Henry Wilder hatte Angst. Die Angst war sein ständiger, vertrauter Begleiter. Viele Entscheidungen in seinem Leben hatte die Angst geprägt. Henry sah es schon als Erfolg an, wenn er sich nicht durch die Angst vor der Angst überwältigen ließ. Der Zustand war mit vorrückendem Alter nicht besser geworden, im Gegenteil, Henrys Kräfte, sich vor der Angst zu wappnen, hatten nachgelassen. Vor einiger Zeit hatte er versucht, sich aus diesem angstvollen Leben davonzustehlen, nur die Liebe zu Maxine hatte ihn zurückgehalten. Doch dass er in der Fürsorge um sie einen neuen Lebenssinn gefunden hatte, bedeutete noch nicht, dass seine Angst verschwunden war. Sie trat nur ein wenig in den Hintergrund.

Heute beschäftigte sich seine Angst damit, dass jenes Ereignis näher rückte, das er so fürchtete. Er konnte offenbar nichts dagegen unternehmen, dass er mit einem Fest geehrt werden sollte. Violet hatte den Termin für die Geburtstagsparty festgelegt, und auch wenn sich das Hotel Mühe gab, die Vorbereitungen vor ihm zu verheimlichen, bekam Henry doch einiges mit. Neulich waren glitzernde Buchstaben aus Pappmaché an ihm vorbeigetragen worden, er hatte ein H und ein Y entziffert. Als er vorhin am Golden Pavillon vorbeigekommen war, wurde er Zeuge einer Probe des Hotelorchesters unter der Leitung von Maestro Benedetti. Sie stimmten das Lied »There’ll always be an England« an, jene wunderbare Liebeserklärung an seine Heimat, die Henry manche Bombennacht in London überstehen hatte lassen. Gerade wollte er weitergehen, als das Dreißig-Mann-Orchester ein schmetterndes »Happy Birthday« anstimmte.

Kopfschüttelnd war Henry weitergelaufen. Warum taten sie ihm das an? Wusste Violet nicht, wie unangenehm es ihm war, wenn die allgemeine Aufmerksamkeit sich auf seine Person richtete? Henry ertrug es nicht, im Mittelpunkt zu stehen, das war schon immer so gewesen. Darin lag auch der Grund, weshalb nicht er, der Sohn von Sir Laurence, in dessen Fußstapfen getreten war, sondern Violet, die Enkelin. Mit Schaudern erinnerte sich Henrys eines Vorfalls, als während eines Banketts im Savoy eine der royalen Prinzessinnen abgesagt hatte und Onkel Henry neben seiner Majestät dem König platziert worden war. Vor Angst hatte er während des Dinners kein Wort herausgebracht. Eine schwere Bürde für den König, der wegen seiner Sprachstörung ebenfalls nicht für seine flüssige Konversation berühmt war. Ein stummer Hotel-Vizedirektor und ein stotternder König, welch eine Kombination!

Henry hielt es nicht länger aus, im Hotel auf Schritt und Tritt mit Partyvorbereitungen konfrontiert zu werden und trat die Flucht ins Freie an. Ihm blieb noch eine Stunde Zeit, bevor er Maxine vom Kindergarten abholen musste. Er wollte einen Spaziergang machen und das Kind auf dem Rückweg mitnehmen. Als der Chefbutler die Absicht des stellvertretenden Hoteldirektors bemerkte, wollte er ihm Hut und Regenschirm bringen. Henry winkte ab, holte sich beides selbst, stülpte die Melone über, hängte den Schirm über den Arm und warf sich in den Trubel eines Londoner Maitages.

Er entschied sich für seinen Lieblingsspazierweg, entlang des Strand, der geschäftigen Verkehrsader, die parallel zur Themse und gleichzeitig an einigen Theatern vorbeiführte. Aufmerksam las Henry die Ankündigung der Premiere von Lady Windermere’s Fächer im Adelphi Theatre. Er liebte das Stück von Oscar Wilde und nahm sich vor, eine Aufführung zu besuchen. Vor ihm erhob sich die Statue von Samuel Johnson, dahinter wurde der Royal Court of Justice sichtbar. Henry ließ die ehrfurchteinflößenden Mauern hinter sich und kam in eine kleine Gasse, in der alltägliches Leben herrschte. Hier ließ es sich gut flanieren. Er atmete freier und war im Begriff seine Geburtstagsparty zu vergessen.

Bei Weatherby’s, dem Tearoom, saß ein Paar in der Sonne. Nichts hätte alltäglicher sein können als zwei Leute, die das schöne Wetter für einen Besuch bei Weatherby’s nützten und schon nachmittags ein Gläschen Sherry tranken. Henry vertraute auf ein Phänomen, das ihn sein Leben lang begleitete, seine Unauffälligkeit. Er hatte die Aura eines Unsichtbaren. Man bemerkte ihn einfach nicht. Wenn andere danach gierten, in den Focus der Aufmerksamkeit zu rücken, war Henry ein Meister darin, mit dem Hintergrund zu verschmelzen. So auch jetzt. Das Paar an jenem Tisch hatte ihn nicht wahrgenommen. Die beiden plauderten angeregt, mehrmals vernahm Henry das Wort »Cardiff«. Es hätte nicht den geringsten Grund gegeben, dieses Paar zu belauschen, wäre der eine von ihnen nicht Lieutenant Lionel Burke gewesen.

Henry schätzte Lionel. Der nette Offizier hatte Violet während des Krieges die nötige Ruhe gegeben, die Dinge im Griff zu behalten. Lieutenant Burke liebte Violet ganz offensichtlich. Für Henry bedeutete es eine Erleichterung, dass seine Nichte endlich einen Mann gefunden hatte, der nicht wie seine Vorgänger Kraft aus ihr heraussaugten, sondern ihr vielmehr Kraft schenkte.

Das Alter der Frau an Lionels Tisch war schwer zu schätzen. Sie war eine rundliche Dame, die sowohl Ende zwanzig als auch Mitte vierzig sein konnte. Die Sherrygläser waren leer, ihr Gespräch drehte sich immer noch um Cardiff. Henry begriff, dass er kein Recht hatte, dieses harmlose Gespräch zu belauschen und wollte gerade weitergehen, als die Frau den Lieutenant auf die Wange küsste. Sie drückte seine Hand, strich ihm über den Dreitagebart und lachte auf eine Weise, wie Frauen lachten, wenn sie große Vertrautheit zum Ausdruck brachten.

Henrys Wunsch, die Szene unerkannt zu verlassen, wurde so dringend, dass er sich nach einem Gegenstand umsah, hinter dem er sich verstecken konnte. Die Tafel mit der Liste aktuell eingetroffener Teesorten war dafür zu niedrig, der Erker des Nachbarhauses zu weit entfernt. Henry erwog, die Melone abzunehmen, vor sein Gesicht zu halten und weiterzugehen. Besser noch, er spannte den Regenschirm als Schutzschild auf! Henry bediente den Mechanismus, doch genau jene Bewegung war es, die ihn seine Unsichtbarkeit verlieren ließ. Das Pärchen blickte auf. Lionel erkannte Violets Onkel.

Den Lieutenant erfasste so namenloses Staunen, eine so existenzielle Verwirrung, dass er nach Luft schnappte, sich mit der Hand an die Augenbrauen fasste und stammelte: »Na, das ist ja eine Überraschung.«

Henry stand mit aufgespanntem Regenschirm vor strahlend blauem Himmel und starrte den Liebsten seiner Nichte an, dem alle Farbe aus dem Gesicht wich. Die Frau dagegen schien der Vorfall zu amüsieren.

»Willst du uns nicht vorstellen?«, schlug sie vor.

»Sicher – natürlich. Darf ich vorstellen: Mr Henry Wilder, und das ist Mrs Irene Dermott.«

Henry machte eine korrekte Verbeugung, Irene neigte den Kopf. »Wollen Sie sich nicht zu uns setzen, Mr Wilder?« Sie wies auf den freien Stuhl.

»Wir sollten Mr Wilder nicht aufhalten«, ging Lionel dazwischen und erntete einen überraschten Blick seiner Begleiterin.

Henry war die Szene unendlich peinlich. Er wollte nicht wie ein Spanner wirken, der einer pikanten Situation auf der Spur war, die wahrscheinlich nur in seinem Kopf existierte. Er wollte nicht wie jemand wirken, der in eine harmlose Szene etwas Anrüchiges hineindeutete, wollte sich in Luft auflösen oder, noch besser, getragen von seinem Regenschirm, davonfliegen. Er hätte Lionels Bemerkung aufgreifen und sich verabschieden können, aber so war Onkel Henry nicht gestrickt. Er stellte einen Mann voller Komplexe und Schuldgefühle dar und hatte Angst, Mrs Dermott zu beleidigen, sofern er ihre Einladung ablehnte.

»Danke, ein paar Minuten bleibe ich gerne.« Während er sich setzte, fiel ihm eine französische Redewendung ein: Honi soit qui mal y pense. Eine unpassende Phrase, da es nichts Übles über die beiden zu denken gab. Sie tranken zusammen Sherry – was konnte harmloser sein?

Irene winkte dem Kellner. »Wir nehmen noch dreimal dasselbe.«

Henry hatte Angst. Angst, dass er etwas aufgedeckt hatte, das ihn nichts anging, Angst, er könnte dem Lieutenant mit seiner Vermutung unrecht tun, Angst, dass der Sherry seiner chronischen Gastritis nicht bekommen würde. Erstarrt vor Angst, blieb er sitzen und erfuhr, dass Lionel und Mrs Dermott alte Bekannte seien.