Manchmal offenbarte ein Traum dem Träumenden eine Wahrheit. Mitunter wies ein Traum sogar in die Zukunft und benannte Befürchtungen, die sich der Träumer im wachen Zustand nicht eingestand. Meistens blieben Träume aber nur Hirngespinste, unerklärliche Brückenschläge des Gehirns, das sich den Spaß machte, im Schlaf Ereignisse zu erfinden, die über die Realität hinauswiesen.
Violet sah Gary Stewart an der Fassade des Hotels hochklettern. Er war ganz in Schwarz, ein glänzendes Gewebe, Seide wohl, das seine schmale Gestalt umschloss. Um den Hals trug er ein rotes Halstuch keck umgeschlungen, ungeeignet für einen Raubzug, da das Rot ihn sogar bei schwachem Licht verriet. Er trug Schuhe mit Kreppsohlen, die ihm selbst auf dem schmalsten Gesims Halt boten.
Mr Stewart schaute nach unten. Die Tiefe schreckte ihn nicht. Er legte drei Finger in eine Spalte des Mauerwerks, zog sich daran hoch, setzte den Fuß nach, presste Gesicht und Oberkörper an die Hauswand, beruhigte seinen Atem und kletterte weiter.
Es war Mai und bei Gott, es war ein ungewöhnlich warmer Mai für London. Selbstverständlich schlief Frau Gudrun Flack bei gekipptem Fenster. Frau Flack war die Gattin von Oberlandesgerichtsrat Flack, der nach einem Entnazifizierungsverfahren zwar in Haft saß, jedoch bald wieder ins Privatleben entlassen werden würde und nach angemessener Frist sogar erneut im Staatsdienst angestellt werden sollte. Die Alliierten konnten es sich nicht leisten, sämtliche früheren Nazis aus dem Verkehr zu ziehen. Am Ende wäre niemand mehr übrig geblieben, der Deutschland hätte verwalten können. Die Engländer konnten es sich nicht leisten, riesige Truppeneinheiten in Germany stationiert zu lassen; sie benötigten ihre Männer zu Hause. Außerdem brauchte man Deutschland als Puffer gegen die Sowjetunion, denn es war absehbar, dass dort der nächste Feind und die wahre ideologische Bedrohung lauerte. Um sich mit den Deutschen gutzustellen, schickten die Briten jeden, der an den Nazi-Verbrechen nicht direkt beteiligt gewesen war, in seinen früheren Beruf zurück. Auch Oberlandesgerichtsrat Flack.
Da die Freilassung von Richter Flack noch auf sich warten ließ und die Flacks ihr Vermögen rechtzeitig vor dem Untergang sicher in die Schweiz gebracht hatten, vertrieb sich Frau Flack die Zeit damit, an Orte zu reisen, die während der NS‑Diktatur als Feindgebiet eingestuft gewesen waren. Frau Flack liebte London und die Londoner und genoss ihre Gesellschaft seit drei Wochen.
Der Krieg lag gerade mal ein Jahr zurück. Deutsche waren in London noch nicht gern gesehen. Deshalb sprach Frau Flack ihren deutschen Namen englisch aus, nannte sich Mrs Flack und war bisher von britischen Anfeindungen verschont geblieben.
Nicht verschont blieb Mrs Flack allerdings vor dem Überfall eines erfahrenen Diebes, der das Fenster ihres Zimmers lautlos aufdrückte, sich hineinschwang und über den Teppich unhörbar an die viktorianische Kommode heranschlich, in der Mrs Flack ihren Schmuck aufbewahrte. Der Hoteldetektiv hatte ihr geraten, das Geschmeide im Hotelsafe aufzubewahren, aber die Nazi-Gattin traute den Engländern nicht so weit, dass sie ihnen ihren Schmuck anvertraute. Immerhin wohnte Frau Flack in der vierten Etage. Wer wäre so kühn, sich bis hier herauf zu versteigen? Die Vordertür hatte sie zwei Mal versperrt.
Gary Stewart hatte die Kühnheit, die Ruhe und Gelassenheit, die Schublade der Kommode aufzuziehen und die Schatulle zu öffnen, die sich darin befand. All das geschah lautlos. Ein feines Geräusch konnte er allerdings nicht vermeiden, als die Diamanten mit den Rubinen und der Perlenkette zusammenstießen, während er sie in einen Beutel steckte und in seiner Innentasche verschwinden ließ.
»Wer ist da?«, hörte Gary Stewart von nebenan.
Furchtlos trat er ins Schlafzimmer der Oberlandesrichtersgattin.
»Wer sind Sie?«, flüsterte Frau Flack.
»Guten Abend«, antwortete Stewart freundlich. »Tut mir leid, dass ich Sie geweckt habe, Mrs Flack.«
»Sind Sie ein Einbrecher?«
Er ließ das unbeantwortet. »Sie kommen aus Deutschland, wie ich Ihrem Akzent entnehme.«
»Nahe der österreichischen Grenze«, gab sie zurück. »Eigentlich hatten wir mit dem ganzen dummen Krieg nichts zu tun, mein Mann und ich.« Frau Flack tastete auf dem Nachttisch nach ihrer Brille und setzte sie auf. »Und Sie sind –?« Jetzt sah sie den Eindringling deutlich vor sich. Groß und schlank war er, die schwarze Kleidung gab ihm etwas von einem verwunschenen Prinzen. Frau Flack fand das rote Tuch verwegen. Als dieser Mann nun mit blitzenden Zähnen lächelte, war sie sicher, einen feurigen Eroberer vor sich zu haben, der die Gefahr nicht scheute, in ihr Schlafzimmer einzubrechen. »Ja, bitte?«, säuselte Frau Flack. »Was kann ich für Sie tun?«
»Naaa?«, entgegnete Stewart mit gurrendem Unterton, setzte sich an den Bettrand der Oberlandesgerichtsgattin, nahm sie in seine Arme und küsste sie mit einem Kuss, wie sie noch nie geküsst worden war.
»Jetzt reicht es aber!« Violet fuhr aus dem Schlaf hoch. »Verdammter Blödsinn.« Benommen wischte sie sich über die Augen und strich das Haar zurück. »Weißt du, was ich gerade geträumt habe?«, fragte sie zur rechten Seite hin und erinnerte sich im selben Moment, dass Lionel nicht über Nacht geblieben war. Sie hatten miteinander zu Abend gegessen, doch da noch Arbeit auf ihn wartete, war er aufgebrochen.
Violet schwang die Beine aus dem Bett, lief barfuß ins Bad und trank ein Glas Wasser. »So ein Schwachsinn«, sagte sie mehrmals hintereinander.
Sie schlüpfte ins Zimmer von Maxine. Das Kind hatte die Decke von sich gestrampelt. Im Zimmer war es stickig. Violet öffnete das Fenster, deckte ihre Tochter zu und gab ihr einen Kuss. Als sie gehen wollte, fiel ihr Blick auf den Fensterflügel. Wie leicht wäre es, dort hereinzuklettern?, überlegte ihr vom Schlaf benommener Geist. In diesem Moment kam es ihr geradezu fahrlässig vor. Sie lief zurück, beugte sich hinaus und blickte nach unten. Maxines Zimmer ging zum Innenhof hinaus, der vier Stockwerke unter ihnen im Halbdunkel lag.
»Absolut ausgeschlossen«, flüsterte sie. Hier konnte unmöglich jemand eindringen. Andererseits, nur zwei Yards entfernt zog sich die Regenrinne vom Dach aus in die Tiefe. Das Gesims, das jenes Rohr im rechten Winkel durchbrach, war breit genug, um darauf zu balancieren. Wenn jemand dafür trainiert war, konnte er es schaffen. Violet schloss das Fenster wieder.
Es war halb fünf Uhr früh. In einer Stunde musste sie aufstehen, schlüpfte aber noch einmal unter die Decke. Sie verschränkte die Arme im Nacken und starrte zur Glaskuppel hoch, wo der Himmel von Minute zu Minute heller wurde.
In ihrem Traum hatte sie zwei Tatsachen miteinander vermengt, einerseits den gut aussehenden Mr Stewart, dem sie bisher nur im Smoking begegnet war, andererseits den Juwelendieb, der sein Unwesen im Savoy trieb. Die vergilbte Fotografie und der Verdacht von Detective Smythe hatten Violet einen Streich gespielt: Im Traum hatte sie Stewart in einen Juwelendieb verwandelt. Einen Einbrecher, der imstande war, die Bestohlene zu bezaubern.
Violet hätte ihren Traum einfach vergessen, sich zur Seite drehen und weiterschlafen können. Seltsamerweise hatten die Bilder aber eine Suggestion, die ihr das Traumgeschehen weiterhin plastisch vor Augen führte. Sollte dieser Traum eine Aufforderung gewesen sein, die Dinge nicht auf sich beruhen zu lassen?
Clarence Oppenheim war ein solider Detektiv, der über die Sicherheit des Savoy wachte. Seine beeindruckende körperliche Erscheinung trug dazu bei, dass man sich mit dem Hoteldetektiv besser nicht anlegte. Detective Smythe war ein erfahrener Ermittler von Scotland Yard. Auch ihm war zuzutrauen, dass er den Dieb mit den Mitteln der Kriminalistik früher oder später stellen würde. Doch beiden fehlte etwas, das Violet auszeichnete: Sie besaß die Aufmerksamkeit von Gary Stewart. Wenn dieser Mann, Vizepräsident einer Spielwarenfabrik, Witwer, New Yorker, tatsächlich etwas mit den Diebstählen zu tun hatte, besaß Violet die Möglichkeit, es herauszufinden. Seine Bekanntschaft mit Mr Sciapiarelli, das Foto, das einen Dieb zeigte, der Stewart ähnelte – Violet wollte diesen Anhaltspunkten auf den Grund gehen.
Ohne noch einmal eingeschlafen zu sein, stand sie auf, machte sich zurecht und frühstückte mit Maxine. Pünktlich erschien Onkel Henry und trank noch eine Tasse Tee mit ihnen. Maxine verabschiedete sich von der Mama und hopste an Henrys Seite dem Kindergarten entgegen.
Violet trank aus und machte sich auf den Weg in den Golden Pavillon, wo die Frühaufsteher beim Frühstück saßen. Unter ihnen auch Frau Flack. Während Violet mit dem Oberkellner Details für den Lunch besprach, musterte sie die Deutsche. Nichts an ihrem Verhalten deutete darauf hin, dass sie heute Nacht tatsächlich Opfer eines Einbruchs geworden war. Mrs Flack trug eine auffallende Brosche zum fliederfarbenen Kostüm, außerdem eine Halskette. Ihr Schmuck war also genau dort, wo er hingehörte. Es war ein Traum gewesen, weiter nichts.
Beruhigt drehte sich Violet um und wollte ins Büro, als Gary Stewart den Golden Pavillon betrat. Er trug helle Hosen und einen cremefarbenen Pullover. Um den Hals hatte er ein rotes Tuch geschlungen. Sein Aufzug deutete darauf hin, dass er Sport treiben wollte.
Ein rotes Tuch, wieso trägt er ausgerechnet ein rotes Halstuch?, überlegte Violet. Stewart begrüßte sie und meinte, dass heute wieder ein sonniger Tag werden würde.
»Was ist nur aus dem nebeligen, verregneten London geworden?« Er lächelte.
»Haben Sie heute etwas Bestimmtes vor?«, entgegnete Violet mit Blick auf seinen sportlichen Aufzug.
»Wie ist Ihr Verhältnis zu Pferden, Miss Mason?«
»Ich halte mich in gehörigem Abstand von ihnen.«
»Als Engländerin sind sie keine passionierte Reiterin?«
»Vierzig Millionen Menschen leben im Vereinigten Königreich, aber nicht jeder von ihnen kann reiten. Für einen Reitausflug sind Sie allerdings nicht adjustiert, Mr Stewart.«
»Ich bin ein passionierter Kutschenfahrer.« Er ließ sich von ihr an den Tisch begleiten. »Auf der Ranch war das meine liebste Fortbewegungsart. Ein Pferd und eine Kutsche. Deshalb habe ich heute eine gemietet.«
»Wo denn?«
»In Henley‑on-Thames. In einer guten Stunde.«
»Henley liegt in der Nähe von Maidenhead. Wenn Sie in einer Stunde dort sein wollen, müssen Sie sich beeilen.«
Ein Schwall von Gedanken durchzuckte Violet. Wäre eine Kutschenfahrt nicht das Richtige, um mit dem Amerikaner ins Gespräch zu kommen? Aber konnte sie sich ihm einfach als Begleiterin anbieten? Müsste er nicht glauben, sie hätte Interesse an ihm als Mann? Ganz abgesehen davon, dass sie für die Ausfahrt einige Termine absagen müsste.
»Ich hätte gut Lust, Sie einzuladen, mich zu begleiten«, sagte Gary Stewart. »Befürchte aber, dass Ihre Zeit das nicht zulässt.« Abwartend sah er sie an.
»Eine Kutschenfahrt?« Violet legte den Finger an den Mund. »Lassen Sie mich mal überlegen.«