Henley‑on-Thames war ein verträumter Ort. Verträumt schmiegte sich das Städtchen an der milde dahinfließenden Themse entlang, verträumt verband die alte Bogenbrücke die Ufer. Die Häuser wirkten in die Jahre gekommen und doch frisch herausgeputzt, der mächtige Kirchturm überragte alles, dahinter erhoben sich die Hügel von Oxfordshire. Henley‑on-Thames galt als Zentrum des Rudersports. Jeden Sommer fand hier die Henley Royal Regatta statt, ein gesellschaftlicher Höhepunkt für die Oberschicht. Auch die Ruderwettbewerbe der Olympischen Sommerspiele 1908 waren auf der traditionsreichen Strecke auf der Themse ausgetragen worden.

Als Zentrum des Kutschensports galt Henley‑on-Thames dagegen nicht. Dabei verfügte man hier über alles, was gebraucht wurde. Man hatte Pferde, man hatte Kutschen. Gary Stewart, der New Yorker mit ehemaliger Farm in Texas, wollte in Henley eine Zweispännerfahrt unternehmen.

Der Zug hatte Violet und ihn in die Ortschaft westlich von London gebracht. Man erwartete den Gast auf dem Pferdehof, die kaffeebraunen Halbblüter waren bereits angespannt worden. Der Halter erkundigte sich nach den Erfahrungen des Amerikaners, beobachtete, wie routiniert Stewart die Zügel ergriff, schlug eine Route über Peppard Common, Highmoor und Middle Assendon vor, von wo sie in knapp zwei Stunden wieder zurückgekehrt sein sollten und überließ Stewart und seine Begleiterin dem Vergnügen.

»Ich warte schon die ganze Zeit darauf, wann Sie mich fragen, wieso ich Sie begleite, Mr Stewart«, begann Violet, nachdem sie die letzten Häuser Henleys hinter sich gelassen hatten.

»Liegt das nicht auf der Hand?« Er hielt die Zügel gelassen zwischen Mittelfinger und Daumen. »Ich habe Sie eingeladen.«

»Und Sie sind selbstverständlich davon ausgegangen, dass ich einwillige?«

»Als New Yorker hätte ich mein Angebot vielleicht galanter vortragen sollen, aber in Texas hält man es immer noch so, dass die Männer die Frauen nicht lange fragen.«

»Sie setzen die Frauen also einfach in eine Kutsche und brausen mit ihnen davon?«

»So macht man das in Texas.«

»Wo in Texas, Mr Stewart? Ich meine in welcher Gegend.«

»Kennen Sie sich in Texas denn aus?« Eines der Pferde wollte aus dem Tritt ausbrechen. Stewart parierte mit dem Zügel. »Wo sind Sie eigentlich geboren, Miss Mason?«

Er hatte ihre Frage nicht beantwortet. Doch Violet wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. »Im Savoy natürlich.« Auf sein ungläubiges Lächeln nickte sie. »Die Wehen sind so schnell gekommen, dass meine Mutter keine Zeit mehr hatte, ins Krankenhaus zu fahren.«

Er lenkte die Pferde in eine Kurve, hinter der die gepflasterte Straße endete. Über einen Feldweg ging es in die Hügel. »Was machen Ihre Eltern heute? Im Savoy hört man immer nur von Ihrem legendären Großvater.«

»Meine Mutter starb, als ich sechs war. Und mein Vater …« Sie seufzte. »Er ist wahrscheinlich immer noch auf Achse.«

»Was bedeutet das, auf Achse?«

»Daddy ist Komiker und Conferencier. Schmierenschauspieler trifft es wahrscheinlich besser. Er tingelt mit einer Theatertruppe durch das Königreich. Ich habe ewig nichts mehr von ihm gehört.«

»In Amerika heißt es, wenn jemand zu einem Tourneetheater geht, ist die Polizei hinter ihm her.«

»Das könnte bei meinem Vater durchaus zutreffen.« Violet nahm die Sonnenbrille ab. »Ist man auch hinter Ihnen her, Mr Stewart?«

»Wie kommen Sie darauf?«, fragte er mit offenem Lächeln.

»Sie tingeln gewissermaßen auch durch die Welt, bewaffnet mit Ihrem Musterkoffer und Ihrem Spielzeug.«

»Sie sagen das irgendwie so, dass ich annehmen könnte, Sie meinen etwas anderes damit.«

»Was könnte ich denn in Wirklichkeit meinen?« Sie fuhren in ein tiefes Schlagloch. Die Kutsche schwankte, Violet musste sich festhalten. »Wollen Sie mir Ihre Musterkollektion einmal zeigen?«

»Als Vizepräsident schleppe ich doch keine Musterkoffer mit mir herum.«

»Wirklich nicht?«

Stewart zog die Zügel an. Nach ein paar Yards standen die Pferde still. »Was wollen Sie mir mit diesen Andeutungen sagen, Miss Mason?«

»Wieso Andeutungen, wenn ich über Spielzeug in Koffern spreche?«, entgegnete sie harmlos.

»Sie verabreden sich mit einem Mann, den Sie kaum kennen und fahren mit ihm im Pferdewagen durch Oxfordshire.« Er ließ die Halbblüter antraben. »Ich sollte mich geschmeichelt fühlen, dass eine Frau wie Sie einem Witwer wie mir so viel Aufmerksamkeit schenkt.«

»Stört Sie das?«

»Im Gegenteil, ich habe Freude an unserem Ausflug.« Er wandte sich nach hinten. »Wir könnten sogar ein Picknick machen. Der Pferdebesitzer hat uns einen Korb eingepackt, in dem es nach frisch gebratenem Hähnchen duftet.«

»Eine glänzende Idee, ich habe seit dem Frühstück nichts mehr gegessen.« Violets Hand umkrampfte noch den Haltegriff des Wagens. Sie ließ los und lehnte sich zurück.

Eine Weile schaute Stewart auf den staubigen Weg. »Was versprechen Sie sich davon, so nett zu mir zu sein, Miss Mason?«

»Bestimmt etwas anderes, als Sie vermuten.«

»Sie glauben wahrscheinlich, dass ich nach Europa gereist bin, um über den Tod meiner Frau hinwegzukommen. Vielleicht nehmen Sie sogar an, ich sei hier, um mir eine neue Frau zu suchen.«

»An diese Möglichkeit habe ich ehrlich gestanden zuletzt gedacht.« Sie schmunzelte. »Weshalb sind Sie denn wirklich hier, Gary? Stört es Sie, wenn ich Sie Gary nenne?«

Die Kutsche tauchte aus dem Licht des Feldweges in den Schatten eines Ulmenwaldes ein.

Stewarts Ausdruck wechselte ebenso überraschend. »Sie sind eine Frau, die ihre Wirkung auf Männer kennt, Miss Mason. Sie wissen allerdings nie, ob Sie selbst auf die Männer wirken oder nur Ihre Position.« Ein herausfordernder Blick. »Violet Mason, die Herrin des schönsten und elegantesten Hotels der Welt. Die Frau, um die sich die Gesellschaft schart und die die Mächtigen der Erde in ihrem Haus beherbergt. Sie sind auf Du und Du mit der Regierung und vertraut mit dem Königshaus. Jeder Künstler, der seine Karriere ankurbeln möchte, gibt seine Interviews im renommierten Savoy. Sie sind zu beneiden und zugleich zu bedauern, Miss Mason, weil Sie nie herausfinden werden, ob ein Mann es ehrlich mit Ihnen meint.«

Mitten im Wald wurde es dämmerig und kühl. Violet fragte sich, was Gary Stewart zu dieser Provokation veranlasst hatte. »Nur weil ich eine Ausfahrt mit Ihnen mache, heißt das nicht, dass ich an Ihnen als Mann interessiert bin.«

Zum zweiten Mal hielt er den Wagen an. Die Pferde begannen, von den Zweigen der Ulmen zu fressen. »Was wollen Sie dann von mir?« Schärfer, gläserner klang seine Stimme.

Sie war allein im Wald mit einem Mann, der möglicherweise unter einem Decknamen im Savoy abgestiegen war. Vielleicht hieß dieser Mann in Wirklichkeit Descoyne, war kein New Yorker, sondern Belgier und ein international gesuchter Juwelendieb. Vielleicht hatte er sich in Violets Haus eingeschlichen, um seine Laufbahn als Einbrecher wieder aufzunehmen. Vielleicht war er sogar der Mörder des bedauernswerten Mr Sciapiarelli. Violet verfluchte ihre Idee, auf eigene Faust Detektiv spielen zu wollen.

»Vor allem möchte ich wieder in die Sonne«, sagte sie leise. »Ich friere, Mr Stewart.«

»Und ich habe einen Bärenhunger.« So überraschend, wie seine Kälte gekommen war, so schnell verflog sie wieder. Er schnalzte mit der Zunge, die Pferde setzten sich in Gang.

»Wo wollen wir picknicken?«, fragte sie.

»Ich habe schon einen Platz dafür ausgesucht.« Durch das Blätterdach fiel Licht und sprenkelte ihren Weg.

»Ich dachte, Sie waren noch nie in Oxfordshire.«

»Ich habe mich unklar ausgedrückt. Der Reitstallbesitzer sagte mir, dass wir gleich hinter dem Ulmenwald auf eine Anhöhe kommen, von wo man einen wunderbaren Blick über die Landschaft hat.«

Das pralle Mittagslicht traf sie wie ein Schlag. Die Kutsche schoss aus dem Wald, Stewart schien es mit einem Mal eilig zu haben. Er feuerte die Pferde an, ließ sogar einmal die Peitsche schnalzen. Der Weg führte steil bergauf. Nach ein paar Minuten hielten sie auf einer Kuppe. Im Schatten einer ausladenden Eiche brachte Stewart das Fuhrwerk zum Stehen. Er sprang ab und half Violet herunter.

Die Frühlingsfarben ließen sie für einen Augenblick den sonderbaren Umstand ihrer Unternehmung vergessen. Ein zarter, weicher, zugleich befreiender Blick breitete sich vor ihnen aus. Die Grüntöne der Felder, eingerahmt durch Baumspaliere und Weidemauern, von den Bauern aus den Steinen errichtet, die sie mühsam von den Feldern gesammelt hatten, die Waldstücke, die sich an die Ausläufer der Hügel schmiegten, die hübschen alten Häuser mit ihren roten, meist jedoch schwarzen Schieferdächern, die Themse, die sich als unaufhörliches Band durch die Landschaft wand, bis sie irgendwann auf die Hauptstadt treffen und von dort ihren Weg ins Meer fortsetzen würde – all das erschien Violet so beruhigend, dass sie jegliche Angst verlor und auch ihre Scheu, den Stier bei den Hörnern zu packen.

Während Stewart den Korb öffnete, fragte sie: »Ist das nicht wunderschön, Antoine?«

Er hielt einen Moment lang inne, dann breitete er eine Decke auf die Wiese und stellte den Korb darauf. »Wie haben Sie mich gerade genannt?«

»Da es Ihnen scheinbar nicht gefallen hat, als ich Sie Gary nannte, versuche ich es diesmal mit Antoine.« Sie setzte sich.

»Wer soll das sein, dieser Antoine?« Er klappte den Deckel auf.

»Antoine Descoyne, der gesuchte Juwelendieb.«

Er brachte zwei Flaschen Holunderwein zum Vorschein. »Ein Juwelendieb? Ach, richtig, ich habe davon gehört, im Hotel soll es Einbrüche gegeben haben. Sehr bedauerlich für das Savoy und seine Gäste. Aber was habe ich damit zu tun?«

Der Blick zwischen ihnen dauerte eine ganze Weile. Schließlich wandte Violet den Kopf. »Wollen wir jetzt essen?«

»Gern.« Er hob einen Korb heraus, in dem ein Brathuhn appetitlich angerichtet war.

»Ich hoffe, Sie geben nicht gleich zu, dass Sie Antoine Descoyne sind, sonst fehlt unserem Lunch die Würze.« Ihr Lachen klang angestrengt.

»Da ich nun einmal Gary Stewart bin, bin ich gespannt, wie Sie mich vom Gegenteil überzeugen wollen.« Er machte es sich auf der Decke bequem und wickelte die Hühnerkeule aus der Serviette.

Violet hatte die Wahl. Sie konnte sich jetzt bei ihm entschuldigen, aber wenn sie weitermachte, musste sie handfestere Argumente präsentieren. Ihren Hotelgast grundlos mit einem schwerwiegenden Verdacht zu konfrontieren war unmöglich.

»Vor zwei Tagen hat es einen Todesfall im Hotel gegeben«, begann sie.

»Wirklich?« Er biss kräftig ab.

»Wissen Sie, wer gestorben ist?«

»Woher sollte ich? Ich nehme an, dass das Savoy Ereignisse dieser Art vor seinen Gästen geheim hält.«

»Sie kannten diesen Toten.«

Er hielt im Kauen inne. »Niemand, den ich kenne, ist in den letzten Tagen gestorben.«

»Der Mann ist aus dem Fenster seines Zimmers gestürzt.«

»Ein Unfall?«

»Es war Mord.«

Stewart legte das Hühnerbein beiseite und hob die Flasche an den Mund.

»Wollen Sie gar nichts dazu sagen?«

»Wie hieß dieser Mann?«

»Sciapiarelli, Angelo Sciapiarelli. Er hat in der Spielzeugbranche gearbeitet, genau wie Sie.«

»In London findet gerade eine große Messe statt. Wissen Sie, wie viele unseres Gewerbes sich dort tummeln?«

»Hören Sie auf, Gary oder Antoine, oder wie immer Sie heißen«, ging Violet dazwischen. »Scotland Yard hat Sie über diesen Mann verhört.«

Stewarts Blick hellte sich auf. »Ach, das meinen Sie.« Er nahm einen kräftigen Schluck. »Die Polizei hat mich gefragt, ob ich einen bestimmten Spielzeugvertreter kenne. Dass der Mann gestorben ist, hat man mir allerdings verschwiegen.«

»Das glaube ich Ihnen nicht. Sie waren es, der Mr Sciapiarelli das Savoy empfohlen hat. Das haben Sie dem Detective von Scotland Yard gesagt.«

Stewart seufzte. »Na schön, da Sie ja sonst keine Ruhe geben, erzähle ich es Ihnen. Aber bitte essen Sie doch auch etwas. Es wäre schade um das Hühnchen.«

Violet ließ den Picknickkorb unberührt.

»Vor der Londoner Messe gab es eine Konferenz der Spielzeugfirmen in Dublin. Ich kam dort ins Gespräch mit einem Kollegen, ich kannte seinen Namen nicht. Er hatte vor, in London abzusteigen und fragte mich nach einem preisgünstigen Hotel. Ich konnte ihm nicht helfen, da ich selbst im Savoy gebucht hatte, das ja nun nicht für seine günstigen Preise bekannt ist. Der Gentleman machte auf mich nicht den Eindruck, als ob er sich Ihr Haus leisten könnte. Danach haben wir uns aus den Augen verloren.«

»Woher wussten Sie dann, dass die Polizei diesen Mann meinte, als sie Sie verhört hat?«

»Ich wurde nicht verhört. Man hat Erkundigungen eingezogen und mir eine Fotografie von Mr Sciapiarelli gezeigt. Mir fiel unsere harmlose Begegnung in Irland wieder ein. Ich war überrascht, dass er schließlich doch im Savoy abgestiegen war.«

Stewart hatte auf alles eine Antwort. Mühelos verwandelte er Violets Theorie in das, was sie möglicherweise war, ein Hirngespinst. Mit ihrem Frage- und Antwortspiel kam sie sich plötzlich lächerlich und hilflos vor. Dieser Mann sprach einen breiten amerikanischen Akzent. Er war braungebrannt wie jemand, der sich viel im Freien aufhielt. Eine solche Bräune war in Belgien kaum zu kriegen. Violets Anschuldigungen ließen ihn völlig kalt, im Gegenteil, sie regten sogar seinen Appetit an. Nach der Keule griff er zu einem Bruststück. Violet ärgerte sich, dem Ausflug zugestimmt zu haben. Im Hotel gab es eine Unmenge an Arbeit, sie aber saß unter einer Korkeiche und redete dummes Zeug.

»Haben Sie die Herzogin von Londonderry beraubt, Mr Stewart?«, fragte sie mit wachsender Hilflosigkeit.

»Nein«, sagte er ohne Nachdruck.

»Sie haben sich neulich im Casino nach einer Juwelenkollektion erkundigt.«

»Haben Sie die Schmuckvitrine nicht extra dort aufstellen lassen, damit Ihre Gäste etwas kaufen?«

»Sie interessieren sich für Schmuck.«

»Ist das ein Verbrechen?«

»Für wen wollten Sie denn etwas kaufen?«

»Jetzt hören Sie mir mal zu, Miss Mason.« Mit entschlossenem Griff packte er Violets Unterarm.

»Wer steht als Nächstes auf Ihrer Liste? Die Juwelen der Deutschen, Frau Flack, sollen außergewöhnlich sein. Wäre das nicht das Richtige für Sie, über die Fassade bei Mrs Flack einzusteigen?«

Ohne Violet loszulassen, kniete er sich vor sie hin. »Mein Name ist Stewart. Ich bin Witwer. Ich lebe in New York. Meine Frau hat mir ihre Farm hinterlassen, auf der zwanzig Ölbohrtürme stehen. Ich bin ein wohlhabender Mann. Ich bin reich. Ich habe es nicht nötig, durch Ihr Hotel zu schleichen und die Klunker von alten Damen abzuräumen.«

»Sie haben einen harten Griff, Mr Descoyne. Der Griff eines Einbrechers.«

»Ich bin nicht Descoyne.«

»Weshalb sind Sie mit mir hier herausgefahren, Mr Descoyne?«

Mit einer mühelosen Bewegung drehte er sie zu sich herum, fasste Violet im Rücken und küsste sie leidenschaftlich.

»Mein Name ist Gary Stewart«, sagte er lächelnd. »Bitte vergessen Sie das nicht.«