»Ich habe ein Kind«, sagte Violet mit Blick in die Sterne. »Ich habe ein Hotel, dem ich meine ganze Kraft widme. Und neben dem Hotel und meiner Tochter gibt es etwas, das ich genauso liebe. Weißt du, was ich meine?«
Der Mann in ihrem Bett streckte sich wohlig aus. »Ich habe keine Ahnung.«
Der Friede machte Violet glücklich. Alles, so kam ihr vor, schien sich zum Guten zu wenden. Deutschland war besiegt, das mörderische Regime stand in Nürnberg vor Gericht. Großbritannien hatte wirtschaftlich zwar eine harte Zeit durchzustehen, doch nach einem Krieg wie diesem war das zu erwarten. Die Briten wollten Weltmacht bleiben und unterhielten weiterhin ein riesiges Heer. Das Königreich bat die USA um einen Kredit von drei Billionen Dollar. In London wurde der neue Flughafen Heathrow eröffnet. Großbritannien schloss Frieden mit Indien und Thailand. Die Zeitungen waren voll von solch großartigen Neuigkeiten. Der Mensch, so schien es Violet, hatte begriffen, dass er den Ast, auf dem er saß, nicht absägen durfte.
Auch sie selbst konnte ihr Glück manchmal kaum fassen. Der Mann, den sie tot geglaubt hatte, der in Nordafrika verschollen gewesen war, hatte den Weg zurück nach Hause gefunden. Lionel war zu ihr gekommen, nach London, ins Savoy, hierher, in das wunderbare Kuppelzimmer.
»Vor sechs Jahren standen wir im Krieg«, fuhr sie fort. »Er sollte noch fünf lange Jahre dauern. Damals zu Weihnachten habe ich den Vorsatz gefasst, um meine Liebe zu kämpfen. Diese Liebe gehörte dir, Lionel. Und sie gehört dir bis heute.«
Violet ließ den Blick durch den Raum schweifen. Hier hatte einmal ihr Großvater, Sir Laurence Wilder, gewohnt. Als sie auf die Welt kam, war er schon im vorgerückten Alter gewesen, trotzdem hatten seine Privaträume nie den Geschmack eines alten Mannes widergespiegelt. Nach seinem Tod war diese Suite verwaist, aber der Friede hatte Violet veranlasst, den Räumen neues Leben einzuhauchen. Sie ließ alles so renovieren, wie er es geliebt hätte. Die kräftigen Linien, das dunkle Holz, das den Deckenbogen trug. Der Bogen stützte die Glaskuppel, durch die man in den Himmel sah.
»Jeder Mensch fasst zu Weihnachten gute Vorsätze«, sagte sie. »Aber wie ist das mit guten Vorsätzen an einem Geburtstag?«
»Wer hat Geburtstag?« Lionel schob sich das verstrubbelte Haar aus der Stirn.
Als hätte er das richtige Stichwort gegeben, klopfte es an der Tür.
»Da ist er schon.«
»Wer denn?«
Mit zärtlichen Knüffen boxte Violet ihren Liebsten aus dem Bett. »Du musst dich anziehen.«
»Warum?« Widerwillig stand er auf.
»Weil er dich nicht nackt in meinem Bett erwischen soll. Er ist ein bisschen altmodisch.«
Lionel nahm seine Sachen vom Sessel und lief zum Paravent. Schmunzelnd beobachtete Violet, wie er hinter dem Möbel verschwand, das schon Sir Laurence als Umkleidekabine gedient hatte. Die Seidenstickerei auf dem Bambusrahmen war brüchig geworden, aber das Motiv leuchtete noch immer: eine japanische Raupe, die an einem Schilfhalm emporkroch.
Von draußen hörte Violet ein helles Stimmchen. »Nun mach schon!«
»Warte«, widersprach eine feine Männerstimme. »Wir können nicht einfach …«
»Klar können wir.« Ein kleines Mädchen stürmte ins Zimmer. Ihre Bluse hatte Puffärmel, ihr Rock war übersät von Flecken. Sie trug lange Strümpfe, obwohl es dafür eigentlich schon zu warm war. »Das war früher mein Zimmer!«, rief Maxine, Violets Tochter.
»Du hast recht. Als du noch klein warst, ist das unser gemeinsames Zimmer gewesen.« Violet warf ihren Morgenmantel über. »Aber jetzt bist du schon groß und hast ein viel schöneres Zimmer nebenan.«
»Jutty huy!« Mit einem gewaltigen Satz hopste Maxine in das Bett ihrer Mutter.
»Aber doch nicht mit den Kleidern ins Bett, Maxine.« Ein älterer Mann folgte dem Kind. Er trug einen korrekten Gehrock mit Stehkragen und Krawatte, sein Haar war weiß. »Du hast gerade im Sandkasten gespielt. Der ganze Schmutz kommt ja ins Bett.«
Maxine fiel ihrer Mutter um den Hals. »Wir waren in der Sandkiste, Henny und ich. Und ich habe ihn im Pennywerfen besiegt.«
»Stimmt das, Onkel Henny?«, lachte Violet. »Du warst beim Pennywerfen doch sonst der Champion.«
»Eine bittere Erfahrung für mich, Vi«, antwortete Henry Wilder, Violets Onkel und zugleich Sohn und Nachkomme von Laurence Wilder, in dessen Fußstapfen er aber nie getreten war. »Im Pennywerfen rücken nun jüngere Athleten nach.« Solange seine Nichte ihm im Nachtgewand gegenübersaß, hielt Henry den Blick respektvoll abgewandt.
Wenn Violet ihren Onkel heute vor sich sah, musste sie an ein Wunder glauben. Er war krank gewesen. Die Ärzte hatten keine organische Erklärung für seinen Zusammenbruch finden können, doch schien er damals jegliche Lebenskraft zu verlieren. Henry wurde immer schwächer, er verließ sein Zimmer und bald darauf auch sein Bett nicht mehr. Violet hatte den Eindruck gehabt, als würde ihr Onkel Tag für Tag mehr erlöschen. Die Zerstörung Londons während des Luftkampfes, die vielen Toten, die zahllosen Menschen, die von den Schlachtfeldern nicht zurückkehrten; Henry verkraftete das alles einfach nicht. Er hatte dem Wüten des Bösen und der Macht des Teufels über die Welt nichts entgegenzusetzen.
Dazu war ein persönlicher Schicksalsschlag gekommen. Henry, der zarte Mensch in den Sechzigern, hatte sich getraut, wieder zu lieben. Doch die Frau, die sein Herz erobert hatte, war eine Betrügerin gewesen. Sie verriet Violet, sie verriet das Savoy. Ihr Ende war traurig und dramatisch. Sie wurde ermordet. Man fand ihre Leiche in einem zusammengerollten Teppich.
Als Henrys Zustand immer schlimmer wurde, suchte Violet nach einem Ausweg, der medizinisch nicht zu erklären war. Er wog damals nur noch neunzig Pfund. Die Rettung war einem Zufall zu verdanken. Einmal, als Violet ihn in seinen Privaträumen besuchte, war Maxine hinter der Mutter hergeschlichen und mit Trara in Henrys Zimmer gesprungen. Das Mädchen erschrak einen Moment über das Aussehen ihres Großonkels, setzte sich aber ungezwungen auf sein Bett und stellte Fragen. Henry war ein leidenschaftlicher Uhrensammler, überall hingen seine Exponate in Glasvitrinen. Maxine fand die schimmernden Uhren interessant und wollte mehr darüber wissen. Mit schwacher Stimme gab Henry seiner Großnichte Auskunft.
Von nun an brachte Violet ihre Tochter zu jedem Besuch mit. Das Verhältnis der beiden vertiefte sich, bis sie mitunter ganz vergaßen, dass Violet ebenfalls anwesend war. Henry bekam wieder Appetit, er aß mit Maxine, weihte sie in die Uhrmacherei ein und spielte ihre kindlichen Spiele mit, darunter auch das Pennywerfen. Es kam der Tag, als die beiden das Savoy zum ersten Mal zu zweit verließen und einen Spaziergang entlang der Themse machten. Violet beobachtete das Ereignis vom Fenster ihres Büros aus. Ihr standen die Tränen in den Augen. Es war Liebe. Wie immer war es die Liebe, die Henry geheilt hatte. Die Liebe zu seiner Großnichte ließ ihn die Verneinung des Lebens vergessen.
Tagsüber war Violet zu beschäftigt, um sich um Maxine zu kümmern; mehrere Nannys waren für die Kleine zuständig. Seit einiger Zeit besuchte sie außerdem den Kindergarten. Doch nach der wundersamen Genesung Henrys gab es nur noch eine Nanny für Maxine, ihren Großonkel. Das Hotel wurde Zeuge, wie die beiden ein Herz und eine Seele wurden. Eine innigere Freundschaft konnte sich niemand vorstellen.
»Hast du ihm schon gratuliert?«, fragte Violet ihre Tochter.
Mit großem Ernst schüttelte Maxine den Kopf. »Nein, Mama.« Sie machte ein geheimnisvolles Gesicht. »Das wollten wir zusammen tun.«
Violet hauchte dem Kind einen Kuss auf die Stirn. »Du hast recht.«
»Jetzt, Mama?«, fragte Maxine mit leuchtenden Augen.
»Was wird denn da getuschelt?« Hinter dem Paravent kam Lieutenant Lionel Burke hervor. Diesen Rang hatte er im Krieg bekleidet. Nachdem er verwundet, in italienische Gefangenschaft geraten und nach einer Odyssee über das Mittelmeer nach England zurückgekehrt war, quittierte er den Militärdienst. Nicht in Uniform, in einem schlichten Leinenanzug trat er zu ihnen.
»Lonny!«, rief Maxine, verließ das Bett, eine Fontäne Sand hinter sich lassend, hopste an Lionel hoch und umklammerte ihn wie ein Äffchen. »Wieso hast du dich versteckt?«
»Um dich zu erschrecken.« Er drehte sich mit ihr im Kreis.
»Ich bin aber nicht erschrocken!« Sie schlug ihre Fersen in sein Hinterteil.
»Schluss!«, rief Violet. »Lass den Lieutenant in Ruhe. – Sag doch auch etwas, Henry.«
Mit versonnenem Lächeln betrachtete der Weißhaarige die beiden. »Sie kann deinen Lionel eben gut leiden.«
Und auch dieser Umstand war ein Grund zur Freude für Violet. Maxine wuchs ohne Vater auf. Und obwohl Lionel diese Stellung nicht einzunehmen versuchte, akzeptierte das Kind, dass die Liebe ihrer Mutter diesem Mann gehörte.
Violet ging zur Kommode, auf der zwei Päckchen bereitlagen. »Komm, Maxie, es ist so weit.«
Das Mädchen ließ den Lieutenant los und nahm das kleinere Paket entgegen. Die beiden traten auf Henry zu, der noch nicht ahnte, was ihm bevorstand.
»Los?«, fragte Maxine.
»Los«, nickte Violet.
»Was denn los?« Lionel kam dazu.
Das Päckchen vor der Brust haltend begann Maxine:
»Der beste Onkel, den ich gern mag,
der feiert heute den Geburtstag.
Ich wünsche dir zu deinem Feste
von Herzen nur das Allerbeste.«
Sie wurde über das ganze Gesicht rot, sprang auf den Großonkel zu und gab ihm das Päckchen. Als er sich zu ihr beugte, umarmte Maxine ihn so leidenschaftlich, dass Henry fast umgekippt wäre.
Violet schloss sich an. »Happy birthday, mein lieber Henry. Ich wünsche dir noch viele glückliche Jahre.«
»Danke … danke«, erwiderte er überrascht und sichtlich bewegt. »Ohne euch beide hätte ich diesen Tag nicht erlebt.« Er sah Nichte und Großnichte innig an. »Euch verdanke ich alles.«
»Was meint er damit, Mama?«, fragte Maxine.
»Er meint, dass er dich sehr lieb hat.« Violet umarmte beide gleichzeitig. So stand die kleine Familie Wilder beisammen, für Violet war es das schönste Gefühl von allen.
Plötzlich lächelte Henry verschmitzt. »Soll ich euch was sagen? Ich hätte den heutigen Tag am liebsten verschwitzt. Aber unsere Hausdame, Mrs Drake, die über die Ereignisse, die in diesem Hotel passieren, bestens Bescheid weiß, hat mich gefragt, wie mein Geburtstag begangen werden soll.«
»Mrs Drake hat mich ebenfalls darauf aufmerksam gemacht.« Violet nickte. »Seitdem haben Maxine und ich an deinen Geschenken gebastelt.« Auch sie gab ihm ein Päckchen.
»Das ist wirklich lieb von euch.«
»Ich hab es selbst gemacht!«, rief Maxine. »Aufmachen, Henny, los, mach es schon auf!«
Lionel trat zu ihnen. »Darf ich ebenfalls gratulieren, Mr Wilder? Die Damen haben ein Geheimnis daraus gemacht. Ich wusste nichts von Ihrem Geburtstag.«
Henry schüttelte die Hand des Lieutenants. »Mir wäre es lieber gewesen, wenn er unbeachtet vorbeigeschlüpft wäre, aber nun freue ich mich doch.«
»Wir machen eine Party«, bestimmte Violet.
»Ach nein, lieber nicht«, wiegelte Henry ab. »Der Geburtstag ist doch schon fast vorbei.«
»Nicht heute. Wir legen einen Tag dafür fest. Du bekommst deine Party. Habe ich recht?«, fragte sie ihre Tochter.
»Party, Party!« Maxine hopste um den Großonkel herum.
»Damit ist es entschieden.« Violet klatschte in die Hände.
»Ist es in Ihrem Alter schicklich –«, begann Lionel. »Darf ich fragen, wie alt Sie sind, Mr Wilder?«
Henry legte den Kopf ein wenig schief. »Ich wurde in dem Jahr geboren, als Queen Victoria große Anteile am Suezkanal kaufte und dem britischen Empire damit die wichtige Handelsroute für immer sicherte.«
Lionel überlegte. »Der Suezkanal? Das war … Aber das kann doch nicht …«
»Die Zeit vergeht schneller, als man glaubt, Lieutenant.«
Maxines Ungeduld war nicht länger zu bändigen. »Jetzt mach es schon auf, Onkel Henny!«
Vorsichtig zog Henry an der Schleife.
Er kam nicht mehr dazu, Maxines Bastelarbeit zu bewundern, denn mit einem Mal stand der Hoteldetektiv in der Kuppelsuite.
»Ich störe ungern«, sagte Clarence Oppenheim, doch sein Ausdruck machte klar, dass die Störung nötig sei.
Vor dem korrekt gekleideten Mr Oppenheim kam sich Violet in ihrem aprikosenfarbenen Morgenmantel fast nackt vor. »Was gibt es denn, Clarence?«, fragte sie irritiert.
»Ich muss Sie bitten, mich zu begleiten, Miss Mason.«
Violet musterte Lionel und Oppenheim nebeneinander. Wieder einmal stellte sie fest, dass Männer wie Oppenheim den besten Anzug ruinieren konnten. Die Oberarme des Hoteldetektivs drohten die Nähte seiner Anzugjacke zu sprengen. Männer wie Lionel hingegen, die ein wenig schmächtiger und in nacktem Zustand zart und knabenhaft waren, wirkten in einem guten Anzug wendig, elegant und sportlich. Clarence Oppenheim hatte die Ausstrahlung einer Skulptur aus Eisen. Entweder er bewegte sich, oder er erstarrte. Es gab kein Mittelding, nichts Langsames, Geschmeidiges an ihm, ungewöhnlich für einen Detektiv, von dem man erwartete, dass er unauffällig durch Räume strich, alles sah und kaum gesehen wurde. Doch wo immer Oppenheim erschien, war es, als hätte ein Gladiator den Raum betreten.
»Was ist denn so dringend, Clarence?« Die Unterbrechung passte Violet nicht.
»Ein Juwelenraub im dritten Stock«, erwiderte er schlicht.
»In der dritten Etage? Aber doch hoffentlich nicht bei –?« Violet sah ihn fragend an.
»Ich fürchte doch.« Oppenheim biss die Kiefer aufeinander. »Die Herzogin von Londonderry wurde ausgeraubt.«