Die Schulleitung der Secondary Kensington School erlaubte Lionel Burke, abends, wenn niemand mehr im Gebäude war, einen Raum für seine Forschungsarbeit zu benützen. Das biologische Archiv war ein Ort, an dem er von ausgestopften Mardern, sezierten Fröschen und den Nachbildungen menschlicher Organe umgeben war. Lionel ließ an der großen Tafel Gleichungen und mathematische Abläufe entstehen, wischte sie wieder aus, schrieb neue, löschte die gesamte Tafel und begann von vorn. Seit fast einem Jahr betrieb er das nun.

Die wichtigen Entscheidungen seines Lebens hatte er auf Anregung seines Vaters getroffen. Sein alter Herr war Offizier in der Navy gewesen, also schlug auch Lionel die Militärlaufbahn ein. Früh entdeckte der Vater die mathematische Begabung des Jungen und förderte sie auf jede erdenkliche Weise. Nach den grausamen Erfahrungen des Weltkrieges hängte Lionel das Leutnantspatent an den Nagel und wurde Gymnasiallehrer. Tagsüber brachte er den Jungs Algebra und Infinitesimalrechnung bei, abends jedoch brach er zu größeren Abenteuern auf. In dem muffigen Zimmer, wo es nach Formaldehyd und Staub roch, lebte Lionel seine Leidenschaft zu dieser klaren, unbestechlichen Wissenschaft aus. Dabei hatte er sich nicht weniger vorgenommen, als das Problem der Materiewellen und der ungeklärten Atomspektren zu lösen. Es gab Stunden, in denen er glaubte, auf der rechten Spur zu sein. Dann hoffte er in Tagträumen, das Ergebnis seiner Arbeit in einem angesehenen Fachmagazin zu veröffentlichen und die gebührende Anerkennung dafür zu erhalten. In letzter Zeit mehrten sich aber die Abende, an denen er fürchtete, dass sein Vater Lionels Begabung überschätzt hatte. Malte er an der Tafel nicht nur die mathematischen Formeln anderer nach? Planck, Bohr, Schrödinger, das waren seine Götter, die er anbetete, deren Olymp er aber wohl nie erreichen würde.

Heute Abend gab Lionel den Versuch früher auf. Er war mit Violet verabredet. Er freute sich auf die gemeinsamen Stunden mit ihr. Da ihr Beruf von ihr verlangte, den ganzen Tag in Kontakt mit Menschen zu sein, war Abgeschiedenheit Violets Form der Entspannung. Sie trafen sich meistens in der Kuppelsuite, aßen zu Abend, plauderten, stiegen an schönen Abenden auf das Flachdach des Hotels und verbrachten schließlich die Nacht miteinander. Manchmal las Lionel der kleinen Maxine aus dem Märchenbuch vor. Mitunter, sobald die Nanny gekommen war, gingen Violet und Lionel noch auf einen Drink in den Nightingale Room. Das Hotel verließen sie an ihren gemeinsamen Abenden so gut wie nie.

Bevor er ins Savoy fuhr, hatte Lionel noch Zeit und beschloss, das zu tun, was Männer gemeinhin machten. Er besuchte den Pub um die Ecke. Es roch nach abgestandenem Bier, Pfefferminzsauce, Zigarrenrauch und Aftershave. Er fand einen freien Platz am Tresen, bestellte einen Pint und ließ seine Gedanken wandern. Hätte er seine Militärkarriere besser fortsetzen sollen? Ägypten, Indien, Burma – bei der Armee kam man in der Welt herum, es gab Kameradschaft und einen geregelten Tagesablauf. Natürlich gefiel Lionel auch sein Lehrerberuf, aber konnte man das schon ein Leben nennen?

Eine feste runde Hand stellte energisch ein Glas vor ihm ab, in dem das dunkle Gebräu schwankte.

»Vorsicht, Lady, ich wollte nicht darin baden.«

Ohne Kommentar wandte die Bedienung sich wieder dem Zapfhahn zu. Es tat ihm leid. Warum schnauzte er das Personal an? Lionel wollte kein schlecht gelaunter Gast sein, der seinen Überdruss mit Bier hinunterspülte. Er musterte die Kellnerin. Hübsch war sie, rundlich, vielleicht vierzig, vielleicht kurz davor. Blondes Haar, das ihre Stirn in lustigen Löckchen umspielte, verschmitzte Augen, die im Moment allerdings griesgrämig auf das Glas starrten, in das die braune Flüssigkeit lief. Wo hatte er gelesen, dass die Menschen des Mittelalters möglicherweise deshalb so gottergeben und lammfromm gewesen waren, weil ihr Hauptgetränk Bier gewesen sein sollte? Das Wasser in den Städten war damals ungenießbar und verursachte Krankheiten. Die Leute, sogar die Kinder, griffen daher zu der praktischen Erfindung der Mönche und betranken sich den ganzen Tag über. Doch kaum hatten die Europäer den Kaffee entdeckt, importierten sie ihn in Massen aus dem Morgenland. Kaffee schärfte die Sinne. In den Bürgern erwachte der Widerspruchsgeist. Sie fanden ihre Lebensumstände unwürdig und revoltierten gegen die Mächtigen. Sollte die Französische Revolution eine Folge von gesteigertem Kaffeegenuss gewesen sein? Lächelnd schüttelte Lionel den Kopf.

»Entschuldigen Sie, ich wollte nicht unfreundlich zu Ihnen sein«, sagte er zur Kellnerin, die drei Pints auf den Tresen stellte.

»Jetzt bin ich endgültig sicher.« Mit dem Tuch wischte sie etwas auf.

»Wie bitte?«

»Ich wollte es nicht glauben.«

»Was denn?«

»Dass du mich nicht wiedererkennst.«

»Ich hätte … Ich sollte …?«

»Die Jahre gehen an keinem von uns spurlos vorüber, mein Guter«, sagte sie mit wehmütigem Lächeln.

Dieses Lächeln war wie ein Blitzschlag für Lionel. Im Lichte dieses Blitzes sah er sie an.

In Rangun, wo sein Vater stationiert gewesen war, hatte Lionel Mathematik studiert. Nach England zurückgekehrt, trat er jedoch in die Fußstapfen von Daddy und besuchte die Navy-Akademie in Cardiff. Irene Dermott lebte damals in der Nähe der Stadt und war die bezauberndste Frau, die ihm je begegnet war. Er glaubte, die Liebe seines Lebens gefunden zu haben. Dabei war Irene von mürrischer Wesensart, sie rauchte wie ein Schlot, aber er liebte sie. Irene schlief gern und häufig mit ihm, von einer festen Bindung wollte sie allerdings nichts wissen. Sie kam aus gut situiertem Haus, ihr Vater hatte Pläne mit ihr. Er besaß eine Konservenfabrik. Auf Wunsch der Eltern heiratete Irene einen walisischen Rinderzüchter.

Lionel nahm sich die Trennung zu Herzen und ließ sich als Fähnrich nach Southampton versetzen, um nicht länger im Bannkreis Irenes leben zu müssen. Seitdem hatte er sie aus den Augen verloren. Zu der Irene, wie er sie gekannt hatte, musste man heute vierzig Pfund dazurechnen, vielleicht auch den einen oder anderen Schicksalsschlag. Aber die süßen, frechen Augen waren noch da, auch der freundliche Mund, der von einem Moment zum anderen lüstern werden konnte. Ihr zartes Kinn versteckte sich mittlerweile gut gepolstert in den Ausläufen des Halses. Irene hatte sich von einer vollschlanken Versuchung in eine Fruchtbarkeitsgöttin verwandelt.

»Irene«, flüsterte er. »Du meine Güte, Irene.«

»Soll ich das als Ausdruck deiner Überraschung nehmen, oder müsste ich eher beleidigt sein?« Ihr freches Mundwerk hatte sie behalten.

»Was machst du hier?«, fragte er fassungslos.

»Ich helfe den Leuten, betrunken zu werden.«

»Ich meine, was machst du in London? Du und dein Mann, ihr habt euch in Cardiff niedergelassen.«

»Mein Ex‑Mann lebt immer noch dort.«

»Du hast dich scheiden lassen?«

»Hätte ich es nicht getan, wäre ich heute bankrott.«

Überwältigt fasste er sich an die Stirn. »Meine Güte, Irene, ich begreife es immer noch nicht. Erzähl doch, was ist passiert?«

»Nicht während der Hauptgeschäftszeit.« Sie zeigte auf das volle Lokal. »Aber wenn du noch eine Viertelstunde Zeit hättest? Dann kommt die Spätschicht und löst mich ab.«

»Ja sicher, klar. Ich freue mich. Ich muss dir sagen, ich freue mich sehr, Irene.«

»Ich auch, Lionel.« Sie musterte ihn. »Wie ich sehe, gehen dir schon die Haare aus.«

»So ist das eben. Aber du bist immer noch so … so hübsch«, setzte er nach einer winzigen Pause fort.

»Dick bin ich geworden. Nach dem, was ich durchgemacht habe, ist das kein Wunder.« Sie zuckte die Schultern.

Im Lokal wurde nach Bier gerufen. Irene kehrte an den Zapfhahn zurück.

* * *

Es war kurz nach zehn. Violet wandte sich zum Fahrstuhl, der sie ins Kuppelzimmer bringen sollte. Durch die Lobby näherte sich jemand, der ebenfalls zum Lift wollte.

»Ach, Mr Stewart.« Sie nickte ihm zu. »Ist das Glück Ihnen hold geblieben?«

»Ich wollte, es wäre so.« Gemeinsam sahen sie zu dem schmiedeeisernen Gitter hoch, hinter dem sich der Aufzug näherte. »Die Herzogin hat ihre Drohung wahr gemacht.«

»Sie hat Sie drangekriegt?«

»Sie hat mich nach Strich und Faden abgezockt.«

»Das tut mir leid.«

»Oben auf meinem Zimmer werde ich meine Blamage im Whisky ertränken.«

»Haben Sie schon einmal unseren berühmten Tanqueray probiert?«, entgegnete Violet.

»Tanqueray – das ist Gin, nicht wahr?«

»Ein ganz besonderer Gin. Den besten Tanqueray servieren wir hier im Nightingale Room.«

»Ich bin eigentlich ein Bourbon-Mann, aber es wäre eine Überlegung wert.« Sein Blick bekam etwas sympathisch Lauerndes. »Würden Sie mir eventuell Gesellschaft leisten, Miss Mason?«

»Ein andermal gern, aber ich bin müde und will noch nach meiner Tochter sehen.«

»Natürlich.«

»Miss Mason –« Hinter ihr hatte der Nachtportier die Rezeption verlassen und kam auf Violet zu. »Ein Anruf für Sie. Es ist schon der dritte in der letzten Stunde.«

»Warum haben Sie das Telefon nicht durchgestellt?« Sie wies zu den Spielsälen.

»Mein Dienst hat gerade erst begonnen. Ich wusste nicht, dass Sie im Casino sind«, erklärte er.

»Ich nehme das Gespräch gleich hier an. Wer ist es?«, fragte sie, als ob sie es nicht wüsste. Bestimmt war Lionel untröstlich, weil er über der Arbeit die Zeit vergessen hatte. Er würde sich entschuldigen und ankündigen, in zehn Minuten im Savoy zu sein. Sie wollte es ihm nicht besonders schwer machen, aber auch nicht zu leicht.

»Gute Nacht, Mr Stewart«, sagte sie, während der Fahrstuhl vor ihnen hielt.

»Angenehme Ruhe.«

Aus dem Augenwinkel bekam sie mit, wie ein südländisch wirkender Mann aus dem Lift stieg, der Stewart offenbar kannte.

Violet nahm den Hörer entgegen. »Hallo? Mason hier.«

»Hallo, Vi.« Lionels ernste, klare Stimme. »Ich kann heute nicht kommen.«

»Dass du nicht gekommen bist, habe ich allerdings bemerkt«, antwortete sie irritiert. Keine Spur von Zerknirschtheit, er entschuldigte sich nicht einmal. Das enttäuschte sie mehr, als sie sich erklären konnte.

»Mir ist etwas dazwischengekommen. Es ging einfach nicht.«

»Das ist alles? Dir ist etwas dazwischengekommen?«, fragte sie frostig. »Und was erwartest du jetzt von mir?«

»Ich erwarte gar nichts, Vi. So wie ich bisher nie etwas von dir erwartet habe.«

Hier lag das eigentliche Thema ihres Gesprächs, begriff Violet. Nachdem ihr Mentor und Geliebter Max Hammersmith bei jenem Bombenanschlag ums Leben gekommen war, der das Savoy erschütterte, hatte sie schrecklich um ihn getrauert. Lionel war damals ein respektvoller Freund gewesen, mit dem sie alles besprechen konnte. Es herrschte Krieg. Die Armee versetzte Lionel an die ägyptische Front. Er wurde verwundet und geriet in Gefangenschaft. Es war ungewiss, ob sie einander je wiedersehen würden. In dieser Lage hatte Lionel ihr in einem Brief seine Liebe gestanden. Violet empfand ebenfalls viel für den fernen Lieutenant und hoffte innig, ihn wiederzusehen. Ihr Wunsch ging in Erfüllung. Er kehrte aus dem Krieg zurück, seine Wunden heilten. Lionel und Violet wurden ein Paar. Mehrmals hatte er bereits von Heirat gesprochen, doch sie umging das Thema meistens. Maxine mochte Lionel von Herzen. Auch im Hotel kannten alle den sympathischen Lieutenant inzwischen als Violets Partner und wünschten ihr dieses Glück.

Ich erwarte nichts, so wie ich bisher nie etwas von dir erwartet habe. In Lionels Worten erkannte sie die wahre Erklärung, weshalb er sich heute verspätet hatte. Darin lag seine Revolte, sein Aufbegehren gegen die Zustände.

»Natürlich«, antwortete sie sanfter. »Du hattest bestimmt deine Gründe. Und es ist ja auch schon ziemlich spät.«

»Morgen vielleicht?«, fragte er verhalten.

Sie war kurz davor, ihre Standardausrede zu benützen: Morgen ist ein ziemlich voller Tag. Sie unterbrach sich. »Morgen, einverstanden.«

»Was machst du jetzt noch?«

»Ich gehe schlafen.«

»Hab einen schönen Abend, Vi.«

»Du auch.«

Sie legte auf. Als sie sich umdrehte, stand Gary Stewart noch immer im Foyer. Der Gentleman, mit dem er geplaudert hatte, ging gerade weiter.

»Hätten Sie vielleicht doch Lust auf einen Absacker?«, fragte Stewart, als sie einander zum zweiten Mal gegenüberstanden.

So etwas machte man nicht. Man verabschiedete sich nicht von seinem Freund und ließ sich im nächsten Moment von einem Fremden in die Bar einladen. Doch statt Stewart die entsprechende Antwort zu geben, sagte Violet: »Ich prophezeie Ihnen, nach dem Tanqueray rühren Sie keinen Bourbon mehr an.« Sie tat den ersten Schritt in Richtung Nightingale Room.