17. Kapitel

Lea wollte ihren Geburtstag nicht allein zu Hause verbringen, also setzte sie sich, nachdem Gernot das Haus verlassen hatte, in ihren Wagen und fuhr los. Knapp zehn Minuten ans andere Ende von Kufstein, wo ihre Cousine Vicky seit drei Jahren in einem kleinen Mietshaus mit Garten lebte.

Ihre Väter waren Brüder gewesen, und nach dem Tod von Leas Vater war Vicky ihre einzige Verwandte, zu der sie noch Kontakt hatte. Denn Vickys Eltern waren nach Deutschland gegangen, hatten beide Karriere als Manager in einem Ölkonzern gemacht und waren schließlich nach Sylt gezogen. Vicky hatte mit ihren Eltern gebrochen, weil sie – wie Camilla es bezeichnete – eine fanatische Öko-Tante war, die ihren konservativen Eltern die Pest an den Hals wünschte. In ihren politischen Ansichten war Vicky ziemlich radikal – wenn sie mal nach Deutschland fuhr, dann nicht, um ihre Eltern zu besuchen, sondern um bei den Chaostagen in Hannover an vorderster Front zu demonstrieren.

Lea parkte ihren Wagen neben Vickys altem weißen VW-Käfer. Der stand wie fast immer vor dem Haus und nicht in der direkt ans Haus angrenzenden Garage, da Vicky zu faul war, auszusteigen und das Garagentor händisch zu öffnen. Abgesehen von dem Auto wies auch das Licht im Wohnzimmer darauf hin, dass sie zu Hause war. Außerdem drang Hardrock-Musik aus dem Haus. Anscheinend dröhnte sich Vicky gerade zu – und wie Lea sie kannte, wahrscheinlich nicht nur mit lauter Musik.

Lea läutete gleich mehrmals hintereinander, und kurz darauf riss Vicky auch schon die Tür auf. Sie hielt ein Glas in der Hand, war barfuß, trug ausgefranste, kurze Jeans, die gerade mal über die Pobacken reichten, und ein ausgewaschenes Whitesnake-T-Shirt. Auch sie hatte lange rote Haare, allerdings nicht ganz so lang wie Leas, und trug sie meistens – wie auch jetzt – zu einem verfilzten Zopf geflochten, der hinten aus der Öffnung einer Schirmkappe baumelte.

Vicky schob sich ihre Brille auf die Nasenspitze und blickte Lea misstrauisch über den Rand hinweg an. »Kennen wir uns?«, fragte sie mit rauchiger Stimme.

Soll das etwa witzig sein , meldete sich Camilla zu Wort.

Lea antwortete nichts darauf, sondern wartete einfach nur ab, die Hände in die Hüften gestemmt.

Schließlich streckte Vicky einen Zeigefinger aus und deutete damit auf Lea. »Sie sind doch diese unsympathische Dame, die heute Geburtstag hat, oder?«

»Ja, kann sein«, murmelte Lea.

Plötzlich grinste Vicky. »Hast du meine SMS erhalten?«

»Ja, hab ich, danke.«

»Noch mal … Happy Birthday, du Bitch!« Vicky umarmte Lea und drückte ihr einen dicken, feuchten Kuss auf die Wange. Sie roch nach Alkohol. »Komm rein.« Sie reckte den Hals und sah sich draußen um. »Hast du deinen EDV-Heini gar nicht mitgebracht?«

»Der musste für zwei Wochen zu seiner Mutter fahren.«

»Ach du Schande. Macht nichts, wir feiern allein, zünden uns eine Bong an und lassen es ordentlich krachen.«

»Aber keinen harten Stoff, schließlich muss ich noch Auto fahren …«

»Nein, keine Sorge, du Feigling.« Vicky stellte sich hinter Lea und schob sie ins Wohnzimmer, während sie die Geräusche eines Zuges imitierte.

Vicky war ein verrücktes, überdrehtes Huhn und ganz anders als die sechs Jahre ältere, eher ruhige Lea. Trotzdem waren sie seit ihrer Teenagerzeit wie Schwestern. Komischerweise machte es Vicky mit ihrer anarchischen Lebenseinstellung nichts aus, dass Lea für die superreichen Snobs der High Society arbeitete, die Vicky so sehr verachtete – vielleicht, weil sie wusste, wie hart Lea ein Leben lang für diesen Erfolg geschuftet hatte. Dass Vicky außerdem von dem Geld, das Lea tonnenweise scheffelte, immer wieder mal profitierte, war wahrscheinlich auch ein Grund für Vickys wohlwollende Zurückhaltung.

Im Wohnzimmer hielten sie vor der Hausbar. Vicky öffnete sie und stellte ihr Glas ab. »Was trinken wir? Ich würde … oooh Fuck! « Sie verzog das Gesicht, beugte sich nach vorn, als hätte sie Krämpfe und presste sich den Handballen an die Stirn.

»Was ist?«, rief Lea. »Schon wieder Migräne?«

»Ja.« Vicky versuchte zu lächeln. »Hab heute schon zwei Tabletten geschluckt, geht hoffentlich bald vorbei.«

Lea wusste, dass Vicky schon lange unter solchen heftigen Anfällen litt. Es half wahrscheinlich nicht, dass sie permanent unter Strom stand – und ihre Anspannung und die Kopfschmerzen mit einer Mischung aus starken Medikamenten, Cannabis und Alkohol zu bekämpfen pflegte. Dann ging sie tagelang nicht raus und verkroch sich in ihrer Bude.

Wobei Vickys Haus nicht nur in solchen Phasen aussah, als lebte hier eine mehrköpfige Hippie-Kommune. Hier konnte man lässig abhängen, Joints rauchen und sich die Birne mit einer Flasche Wodka wegschießen, während Nirvana auf einer alten Schallplatte dahineierte. Vickys Vermieter hatte sicher keine Ahnung, wie sehr Vicky dieses Haus verkommen ließ. Zum Glück schaffte sie es, pünktlich die Miete hinzublättern, die sie sich mit mies bezahlten, fast monatlich wechselnden Jobs verdiente. Und so hatte es bisher keinen Anlass gegeben, hier mal vorbeizuschauen. Zurzeit hatte Vicky allerdings jobmäßig eine Durststrecke und war schon seit Monaten arbeitslos.

Vicky drehte die Lautstärke des Schallplattenspielers höher und marschierte bewaffnet mit zwei Sektflaschen, einer Packung Cannabis-Tabak-Mischung und einer asiatischen Bambus-Bong – bei der eine Kokosnuss als Hohlraum diente – die Treppe ins obere Stockwerk hinauf. Lea folgte ihr mit Gläsern und einer Schachtel Erdbeeren aus dem Gefrierfach. Sie setzten sich in die Liegestühle auf dem Balkon, wickelten sich in Decken und blickten über die Stadt und den Inn hinweg auf die Berge, während Vickys Musik durch die geöffneten Türen von unten zu ihnen heraufdrang.

Während sie rauchten und tranken, lästerten sie zuerst eine Weile über Gernot, dann empfahl Vicky ihr, den Kerl für die nächsten zwei Wochen einfach zu vergessen und sich eine schöne Zeit zu machen. Danach wechselten sie das Thema und zogen allgemein über die moderne Gesellschaft her und wie sich diese in den letzten dreißig Jahren verändert hatte. Lea fiel auf, dass Vicky bei aller Lästerei über ihn manchmal fast wie Gernot klang, der ähnlich radikale Ansichten zu Politik, dem Schulsystem und der schnelllebigen Wegwerfgesellschaft vertrat wie sie.

Rasch war die erste Flasche Sekt fast geleert, den Vicky trotz ihrer Migräne gut zu vertragen schien. Sie schüttete sich den letzten Rest ins Glas und hob zu einer neuen Tirade an. »Also, wenn der Staat nicht wäre, und, zum Beispiel, die …«

»Sag mal …«, unterbrach Lea sie, da sie keine Lust mehr hatte, weiter über Politik zu reden, »… wie machst du das eigentlich zurzeit mit der Miete? Bezahlt die dein geheimnisvoller Freund?«

»Wie kommst du denn jetzt ausgerechnet darauf?« Vicky zog an der Bong, presste die Augen zusammen und verzog das Gesicht.

»Na ja, weil du doch wieder mal seit Monaten keinen Job hast.«

Auf die Frage nach ihrem Freund gab Vicky wie immer keine Antwort. Dabei wäre Lea brennend an einer interessiert gewesen. Bisher wusste sie nur, dass Vicky schon seit fünf Jahren eine Affäre mit einem Kerl hatte, der sie finanzierte – und den sie sorgfältig unter Verschluss hielt. Lea hatte ihn noch nie zu Gesicht bekommen.

Mittlerweile hatte sie genug Zeug geraucht und rutschte bis zum Hals unter die Decke. »Erzähl mir mehr über ihn.«

Vicky stieß eine Rauchwolke aus. »Was willst du denn wissen?« Sie zuckte kichernd mit den Achseln. »Er ist verheiratet und hat eine erwachsene Tochter. Und er ist deutlich älter als ich.«

»Und warum hab ich ihn noch nie gesehen? Sieht er so gut aus, dass du Angst hast, ich könnte ihn dir ausspannen?«

»Na ja, er ist eine bekannte Persönlichkeit, die regelmäßig in der Öffentlichkeit steht.«

»Der Generaldirektor eines Ölkonzerns?«, provozierte Lea sie. »Oder der Boss einer internationalen Bankenholding?«

»Ja, ganz bestimmt.« Vicky lachte auf und verdrehte dabei die Augen. »Ich kann dir einfach nicht verraten, wer es ist. Das wäre ihm sicher nicht recht.«

Lea hatte in den letzten Jahren oft darüber nachgedacht, wer es sein könnte, aber stets ohne Ergebnis.

Ich ahne, wer es ist, meldete sich Camilla nach langer Zeit wieder einmal zu Wort. Aber das würdest du mir sowieso nicht glauben.

Die Musik verstummte.

»Gott sei Dank«, entfuhr es Lea, während sie Camillas Stimme erfolgreich verdrängte.

Vicky zog nur eine Augenbraue hoch. Da sie kein modernes Smartphone, sondern nur ein altes Tastenhandy besaß und ohnehin aus Prinzip keine Streamingdienste benutzte, stemmte sie sich aus dem Stuhl, um unten im Wohnzimmer eine neue Schallplatte aufzulegen.

»Können wir etwas anderes hören?«, bat Lea.

»Heino oder Hansi Hinterseer?«, fragte Vicky boshaft.

»Sei nicht albern. Irgendetwas anderes, nur nicht diesen Krach.«

»Komm mit und such dir was aus, hast ja heute immerhin Purzeltag. Aber nur noch ein oder höchstens zwei Alben, okay? Dann fährst du heim, bevor du zu bekifft bist – außerdem geht meine Migräne nicht weg.«

»Du Arme – ein Album reicht völlig.« Lea erhob sich, räumte die Bong ins Zimmer und folgte Vicky zur Treppe, wobei sie schon deutlich die Wirkung von Alkohol und Gras spürte. »Und dieser geheimnisvolle Typ steht wirklich auf dich?«

»Ja, er mag einfache, geradlinige, freche und bodenständige Frauen wie mich und keine aufgedonnerten Schickimicki-Tussis wie dich.«

»Oh, das ist unfair«, protestierte Lea. »Ich bin gar keine Schickimicki-Tussi.«

»O doch! Im Gegensatz zu mir, schon.« Vicky lachte beschwipst und hielt sich die Hand vor den Mund, während sie einen Rülpser unterdrückte. »Ich könnte nie so wie du mit diesen High Heels rumlaufen.«

»Das sind keine High Heels, sondern gewöhnliche Stöckelschuhe«, korrigiert Lea sie. »Probier doch mal.« Sie schlüpfte aus den Schuhen und warf sie Vicky hin. »Die machen eine bessere Figur.«

»Ich brauch keine bessere Figur …« Vicky stützte sich mit einer Hand auf das Geländer neben dem Treppenabgang ab und zog die Schuhe an, stellte sich dabei aber ziemlich dämlich an. Albern stakste sie damit herum, äffte Lea nach, hob das Sektglas und prostete ihr zu. »Ist doch ganz leicht … Siehst du?«

»Und wenn ich das hier mache – immer noch ganz leicht?« Sie tippte Vicky etwas zu fest an die Schulter.

»Zum Wohl … huch!« Vickys Knöchel knickte um, und sie stolperte nach hinten.

»Vorsicht!« Schlagartig waren die jahrelang antrainierten Reflexe einer Personenschützerin wieder da, Lea griff nach Vickys Arm und wollte sie stützen. Doch Vicky riss sich los und ruderte in Panik so wild herum, dass sie das halb volle Glas ausschüttete und mit dem Oberkörper nach hinten kippte. Wie ein steifes Brett fiel sie um, knallte rücklings auf die Treppe und rutschte durch den Schwung weiter die Stufen hinunter. Am Treppenanfang blieb sie reglos liegen.

Lea spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Vickys Glas war beim Aufprall zersplittert. Sie hielt den Stiel noch fest umklammert, hatte sich jedoch schlimm an den Scherben verletzt, und Blut tropfte zwischen ihren Fingern auf den Holzboden. Ihr Kopf war unnatürlich verdreht, ihr Blick starr an die Wand gerichtet.

Unfähig, sich zu bewegen, stand Lea am oberen Treppenabsatz und sah ungläubig auf ihre Cousine hinunter. »Vicky?«, krächzte sie, während sie langsam auf Strümpfen die Treppe hinunterstieg. Sie spürte die Glasscherben auf den Stufen und tastete sich vorsichtig weiter. »Vicky?«

Keine Antwort.

»Es tut mir leid … das wollte ich nicht … das war ein Unfall«, flüsterte sie, versuchte sich verzweifelt einzureden, dass sie keine Schuld an dem traf, was gerade passiert war.

Du musstest ja unbedingt bekifft mit ihr herumalbern , tauchte Camillas Stimme plötzlich in ihrem Kopf auf. Obwohl du weißt, dass du dir keine Fehltritte mehr erlauben darfst, seit du diesen jungen Einbrecher im Supermarkt erschossen hast.

»Ich dachte, er zieht eine Waffe …«

Hat er aber nicht!

»Sei still! Vielleicht ist ihr ja gar nichts Schlimmes passiert. Ich muss nur die Rettung …«

Echt jetzt? Siehst du, wie komisch ihr Hals verrenkt ist und die Wirbel unter der Haut hervortreten?

Lea wollte es nicht wahrhaben, aber Camilla hatte wie immer recht. Zudem atmete Vicky nicht mehr, und ihre offenen Augen wirkten völlig leblos. Durch den Schock, der Lea jede Menge Adrenalin durch den Körper pumpte, war sie schlagartig wieder nüchtern und hellwach.

Sie erreichte die letzte Stufe, beugte sich über Vicky, tastet über die zertrümmerte Halswirbelsäule und dann mit zwei Fingern zur Halsschlagader.

Kein Puls.

Wenn sie uns jetzt wegen fahrlässiger Tötung drankriegen, gehen wir beide für mindestens ein Jahr in den Knast. Ist dir das klar?