Es ist ein Samstag im August, noch früh, und dennoch schon brütend heiß. In der Zeitung stoße ich auf die Todesanzeige eines Freundes, den ich in der letzten Zeit wenig gesehen habe. Um ehrlich zu sein, habe ich ihn gemieden, er wirkte so grau und deprimiert. Ich sitze im Bett, die Sonne scheint auf mein geschwollenes Knie, das einfach nicht mehr abschwellen will. Ich erinnere mich an eine buddhistische Fabel, die von einem gelehrten Mönch erzählt, der überall im Land vor vielen Leuten lehrt und dem der Erfolg zu Kopf steigt. Mit einem Mal schwillt sein Knie an und beginnt mit ihm zu sprechen: Wer wärst du ohne mich? Der Mönch sagt: Genau der, der ich bin. Ich brauche dich, mein Knie, nicht, ich kann auch im Sitzen lehren. Das Knie schwillt daraufhin weiter an, bis es so groß ist wie ein Fußball, und immer noch behauptet der Mönch, er könne gut auf sein Knie verzichten. Also schwillt das Knie noch weiter an, es wird so groß, dass der Mönch nicht mehr hinter seinem eigenen Knie hervorschauen kann und seine Schüler ihn nicht mehr sehen können. Daraufhin kommen sie nicht mehr, er muss aufhören zu lehren, verliert Ruhm und Auskommen, aber sein Knie schwillt ab, er kann wieder laufen und wandert nun als Bettelmönch durch die Welt.
Ich bin keine berühmte Lehrerin, und es sind Semesterferien. Einen Tag habe ich in Japan als Bettelnonne verbracht. Bin mit anderen Mönchen bei bitterer Kälte in Strohsandalen von Haus zu Haus gegangen, habe ein Sutra gesungen und in tiefer Verbeugung darauf gewartet, dass jemand aufmacht. Es waren nie die Reichen, immer nur arme, alte, gebückte Frauen, die ein paar Münzen in die Schale in meinen Händen warfen.
Es sind Sommerferien, fast alle sind verreist außer einer Freundin, die aber nicht ans Telefon geht. Die weißen Vorhänge bewegen sich im Wind, im Hof plätschert ein Springbrunnen. Ein Gefühl von Einsamkeit weht herein. Ich ziehe mich an, humpele zum Einkaufen. Die Leute in der Schlange vor der Kasse sind wegen der Hitze gereizt. Vor mir legt ein hagerer Mann in Radlerhosen sieben Flaschen Sekt auf das Rollband. Ich frage die Kassiererin, wo denn das neuerdings mit Laser-Tattoo gekennzeichnete Gemüse zu finden ist, mit dem der Supermarkt sich im Netz brüstet, den Plastikberg abzutragen. Immer wieder habe ich mich darüber aufgeregt, dass das Biogemüse nur zwecks Unterscheidung an der Kasse in Plastik eingeschweißt ist. Aber von der tollen Neuerung haben die Mitarbeiter noch nichts gehört. Die Kassiererin legt den Kopf schief, und ich sehe ihr an, dass sie denkt, die spinnt. Laser-Tattoo … Da ich das Gemüse lose aufs Band lege, muss sie es danach abwischen. Das passt ihr nicht. Sie ist unfreundlich. Meine kleine Diskussion hat mich erschöpft. Ich wanke durch die Hitze heim. Weiß nicht, wohin mit mir, und setze einen Pizzateig an, obwohl ich höchst selten Pizza esse, aber Backen ist ein Akt mit kleinem Aufwand und großen Erfolgschancen.
Die Freundin ruft zurück und fragt, ob wir zusammen an den Starnberger See fahren wollen. Ja!, rufe ich begeistert, springe in meinen Badeanzug und hole sie mit dem Auto ab. Sie ist vor kurzem in Rente gegangen und erzählt von Freunden, die fast ebenso alt sind, aber penetrant von ihren unglaublichen Erfolgen auf allen Gebieten erzählen. Sie gehen in den Gym, laufen Marathon, hungern sich das letzte Quentchen Fett vom Leib, tragen schicke Klamotten und sind in ihren Jobs so überaus erfolgreich. Alle arbeiten noch und haben sogar Spaß an ihrer Arbeit, ruft sie, ich bin so neidisch!
Lächerlich, sage ich, alle tun doch nur so.
Wir stehen im Stau. Alle fahren an den See. Idiotisch lange umkurven wir den Parkplatz, bis wir einen freien Platz ergattern. Die Liegewiese ist bis auf den letzten Zentimeter besetzt. Wir klemmen uns unter einen mickrigen Strauch, der kaum Schatten gibt. Vor uns liegt eine junge Mutter mit Baby in einem rosa Flamingo-Schwimmreifen und liest ein Buch. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so entspannt mit Säugling ein Buch gelesen zu haben. Ich habe die Zeit mit Baby so genossen, sagt meine Freundin. Ich nicht. Ich habe sechs Wochen nach der Geburt wieder gearbeitet und war ständig übermüdet und zerrissen. Neben mir fläzt sich ein alter Mann mit tiefbrauner Lederhaut, seine dicke Frau mit Hüft-OP-Narbe liegt neben ihm auf dem Rücken und sieht in die Luft. Sie sprechen nicht. Kaum jemand spricht. Die Hitze macht stumm. Meine Freundin untersucht mein Knie und befiehlt mir, einen Termin mit ihrer Physiotherapeutin auszumachen. Wir schwimmen im lauwarmen See. Das Wasser ist so stark verdunstet, dass man bis weit in den See hinein stehen kann. Die Segelboote dümpeln vor sich hin. Kleine Kinder mit orangefarbenen Schwimmflügeln rennen über den Steg. Die Zeiten geraten durcheinander. Ich bin junge Mutter und alt werdende Frau gleichzeitig. Fühle mich einsam trotz Freundin, weiß auch nicht, warum. Wir fahren heim. Meine Freundin ist verabredet. Wieder weiß ich nicht recht, wohin mit mir. In einem kleinen Kino in der Innenstadt wird La Strada von Fellini gezeigt. Die Geschichte der armen, kleinen Gelsomina, die von ihrer Mutter an den groben Zirkusartisten Zampano verkauft wird. Zwei nackte Existenzen, die aneinandergekettet sind und zwischen Zuneigung und Ablehnung hin- und herschwanken. Wozu bin ich überhaupt auf der Welt?, weint Gelsomina, und ein Trapezkünstler drückt ihr einen Stein vom Wegesrand in die Hand und behauptet: Jeder ist für irgendetwas gut. Selbst dieser Stein hier. Wofür ist der Stein gut?, fragt Gelsomina zurück, und der Trapezkünstler weiß keine Antwort. Gelsomina liebt den brutalen Zampano, und als es zu spät ist, liebt er sie auch. So traurig, so schön. Getröstet verlasse ich das Kino in die beginnende blaue Nacht. Nach Hause in die Wohnung mag ich nicht zurück, weil es noch immer heiß ist. Ich gehe an den Bronze-Löwen vor der Residenz vorbei, denen man mit der Hand über die Nase fährt, um Glück zu haben. Jedes Mal wieder wundere ich mich über meinen Aberglauben, ich kann es nicht lassen, ihnen schnell und heimlich über die Nase zu fahren. Es sind vier Löwen. Muss man allen die Nase putzen? Bringt es Unglück, wenn man es nur bei dreien macht?
Ich denke an den glücklosen Freund, der gestorben ist. Einmal habe ich mich sogar vor ihm versteckt, als ich ihn auf der Straße sah, weil ich keine Geduld für sein immer gleiches Unglück hatte. Ich radele durch die warme Nacht zu einem Eiscafé in der Nähe seiner Wohnung und trinke einen Campari auf ihn. Neben mir sitzt eine sehr alte Dame mit Glatze. Ihr Begleiter oder Mann redet von früheren Zeiten, als sie noch auf dem Motorrad nach Italien gebraust sind. Eine leere, kürbisgelb erleuchtete Straßenbahn fährt quietschend vorbei. Hinter mir hechelt ein Husky. Ein Mann sagt: Ihr Hund geht bei der Hitze bestimmt gern ins Wasser.
Nee, sagt der Besitzer, Wasser mag er gar nicht.
Und was kostet so ein Tier?
1500 mit guten Papieren.
Aber der will bestimmt früh raus.
Nein, der hält gut aus bis zwölf.
Das ist gut. Ich kann das überhaupt nicht haben, wenn die Viecher so früh rauswollen.
Aber so lernt man die Natur kennen.
Ach, die Natur.
Das Gespräch hinter mir erstirbt. Die Frau mit Glatze erhebt sich mühsam. Ihr Mann hievt sie liebevoll und vorsichtig in einen Rollstuhl. Gibt ihr eine Leuchtlaterne in die Hand. Sie ziehen von dannen. Man sieht die Laterne noch lange leuchten in der samtblauen Nacht. Ich gehe heim. Der Pizzateig ist aufgegangen. Wie ein kleines weiches Kissen liegt er in der Schale, leise höre ich ihn seufzen. Ich fühle mich weder einsam noch allein.
Und? Wo war die Schlange?