Oppenheim schloss Zimmer 347 auf.
Violet sah den Detektiv verwundert an. »Sagten Sie nicht, der Mann sei aus dem Fenster gefallen?«
»Das ist richtig. Gewohnt hat Mr Sciapiarelli aber in drei vier sieben.«
»Haben Sie den Chefbutler verständigt?«
»Ich wollte erst, dass Sie sich … ein Bild machen.«
»Ein Bild?«
Oppenheim ließ die Direktorin eintreten. Einander widersprechende Gedanken schossen Violet durch den Kopf. Wenn jemand aus dem Fenster des Savoy auf die Straße stürzte, erregte das Aufsehen. Von bestimmten Zimmern aus würde derjenige sogar auf dem Vordach landen. Wieso hatte bis jetzt niemand das Unglück bemerkt?
Auf dem Bett befand sich ein Koffer. Die Bettwäsche wirkte zerwühlt. Der Stuhl lag quer, die Stehlampe war umgefallen.
»Was ist passiert?«
»Es sieht nach einem Kampf aus.«
»Wo ist der Mann geblieben?«
»Im Lichthof.«
Violet entdeckte das angelehnte Fenster. Der Vorhang bauschte sich. »Aber wenn er dort hinausgefallen ist, müsste ihn jemand entdeckt haben.«
Oppenheim zog den Vorhang beiseite. »Nicht unbedingt. Mr Sciapiarelli liegt im Taubenhof.«
Wie überall in London waren auch im Savoy die Tauben ein Problem. Wo der Mensch sie nicht verjagte, verrichteten sie ihr zerstörerisches Werk. Taubenkot griff die Hotelfassade an.
Vorsichtig, als ob ihr gleich ein Vogel ins Gesicht fliegen könnte, beugte sich Violet aus dem Fenster. Der Lichthof war so eng, dass er seinen Zweck, Tageslicht zu schaffen, kaum erfüllte. Nur jedes zweite Stockwerk hatte ein Fenster zum Hof. Unten entdeckte sie eine Tür. Daneben lag ein Mann mit unschön verdrehten Gliedmaßen. Er lag auf dem Bauch, doch den Kopf hatte er nach hinten gedreht, als starrte er nach oben.
Sie richtete sich auf. »Wie ist das passiert, Clarence? Wie haben Sie überhaupt Kenntnis davon erhalten?«
Oppenheim steckte die Hände in die Taschen. »Auf dem Korridor dieser Etage ist das Licht ausgefallen. Der Hauselektriker war nicht erreichbar, also hat sich Mrs Drake der Sache angenommen. Es war eine Kleinigkeit. Sie hat die Sicherungen im Schaltkasten ausgetauscht. Dabei kam sie an Zimmer 347 vorbei und hat Lärm gehört. Mrs Drake hat geklopft. Die Schreie verstummten. Sie klopfte energischer. Alles in Ordnung, hat eine Männerstimme geantwortet. Als sie weiterging, hörte sie einen erstickten Schrei. Mrs Drake glaubt, Hilfe! verstanden zu haben. Sie vermutete einen Vorfall sexueller Gewalt und hat mich gerufen.«
»Dann weiß also auch Mrs Drake, was hier passiert ist?«
»Noch nicht.«
»Ich dachte, sie hat Sie verständigt.« Violet wollte die Stehlampe aufheben.
»Besser nicht, Miss Mason«, ging Oppenheim dazwischen. »Ich muss gleich die Polizei rufen, und da sollten wir …«
»Nichts anrühren«, vervollständigte Violet. »Was war mit Mrs Drake?«
»Sie wurde zu einem Notfall in die Küche gerufen. Angeblich ein Streit zwischen Mrs Drakes Nichte und einem Koch.«
»July Gilbert? Was ist denn heute nur bei uns los?« Violet wollte sich setzen, erinnerte sich, dass sie nichts verändern sollte und lehnte sich gegen die Wand. »Weiter, Clarence.«
»Ich habe an die Tür geklopft und gerufen, es kam keine Antwort. Mit dem Generalschlüssel habe ich die Tür geöffnet. Es war niemand hier.«
»Wieso hat Mrs Drake die Zimmertür aus den Augen gelassen?«
»Sie hat mich vom Flurtelefon angerufen und hatte die Tür die ganze Zeit im Blick.«
Violet überlegte laut: »Mrs Drake hörte Schreie. Jemand rief um Hilfe. Also müssen wenigstens zwei Menschen im Zimmer gewesen sein. Einer ist aus dem Fenster gestürzt. Wo ist der andere?«
»Niemand war im Bad oder unter dem Bett. Ich habe nicht gleich aus dem Fenster gesehen. Erst als ich den Koffer öffnete …« Oppenheim kratzte sich an der Stirn.
»Ja?«
Wortlos trat er ans Bett und hob den Deckel. »Sehen Sie.«
Im Inneren befand sich eine Schaumstoffeinlage mit speziellen Aussparungen. Einige Gegenstände waren entnommen worden. Es befanden sich noch ein Glasschneider, ein Stativ, eine Metallspreize und ein zusammengerolltes Seil im Koffer.
»Ach, du lieber Himmel«, entfuhr es Violet. »Ist das nicht –?«
»Die Ausrüstung eines Diebes.« Oppenheim nickte.
»Demnach wäre Mr Sciapiarelli der gesuchte Juwelendieb?«
»Das kann ich noch nicht mit Sicherheit sagen.«
Sie trat noch einmal ans Fenster. »Der Mann hatte sein Werkzeug dabei. Er steigt aus dem Fenster, will in ein anderes Stockwerk klettern und stürzt ab.«
»So könnte es passiert sein. Wären da nicht der Kampf und die Hilfeschreie aus dem Zimmer. Es muss eine zweite Person hier gewesen sein.«
Violet blickte den Lichtschacht hinauf. »Wenn Mrs Drake niemanden herauskommen sah, muss die zweite Person auch durch das Fenster geflohen sein.«
Oppenheim trat hinter sie. »Wie gehen wir weiter vor, Miss Mason? Ich informiere den Chefbutler, den Hotelarzt und Scotland Yard?«
»Ja, das sollten wir tun. Allerdings –«
»Miss Mason?«
»Ich möchte mir den toten Mr Sciapiarelli zunächst ansehen.«
»Ist das klug?«
»Natürlich nicht. Aber das ist mein Hotel. Der Mann beraubt meine Gäste. Die Tür dort unten führt in einen der Waschräume. Unsere Zimmermädchen benützen den Lichthof, um zwischendurch eine zu rauchen. Ich möchte nicht, dass sie auf einen toten Mann stoßen, wenn sie sich eine Zigarette anstecken.«
»Das gäbe einen ziemlichen Schock«, pflichtete Oppenheim bei.
»Schließen Sie hier ab, Clarence. Wir gehen runter.« Sie wandte sich zur Tür. »Vielleicht hatte Mr Sciapiarelli den Einbruch bereits begangen und trägt das Diebesgut noch bei sich.«
Das Telefon klingelte.
Sie sahen einander an.
Es klingelte zum zweiten Mal.
»Wer weiß noch, dass Sie hier sind?«
»Keiner außer Ihnen und Mrs Drake.«
Violet legte den Finger auf den Mund, nahm ab und horchte.
»Hallo?«, sagte eine Männerstimme.
»Wer ist da?«, fragte Violet.
Eine Sekunde verstrich. Die Leitung wurde unterbrochen. Der Mann am anderen Ende hatte aufgelegt.
* * *
Violet sah sich umringt von der Küchenbelegschaft. Obwohl noch Frühstückszeit war, herrschte bereits Hochbetrieb für das Mittagessen. Rund um sie dampfte und brodelte es, Gasflammen blitzten zwischen blankem Chrom und weißen Fliesen. Der Geruch von Butter und Zwiebeln umschwebte sie, von Eischaum und Kräutern, Fleischbrühe und Mehlschwitze. Nirgendwo sonst umgab einen jene verwirrende Mischung aus Düften und Gerüchen wie in der Küche eines großen Hotels. Maître Dryden, der das Restaurant vom Makel eigenwilliger britischer Kochkunst befreit und internationalisiert hatte, brachte zwei Gläschen Kräuterschnaps und reichte das eine der Direktorin.
»Selbst angesetzt.« Der Engländer mit dem Aussehen eines Sizilianers hielt ein Glas gegen das Licht. »Der Geist von Wacholder und Heidelbeere schwebt darin.«
Violet bedankte sich. Das zweite Glas bekam July Gilbert. Sie saß auf einem Blechstuhl in der Ecke. Mit unsicheren Fingern nahm sie den Schnaps, zitterte dabei aber so stark, dass sie die zweite Hand als Stütze brauchte.
»Vorsicht.« Dryden half ihr. »Danach geht es dir gleich besser.«
»Danke, Sir, Mr Dryden«, flüsterte July.
Violet beobachtete die beiden. Von Anfang an hatte der Maître eine besondere Fürsorge für die Anfängerin an den Tag gelegt. Sie wurde in der Küche »das Kräutermädchen« genannt. Tatsächlich war es erstaunlich, welchen Geschmacksreichtum July mit ihren Gemüsekreationen entfaltete.
Violet trank vom Wacholderschnaps. Schon als kleines Mädchen hatte sie empfunden, dass diese Küche ein magisches Reich voll Kreativität war, eine hektische, erfinderische Welt, deren Quintessenz dem Hotelgast serviert wurde. Innerhalb seines Reiches fand Maître Dryden manchmal Begabungen wie July Gilbert, die nicht nur zu kochen verstanden, sondern aus ihrem Beruf eine Kunst machten. Umso mehr tat es Violet leid, dass man July den schrecklichen Anblick nicht hatte ersparen können.
Als sich Violet und Oppenheim dem Waschraum genähert hatten, hörten sie einen markerschütternden Schrei. July hatte dort Gesicht und Hände gewaschen und wollte ein wenig frische Luft schnappen. Sonderbarerweise ließ sich die Tür zum Taubenhof nicht öffnen. Sie stemmte sich dagegen und schob einen schweren Gegenstand dahinter beiseite. Schreiend prallte July zurück. Dort lag ein Mensch. In diesem Moment waren Oppenheim und Violet dazugekommen, hatten sie von der Leiche weggezogen und die Weinende in die Küche gebracht.
»Armes Mädchen«, sagte der Maître. »Das ist wirklich ein harter Tag für dich.«
Violet beobachtete, wie July in kleinen Schlucken trank. »Was ist denn sonst noch geschehen?«
»Nichts Dramatisches. Es gab Streit zwischen July und unserem Neuen«, versuchte Dryden abzuwiegeln. »Die beiden sind einander nicht besonders grün. Ich habe Reginald nach Hause geschickt.«
»Tut mir leid, Miss Mason«, flüsterte July. »Aber dieser Reggie macht mich bei der Arbeit wahnsinnig. Ich werde mich ab jetzt zusammenreißen.«
»Falls der Junge nicht ins Team passt, überlege ich mir eine andere Lösung.« Der Maître legte July die Hand auf die Schulter.
Für einen Moment hatte Violet den Verdacht, hier könnte mehr im Spiel sein als väterliche Fürsorge. Sie verdrängte den Gedanken gleich wieder. »Was ist mit Doktor Garrisson? Wieso ist er noch nicht hier?«
»Der Hotelarzt kümmert sich um eine Verdauungsstörung im vierten Stock«, antwortete Oppenheim.
»Er soll den Leuten ein Abführmittel geben und augenblicklich kommen.«
Oppenheim ging ans Telefon.
»Weiß man schon, um wen es sich bei dem Toten handelt?«, fragte Maître Dryden. »Wie ist er dorthin gekommen?«
»Die Polizei wird das alles bald klären.« Violet stellte ihr Glas ab. »Tut mir leid, dass der tragische Vorfall Ihren Rhythmus durcheinanderbringt«, sagte sie in die Runde. »Unser bedauernswerter Gast wird so rasch und unauffällig wie möglich aus dem Haus geschafft. Den Waschraum können Sie allerdings fürs Erste nicht benützen. Ich danke Ihnen allen für Ihre Ruhe.« Sie beugte sich zu July. »Ihnen ganz besonders, Miss Gilbert. Wenn Maître Dryden es zulässt, können Sie auf Ihr Zimmer gehen und sich ausruhen.«
»Das möchte ich nicht«, widersprach July. »Ich bereite gerade geröstete Zucchiniblüten vor. Da kann ich nicht einfach weglaufen …« Ein plötzlicher Weinkrampf verzerrte ihr Gesicht. »Der Mann hatte die Augen offen. Er hat mich angestarrt.«
Dryden half ihr auf die Beine. »Kommen Sie, July, legen Sie sich eine halbe Stunde hin. Die Zucchiniblüten können warten.«
Violet hob den Kopf und schnupperte. »Riecht hier nicht irgendetwas … angebrannt?«
»Auf eure Plätze!«, rief der Maître. »Charles, die Butter. Emile, das Kaninchen! Weitermachen!«
Alle eilten an die Batterie aus Herden und Öfen.
»Barry, du übernimmst für July.« Dryden inspizierte jede einzelne Station. »Das muss umgerührt werden. – Das Fleisch war zu lange drin. Wir brauchen frisches Roastbeef. – Der Teig ist so weit. Mehr Rosinen.«
Die Maschine des Küchenbetriebs kam erst langsam wieder auf Touren. Oppenheim bahnte sich einen Weg zwischen den weißgekleideten Köchen durch zu Violet. »Doktor Garrisson ist unterwegs. Die Polizei dürfte auch in ein paar Minuten hier sein.«
»Ein schrecklicher Morgen«, sagte sie. »Gehen wir jetzt in den Taubenhof, Clarence.«
»Sie wollen ihn sehen?«
»Mr Sciapiarelli war mein Gast. Haben Sie Ihre Handschuhe dabei?«
Er zog ein Paar weiße Gummihandschuhe hervor. »Sie wollen nachsehen …?«
»Ob das der Mann ist, der meine Gäste beraubt.« Violet verabschiedete sich von der Küchenmannschaft. Oppenheim folgte ihr in den Waschraum. Die Tür zum Hof stand offen. Ein rhythmisches Geräusch war zu hören. Violet trat in den Türausschnitt. Eine Taube hatte sich auf die Schulter des toten Mr Sciapiarelli gesetzt und gurrte voll Inbrunst. Der Anblick hatte etwas Friedliches.