»Ich kannte Mr Sciapiarelli nicht persönlich«, sagte Oppenheim. »Inzwischen habe ich aber Erkundigungen über ihn eingeholt.«
»So schnell?« Detective Inspector Smythe setzte sich in den Sessel vor Violets Schreibtisch und merkte zu spät, wie tief er in dem Möbel versank. »Die Leiche wurde erst vor einer Stunde entdeckt.«
»Wir haben einen Gast im Haus, der Mr Sciapiarelli kennt«, erwiderte Oppenheim.
»Wer ist das?«
»Gary Stewart«, las Oppenheim von einem Zettel ab. »Ein Amerikaner. Beide arbeiten in der Spielzeugbranche.«
Violet schwieg. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen. Hunderte Gäste gab es in ihrem Hotel; wieso musste ausgerechnet Gary Stewart die Kontaktperson sein, die Sciapiarelli kannte? Den Juwelenräuber Sciapiarelli, der das Werkzeug für seinen wahren Beruf im Musterkoffer der Spielwarenkollektion ins Hotel geschleust hatte. Sofern Oppenheims Information stimmte, hatte Gary Stewart dem mutmaßlichen Hoteldieb das Savoy empfohlen. Etwa, weil es hier die besten Stücke abzuräumen gab? Woher kannte der charmante Mr Stewart Angelo Sciapiarelli? Vor Violet stand eine Tasse Kamillentee. Der Morgen war ihr auf den Magen geschlagen.
»Bei uns ist Mr Sciapiarelli mit einer anderen Tätigkeit registriert«, sagte Smythe. »Der Mann war Makler, er hat den Leuten Informationen verkauft. Es existiert bei uns eine Akte über ihn.«
»Weshalb führt Scotland Yard eine Akte über Sciapiarelli?«
»Weil die Informationen, mit denen er gemakelt hat, nicht immer legal waren.«
»Ich verstehe das nicht, Detective.« Violet nahm das Tee-Ei aus der Kanne. »Offiziell war Mr Sciapiarelli Spielwarenhändler, handelte aber zugleich mit Informationen und war in Wahrheit der Juwelendieb, den wir suchen. Wie passt das zusammen?«
Smythe hielt die unwürdige Position in dem tiefen Sessel nicht länger aus und kam auf die Beine. »Mit der Tarnung des Spielzeugvertreters konnte er unverdächtig große Koffer ins Hotel bringen. Der Schritt vom Makler zum Hehler ist nicht groß. Mr Sciapiarelli scheint Dieb und Hehler in einer Person gewesen zu sein.«
Violet nickte zu Smythes Schlussfolgerungen, hielt sie im Übrigen aber für blanken Unsinn. Ein Dieb war ein Dieb, ein Makler ein Makler, und ein Makler kletterte nicht nachts an der Hotelfassade umher. Was sie an Smythes Theorie aber besonders störte, war die Verbindung des Toten zu Gary Stewart. Violet hatte den Abend mit dem Witwer in angenehmer Erinnerung. Ein ruhiger, offener Mann ohne Imponiergehabe. Sie wollte einfach nicht wahrhaben, dass Mr Stewart irgendwie in die Diebstahlserie des Savoy verwickelt war. Der Zusammenhang konnte in Wahrheit ganz harmlos sein. Mr Sciapiarelli gab sich als Spielzeugvertreter aus, und Gary Stewart empfahl dem Kollegen aus der Branche ein gutes Hotel. Allerdings hatte Violet nicht vergessen, wie Stewart sich im Casino vor der Schmuckvitrine über echte und unechte Juwelen informierte. Ein Zufall, oder nicht? Wenn jeder, der Fragen über Schmuck stellte, gleich ein Dieb war, wäre die Welt voll davon.
»Miss Mason –«, setzte der Detective zum zweiten Mal an.
»Ja?« Sie hatte seine letzte Frage überhört. »Was meinten Sie?«
»Ich sagte, dass ich mit Mr Stewart sprechen werde.« Ein Blick zum Constable, der sich Notizen machte. »Officer, fragen Sie doch mal nach, ob die Kriminaltechnik in Sciapiarellis Zimmer fertig ist.«
Oppenheim griff zum Telefon. »Ich verbinde Sie gleich von hier, Detective.«
Der Inspector führte ein kurzes Telefonat. »Keine Juwelen«, sagte er anschließend. »Weder an der Leiche noch im Zimmer des Toten haben wir irgendwelchen Schmuck gefunden. Im Gegenteil.«
»Was ist das Gegenteil von Schmuck?«, fragte Violet überrascht.
»Schulden, Miss Mason. Mr Sciapiarelli trug mehrere Schuldscheine eines Pfandleihers in der Tasche.«
* * *
Begleitet vom rhythmischen Klopfen, Schaben und Schleifen der Kreide an der Tafel setzte Lionel Zeichen, Zahlen und Symbole.
»Bei Bruchgleichungen müssen wir zunächst ausschließen, dass die Nenner der auftretenden Terme gleich null werden. Für diese Gleichung gilt also –«
Er hätte die Aufgaben im Kopf lösen können, ohne die Kreide auch nur zu berühren, ohne das Klassenzimmer zu betreten. Doch er musste die Rechenbeispiele wieder und wieder an die Tafel schreiben, damit die Jungs in seinem Rücken die Chance hatten, ihren Sinn zu erfassen. Mathematik besaß eine nüchterne Schönheit. Die klassische Mathematik war das Einzige, das für Lionel Ewigkeitswert hatte. Indem er dieses Wissen täglich repetierte, befand er sich gewissermaßen in einer Möbiusschleife, ohne Anfang und Ende. Besser noch ließ sich seine Tätigkeit mit der eines Hamsters im Laufrad beschreiben.
»Zweimal X plus vier ist ungleich null«, dozierte er im Rhythmus des Schreibens. »Um die Gleichung zu lösen, müssen wir beiden Seiten mit dem Hauptnenner multiplizieren.« Er drehte sich zur Klasse. »Welches ist in diesem Fall der Hauptnenner, Herrschaften?«
Lionel sah in die ausdruckslosen Gesichter von Teenagern, die sich mit allem anderen lieber beschäftigt hätten als mit Bruchgleichungen. Sie wollten Spiele spielen, rumpöbeln, über Mädchen quatschen und sich von ihrer ersten Zigarette übergeben. Sie wollten hinaus in die verheißungsvolle Stadt im verheißungsvollen Monat Mai. Sie mochten Lionel, den Ex‑Lieutenant, der im Krieg seinen Mann gestanden hatte, sie respektierten ihn. Manchmal fragten sie ihn, wie das sei, einen Menschen zu erschießen. Sie waren wach und interessiert am Leben, nur Algebra ließ sie völlig kalt.
»Wir haben vier minus zweimal X in Klammern, mal dreimal X plus dreizehn. Übrig bleibt eine lineare Gleichung mit folgender Lösung –«, fuhr Lionel fort, als niemand aus der Klasse antwortete.
Die Lösung, dachte er. Im Bereich der Algebra ließ sich eine Lösung einfach darstellen. In Lionels Fall würde die Lösung ungleich komplexer ausfallen. Keine Beispielrechnung aus dem Lehrbuch reichte an die Gleichung heran, die er zu bewältigen hatte.
Als Lionel sich als junger Kadett nach Cardiff hatte versetzen lassen, war er keinem Hirngespinst gefolgt. Irene Dermott war ein Mädchen, um das es sich zu kämpfen lohnte, sie war die Liebe seines Lebens. Er hatte sich das nicht eingebildet. Doch ohne Vorwarnung hatte Irene damals Schluss mit ihm gemacht. Zwischen ihrem Vater, dem Konservenfabrikanten, und dem walisischen Rinderzüchter war alles abgesprochen gewesen. In einer regnerischen Nacht gab Irene Lionel den Laufpass. Nach seinem verzweifelten Versuch, sie umzustimmen, schlief sie noch einmal mit ihm auf dem Küchentisch. Das war das Ende. Lionel trauerte Irene lange nach, doch irgendwann konnte er wieder an sie denken, ohne traurig zu werden. Jahre verstrichen, ein Krieg kam und wurde geschlagen, und heute liebte Lionel Violet Mason. Alles schien in Ordnung zu sein, bis zu dem Abend, als Irenes runde, feste Hand einen Pint Bier auf den Tresen gestellt hatte.
Er hatte Irene seitdem noch einmal wiedergesehen. Die ganze Zeit über, als sie beisammen saßen, hatte er ein schlechtes Gewissen gehabt und zugleich jede Minute genossen. Sie trafen sich wieder im Pub. Diesmal kam Irene nicht zum Dienst, sondern privat. Sie trug ein getupftes Kleid, ein wenig gewagt bei ihrer Figur, aber Lionel hätte sich nichts Hübscheres vorstellen können.
»Er war ein gedankenloses Schwein, mein Daryl«, erzählte sie. »Er war verlogen, feige und ein Idiot, wenn es um Geschäfte ging.«
Sie saßen in einer Nische. Rundum versank die Welt im Bierdusel.
»Mein Vater ist gestorben, auch sein Vater starb«, fuhr sie fort. »Daryl erbte die Rinderzucht, ich die Konservenfabrik. Doch da wir in einer beschissenen Männerwelt leben, hat sich Daryl meine Konservenfabrik einfach unter den Nagel gerissen. ›Geschäfte sind Männersache‹, sagte er und ignorierte die Tatsache, dass ich für Daddy in den letzten Jahren die Bücher geführt habe.« Irene nahm einen Schluck Gin. »Ich war Daryl treu, Gott sei es geklagt. Ich hätte Möglichkeiten gehabt, aber ich bin dem Idioten all die Jahre treu geblieben.« Scheinbar beiläufig fasste sie nach Lionels Hand. »Manchmal habe ich an uns beide gedacht, mein Bester. Auch an deine Schwüre, dass ich die große Liebe deines Lebens bin, und so. Aber das waren süße Träumereien. In Wirklichkeit lebte ich zwischen unseren Rindern, dem Schlachthaus und den Konserven, in die sich die Viecher schließlich verwandelt haben.«
»Und Daryl?«, fragte Lionel.
»Was ist mit ihm?«
»War er dir treu?«
»Das hat mich nicht besonders interessiert. Er war keine Kanone im Bett. Klein, weißhäutig, die Haare sind ihm bald ausgegangen. Übriggeblieben ist ein Glatzkopf mit Knollennase. Ich war froh, wenn er mich nicht berührt hat, und er tat es immer seltener. Stattdessen hat er sich in eine Quasselstrippe verwandelt. Hat ständig geredet und seine dämlichen Witze gemacht. Ich hätte schreien können. Einmal hatte ich das Schlachtermesser schon in der Hand und hätte es ihm am liebsten in den Hals gerammt.« Irene lachte. »Aber am Ende macht man so was dann doch nicht.«
»Und eure Scheidung?«
»Das ist schnell erzählt. Durch Daryls Geschäftsgenie ging alles den Bach runter. Die Rinder erkrankten an einer Seuche, die meisten mussten notgeschlachtet werden. In seinem Wahn wollte Daryl die Konservenfabrik vergrößern. Er hat sich natürlich verkalkuliert. Es drohte der Konkurs.« Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. »Gerettet hat mich mein Anwalt. Ein netter Bursche. Er hat Daryl eine Falle gestellt.«
»Eine Falle?«
»Hat ihm eine junge Nutte auf den Hals gehetzt. Daryl war so blöd, darauf reinzufallen. Der Anwalt hat ihn in flagranti erwischt. Der Rest war einfach. Nach Vollzug der Scheidung habe ich aus der Fabrik rausgeholt, was noch zu kriegen war, bin nach London gezogen und habe mir dieses Haus gekauft.«
»Dieses …?«, rief Lionel überrascht. »Der Pub gehört dir?«
»So wie auch die Stockwerke darüber. Ich habe ein geregeltes Einkommen. Kein Mann kann mir noch blöd kommen. Das ist meine Lebensgeschichte, Lionel. Ein Lehrstück, wie man es besser nicht machen sollte.«
»Ach, Irene. Das tut mir so leid. Andererseits tut es mir natürlich nicht leid, denn sonst wären wir uns nie wiederbegegnet.«
Lächelnd spielte sie mit seinen Fingern. »Was soll das werden? Ein spätes Liebesbekenntnis für eine dicke Frau, die Bier ausschenkt?«
»Rede nicht so. Du bist immer noch eine Augenweide.«
»Wenn du Absichten bei mir hast –« Ihr Lächeln wurde breiter. »Meine Wohnung liegt direkt hier drüber.«
»Ich sollte dir sagen, ich bin nicht frei, Irene«, antwortete er nach einer Pause.
»Das hab ich mir schon gedacht, dass so ein Sahnestückchen wie mein Fähnrich kein Freiwild mehr ist.«
Seine Hand blieb in ihrer Hand. Irene spielte mit seinen Fingern.