Du mußtest es sein.«
»Meinst du, ich habe das Richtige getan?« fragte Pater Benedict. »Ich glaube schon, Pater.« Athelstan beugte sich vor und nahm die Hand des Mönchs. »Du hast das Richtige getan, aber ich will dir die Wahrheit sagen: Ich glaube nicht, daß diese schrecklichen Morde etwas mit dem Kelch zu tun haben.« Er schaute zu Cranston hinüber. »Es geht um eine alte Sünde. Immer wieder stoßen wir darauf.« Er ließ die Hand des Paters los. »Ich glaube, Sir Edmund und seine Gefährten - entweder alle oder einige von ihnen - haben grausige, schreckliche Morde begangen, und jetzt hat ihre Schuld sie eingeholt. Pater, ich frage dich: Bei deiner unsterblichen Seele, weißt du etwas, das uns weiterhelfen könnte?«
Der Benediktiner schüttelte den Kopf und stand auf. »Bei meiner Seele, ich weiß nichts.« Er ging zur Tür und öffnete sie, drehte sich dann aber noch einmal um. »Ach, Athelstan?«
»Ja, Pater?«
»Was ist mit diesem Dämon in Southwark?«
Athelstan zog eine Grimasse. »Er ist so wenig zu greifen wie die Wahrheit hinter dieser gräßlichen Geschichte hier.«
»Dann werde ich für dich beten.« Der Benediktiner ging hinaus und schloß sorgfältig die Tür hinter sich.
»Was meint Ihr, Sir John?«
Cranston beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf die Knie.
»Sagt, Sir John.«
»Ich verstehe nicht, Bruder, wieso diese Abgeordneten nicht aus London fliehen. Deshalb möchte ich, daß du hierbleibst. Hinter der Abtei sind die Dokumentenkammern mit all den Unterlagen von Wanderrichtern, Briefen von Sheriffs und Königlichen Bütteln. Da werde ich hingehen; so mühselig es vielleicht ist, ich gedenke mir doch die Erlaubnis zu verschaffen, jeden Brief, jedes Memorandum, jede Prozeßakte und jede Petition aus der königlichen Grafschaft Shropshire durchzusehen.« Er schlug Athelstan auf die Schulter. »Und du, Bruder, du wirst mir dabei helfen.«
Und bevor Athelstan Einwände erheben konnte, war Cranston aufgestanden und beugte das Knie vor dem Altar. Dann stürmte er fast im Galopp zur Tür hinaus und schlug sie hinter sich zu. Athelstan lehnte sich seufzend an die Wand. Er schloß die Augen und betete die Psalmen aus der Messe des Tages. Er versuchte sogar, zur Heiligen Faith zu beten, aber damit hörte er wieder auf, als ihm klar wurde, daß seine Vorstellung von der Heiligkeit große Ähnlichkeit mit der Witwe Benedicta hatte. Er stand auf, ging zum Altar und bestaunte die goldene, juwelenbesetzte Monstranz, die an einer silbernen Kette hing.
»Du solltest besser beten, Athelstan«, murmelte er.
Seine Hand berührte das kleine Stundenbuch, das er in die Tasche seiner Kutte gesteckt hatte. Er holte es hervor, setzte sich auf die Bank und blätterte durch die leeren Seiten am Anfang und am Ende des Gebetbuches, aber da fand sich nichts. Er blätterte zurück zum Anfang und las die ersten zwölf Verse des Johannes-Evangeliums, aber er war abgelenkt, denn das Buch war wunderschön illuminiert. Hamett mußte es eigens für sich in Auftrag gegeben haben; der Schreiber hatte den Text in herrlichen, breiten schwarzen Federschwüngen niedergeschrieben und die Ränder mit Miniaturbildem von vielerlei Tieren verziert. Ein rothäutiger, schwarzäugiger Drache streckte eine grün zuckende Zunge heraus; ein rötlich goldener Greif breitete mächtige schuppige Flügel aus; ein silberner Windhund hetzte einen Hasen mit tiefbraunem Fell.
»Hamett liebte Tiere wirklich!« rief Athelstan.
Besonders bewunderte er den Phönix am Kopf einer Seite. Ein mystischer Vogel, der sich selbst verzehrte und so oft als Symbol Christi verwendet wurde. Neugierig geworden, blätterte Athelstan die Seiten um. Da waren Elefanten, Panther, Füchse, Wölfe in jeglicher Schattierung, Affen und Pfauen. Ein Bild am Anfang des Nachtgebets erregte Athelstans besondere Aufmerksamkeit. Fasziniert saß er da; dann ging er hinüber zu einem der Fenster, um das Bild genauer zu betrachten.
»Das kann nicht sein!« rief er schließlich aus. »Es kann nicht sein!«
Er wußte nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Plötzlich flog die Tür auf, und Cranston kam hereingestürmt.
»Athelstan, wir haben die Erlaubnis. Wir können sofort anfangen.« Neugierig sah er den Ordensbmder an. »Bruder, fehlt dir etwas?«
Atheisten dachte an Benedictes Erzählung von Simplicitas auf dem Markt.
»Kommt, Sir John.« Er sprang auf. »Laßt die Archive! Wir gehen nach Southwark!«
»Ach, Bruder, das können wir nicht!«
»Ach Bruder, das können wir doch!« antwortete Atheisten. »Warum denn?« Cranston hastete hinter ihm her, als Atheisten die Kapelle verließ und die Treppe beinahe springend hinunterrannte. Die Wachsoldaten beobachteten ihn neugierig. Auf der untersten Stufe setzte Cranston sich unvermittelt hin und verschränkte die Arme wie ein bockiges kleines Kind.
»Ich gehe keinen Schritt, bis du mir alles erzählst!« schrie er. Atheisten verbarg seine Ungeduld und kam zurück.
»Sir John, ich habe mir eben Hametts Stundenbuch angesehen. Ich weiß, wo Perline ist und was er treibt. Jetzt könnt Ihr entweder hier Sitzenbleiben und schmollen, bis ich zurückkomme« - er zog an Sir Johns gesträubtem Schnurrbart -, »oder Ihr könnt mitkommen und mir helfen.«
Eine knappe Stunde später stiegen Atheisten und Cranston in Southwark, nicht weit von der London Bridge, aus dem Boot. Inzwischen war Cranston völlig aus dem Häuschen und krähte immer wieder vor Entzücken, als Atheisten ihm in gedämpftem Flüsterton die mögliche Lösung des Rätsels darlegte. Sie marschierten durch die winkligen Gassen des Bordellviertels. Cranston wußte nicht, ob Atheisten erbost war oder ob er nur darauf brannte, seine Theorie auf die Probe zu stellen. Auf halbem Wege in einer Gasse blieb Atheisten unvermittelt vor einem Haus stehen und klopfte wütend an die Tür. Hoch über ihnen öffnete sich ein Fenster, und Simplicitas streckte den hübschen blonden Kopf heraus.
»Oh, guten Tag, Pater.« Sie lächelte gezwungen. »Ich kann nicht herunterkommen«, fuhr sie fort und kicherte hinter vorgehaltener Hand. »Ich muß mich umziehen, und …«
»Simplicitas!« donnerte Atheisten mit einer Lautstärke, die sogar Cranston überraschte. »Du wirst jetzt herunterkommen und mich in dieses Haus lassen. Und allein bist du auch nicht. Du kannst deinem liederlichen Gatten sagen, ich weiß, daß er sich dort versteckt.« Atheisten funkelte zu der jungen Frau hinauf. »Wirst du jetzt aufmachen«, rief er drohend, »oder soll ich Sir John Cranston bitten, die Tür einzutreten?«
Das Fenster wurde hastig geschlossen, man hörte eilige Schritte auf der Treppe, die Tür ging auf, und eine bleiche Simplicitas ließ sie eintreten. Atheisten schob sich an ihr vorbei und marschierte den Korridor entlang. Das Haus war klein und schäbig. Eine Holzstiege führte hinauf in die Dunkelheit.
»Perline Brasenose!« brüllte Atheisten. »Ich und andere haben für den Rest unseres Lebens genug von deinen Spielchen!« Er sah Simplicitas an. »Und du, mein gutes Weib, mußt nun entscheiden, ob du diesen Mummenschanz fortsetzen willst oder ob du deinen liederlichen Mann holen gehst - mag er sich nun auf dem Dachboden oder im Keller verstecken.« Atheisten funkelte Cranston an, der hinter Simplicitas stand. »Sir John Cranston«, fuhr er fort und hob die Stimme, so daß sie durch das Haus hallte, »ist ein schrecklicher Mann mit dem Jähzorn des Teufels. Perline, wirst du dich zeigen, oder willst du dich für den Rest deiner Tage auf Erden verstecken wie ein Feigling?«
Eine Gestalt erschien im Dunkeln oben an der Treppe.
»Es tut mir leid, Pater. Ich hab’s ja nicht böse gemeint«, flehte eine Stimme.
»Das tut einer wie du nie!« schrie Atheisten. »Um des Himmels willen, jetzt komm schon herunter! Bei St Erconwald und allem, was heilig ist!« Atheisten richtete den Zeigefinger auf Simplicitas. »Du und dein Mann, ihr habt meine ganze Pfarrgemeinde zum Narren gehalten!«
Cranston öffnete den Mund, um zu sagen, das sei sicher nicht schwierig gewesen, aber hier war tatsächlich der seltene Fall eingetreten, daß seinem kleinen Ordensbruder der Kragen geplatzt war.
»Am besten kommt Ihr in die Stube«, flüsterte Simplicitas, der die Tränen über die Wangen rollten. »Es tut mir leid, Pater, aber Perline hat einen Affen gestohlen.«
»Mach dir nichts draus«, sagte Athelstan leise und funkelte dann über die Schulter hinweg den unrasierten Perline an, der inzwischen am Fuße der Treppe hockte. »Komm schon herein und erzähl mir, was passiert ist.«
Alle drängten sich in die süß duftende Stube. Athelstans Zorn verrauchte allmählich. Simplicitas war offenbar eine geschickte Stickerin; einige ihrer Arbeiten, bunte Teppiche, hingen an den weißgekalkten Wänden. Der Fußboden war von frischen grünen Binsen bedeckt, und kleine Töpfchen mit Rosmarin standen auf dem verschrammten Tisch. Simplicitas ließ die beiden auf den gepolsterten Stühlen Platz nehmen. Der Ordensbruder sah, daß in einer Ecke eine kleine Wiege aus Holz stand, ein Zeichen dafür, daß Simplicitas die Mittel der Volksweisheit zu Hilfe nahm, denn wenn man eine Wiege ein Jahr in der Stube stehen ließ, würde binnen sechs Monaten ein munteres Kind darin liegen.
»Es ist wegen des Kindes, Pater«, sagte sie leise, als sie sah, wohin er blickte.
»Kind?« Cranston schaute sich um. »Sag mir nicht, du hast es verkauft, Perline!«
Der junge Soldat, dessen schmales, hageres Gesicht jetzt noch blasser und ernster aussah, saß da wie ein Schlafwandler. »Nein, wir wünschen uns ein Kind«, antwortete Simplicitas hastig. »Perline hat die Wiege gebaut. Ich habe die Wandteppiche gestickt. Wir hoffen, Pater, daß es in St. Erconwald getauft werden kann. Wir haben daran gedacht, es Athelstan zu nennen, wenn es ein Junge wird - oder John«, fügte sie rasch hinzu.
»Und wenn es ein Mädchen ist, vermutlich Maude?« fragte Athelstan mit hochgezogenen Brauen.
Simplicitas setzte sich. Sie schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte, aber dabei ließ sie eine Lücke zwischen den Fingern, um Cranston und Athelstan zu beobachten.
»Nun, wenn du ein Kind erwartest«, erklärte Cranston, »dann kann ich nur sagen, gesegnet sei dein Rock und alles, was darunter ist!« Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Aber was soll dieser Unfug?«
»Sag’s ihm«, heulte Simplicitas.
Perline öffnete den Mund.
»Und zwar von Anfang an«, ermahnte Athelstan.
»Ich bin gern im Tower«, begann der junge Mann. »Gutes Essen, ordentlicher Sold, freies Feuerholz, eigener Topf, Teller und Zinnlöffel. Eine neue Livree zweimal im Jahr.« Perline lächelte schief. »Und kein Feind weit und breit. Aber es ist auch langweilig. Also ging ich des öfteren hinunter in die Königliche Menagerie.« Er warf Athelstan einen Blick zu. »Pater, mit diesen Tieren müßte etwas geschehen. Seit der alte König tot ist, kümmert sich kein Mensch mehr um sie.«
»Darum gedenke ich mich zu kümmern«, unterbrach Cranston schroff.
»Nun, und da sind ein paar Berberaffen dabei«, fuhr Perline hastig fort. »Ich hatte noch nie einen gesehen; sie sehen nicht aus wie die Äffchen, die bei den Hausierern auf der Schulter sitzen und scheißen. Pater, es sind großartige Bestien. Ich fing an, ihnen Futter zu bringen, und dann saß ich da und sah ihnen zu. Nun ist einer dabei, der ist größer und dicker als alle anderen, und wir sind sehr gute Freunde geworden. Er schnatterte durch das Käfiggitter, aber er sah immer sehr einsam aus. Also sage ich mir, ich werde Cranston helfen müssen.«
Simplicitas schlug sich die Hand vor den Mund, und Perlines Unterkiefer klappte herunter.
»Wie hast du ihn genannt?« fragte der Coroner leise.
Athelstan biß sich auf die Unterlippe und hoffte, er werde nicht laut auflachen.
»Wie hast du ihn genannt?« wiederholte Sir John mit dröhnender Stimme.
»Nichts für ungut, Sir John, aber ich habe ihn Cranston genannt. Wißt Ihr, er war dicker und fetter als alle ändern, und da…«
»Er war auch der Anführer, nicht wahr?« fragte Athelstan hilfsbereit.
»0 ja, Pater.« Perline lächelte ihm dankbar zu. »Er nahm sich immer das beste Fressen, und es gibt zwei oder drei Äffinnen, mit denen er …«
»Tändelt?« fragte Athelstan.
Perlines Dankbarkeit war unübersehbar, aber Cranston wurde noch roter.
»Weiter«, knurrte er. »Je länger ich dir zuhöre, Brasenose, desto größer wird mein Interesse.«
»Alles ging gut«, fuhr Perline fort. »Ich brachte Cranston …« Athelstan senkte den Kopf; seine Schultern bebten.
»… alles, was ich auf dem Markt finden konnte: Früchte, Gemüse, alles. Dann trat in Westminster das Parlament zusammen. Ein paar der Abgeordneten kamen, um die Menagerie zu besichtigen und sich im Tower umzusehen. Ich sah sofort, daß Sir Francis Hamett aus Shrewsbury von den Berberaffen, vor allem von Cranston, sehr angetan war.«
Sir John schnappte nach Luft, aber Perline fuhr selig fort. »Er sah, wie freundlich der Affe war, und er erzählte mir, er habe Bilder von einem solchen Affen gesehen und sich oft gewünscht, nach Südspanien zu reisen, um sich einen zu kaufen.«
»Ich weiß«, warf Athelstan ein. »Ich habe das Stundenbuch des Armen gesehen. Er hat solche Bilder.«
»Der Arme?« rief Perline. »Der ist wohlhabend, ja, reich!«
»Darüber sprechen wir gleich«, sagte Athelstan.
»Nun, um es kurz zu machen«, erzählte Perline weiter und rieb sich mit dem Handrücken über den Mund, »Sir Francis erbot sich, Cranston zu kaufen, und ich war einverstanden. Oh, es war ganz einfach. Im Tower stehen Käfige. Eines Sonntag nachmittags, als die anderen Soldaten schliefen oder beim Würfelspiel saßen, steckte ich Cr …« Er stockte und schaute den Coroner betreten an. »… den Affen in einen Käfig. Ich lud ihn auf einen Handkarren und fuhr damit zu einer Pforte an der Themse-Seite. Dann ging ich zurück und suchte den Konstabler auf.« Perline zuckte die Achseln. »Ich bat ihn um Urlaub, und - nun, Ihr wißt ja, wie es geht: Er war einverstanden. Am Tor lag ein Stakboot. Als es dunkel wurde, lud ich den Käfig auf dieses Boot und stakte hinüber nach Southwark. Auf dem Markt mietete ich einen Karren, bedeckte den Käfig mit einem alten Tuch und fragte mich, wo ich ihn am besten verstecken könnte, bis Hamett käme, um das Tier abzuholen,«
»Und natürlich fiel dir da das Beinhaus auf dem Friedhof von St. Erconwald ein.«
»Naja, es wurde ja nicht benutzt, Pater. Also fuhren wir hin. Ich hielt den Käfig noch immer zugedeckt, und niemand sah mich. Ich konnte sogar noch einmal zurückgehen und ein paar Abfälle vom Markt holen, Äpfel, Birnen und ein paar zerdrückte Pflaumen.«
»Das weiß ich«, sagte Athelstan. »Cecily, die Kurtisane, hat Reste davon auf den Gräbern verstreut gefunden. Ich habe mich schon gefragt, wie sie dort hingekommen waren.«
»Ja.« Perline schniefte. »Ich öffnete den Käfig und gab Cranston von den Früchten.«
»Hör auf, diesem verdammten Affen meinen Namen zu geben!« polterte Sir John. Er zog seinen Weinschlauch hervor und schenkte sich den Zinnbecher, den Simplicitas ihm hastig brachte, großzügig voll.
»Entschuldigung, Sir John«, murmelte Perline. »Nun, eine Zeitlang saß ich so da und plauderte mit Cranston«, fuhr er dann vergnügt fort. »Er schien mir munter wie ein Schwein auf dem Mist zu sein und schnatterte unaufhörlich. Aber wenn er gefressen hätte, würde er scheißen wollen, nicht wahr? Also ließ ich ihn aus seinem Käfig heraus. Ich dachte, im Beinhaus wäre es nicht gefährlich.«
»Das erklärt, warum es dort stank wie in einer Jauchegrube«, stellte Athelstan fest.
»Es tut mir ja leid, Pater«, jammerte Perline. »Nun, ich ging hinaus, um noch mehr von den Früchten zu holen, die ich auf dem Grab hatte liegenlassen. Als ich zurückkam, war der Affe weg. Denn seht Ihr, Pater, ich hatte den Riegel nicht vorgeschoben.«
»Er war weg?« wiederholte Sir John.
Perline schnippte mit den Fingern. »Einfach so, Sir John. Gerade war er noch da gewesen und hatte geschnattert, daß es einem in den Ohren gellte, und im nächsten Moment war er weg. Ich verlor den Kopf. Ich schleppte den Käfig hinaus und versteckte ihn zwischen zwei Häusern.« Perline fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Ich wußte nicht, wo der Affe hingelaufen war, und so versteckte ich mich hier.«
»Und am Sonntag« - Athelstan sah Simplicitas an - »kamst du zu mir, behauptetest, Perline sei verschwunden, und zwar schon seit Tagen.«
»Wir hatten Angst vor Hamett«, heulte Perline. »Ich wollte nicht, daß er herkommt.«
»Aber du hast dich am Montag abend mit ihm getroffen.«
»Ich mußte. Ich tischte ihm irgendeine Lügengeschichte auf, aber er wurde wütend. Ich erklärte ihm, ich könnte in Southwark nicht mit ihm sprechen, weil die Leute dort mißtrauisch werden würden; Moleskin, der Bootsmann, hätte uns schon gesehen. Hamett stieß mich in einen Kahn und fuhr mit mir hinaus zur großen Frachtwaage.« Perline schluckte. »Da sagte ich ihm die Wahrheit.«
»Und er wurde wütend?«
»Mehr als das, Pater. Er sagte, ich sei ein Dieb, und wenn ich Cranston nicht wieder herbrächte …« Perline brach ab und schlug die Hand vor den Mund. »Entschuldigung, Sir John … Er sagte, dann würde er mich ächten lassen. Dann gab er mir einen Brief, der mir Zugang zur Abtei verschaffen sollte, und befahl mir, ihm Bescheid zu sagen, sobald ich den Affen gefunden hätte.«
»Und da bist du wieder hergekommen«, vollendete Athelstan, »und hast dich versteckt, während du, Simplicitas, die Lügengeschichte nach besten Kräften verbreitetest.«
»Es tut mir leid, Pater.« Die junge Frau schüttelte den Kopf. »Aber ich hatte furchtbare Angst.« Ihre Stimme zitterte. »Perline hätte baumeln können. Sir Francis war ein harter Mann.«
»Perline könnte immer noch baumeln!« grollte Cranston. »Und wenn es nach mir ginge, baumelte der verdammte Affe gleich mit.«
Simplicitas warf den Kopf in den Nacken und heulte, und Perline fing an zu zittern. Athelstan warf Sir John einen Blick zu.
»Na ja, ich hab’s nicht so gemeint«, brummte der Coroner. Er klopfte Simplicitas sanft auf die Schulter. »Na, na, Mädchen, nun weine nicht.«
»Ich dachte, ich verstecke mich einfach«, gestand Perline. »Ich wollte warten, bis das Parlament zu Ende wäre und Hamett fortgeht.«
»Nun, er ist fortgegangen«, sagte Athelstan. »Gestern nacht bestellte ihn jemand in die Monstranzkammer in Westminster und trennte ihm den Kopf säuberlich von den Schultern.«
»0 du lieber Gott, erbarme dich!« rief Simplicitas.
Perline lehnte sich an den Tisch; er sah aus, als habe er einen Stein an den Kopf bekommen.
»Hier, trink das mal lieber.« Cranston schob seinen Weinbecher hinüber.
Perline nahm den Becher und hob ihn mit zitternder Hand an die Lippen.
»Weißt du, was man sagen wird?« fragte Athelstan. »Man wird vielleicht behaupten, Perline, du habest Sir Francis Hamett betrogen. Du habest nicht nur eines der Königlichen Tiere gestohlen, sondern auch Hamett ermordet, als das Tier entkommen war und du deinen Teil des Handels nicht einhalten konntest.«
»Aber wie denn?« kreischte Perline. Er stellte den Becher wieder hin, denn seine Hände zitterten zu sehr. »Wie hätte ich denn in die Abtei gelangen sollen? Sie wird doch streng bewacht!«
»Du hattest doch diesen Brief«, sagte Cranston.
»Den habe ich zerrissen und weggeworfen.«
»Außerdem bist du selbst Soldat. Du trägst die Königliche Livree«, warnte Athelstan. »Es wäre ein leichtes für dich, zwischen den anderen unauffällig zu bleiben. Und eine Waffe könntest du auch tragen, ein Schwert oder eine Axt.«
»Aber ich bin nicht von hier fortgegangen«, stöhnte Perline. »Seit Montag verstecke ich mich auf dem Dachboden.«
»Immerhin ißt du ganz gut«, gab Athelstan zurück. »Für eine Frau, die in Angst lebt, Simplicitas, hast du auf dem Markt stattliche Einkäufe getätigt.«
»Ich habe ihn nicht umgebracht!« beteuerte Perline. »Seit unserem Treffen bei der Frachtwaage habe ich Sir Francis nicht mehr gesehen und nichts von ihm gehört.«
»Da bist du sicher?« fragte Athelstan.
Perline sprang auf und ging in die Ecke, wo die Wiege stand. Er legte die Hand auf die Kante. »Ich schwöre«, erklärte er geradeheraus, »Pater, ich schwöre bei allem, was heilig ist, und beim Leben meines ungeborenen Kindes, daß ich die Wahrheit gesagt habe!«
Seine Stimme zitterte, und er mußte heftig blinzeln, um die Tränen zurückzudrängen. »Pater, Ihr müßt mir helfen. Sir John, es tut mir leid!«
»Bitte! Bitte!« Simplicitas umklammerte Athelstans Hand. »Wir haben es nicht böse gemeint.«
»Hinsetzen!« befahl Athelstan.
Perline gehorchte.
»Wieviel hat Sir Francis dir bezahlt?«
»Zehn Pfund Sterling. Aber eins habe ich ausgegeben.«
»Gut.« Athelstan zwinkerte Cranston zu. »Perline, mein Junge, du wirst mit diesem Geld nach St. Erconwald gehen und Benedicta aufsuchen. Du kennst sie doch?«
Perline nickte hastig.
»Benedicta soll Watkin, Pike, Ranulf und Tab, den Kesselflicker, zusammenrufen. Du wirst jedem von ihnen ein Pfund versprechen, wenn sie den Affen wieder einfangen. Ich vermute«, fuhr Athelstan fort und bemühte sich dabei, gelassen zu klingen und Cranston nicht in die Augen zu sehen, »daß dieses arme Geschöpf völlig verängstigt ist und sich nicht weit vom Friedhof von St. Erconwald entfernt hat, denn dort wurde es zuletzt ordentlich gefüttert, und dort hat es dich zuletzt gesehen. Den Käfig wirst du mit offener Tür ins Totenhaus stellen, und dann kaufst du für ein weiteres Pfund Früchte auf dem Markt. Nichts Faules, nichts, was man weggeworfen hat, sondern gute, reife Früchte.« Er richtete den Zeigefinger auf Perline. »Hörst du mir zu?«
Der junge Soldat nickte.
»Und dann wirst du auf dem Friedhof bleiben, Tag und Nacht, bis das arme Tier zurückkommt… und das wird es tun!«
»Woher weißt du das?« fragte Cranston neugierig.
»Weil auch Bonaventura immer zu seiner Milchschale zurückkommt«, erklärte Athelstan. »Euch mag es vielleicht überraschen, Sir John, aber auch gewisse Menschen sind immer wieder an bestimmten Orten zu finden, wo sie zu essen und zu trinken bekommen.«
Sir John machte ein ungehöriges Geräusch mit den Lippen. »Und Ihr glaubt, ich werde das Tier wieder einfangen können?« fragte Perline hoffnungsvoll.
»O ja. Sag Benedicta, das Geld darf an Watkin und die anderen erst dann ausgezahlt werden, wenn der Affe sicher in seinem Käfig ist.«
»Und wenn er es ist?«
»Nun, dann solltest du noch ein Pfund für Moleskin, den Bootsmann, übrig haben. Sag ihm, daß du mit mir gesprochen hast. Er wird dich und das Tier zum Tower bringen.«
Jetzt lächelte Simplicitas und wischte sich rasch die Tränen ab.
»Und der Konstabler?« fragte Perline.
»Dem gibst du auch ein Pfund«, sagte Athelstan. »Keine Sorge, er wird ein Auge zudrücken. Sag ihm, du hast den Affen mitgenommen, um ihn den Leuten in deiner Pfarrgemeinde zu zeigen.«
»Und was ist mit dem übrigen Geld?« fragte Perline hoffnungsvoll.
»Das kannst du behalten«, sagte Athelstan. »Aber nicht für dich selbst«, fügte er rasch hinzu, »sondern für euer Kind.« Athelstan schüttelte den Kopf. »Wenn ihr mir nur gleich die Wahrheit gesagt hättet, dann hätte man manchen Wirrwarr vermeiden können.«
»Ich weiß.« Perline schaute ihn mit gesenktem Kopf an. »Simplicitas hat mir von den Gerüchten erzählt.«
Athelstan stand auf: »Ja, die Leute in der Gemeinde glauben, der Affe sei ein Dämon, und wenn sie ihn fangen, werden sie das arme Tier wahrscheinlich totschlagen. Aber jetzt hast du deine Anweisungen, Perline. Du kehrst vorerst nicht wieder nach Hause zurück. Simplicitas wirst du erst Wiedersehen, wenn der Affe da ist, wo er hingehört.« Er warf einen Blick zu der hölzernen Wiege. »Du bist ein tüchtiger Tischler, Perline.«
»Ich werde Euch eine Statue schnitzen«, erbot sich der Soldat. »Mein Opfer für den Frieden, Pater.«
Der Dank des jungen Paares hallte ihnen in den Ohren, der Coroner brüllte zum Abschied noch ein paar Ratschläge durch die offene Tür, und dann machten Athelstan und Cranston sich auf den Rückweg durch die Gassen von Southwark. Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her; dann packte Cranston den Ordensbruder fest beim Arm.
»Bruder, wenn ich die Worte ›Affe‹ und ›Cranston‹ je noch einmal in einem Atemzug höre« - er wackelte mit drohendem Finger vor Athelstans lachendem Gesicht -, »dann kommt der Teufel wirklich nach Southwark!«