»Bei dieser eindeutigen Beweislage habe ich so etwas noch nie erlebt«, sagte Detective Inspector Smythe.

Der burleske Nachmittag war vorbei. Zurück in ihrem Büro, hatte Violet dort die Polizei erwartet.

»Ich verstehe noch nicht ganz, was Sie meinen.« Violet und der Detective nahmen zusammen Tee. »Mr Sciapiarelli ist also nicht der Juwelendieb?«

»Indem ich es zugebe, komme mir recht stümperhaft vor, Miss Mason«, nickte Smythe. »Es wäre mir lieb, wenn Sie es nicht publik machen.«

»Aus diesem Grund habe ich Mr Oppenheim nicht zu unserem Gespräch dazugebeten.« Sie beobachtete, wie Smythe die Zitronenscheibe im Tee nicht schwenkte, sondern mit dem Löffel zerquetschte.

»Mr Sciapiarelli ist, wie sich herausstellt, ohne jeden Zweifel ein Vertreter für Spielwaren gewesen«, fuhr der Detective fort. »Er ist gebürtiger Neapolitaner, lebt seit zwanzig Jahren in England und bereist das Königreich mit seinen Waren.«

»Und was ist mit dem Koffer in seinem Zimmer? Dem verräterischen Koffer?«

»An diesem Koffer fanden sich die Fingerabdrücke von zwei Personen. Aber keiner davon stimmt mit denen von Sciapiarelli überein.«

»Er könnte sie abgewischt haben.«

»Man kann an einem Koffer nicht bestimmte Abdrücke abwischen und andere übrig lassen«, erklärte Smythe.

»Sciapiarelli wird wahrscheinlich Handschuhe getragen haben.«

»Die Antwort ist einfacher, Miss Mason.« Der Detective stellte die Tasse ab. »Dieser Koffer gehörte gar nicht Angelo Sciapiarelli. Er wurde nur in seinem Zimmer abgestellt, vielleicht um ihn zu kompromittieren. Vielleicht wurde der wahre Besitzer des Koffers auch überrascht und war gezwungen, ihn dort zu lassen.«

»Aber weshalb ausgerechnet in Zimmer 347?«

»Das wissen wir noch nicht.«

»Wenn Sciapiarelli nicht der Dieb ist, wie ist er dann zu Tode gekommen?«

»Das allerdings wissen wir.«

»Ich höre.«

»Dieser Mann hätte unmöglich an der Hotelfassade klettern können.«

»Wieso?«

»Weil Mr Sciapiarelli im Krieg ein Bein abwärts des Knies verloren hat. Er trug eine Prothese. Sie wurde erst bei der Obduktion entdeckt.«

»Demnach wollte er gar nicht aus dem Fenster steigen?«, fragte Violet ungläubig.

»Er hat sich sogar dagegen gewehrt. Wir haben unter seinen Fingernägeln Lackspuren gefunden. Sciapiarelli wurde aus dem Fenster gestoßen. Bis zuletzt hat er versucht, sich festzukrallen.«

»Wer hat ihn umgebracht?«

Smythe hob die Schultern. »Die Ermittlungen sind im Gang.«

Violet stand nachdenklich auf. »Sagten Sie nicht, Sciapiarelli wäre ein zweifelhafter Makler gewesen, über den Scotland Yard eine Akte führte?«

»In diesem Punkt sind wir immerhin einen Schritt weitergekommen. Sciapiarelli hatte Geldsorgen. Er hat gewettet und verloren.«

»Pferderennen?«

»So ist es. Seine Gläubiger saßen ihm im Nacken. Als er nicht zahlen konnte, haben sie ihn erpresst.«

»Womit?« Violet stand auf.

»Vor dem Krieg arbeitete Sciapiarelli bei der britischen Handelskammer. 1940 wurde er eingezogen, in Frankreich verwundet und fand nach 1945, auch wegen seiner Behinderung, nicht mehr in sein altes Leben zurück. Sein letzter Ausweg war der Job als Spielzeugvertreter. Die Gläubiger, die ihn am Haken hatten, zwangen ihn, seine alten Kontakte anzuzapfen.«

»Kontakte bei der Handelskammer?«

Smythe nickte. »Das brachte Sciapiarelli auf die schiefe Bahn.«

Violet machte ein paar Schritte. »Sie sind also überzeugt, Sciapiarelli hatte mit den Juwelendiebstählen nichts zu tun?«

»So würde ich das nicht sehen, Miss Mason. Es bleibt die Frage, wie sich ein Mann wie er ein Hotel wie das Savoy leisten konnte. Vielleicht hat er uns, ohne es zu wollen, auf eine interessante Spur gebracht.« Der Inspektor zog ein Kuvert aus der Tasche und entnahm ihm eine Fotografie. »Das hier ist eine alte Aufnahme, ziemlich unscharf und verschwommen. Man kann daraus keinen eindeutigen Rückschluss ziehen. Und doch finde ich das Foto interessant.«

Violet betrachtete die Schwarz-Weiß-Fotografie. Das Bild zeigte einen Mann mit dunklem Haar, der finster über seine Schulter blickte. Er wollte offenbar nicht fotografiert werden.

»Wer ist das?«

»Das ist die einzige existierende Fotografie des meistgesuchten Juwelendiebs Europas. Haben Sie jemals von Antoine Descoyne gehört?«

»Nein.«

»Man nannte ihn auch den ›Gecko‹. Dieser Mann war imstande, jede Hausfassade zu erklimmen, er gelangte in jeden Raum und verschwand genauso spektakulär wieder. Seine Raubzüge brachten ihm Millionen ein.«

»Was wurde aus diesem Mr …?«

»Descoyne. Er ist Belgier. Irgendwann verschwand er und hat seine kriminelle Karriere offenbar an den Nagel gehängt. Auf vier Kontinenten sucht ihn die Polizei, aber niemand weiß, wo er sich aufhält. Eine Fahndung ist unmöglich, da es kein Bild von Descoyne gibt. Bis auf dieses hier.«

Violet legte die Aufnahme auf den Teetisch. »Wie sind Sie auf Descoyne gekommen?«

»Zufällig.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Als ich Mr Stewart, Ihren Hotelgast, über seine Verbindung zu Sciapiarelli befragte, hat etwas in meinem Kopf klick gemacht. Gary Stewart hat mich an jemanden erinnert. Ich konnte das zuerst nicht einordnen, bis mir der Juwelenräuber Descoyne einfiel. Darauf habe ich mir einen Abzug des Bildes schicken lassen und … sehen Sie selbst.« Er schob ihr das Foto nochmals hin. »Die Ähnlichkeit wird nicht gleich offensichtlich, weil das Bild alt ist, aber mit etwas Phantasie könnten Mr Stewart und Antoine Descoyne ein und dieselbe Person sein. Wenn das so wäre, hätten Sciapiarelli und Stewart unter einer Decke gesteckt. Damit wäre auch zu erklären, wie sich ein verschuldeter Spielwarenvertreter das Savoy leisten konnte.«

Violet hob die Fotografie vor ihre Augen. »Ich kann absolut keine Ähnlichkeit feststellen, Detective.«

Sie log. Sie log schlecht, und sie hasste es zu lügen. Sie brachte es nicht über sich, dem Polizisten einzugestehen, dass der Mann auf dem Bild tatsächlich Gary Stewart sein könnte.

* * *

July Gilbert probierte ein neues Rezept aus, mit Paprikaschoten, Schalotten, Fenchel und Hirse. Sie kochte Brühe auf, ließ die Hirse quellen, dünstete das Gemüse in Butter, gab Pfeffer, Thymian und geriebenen Cheddar zu. Das Ergebnis brachte sie ins Büro von Maître Dryden.

»Vielleicht als Vorspeise«, erklärte sie.

Er prüfte das Gericht, schmeckte den Zutaten hinterher und stellte den Teller beiseite. »Möglicherweise als Zwischengang«, sagte er nach einer Pause. »Als Vorspeise ist es nicht raffinert genug.« Er machte sich eine Notiz für den Menüplan. »Morgen bleiben wir beim Krabbencocktail.«

»Wie Sie meinen. Es war ja nur ein Vorschlag, Mr Dryden.«

»Ich bin froh, dass du es mir gezeigt hast. Jetzt wissen wir es wenigstens.«

»Was denn, Sir?«

»Dass Hirse und Cheddar nicht zusammenpassen.« Er gab ihr den Teller. »Sei nicht traurig.«

»Ach wo, Sir.«

»Wer etwas ausprobiert, entdeckt neue Gaumenfreuden. Habe ich recht?«

»Eindeutig, Sir.« July verließ das Büro des Maître.

An ihre Kochstation zurückgekehrt, fand sie die schönen frischen Zutaten, die sie erst diesen Morgen aus den Gemüsehallen bestellt hatte, lächerlich, welk, uninspirierend. Was sie tat, erschien ihr sinnlos, wer sie war, unwichtig. Als sie in die spiegelnde Metallplatte hinter dem Herd blickte, schaute ihr ein unbegabtes, verschrecktes Wesen entgegen, mit strähnig verschwitztem Haar, einer dreckigen Bluse und geröteten Händen. Sie wollte nicht diese July sein, sie wollte sich nicht länger ansehen müssen.

July schob einen großen Kochtopf vor ihr Spiegelbild. Sie fettete eine runde Kuchenform ein, schnitt vom Sandwichbrot die Kruste ab und und belegte den Kuchenboden damit. Sie bestrich das Brot mit Kräuterquark, bedeckte diesen mit dünn geschnittenen Gurkenscheiben, darauf kam eine Schicht gebratener Auberginenstreifen. Dann wieder eine Lage Quark, gekochte Eier, Brot und Möhren. Schicht um Schicht wuchs Julys Torte empor. Obenauf verzierte sie das Ergebnis mit geschnitzten Radieschen und ließ einen Wald von Schnittlauchhalmen rundum emporwachsen. July wusste nicht, was es war oder werden sollte, sie wusste nur, das war ihre Kreation für diesen Tag. Sie fragte den Maître nicht um seine Meinung. Auf die schwarze Tafel, wo die Souschefs ihre Vorschläge machten, schrieb July in Großbuchstaben: TORTE À LA LORD SANDWICH.

Bis zum abendlichen Ansturm blieb ihr noch Zeit. sie warf Schürze und Montur ab, wusch sich, steckte ihr Haar hoch, schlüpfte in ein rotes Kleid mit weißen Streifen und verließ ihren Arbeitsplatz.

Es war einerlei, wie oft man sich während der Arbeit wusch, ob man Parfum benützte oder Salmiakgeist, jeder, der aus einer Großküche kam, roch nach Zwiebeln. July hasste das. Deshalb wollte sie an die Luft und den Zwiebelgeruch auslüften.

Eine kräftige Brise zog von der Themse durch die Stadt. July lief geradewegs ans Ufer und reihte sich in die Promenade der Spaziergänger ein, der Gentlemen mit Melone und dem unvermeidlichen Regenschirm, den Müttern mit den Kinderwagen, den Hundebesitzern und Liebespaaren. Schon nach ein paar Minuten kam sie sich wieder wie ein normaler Mensch vor, kein Zwiebelwesen aus Drydens Reich. July fror in dem leichten Kleid, aber Rot stand ihr; um nichts in der Welt hätte sie etwas übergezogen. Der Wind griff in ihr Haar, optimistisch schritt sie aus. Vielleicht würde sie unterwegs irgendwo einen Kaffee trinken, einen italienischen, denn das englische Gebräu verdiente den Namen nicht. Immer heiterer ging sie voran, die Demütigung über das Hirse-Debakel war verflogen.

»Da kommt die Zauberin aus dem Savoy«, sagte eine angenehme Männerstimme.

Sie fuhr herum, kein Mensch stand am Geländer, das den Fluss vom Uferweg trennte. Sie drehte sich im Kreis. Da saß er, eingehüllt in einen Mantel aus Tweed. Er trug einen schwarzen Bowler auf dem Kopf und Sonnenbrille, als müsste er sich vor der bleichen englischen Sonne schützen.

»Euer Gnaden.« Mehr fiel July im ersten Moment nicht ein.

»Guten Tag, Miss Gilbert.«

»Euer Gnaden haben mich gleich wiedererkannt?« July sah darin zwar ein Kompliment, da der junge Duke sich an jemanden erinnerte, der ihm ein Soufflé zubereitet hatte, andererseits war sie enttäuscht, weil ihre Verwandlung zur Frau nicht perfekt genug ausfiel und man sie immer noch als Köchin erkannte.

»Wollen wir das Euer Gnaden nicht lieber lassen?« Sir Tyrone nahm vor July den Hut ab. »Ich bin nichts als ein frierender Nordire auf einer Bank. Sie sind eine junge Lady, die, wenn ich die aufgestellten Härchen an ihren Armen richtig deute, zu kühl angezogen ist.«

July lächelte, weil seine Rede so kompliziert war, weil er mit dem Hut in der Hand dasaß, weil er sie so nett behandelte. »Das hat man uns als Erstes beigebracht«, antwortete sie.

»Was denn?«

»Wie man unsere Gäste nach ihrem Adelsstand anzusprechen hat.«

»Wieso? In der Küche haben sie doch nie direkt mit den Gästen zu tun«, gab er zu bedenken. »Obwohl es natürlich in Ihrer Macht liegt, die Laune der Gäste zu heben. Sie irren übrigens, Miss Gilbert. Ich bin nicht mit ›Euer Gnaden‹ anzusprechen, da ich den Herzogtitel erst von meinem Vater erben werde. Und ich hoffe, dieser Tag ist noch fern.«

Nebeneinander kamen zwei Kinderwagen angerollt. July trat einen Schritt näher. »Wie darf ich Sie denn nennen?«

»Sir Tyrone wäre angemessen, aber am liebsten sagen Sie einfach Tyrone zu mir.«

»Das darf ich mir nicht erlauben.« Sie verschränkte die Arme, weil ihr so kalt war.

»Dürften Sie sich erlauben, sich für ein paar Minuten zu mir zu setzen?«

»Ich muss das Dinner vorbereiten, Sir.«

Er zog seine Taschenuhr. »Es ist viertel nach drei, Miss Gilbert. Ich befürchte, wenn Sie jetzt schon damit anfangen, wird Ihre Kreation bis zum Abend verkocht sein.« Ein Lächeln hinter Sonnengläsern.

»Das ist möglich, Sir.«

»Warum setzen Sie sich nicht einfach, nennen mich Tyrone, und alles Weitere ergibt sich dann ganz von selbst?«

July sah keinen Grund, der netten Einladung nicht zu folgen und nahm neben dem designierten Herzog Platz.