July Gilbert war zwanzig Jahre alt und damit die Jüngste, die in der Küche des Savoy selbstständig arbeiten durfte. Die übrigen weiblichen Angestellten gingen lediglich einem männlichen Kollegen zur Hand. July war die Nichte von Mrs Drake. Die Verwandtschaft ließ sich nicht leugnen, auch July war groß gewachsen. Mrs Drake hatte sich dafür eingesetzt, dass der Küchenchef, Maître Dryden, das Mädchen unter seine Fittiche nahm. Dryden, der Herrscher der Gaumenfreuden, war ein strenger Lehrer, July hatte bei ihm von der Pieke auf gelernt. Er erkannte, dass sie ein feines Gespür für Gemüse, Kräuter, Samen und Sprösslinge hatte. Sie legte Wert auf die Herkunft der Waren, spürte alte, in Vergessenheit geratene Gemüse auf und bereicherte den Speiseplan des Hotels damit. Vor einem Jahr hatte der Maître July ihre eigene Kochstation, die Legumerie, übergeben.
In ihrer weißen Uniform sah sie dem neuen Aushilfskoch beim Gemüseschneiden zu. Er hieß Reginald, war korpulent und von einer Selbstverliebtheit, die sie gleich am ersten Tag auf die Palme getrieben hatte. Er bildete sich nämlich etwas darauf ein, Abgänger des renommierten Cooking Studio Under The Auspices Of His Majesty zu sein. Für ihn schien es selbstverständlich zu sein, im Savoy beginnen zu dürfen; jeder andere hätte für diese Chance gemordet.
July beobachtete, wie er an einem Wirsingkopf schnippelte, als hätte er den ganzen Tag dafür Zeit.
»Alles in Ordnung, Reggie?«, fragte sie zuckersüß.
»Ja, alles klar.« Er ließ das Messer ruhen. »Hör mal, July, ich möchte, dass du weißt, ich habe kein Problem damit, unter einer Frau zu arbeiten.«
»Du hast kein Problem damit, wirklich?« Ihr Lächeln vereiste. Ohne Vorwarnung stieß sie das Chefmesser neben seine Hand in den Hackblock. »Wie viele Frauen siehst du als Chefs in dieser Küche?«
»Soweit ich weiß, bist das nur du.«
»Und warum, glaubst du, ist das so?« Sie trat dicht vor ihn. Seine Montur roch nach Schweiß.
»Ich nehme an …«
»Das ist deshalb so, weil die Haute Cuisine des Savoy einer veralteten Hierarchie unterliegt, die sich auf Regeln stützt, die von bornierten Männern gemacht wurden, um es Frauen unmöglich zu machen, die Welt der Cuisinerie zu erobern. Und trotzdem bin ich hier. Wie kommt das bloß?« Wenn sie sich aufregte, changierten Julys Augen von dunkelblau zu violett.
»Weil du hart gearbeitet hast, nehme ich an und …«
Sie zog das Messer heraus und richtete die Spitze auf ihn. »Weil ich die härteste und kompromissloseste Köchin im Savoy bin!« Er wich zurück, sie folgte ihm. »Ich habe zu lange zu hart gearbeitet, um mich von einem Schüler des Cooking Studio Under The Auspices Of His Majesty dumm anquatschen zu lassen.«
Reginald nickte eingeschüchtert. »Ist ja gut, schon gut, July.«
»Was machst du gerade?« Sie zeigte auf den Block.
»Ich schneide Wirsing.«
»Nein, das tust du nicht. Du vergeudest Energie und Zeit.« Sie griff sich das Gemüsemesser und häckselte den Wirsingkopf in einer Geschwindigkeit, dass man die Klinge fast nicht mehr sah. »Du glaubst, Kochen sei ein appetitlicher Zeitvertreib? Du glaubst, hier geht es zu wie daheim bei deiner Mama in der Küche? Deine Mama hat aber nicht mit dem Wahnsinn im Savoy zu kämpfen, wenn die Bestellungen im Sekundentakt eingehen und jedes Gericht à la carte ist! Und jedes Gericht ist kompliziert, denn das Savoy hat einen Ruf zu verlieren.«
Mit Schwung wischte sie den Wirsing in eine Kasserolle und nahm sich den Lauch vor.
»Jedes Essen hat eine unterschiedliche Kochzeit, aber sie alle müssen zur exakt gleichen Zeit auf den Tisch des Gastes kommen, und zwar heiß!« Sie bedrohte Reginald mit der Lauchstange. »Hier zählt jede Sekunde, verstehst du? Hier kannst dich nicht hinter Mamas Schürzenzipfel verstecken.«
July betrachtete das schmutzige Besteck, die benützten Töpfe, die Gemüsereste auf dem Boden. »Was ist das überhaupt für eine Sauerei? Halte deine Station sauber, lautet die wichtigste Regel.« Sie packte das Geschirr mit einem Griff und warf es in die Spüle. »Wenn Stoßzeit herrscht, was passiert dann?«
»Ich weiß nicht«, murmelte Reginald, der mit einem Tornado wie July nicht gerechnet hatte.
»Dreckige Kochstellen verlangsamen den Prozess. Mit anderen Worten: Das Essen geht nicht raus, die Bestellungen stapeln sich, und das ist ein Desaster.« Sie warf einen Blick auf sein Outfit. »Was ist das?«
»Was meinst du?«
»Deine Ärmel sehen aus, als ob du draufgekotzt hättest. Hat man dir in der royalen Kochschule nicht beigebracht, Hände und Arme dicht am Körper zu halten? Ein Koch macht blitzschnelle Bewegungen, er hat scharfe Werkzeuge in der Hand, heiße Töpfe, fettspritzende Pfannen. Halte deine Arme am Körper, dann verhinderst du Verletzungen, du verbrennst dich nicht, und deine Manschetten bleiben sauber.«
Ohne dass July sie bemerkt hatte, war Mrs Drake in der Küche erschienen. »Alles in Ordnung?« Durch ihre Brille mit den getönten Gläsern, die sie in letzter Zeit häufig trug, ging Mrs Drakes Blick zwischen der Nichte und dem jungen Mann hin und her.
»Kennst du Reginald schon, unseren Neuen?« July lächelte.
»Er hat sich mir vorgestellt.« Mrs Drake nickte dem überforderten jungen Mann zu. »Kann ich dich kurz sprechen, July?«
»Jetzt gleich?«
Mrs Drake zeigte zum Ausgang. »Wenn möglich.«
July nahm das Chefmesser an sich. »Lauch haben wir jetzt genug. Von dem Wirsing brauche ich noch sechsmal so viel.«
»Ja, Miss July. Danke für Ihre Ratschläge«, antwortete er. Reginald war krebsrot geworden. Erbsengroße Schweißperlen standen auf seiner Stirn.
»Danke dir, Reggie«, erwiderte July freundlicher.
»Wofür?«
»Dass du meine Ratschläge annimmst. Willkommen im Savoy.«
Sie folgte ihrer Tante. Zusammen erreichten sie einen Korridor im Zwielicht. Mrs Drake nahm die Brille ab. »Es gibt ein Problem.«
»Welches?«
»Der Sohn der Duchess of Londonderry isst kein Fleisch.«
»Kein Fleisch?« July sah ihre Tante zweifelnd an. »Wie alt ist dieser Sohn?«
»Zwanzig vielleicht.«
»Ein Vegetarier in so jungen Jahren, das ist selten. Ich werde mir fürs Dinner etwas ausdenken.«
»Danke.« Mrs Drake wollte gehen, drehte sich aber noch einmal um. »Ich erwarte übrigens eine Lieferung. Könntest du mir dabei helfen?«
»Du kannst auf mich zählen.«
»Gut.« Sie trennten sich an der Schwingtür, Mrs Drake setzte die Brille auf.
* * *
Violet frühstückte mit Maxine. Ohne Hast trank sie ihren Tee und hörte dem Geräusch zu, den das Kind beim Kauen der Cornflakes machte. An keinem Tag, unter keinen Umständen wollte Maxine etwas anderes zum Frühstück. Eine Schale Cornflakes, Milch darauf und eine geschnittene Banane. Wenn man ihr zusah, verstand man, was Glück bedeutete. Violet nahm meistens nur Toast und Earl Grey. In dieser dreiviertel Stunde blieb das Telefon abgeschaltet. Keiner störte, niemand klopfte, das Hotel wusste, diese Minuten waren Violet heilig. Kurz nach acht kam Onkel Henry, holte Maxine ab und begleitete sie in den Kindergarten.
Diesen Herbst würde Maxine schon eingeschult werden. Die Jahre zogen wie im Flug vorbei. Bei ihrer Geburt war sie Wochen zu früh entbunden worden und hatte tagelang zwischen Leben und Tod geschwebt. Und nun schnallte sie bald den Schulranzen um und sollte schreiben und lesen lernen.
Violet schüttelte die Packung mit den Cornflakes. »Noch ein Nachschlag?«
»Viel Nachschlag«, antwortete Maxine kauend.
Violet machte eine Portion zurecht. »Mit Banane?«
»Lieber mit Schokochips.« Sie guckte die Mutter keck an.
»In der Früh nicht so viel Zucker, sonst wirst du tagsüber zu hibbelig. Ich mach dir ein bisschen Banane rein.«
Die Kleine seufzte über ihr schweres Schicksal, beim Frühstück Diät halten zu müssen. Als sie sich über ihre zweite Portion hermachte, ging das Krachen und Knuspern wieder los.
Violet fiel die sonderbare Begegnung von letzter Nacht ein. Aus dem Drink mit Mr Stewart waren drei geworden. Er hatte Geschmack am Tanqueray gefunden.
»Schade, dass meine Frau nicht hier ist«, hatte er zu erzählen begonnen. »Dabei hätte sich Rachel auf meinen vielen Reisen wahrscheinlich gelangweilt. Vor einer Woche Philadelphia, heute London, zweimal im Jahr der Kongress in Baltimore, nein, das wäre nichts für sie gewesen. Einmal sagte sie zu mir: ›Ich würde lieber sterben, als ständig mit dir auf Reisen zu gehen.‹ – Na, jetzt hat sie ja ihren Willen«, setzte er leise hinzu.
Violet fand es einerseits rührend, wie innig dieser Mann an seine verstorbene Frau dachte, andererseits hatte es auch etwas Affektiertes, sein Innerstes vor einer Fremden auszubreiten.
»Was machen Sie beruflich, Mr Stewart?«, fragte Violet, um das schwermütige Thema zu wechseln.
»Spielwaren. Spielwaren aller Art. Ich bin Vizepräsident einer US‑Firma, es handelt sich also vor allem um elektrisches Spielzeug. Springende Frösche, Roboter, die sprechen können, solche Sachen.«
»Aber kann das nicht jede bessere Puppe?« Violet dachte an die vielen Püppchen auf Maxines Bett.
»Mechanische Puppen können das seit dem 18. Jahrhundert, aber wenn ein Roboter aus Blech und Glas das Gleiche tut, wirkt es moderner.« Er starrte in seinen Tanqueray. »Rachel hätte Sie gemocht, Miss Mason«, sagte er übergangslos. »Frauen, die sich in der Berufswelt der Männer behaupten, fand sie bewundernswert.«
»Hatte Ihre Frau keinen Beruf?«
»Sie hat Klavier gespielt, eine großartige Pianistin. Sie besaß Ausdauer und Einsatz, manchmal übte sie fünf Stunden ohne Pause. Rachels Schwäche war ihr mangelndes Selbstvertrauen. Sie hielt ihre Begabung für mittelmäßig und hängte den Beruf daher an den Nagel. Manchmal hat sie den Kindern in der Nachbarschaft Unterricht gegeben. Ich fand das irgendwie traurig.«
»Von wo kommen Sie, Mr Stewart?«
»Ich bin ein waschechter New Yorker. Rachel dagegen ist in Texas geboren. Sie stand mit beiden Beinen auf dem Boden. Unglücklicherweise hat sie nie mehr erfahren, wie wertvoll der Boden in Wirklichkeit war, auf dem sie stand. Sie hatte die Ranch ihrer Eltern geerbt.« Plötzlich hob Stewart den Kopf. »Entschuldigen Sie, es ist schon spät, und ich halte Sie mit meiner Lebensgeschichte auf.«
»Ich finde es interessant«, beruhigte ihn Violet. »Und so spät ist es noch gar nicht.«
»Rachels Familie besaß diese Ranch. Sie war klein und heruntergekommen, hatte nicht mal ein modernes WC. Ich habe ihr empfohlen, das Anwesen zu verkaufen. Da wir damals schon in New York lebten, hätte sie sich ohnehin nicht um die Farm kümmern können.« Er trank aus. »Rachel hat nie erfahren, dass sie auf drei Millionen Tonnen Öl saß. Nach dem Verkauf hätte ich nie wieder zu arbeiten brauchen. Ich war damals Spielzeugvertreter und habe mir für meine Provision Tausende Meilen weit die Reifen abgefahren. Mit dem Geldsegen habe ich mich als Teilhaber in die Firma eingekauft. Meinen Aufstieg habe ich also Rachel zu verdanken.«
Es klopfte. »Verzeihung. Hallo?« Eine Männerstimme riss Violet aus ihrer Erinnerung.
Sie drehte sich zur Tür. »Henry, bist du das?«
Doch es war nicht ihr Onkel, sondern der Hoteldetektiv. »Clarence? Was gibt es denn?« Sie ärgerte sich, dass er schon wieder bei ihr hereinplatzte.
»Ich brauche Ihre Hilfe. Vielleicht wäre es besser …« Sein Blick machte klar, dass er in Gegenwart von Maxine nicht sprechen wollte.
»Hallo, Clarence!« Die Kleine ließ ihre Cornflakes stehen und sprang vom Stuhl. »Mach den Esel«, rief sie, als sei es selbstverständlich, dass der Riese zum Spielen gekommen war. Abwehrend hob er die Hände.
»Den Esel, den Esel, einmal nur!«
»Maxie, lass doch«, wollte Violet eingreifen, doch der Hoteldetektiv war auf die Knie gegangen und ließ es zu, dass Maxine sich rittlings auf ihn setzte.
»Wie heißt du, Esel?«, rief sie begeistert.
Der Mann im eng sitzenden Anzug bäumte sich auf und röhrte wie ein Esel. »Claaa – rence!«
Violet lief hin und hob das Kind von seinem Rücken. »Genug. Du spielst jetzt noch ein bisschen drüben, Maxie, dann bringt dich Onkel Henry in den Kindergarten.«
Während das Mädchen im Nebenzimmer verschwand, kam Oppenheim auf die Beine.
»Worum geht es, Clarence?«
»Es ist etwas passiert, im Hotel, Miss Mason.«
»Das kann ich mir denken«, erwiderte sie mit leichter Ungeduld. »Lassen Sie sich nicht alles aus der Nase ziehen.«
»Das Beste wäre, Sie sehen es sich selbst an.«
»Was denn?«
»Diesen Mann. Ich nehme an, dass er tot ist.«
»Tot?«
»Er bewegt sich nicht.«
Die Neuigkeit war schrecklich, aber nicht einmalig. In einem Hotel dieser Größe mit seinen zahllosen Zimmern kam immer mal wieder ein Todesfall vor. Violet hatte ein Procedere festgelegt, wie dann vorzugehen sei. Der Hotelarzt musste zunächst den Tod feststellen, worauf der Chefbutler die Polizei rief. Die Officers erschienen in Zivil, um keine Aufregung unter den Gästen zu verursachen. Obwohl es sich fast immer um eine natürliche Todesart handelte, wurde die vorläufige Todesursache festgestellt. Man legte den Leichnam in einen der Körbe, mit denen sonst die Wäsche abtransportiert wurde und brachte ihn zum Dienstbotenfahrstuhl. Im Keller wurde die Leiche in einen Blechsarg umgebettet und über einen Hinterausgang aus dem Savoy geschafft.
Violet legte die Serviette auf den Tisch. »Tot? Sind Sie sicher? Haben Sie seinen Puls gefühlt?«
»Das kann ich nicht.« Oppenheim wischte Staubflusen von den Knien.
»Warum?«
»Er ist schwer zu erreichen.«
»Verdammt, Clarence, was heißt das? Wieso ist dieser Tote schwer zu erreichen?«
»Er ist aus dem Fenster gefallen.«