Lionel verspätete sich nicht zum ersten Mal, auch nicht zum dritten Mal, und das ärgerte Violet. Gewöhnlich entschuldigte er sich hinterher mit Blumen. Wieso konnte er nicht einfach pünktlich sein und die Blumen sparen?
Um ihm eine Freude zu machen, hatte sie das leichte Kleid gewählt, das in zwei Blautönen changierte, und ihr Haar hochgesteckt. Violet wollte sich als junge Frau fühlen, der ein zauberhafter Abend im Mai bevorstand. Lionels Verspätung war es zuzuschreiben, dass sie sich von Minute zu Minute mehr wie eine Frau Ende dreißig fühlte, eine Frau mit Kind und einem Hotel, dessen Leitung ihr mit den Jahren nicht einfacher, sondern anstrengender erschien. Unwillig schüttelte sie den Kopf – das waren dumme Gedanken. Lionel kam eben ein bisschen zu spät. Seit er Abschied von der Armee genommen hatte, war er zu seiner alten Leidenschaft, der Mathematik zurückgekehrt. Er unterrichtete das Fach auf der Secondary Kensington School. Wenn es seine Zeit erlaubte, widmete er sich nebenbei quantenphysikalischen Phänomenen. Wahrscheinlich hatte er bei einer seiner Berechnungen die Zeit übersehen.
Es war keine besonders gute Idee gewesen, sich mit Lionel in der Hotellobby zu verabreden. In einem fort musste Violet Gäste begrüßen oder Fragen des Personals beantworten. Dabei liebte sie diese Halle. Im Krieg war eine Fliegerbombe vor dem Eingang eingeschlagen und hatte die gesamte Vorderfront zerstört. Bald darauf war im Keller ein Brand ausgebrochen und hatte das Foyer zum zweiten Mal stark beschädigt. Violet hatte die Lobby jedes Mal wieder in den Originalzustand versetzen lassen. Das besondere Flair des Savoy lag in seiner lässigen Eleganz. Poliertes Messing und geätztes Glas, dazu die dunkle Täfelung aus Mahagoni, abgelöst durch Marmor verkleidete Säulen, halb schwarz, halb Elfenbein. Die Goldblatt-Tapete war teuer gewesen, aber die Ausgabe hatte sich gelohnt. Über der Treppe zog sich das restaurierte Fries mit jugendlichen Gottheiten entlang, und über allem hing der Lüster, ein goldener Ring aus Licht.
Seit sie klein war, kannte Violet diese Halle. Nach dem Tod ihrer Mutter war sie vom Großvater im Savoy aufgenommen worden und hatte sich bald als Teil des Inventars gefühlt. War sie das nicht heute immer noch? Mit Haut und Haaren verschrieb sie sich diesem Haus.
Für einen Moment schloss Violet die Augen. Der Klang in diesem Raum erinnerte sie an einen Akkord, der sich in einem fort veränderte. Die vielen Stimmen, die sich zu einer einzigen Stimme vereinten, dazu gesellte sich das Gläserklirren, wenn die Kellner mit einem Brandy oder einer Flasche Wein durcheilten. Aus dem Nightingale Room schwoll das Jazztrio an und ab, je nachdem, ob eintretende Gäste die Schwingtür bedienten. Die Geigen aus dem Wintergarten hingen träge in der Luft. Violet hörte das zarte Singen von Seidenkleidern, das Rascheln der Abendanzüge und der Schals der Herren.
Sie betrat die Treppe. Dieses Haus, ihr Savoy, war eine Welt für sich, die jeden Tag ihren eigenen Sonnenauf- und untergang erlebte. Hier arbeiteten, bedienten, genossen und vergnügten sich Menschen, die nicht nur aus der ganzen Welt kamen, sondern auch für die ganze Welt standen. Das schottische Zimmermädchen, das in den französischen Baron verliebt war. Der bengalische Zigarettenverkäufer, der Liftboy, stets bemüht, seinen kleinen Hund zu verstecken, da Haustiere im Personaltrakt verboten waren. Dabei kannte jeder das Hündchen längst, und Mrs Drake drückte deswegen beide Augen zu. Die reichen italienischen Witwen, der argentinische Rinderzüchter, die belgische Gouvernante und der tschechische Tenor, der am Telefon so laut sprach, dass sich die Gäste im Nebenzimmer beschwerten. Der Major der Royal Army, der bedauerlicherweise einen Arm verloren hatte, und die wenigen deutschen Juden, die sich das Savoy leisten konnten – Violet kannte viele dieser Menschen persönlich. Das Savoy war ein Hotel, in das man wiederkam; für den, der es bezahlen konnte, war es ein Zuhause.
»Guten Abend, Miss Mason.« Wegen seines eleganten Stils wurde der Schriftsteller Mr Wallhead von den Damen gern gelesen. Er trat auf Violet zu. »Ich befinde mich in der größten Verlegenheit.«
»Was ist passiert, Mr Wallhead?«
»Man unterschlägt meine Wäsche.«
»Unterschlägt?«, erwiderte Violet lächelnd.
»Seit drei Tagen urgiere ich bei den Zimmermädchen. Eine jede verweist mich an die nächste und keine weiß, was mit meiner Wäsche passiert ist.«
»Handelt es sich um Ihre Oberhemden, Mr Wallhead?«
»Wenn es nur so wäre. Hemden habe ich genügend dabei. Nein, es geht um Dinge, die man darunter trägt, zuunterst sozusagen. Kurz und gut, seit drei Tagen vermisse ich meine wollene Leibwäsche.«
»Die Wäsche ist aus Wolle, sagen Sie?«
»Macht das einen Unterschied?«
»Ich hoffe, dass Ihre Wollsachen nicht versehentlich mit der restlichen Unterbekleidung zur Kochwäsche gegeben wurden.«
Wallhead übernahm Violets düsteren Ton. »Das wäre furchtbar. Es würde alles einlaufen.«
»Ich werde Mrs Drake bitten, sich darum zu kümmern«, versprach Violet und entlockte dem Dichter einen Glanz von Dankbarkeit. Er entnahm seinem frühlingshaften Sakko ein Etui und schlenderte in den Zigarrensalon.
Violet hatte keine Lust, noch länger zu warten. Lionel wusste, wo er sie fand, im Kuppelzimmer, im Kinderzimmer oder im Büro. Doch in diesem Moment der Ungeduld fand sie diese Regelung ungerecht: Er wusste stets, wo sie war, dagegen hatte Violet nur eine ungefähre Vorstellung davon, wie sein Tag, seine Arbeit, seine Umgebung aussahen. Die kleine Wohnung in Pimlico sei zu schäbig, um Violet dort zu empfangen, behauptete er. Mit seinem Lehrergehalt könne er sich nichts Besseres leisten. Wie oft hatte sie ihm schon klar gemacht, dass auch sie nicht mit dem silbernen Löffel im Mund geboren worden war? Sie hatte als Autorin bei der BBC begonnen, ein mager bezahlter Job. Damals hauste sie in einem schmuddeligen Zimmer, wo man Münzen in den Automaten werfen musste, um die Gasheizung in Betrieb zu setzen. Durch die Erkrankung von Sir Laurence war Violet gewissermaßen ins Savoy zurückgeholt worden, gegen ihren Willen. Trotzdem war sie geblieben, bis heute.
Sie lief weder ins Büro noch zu Maxine, sie durcheilte die Lobby und steuerte auf einen tiefer liegenden Trakt zu, auf den sie besonders stolz war. Im Vereinigten Königreich war das Glücksspiel fast so alt wie Großbritannien selbst. King Charles II. hatte bereits 1539 einen eigenen Palast für seine Spielleidenschaft bauen lassen. Seit jeher war das englische Glücksspiel streng reguliert gewesen und wurde selbst von der Kirche nicht als unmoralisch verteufelt. Die Briten gehörten zu den leidenschaftlichsten Spielern der Welt.
So kurz nach dem Krieg eine Gambling-Konzession zu bekommen, war von einigen Hürden begleitet gewesen, doch zuletzt hatte Violet die Genehmigung erhalten und ließ einen unbenützten Keller des Hauses in ein Spielcasino umbauen. Genau dort wollte sie jetzt hin. Ihr hübsches blaues Kleid sollte nicht nur in Maxines Kinderzimmer seine Wirkung verströmen.
Der Fahrstuhl brachte Violet in die Tiefe. Die marmornen Stufen, die Tapete im Stile Louis XVIII. und der enorme Kronleuchter legten Zeugnis davon ab, dass sie bei der Einrichtung dem britischen Understatement französischen Glamour entgegengesetzt hatte. Die mitternachtsblauen Vorhänge mit den zarten Voiles kaschierten, dass die Räume unter der Erde lagen. An den Tischen spielte man Roulette und Chemin de fer, die beliebte Abart des Baccara.
Sobald die Angestellten ihre Direktorin eintreten sahen, eilten sie noch geschäftiger zwischen den Tischen umher, servierten Sherry, Brandy oder Sauvignon Blanc. Auch die Croupiers taten ihre Arbeit um eine Spur engagierter.
»Zweitausend hält die Bank«, gab der Chefcroupier am Baccaratisch bekannt und nickte Violet höflich zu.
Sie wollte noch nicht an die Spieltische und beobachtete stattdessen die Nische, in der die Herzogin von Londonderry saß. Lady Edith schien sich über den Verlust ihrer Juwelen rasch hinweggetröstet zu haben. Sie trug ein malvenfarbenes Kleid und ein brillantbesetztes Halsband, das offenbar nicht unter dem Diebesgut gewesen war. Auch diesmal leistete ihr Mr Asquith Gesellschaft. Aber es war noch jemand an ihrer Seite, ein junger Mann, schmal, blass, mit ungewöhnlichen Augen. Sie strahlten die Unruhe eines scheuen Tieres aus.
Man befand sich bereits im Aufbruch, Lady Edith wollte an den Spieltisch. Der Kellner präsentierte die Getränkerechnung, Mr Asquith zückte die Brieftasche.
»Sparen Sie Ihr Geld und schwindeln Sie lieber bei Ihrer Spesenabrechnung«, sagte die Duchess.
Am Blick des jungen Mannes – es konnte nur ihr Sohn sein – erkannte Violet, dass er sich für die gönnerhafte Art seiner Mutter schämte.
»Service compris«, las die Duchess. Auch in diesem Punkt hatte Violet französische Sitten eingeführt; das Trinkgeld war im Preis inbegriffen. »Jeder, vom Küchenchef bis zum Chefbutler, bekommt hier Trinkgeld, ob er es verdient oder nicht.«
»Mutter, du beklagst dich überall über die Trinkgelder«, sagte der junge Mann. »Egal ob London, Monte Carlo oder St. Moritz.«
»Das ist der einzige Reiz am Trinkgeld«, konterte sie. »Es bietet Gesprächsstoff. Gehen wir an den Roulettetisch, solange die Kugel noch warm ist. Vielleicht kann ich mein Trinkgeld zurückgewinnen. Hilfst du mir mal, Tyrone?«
Der junge Mann legte seiner Mutter die Nerzstola um. Zugleich schien die Duchess jemanden zu bemerken, einen Mann im Smoking, der soeben an Violet vorbeilief und auf den Baccaratisch zusteuerte.
»Sieh mal an«, lächelte Lady Edith.
»Kennen Sie ihn?«, fragte Mr Asquith.
»Nein. Aber so ein flotter Neuzugang im gediegenen Savoy ist doch eine Abwechslung.«
Violet schrieb das frivole Interesse der Duchess an dem attraktiven Fremden den leeren Champagnerflaschen auf ihrem Tisch zu.
»Ich möchte eigentlich nicht spielen«, sagte Tyrone.
»Du wirst in deinem Leben bestimmt noch oft spielen, Darling, sobald der Einsatz stimmt.«
Der Gentleman, über den sie gesprochen hatten, mochte Mitte vierzig sein. Er hatte kurz geschnittenes schwarzes Haar mit ergrauten Schläfen. Bevor er den Spieltisch erreichte, blieb er vor einer Vitrine stehen. Violet hatte dem Schmuckhaus Blauzwirn erlaubt, seine schönsten Kollektionen in den Räumen des Casinos auszustellen.
»Ist das eine Imitation?«, fragte der Gentleman.
»Allerdings, Sir.« Der Angestellte holte ein Collier aus dem Kasten und präsentierte es dem Gast.
»Erstaunlich«, lächelte der Fremde. »Ich könnte es von echten Steinen nicht unterscheiden.«
»Falls Sie interessiert sind, würden wir Ihnen natürlich das echte Collier präsentieren. Es ist nur wegen der Versicherung, Sie verstehen, wir dürfen die Originale nicht ausstellen.«
»Da haben Sie es, Asquith«, raunte die Herzogin. »Wegen Ihrer Vorsichtsmaßnahmen wird hier unechter Plunder gezeigt.«
»Der Einbruch letzte Nacht lässt unsere Maßnahmen sinnvoll erscheinen«, verteidigte sich der Mann von Lloyd’s.
»Suchen Sie etwas für Ihre Frau?«, fragte der Vertreter der Firma Blauzwirn.
»Meine Frau ist gestorben«, antwortete der Gast.
»Das tut mir leid, Sir.«
Die Herzogin lächelte. »Auch noch ein Witwer, so viel Glück hat man selten.«
»Mutter, bitte«, ging Tyrone dazwischen.
»Hör schon auf mit deinem Mutter, bitte.«
Ein Stuhl wurde für sie zurückgezogen, Lady Edith nahm am Baccaratisch Platz. Der Gentleman setzte sich ihr gegenüber und legte seine Jetons auf den Tisch.
»Suivie«, sagte der Spieler daneben und schob den Baccaraschlitten weiter.
»Acceptez vous la banque?«, fragte der Croupier den Gentleman.
»Bien sûr. Merci.« Der Unbekannte im Smoking zog den Kartenschlitten zu sich und begann auszuteilen.
»Mr Stewart hält die Bank«, gab der Croupier in die Runde bekannt.
Das also war der Name zu dem Gesicht, dachte Violet und näherte sich unauffällig, bis sie sowohl Mr Stewart als auch die Herzogin im Blick hatte.
Stewart servierte verdeckt, zwei Karten für jeden. Der Croupier schob Lady Edith ihr Blatt mit der Palette zu.
»Carte«, sagte sie unternehmungslustig.
Es wurde aufgedeckt. Die Duchess hatte überzogen.
»Sept à la banque«, gab der Croupier bekannt. Mr Stewart strich den Gewinn ein.
Ungeduldig wünschte die Duchess neue Karten und deckte sofort auf.
»Huit pour la duchesse«, erklärte der Croupier.
Auch Stewart drehte sein Blatt um.
»Neuf à la banque.«
Erstauntes Gemurmel, weil die Herzogin zweimal eine hohe Summe verloren hatte.
In diesem Moment entdeckte Lady Edith Violet unter den Umstehenden. »Miss Mason, ich hoffe, das Savoy gibt mir Kredit, falls dieser Gentleman mir weiterhin das Geld aus der Tasche zieht.«
Violet wäre lieber noch eine Weile unentdeckt geblieben. »Selbstverständlich, Mylady.« Die Gesellschaft drehte sich zu ihr um. In der Runde wurde gelacht. Nur Tyrone blieb todernst. Er musterte den Gegner seiner Mutter.
Mr Stewart erhob sich. »Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Mason. Mein Name ist Gary Stewart.«
»Angenehm.«
Die Herzogin setzte fünfhundert Pfund.
»Ich bewundere Ihre Courage, Hoheit.« Stewart teilte aus.
»Ihr Glück muss ja irgendwann mal enden.«
»Sind Sie mir etwa auf der Fährte?« Er lächelte.
»Ich kriege Sie schon noch, Mr Stewart.«
»Mutter –«, kam es leise von Tyrone.
Die Herzogin verlor abermals.