»Guten Abend.«

July hatte ihr bescheidenes Zimmer so nett zurechtgemacht, wie es ging. »Guten Abend«, begrüßte sie ihn. »Ich hatte schon gedacht, Sie kommen nicht mehr.«

Mit Hut und Mantel trat er ein. »Ich habe es nicht gleich gefunden.«

Sie nahm ihm den Hut ab. »Die Korridore in diesem Trakt sind verwirrend.«

»Ich habe eigentlich erwartet, dass Sie ein wenig erschrecken werden, wenn ich plötzlich bei Ihnen auftauche.«

»Erschrecken?« Ihr Lachen klang unsicher. »Ich freue mich über Ihren Besuch.«

»Haben Sie lange gewartet?«

»Gerade lange genug, damit der Tee fertig ist.«

»Tee?« Ein wenig unbeholfen stand er in Julys Zimmer. »Ich hatte gehofft, wir würden vielleicht ein Glas Wein zusammen trinken. Ich kann den dreimal verfluchten englischen Tee nicht mehr sehen.«

»Ich habe leider keinen Wein hier.« Sie drehte sich zu der winzigen Kochgelegenheit unter dem Fenster. »Dafür müsste ich nach oben gehen und einen der Zimmerkellner fragen.«

»Zu viele Umstände«, antwortete Sir Tyrone. »Ich bin ja eigentlich hier, um Ihr freundliches Gesicht zu sehen, Miss July.«

Ohne rechten Sinn hantierte sie mit dem Teegeschirr. »Wirklich?«

»Ich wollte auch sehen, wie Sie wohnen.« Er zeigte zur offenen Tür. »Ich glaube, es hat mich niemand kommen sehen.«

»Ob Sie jemand bei mir sieht, kümmert mich nicht.« Sie begriff, dass sie ihn falsch verstanden hatte. »Aber es ist natürlich besser, dass Sie niemand gesehen hat, Euer Gnaden.«

»Fangen Sie schon wieder damit an?«

Entschlossen trat July an die Tür und machte sie leise zu.

»Das ist also Ihr Zimmer. Sehr hübsch.«

»Hier wohnte früher einmal meine Tante, Mrs Drake. Als Hausdame hat sie ein Anrecht auf ein größeres Quartier, mit eigenem Fenster und einer Kochnische. Ich habe also Glück gehabt.«

»Stimmt, es ist ziemlich feudal.« Sie lachten. »Wieso wohnt Ihre Tante nicht mehr hier? Mrs Drake arbeitet doch noch im Savoy, nicht wahr?«

»Ohne sie würde der alte Kasten bestimmt zusammenbrechen. Aber Tante Mildred ist in den Keller umgezogen.«

»Freiwillig?«

»Das ist eine sonderbare Geschichte.« Sie lehnte sich an die Anrichte. »Im Savoy gab es früher einen geheimnisvollen Keller, der im Krieg vom britischen Geheimdienst benützt wurde. Das hat Tante Mildred mir jedenfalls erzählt. Während der Luftangriffe brach dort ein Feuer aus. Alles, was unter der Erde lag, ist verbrannt. Miss Mason hat die Räume nach Kriegsende renovieren lassen. Wissen Sie, was sich jetzt dort befindet?«

Er schüttelte den Kopf.

»Das Spielcasino.«

Er folgte ihrer Geste und setzte sich auf den einzigen Stuhl. »Ich bin schon dort gewesen.«

»Neben dem Casino war aber noch genügend Platz übrig. Außerdem gibt es einen zweiten Eingang. Mrs Drake hat darum gebeten, dort wohnen zu dürfen.«

»Ich verstehe es noch nicht ganz. Niemand würde freiwillig unter die Erde ziehen.«

»Tante Mildred hat eine seltene Allergie«, antwortete July nach kurzer Pause. »Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Das Tageslicht tut ihr in den Augen weh.«

»Das muss fürchterlich für jemanden in ihrem Beruf sein. Jetzt erinnere ich mich, Ihre Tante meistens mit einer dunklen Brille gesehen zu haben.«

»Es ist schlimm. Tante Mildred hat schon überlegt, die Stelle eines Nachtportiers zu übernehmen.«

»Das wäre immerhin eine Lösung.« Da ihm nichts weiter einfiel, blickte er sich ein zweites Mal um.

»Aber Sie sehen ja gar nichts.« July drehte das Deckenlicht an.

»Nein, bitte, lassen Sie. Ich fand es vorher netter.« Er stand auf und trat ans Fenster. »Was ist das für ein Gebäude, das man dort drüben sieht?«

»Die Wäscherei.«

»So, ach ja. Kein schlechter Ausblick.«

»Ach herrje!« Sie lachte. »Verglichen mit Ihrem Blick aus der Erkersuite?«

»Von uns aus sieht man den Fluss, das stimmt. Aber mich macht die Themse meistens traurig.«

»Ich finde den Fluss immer schön, zu jeder Jahreszeit.«

»Das liegt nicht am Fluss, July, dass Sie das so sehen.«

»Sondern?« Sie trat näher.

»Es liegt an Ihnen. Sie strömen ein Glück aus, eine Offenheit, einen Optimismus, der … der mir nicht gegeben ist. Für mich ist die Themse ein brackiges Wasser, verunreinigt durch Fabriken, die ihren Dreck in den Fluss leiten. Er fließt träge dahin, so träge wie das Leben selbst.«

»Das Leben, träge?« Da musste sie aber lachen. »Das Leben ist ein Rennen, Sir Tyrone! Man wird mit der Arbeit nie rechtzeitig fertig. Das bisschen Freizeit muss erkämpft werden. Die ständige Konkurrenz, die ständigen Ideen, die einem durch den Kopf schießen. Das will alles gelebt werden, Tyrone, alles!« Durch die Hitze ihrer Rede war sie rot geworden.

»Ihr Leben mag tatsächlich so sein, reizende July«, erwiderte er versonnen. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich Sie darum beneide. Sie stehen in Ihrer Küche und machen aus den alltäglichen Dingen, Tomaten, Roten Rüben und Kohlköpfen kleine Kunstwerke.« Für einen Moment berührte er ihre Schulter. »Mein Leben sieht anders aus. Daran kann leider auch die Erkersuite im Savoy nichts ändern.«

»Wie sieht denn Ihr Leben aus, Tyrone?« Als er seine Hand zurückziehen wollte, hielt sie ihn fest.

»Mein Leben ist leise. Der Herzschlag ist kaum noch zu spüren. Das Blut hat keine Kraft. Es zirkuliert nicht wie bei Ihnen, kraftvoll, voller Lebenslust. Ich will mich nicht beklagen …« Er schüttelte den Kopf. »Und tue es doch ständig. Ich beklage mich sogar bei Ihnen. Das ist erbärmlich.«

»Nein, Tyrone. Wenn man unglücklich ist, ist das nicht erbärmlich.«

»Sondern?«

»Traurig. Aber gegen Traurigkeit kann man etwas tun.«

Voll Wärme sah er sie an. »Wenn du das sagst, klingt es einfach.«

»Das ist es auch.«

»So still ist es bei dir.« Er setzte sich wieder.

»Oh, tagsüber ist es laut genug. Die Wäscherei macht einen gehörigen Lärm.«

»Jetzt am Abend –« Er nahm ein Zigarettenetui aus der Tasche. »Möchte ich nirgendwo lieber sein als in diesem Zimmer mit Blick auf die Wäscherei.« Er ließ das Etui aufschnappen. »Stört es dich?«

»Nein. – Da fällt mir etwas ein.« Sie bückte sich und öffnete den Unterschrank. »Manchmal habe ich Lust, mir meinen Tee ein wenig abzukühlen

»Womit?«

Grinsend kam sie hoch. »Damit.«

»Rum?«

»Sie glauben jetzt natürlich, das sei billiger Fusel. Es ist der beste Rum der Welt. Ich habe …« Sie legte den Finger an den Mund. »Ich habe ihn geklaut.«

»Was?«, rief er mit gespielter Entrüstung.

»Wir hatten einen Gast aus Havanna hier. Der hat meiner Tante Rum aus seiner Heimat geschenkt. Mrs Drake rührt grundsätzlich keinen Alkohol an. Monat für Monat stand die Flasche bei ihr im Schrank. Da habe ich mich irgendwann bedient. Wollen Sie mal probieren?«

»Das wäre die Krönung dieses zauberhaften Besuchs. Gerne, July.«

Sie goss zwei Wassergläser halb voll. »Wohl bekomm’s, Tyrone.«

Er stieß mit ihr an. »Wenn du wüsstest, wie froh ich bin, dich kennengelernt zu haben.«

Sie tranken, er hustete, sie lachte.

»Das ist …« Er räusperte sich. »Ein ungewöhnlich starkes Zeug.«

»Zweiundfünfzig Prozent. Verzeihen Sie, das hätte ich Ihnen sagen sollen.«

Tyrone lehnte sich zurück. »Bin ich tatsächlich zum ersten Mal hier? Mir kommt irgendwie alles so vertraut vor. Was ist das für ein Bild?«

»Es heißt Katze

Er betrachtete es genauer. »Es ist aber keine Katze darauf zu sehen.«

»Sehen Sie genauer hin. Nein, ich muss es anders sagen. Wenn Sie das Bild mit halb geschlossenen Augen betrachten, wird aus der sommerlichen Landschaft plötzlich …«

»Eine Katze«, rief er überrascht. »Ja, ich sehe den Schwanz, die Schnurrbarthaare, die geheimnisvollen Augen. Wo hast du es her?«

»Tante Mildred hat es mir geschenkt, als ich eingezogen bin. Es ist kein Meisterwerk, aber für mich sagt es etwas aus.«

»Wer ist der grimmig dreinschauende Herr daneben?« Er zeigte auf eine Fotografie, die an die Wand gepinnt war.

»Erkennen Sie ihn nicht? Das ist Houdini.«

»Der Entfesselungskünstler?«

»Ich habe eine Theatervorstellung von ihm gesehen.«

»Wirklich?« Er überlegte. »Das ist unmöglich, July. Houdini ist in den zwanziger Jahren gestorben. Da dürftest du gerade erst geboren worden sein.«

»Natürlich nicht in Wirklichkeit«, klärte sie ihn auf. »Im Kino. Dort haben sie Filme über seine unglaublichen Fähigkeiten gezeigt. Er konnte sich unter Wasser entfesseln. Einmal hat er einen Elefanten auf dem Times Square in New York verschwinden lassen.«

Tyrone lächelte über ihre Begeisterung. »Warum hängst du dir Harry Houdini ins Zimmer?«

»Tante Mildred behauptet …« Sie trank vom Rum. »Er soll meinem Vater ähnlich gesehen haben.«

»Was ist mit deinen Eltern? Sind sie –?«

»Tot. Beide.«

»Das tut mir leid.« Taktvoll fragte er nicht weiter. »Houdini ist an Appendizitis gestorben, glaube ich.«

Das Thema begeisterte sie sichtlich. »Das war kein gewöhnlicher Blinddarmdurchbruch. Houdini hat behauptet, dass er jeden Schlag gegen seinen Unterleib durch Anspannung der Bauchmuskeln unversehrt überstehen kann. Er hat es auch bewiesen, jahrelang. Bis ihm eines Tages ein Student vor einer Vorstellung mehrere Hiebe in den Bauch versetzt hat. Houdini konnte sich darauf nicht vorbereiten. Er hat die Vorstellung trotzdem gespielt. Kurz darauf ist er im Krankenhaus gestorben.«

»Der Mann scheint dich nicht nur zu faszinieren, weil er deinem Vater ähnlich sieht.« Tyrone richtete sich auf. »Weißt du, was hier drin fehlt? Ein paar Blumen.«

»Blumen wären schön, aber sinnlos.«

»Wieso?«

»Weil ich praktisch nur zum Schlafen hier bin. Im Restaurant des Savoy zu kochen, ist ein Rund‑um-die-Uhr-Job.«

»Ich werde dir trotzdem ein paar Blumen …« Er unterbrach sich.

»Was wollten Sie sagen?«

»Dass ich dir morgen frische Blumen schicken würde.«

Sie sah ihn forschend an. »Und jetzt tut Ihnen die Idee schon wieder leid?«

»Nein, es würde mich freuen. Ich weiß nur nicht, ob ich morgen noch in London sein werde.«

»Sie reisen ab? Mit Ihrer Mutter?«

»Mama bleibt hier. Sie hat noch Angelegenheiten wegen ihrer gestohlenen Juwelen zu regeln.«

»Weshalb reisen Sie ab?«

Er stand auf. Die Stimmung war plötzlich verflogen. Auf eine Geste Tyrones gab sie ihm seinen Hut.

»Wie schön und einfach das hier ist – bei dir«, sagte er mit Blick aus dem Fenster.

»Sie machen sich über mich lustig.«

Sein Gesicht wurde mit einem Mal ganz ernst. »Nein, gewiss nicht. Es gibt Augenblicke, die so etwas wie Ewigkeit in sich tragen, July. Es ist die einzige Ewigkeit, die wir verstehen können. Gerade habe ich sie erlebt. Hier bei dir.«