Violet nickte den Pagen zu, die von Oppenheim beauftragt worden waren, das Treppenhaus zu sichern. Niemand durfte in den Trakt hinein oder ihn verlassen, solange Scotland Yard nicht eingetroffen war. Gäste wurden höflich ersucht, auf ihren Zimmern zu bleiben.

»Melden Sie mich bitte bei der Herzogin«, forderte Violet den Chefbutler auf. Er klopfte.

Zugleich kam Mrs Drake den Korridor entlang.

»Sie haben es schon gehört?«, fragte Violet.

»Ich war in der Küche. Entschuldigen Sie, dass ich erst jetzt komme, Miss Mason.« Die Hausdame gehörte dem Savoy seit Ewigkeiten an und war eine Stütze des Betriebs. Im Hotel hielt sich hartnäckig der Witz, dass Mrs Drake in Wirklichkeit ein Mann sei. Sie überragte die meisten der Angestellten, ihre Haut hatte die Grobporigkeit eines Elefanten. Ein Mr Drake war im Hotel noch nie gesehen worden.

Der Chefbutler meldete: »Die Herzogin lässt bitten.«

»Bringen wir’s hinter uns.« Violet nickte bekümmert. Als Oppenheim mit ihr zusammen eintreten wollte, hielt sie ihn sanft zurück. »Warten Sie besser draußen auf den Yard, Clarence. Ein Gespräch unter Frauen scheint mir im Moment richtiger.«

Lady Edith, die Herzogin von Londonderry, war eine Frau mit schwarzem Haar, hängenden Schultern und traurigen veilchenblauen Augen. Seit Jahren gehörte sie zu den Stammgästen des Savoy. Man durfte annehmen, dass sie ihrer Haarfarbe inzwischen ein wenig nachhalf, doch die Strahlkraft ihrer Augen war ungebrochen. Früher, wenn Lady Edith im Haus gewesen war, konnte man damit rechnen, dass noch am selben Tag der Wagen des Premierministers vorfuhr. Ramsey MacDonald hatte das Savoy durch den Seiteneingang betreten und sich zur Suite der Herzogin bringen lassen. Mit dem Erkerblick auf die Themse galt sie als die romantischste im ganzen Haus. Auch diesmal bewohnte Lady Edith die Erkersuite, während MacDonald das Amt des Premierministers längst hatte abgeben müssen. Ihm waren Baldwin, Chamberlain und Churchill gefolgt. Seit 1945 stand nun Mr Clement Attlee der Regierung vor.

»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir tut, Mylady.« Als Violet auf ihren Gast zueilte, bemerkte sie, dass die Duchess nicht allein war. Ihr Besuch war zweifellos Engländer, sein akkurat gestutztes Bärtchen ließ auf eine Offizierskarriere schließen. Trotz der Wärme, die London in diesem Mai überraschte, trug er einen dreiteiligen Anzug aus wetterfestem Tweed.

»Danke, Miss Mason«, erwiderte die Herzogin. »Einer gewinnt, und einer verliert. Heute ist wohl der Juwelendieb der Gewinner.« Sie bat Violet zur Chaiselongue.

»Ich wusste nicht, dass Sie Besuch haben. Ich dachte, mein Personal hätte den Trakt abgeriegelt.« Die Frauen setzten sich.

Lady Edith lächelte. »Ich habe den guten Mr Asquith als Ersten zu mir gebeten, noch bevor ich Ihren Detektiv informierte. Er arbeitet für Lloyd’s

»Die Versicherung?«, fragte Violet. »Haben Sie den Schmuck der Herzogin versichert?«

Der Mann im Tweed nickte bekümmert. »Ausgerechnet die wertvollsten Stücke. Die Versicherungssumme beläuft sich auf einen fünfstelligen Betrag.«

»Ich möchte mich auch bei Ihnen für das Verbrechen in meinem Haus entschuldigen, Mr Asquith. Es ist bestimmt keine Freude, Ihrer Direktion einen solchen Verlust zu melden.«

Mit einer Geste lud Lady Edith den Versicherungsvertreter ein, sich ebenfalls zu setzen.

»Wie Sie wissen, ist das nicht der erste Juwelenraub in Ihrem Haus«, sagte Asquith. »Der Einbrecher hat zunächst die Gattin eines Regierungsbeamten bestohlen, dann die Besitzerin eines Schweizer Pelzhauses und nun bedauerlicherweise Lady Edith.«

»Wollen Sie damit sagen, dass diese Juwelen sämtlich bei Lloyd’s versichert sind?«, fragte Violet überrascht.

»Wir sind das weltweit größte Versicherungsunternehmen auf diesem Sektor. Gestatten Sie mir eine Bemerkung. Da die aktuellen Raubzüge so knapp hintereinander erfolgt sind, wäre es da nicht an der Zeit, Ihr Sicherheitssystem zu überprüfen, Miss Mason? Ich habe den Eindruck, der wackere Mr Oppenheim ist von dieser Aufgabe überfordert.«

Violet straffte den Rücken. »Clarence Oppenheim arbeitet seit Jahren für das Savoy. Er hat Giftmörder, Sexualtäter, Diebe und Männer entlarvt, die in meinem Haus mit käuflichen Frauen gehandelt haben. Oppenheim mag nicht so aussehen, aber er ist ein Fuchs.«

»Hatte Ihr Fuchs nie den Verdacht, dass der Täter hier im Haus wohnen könnte?«

»Einer meiner Gäste?«

»Die Vermutung wäre nicht abwegig. Wie gelingt es dem Einbrecher so leicht, in die Zimmer mit dem Schmuck zu kommen?«

»Oppenheim glaubt, der Dieb sei über den Balkon eingestiegen.«

»Ein Fassadenkletterer im Herzen Londons?« Asquith zog die Augenbrauen hoch. »Wissen Sie, wie viele Passanten hier vorbeikommen und das Savoy bestaunen?«

»Aber nicht um drei Uhr früh, Mr Asquith.« Violet war gekommen, um der Herzogin ihr Mitgefühl auszusprechen, nicht um sich vor einem Versicherungsmann zu verantworten. »Scotland Yard wird all diese Fragen bestimmt klären«, entgegnete sie dezidiert.

»Die Firma Lloyd’s bietet Ihnen die Hilfe eines Experten auf dem Gebiet an, Miss Mason«, ließ Asquith nicht locker.

»Wer sollte das sein?«

»Ich selbst. Ich nehme an, dass der Dieb die Zimmer mit einem Zweitschlüssel betritt. Das lässt eher auf jemanden vom Personal schließen.«

Der Herzogin war daran gelegen, den Konflikt beizulegen. »Warum warten wir nicht auf die Gentlemen von Scotland Yard?«, schlug sie vor. »Wollen wir solange einen Tee nehmen?«

Violet telefonierte mit dem Zimmerservice. Sie verstand Mr Asquiths Argument. Wenn diese Diebstähle nicht aufhörten, konnte sie der Firma Lloyd’s nicht verbieten, eigene Untersuchungen anzustellen. Sie fasste den Versicherungsmann ins Auge. Der klassische Tweed und das Bärtchen waren seine Verkleidung. Anders als Oppenheim war dieser Mann vollständig unauffällig, zumindest solange er sich unter Briten aufhielt. Wer verbarg sich in Wirklichkeit hinter dem pflichtbewussten Mr Asquith? Gerade beugte er sich zu Lady Edith. »Sie hätten auf meinen Rat hören und den Schmuck im Hotelsafe deponieren sollen, Mylady.«

»Und was soll ich tun, wenn ich ausgehe? Mir den Safe um den Hals hängen?«

»Natürlich nicht, aber …«

Die Herzogin machte eine abschließende Geste. »Sobald etwas gestohlen wird, denkt jede Versicherung nur an ihren Verlust. Warum haben Sie meine Wette angenommen, wenn Sie keinen Mumm haben, Mr Asquith? – Denn das war es doch wohl, eine Wette

»Da Ihre Juwelen gestohlen wurden, bezahlen wir natürlich, Mylady. Aber wir können Ihnen nicht die liebevollen Erinnerungen ersetzen, die Sie mit den Stücken verbinden.«

»Ach, ich hänge an meinem Schmuck nicht besonders. Er ist hübsch, manche Stücke erregen Aufsehen, aber vor allem ermöglichen sie es meinem Sohn, sich meiner in der Öffentlichkeit nicht zu sehr zu schämen.«

Die darauffolgende Stille war Ausdruck dafür, dass Lady Ediths Offenheit für beide überraschend kam.

Die Duchess lächelte. »Wir alle wissen, wovon ich spreche. Ich stehe im Verdacht, meinen Mann unterstützt zu haben, der mit den Nazis sympathisierte. Niemand glaubt mir, dass ich damals auf einen Betrüger hereingefallen bin, nicht einmal mein Sohn.« Sie ordnete die Spitze ihres Ärmels. »Von Zeit zu Zeit müssen Tyrone und ich zusammen auf einem Empfang erscheinen. Nur für meinen Sohn mache ich mich dann hübsch und behänge mich mit dem Christbaumschmuck. Ein persönlicheres Verhältnis habe ich zu den Steinen nie gehabt.«

Violet kannte die heikle politische Vergangenheit der Duchess und versuchte, ein Gespräch darüber zu vermeiden. »Wie alt ist Ihr Sohn Tyrone inzwischen, Mylady?«

»Er wird neunzehn, schrecklich, stellen Sie sich das vor. Ich komme mir uralt vor.«

Es klopfte. Gemeinsam mit dem Zimmermädchen, das den Tee servierte, hatten die Herren von Scotland Yard ihren Auftritt. Detective Inspector Smythe machte eine korrekte Verbeugung vor der Herzogin. Jovial begrüßte er Violet.

»So sieht man sich wieder, Miss Mason.«

»Wäre der Anlass nicht so unerfreulich, würde auch ich mich freuen, Detective.«