Frau Gudrun Flack hatte bei Shelley’s, dem königlichen Damenausstatter, eine Bluse gekauft, weiß, mit einem zarten lindgrünen Flammenmuster über der Brust. Sie war in der Milford Street eingekehrt, um eine Kleinigkeit zu essen, verfluchte die Idee aber nach ein paar Bissen. Die Briten waren imstande, selbst eine simple Kartoffelsuppe mit Lauch und Rindfleisch praktisch ungenießbar zu machen.
Frau Flack spazierte durch die City. Ihr Schuhschrank war überfüllt, sie nahm sich daher vor, nicht noch ein weiteres Paar hinzuzufügen. Ihre Selbstbeherrschung erlahmte schon vor dem dritten Schaufenster. Sie trat ein und ließ sich beraten.
Im Taxi kehrte Frau Flack ins Savoy zurück. Der Fahrer brachte ihre Einkäufe die Stufen zum Eingang hoch und übergab sie dem Doorman. Der Doorman geleitete Frau Flack in die Lobby und reichte die Einkäufe an einen Valet weiter. Der Valet rief den Fahrstuhl und fuhr mit dem Hotelgast in die vierte Etage. Frau Flack gab ihm den Zimmerschlüssel, er sperrte auf und trug ihre Einkäufe in die Suite. Sie steckte ihm ein Trinkgeld zu, er verbeugte sich, lief zur Tür und schloss sie von außen.
Frau Flack zog sich aus. Nach dem stundenlangen Flanieren durch London transpirierte sie unverhältnismäßig. Die Jahre, die verfluchten Jahre, dachte die Richtersgattin, während sie sich auszog und ein Bad einließ.
In Unterwäsche verspürte sie plötzlich Lust, die neuen Schuhe nochmals anzuziehen, nahm sie aus dem Karton und schlüpfte hinein. Sie machten einen schmalen Fuß, waren allerdings um eine Winzigkeit zu groß. Frau Flack wollte sich Einlagen anpassen lassen. Getragen von den Pumps, lief sie mit wiegenden Hüften ins Bad. So sollte mein Eberhard mich mal sehen, dachte Frau Flack, entkleidete sich vollends und stieg ins Wasser.
Eingehüllt in Badeschaum sinnierte sie über das Ende des Tages, der vor dem Fenster allmählich erlosch und einem Frühlingsabend Platz machte. Sie philosophierte, wie sonderbar es doch sei, dass sich ihre Welt zu Hause vollkommen verwandelt hatte. Gedemütigt stand der deutsche Mensch nach dem Krieg da, während sie von dieser Verelendung verschont geblieben war. Ihr Mann büßte für die Sünde, an eine großartige Idee geglaubt zu haben. Natürlich hatte auch Frau Flack daran geglaubt, ihre Haltung zum Nationalsozialismus war jedoch nie überprüft worden. Wahrscheinlich hatte sie Hitler noch mehr verehrt als der gute Eberhard. Nach der Totgeburt der deutschen Demokratie, die jahrelang erfolglos vor sich hingedümpelt hatte, war Hitler ein wahrer Heilsbringer gewesen. Mit ihm hatte das Leben wieder zu strahlen begonnen. Die schönen Jahre, dachte Frau Flack im Bad. Ihre wunderbare Villa in Heidelberg, ihr Mann ein Geachteter unter den Honoratioren, sie selbst die Initiatorin von allerlei Komitees, Gründerin eines Lesezirkels, Vorsitzende der »Freunde des Stadttheaters«. Auf jeder Opernpremiere war Gudrun mit Eberhard gewesen. Lohengrin oder Tiefland, Hitlers Lieblingsoper – was für einmalige Abende waren das, genussreich, sorgenfrei.
Hitler hätte nicht unbedingt einen Krieg anzetteln müssen, dachte sie im Bad. Niemand in Deutschland wollte den Krieg, der Führer hätte besser auf die Stimmung im Volk hören sollen. Eberhard hatte einrücken müssen, nicht an vorderster Front, man brauchte ihn für die Militärgerichte. Entschlossen und sachlich hatte er in Griechenland zweihundert Partisanenkämpfer zum Tode verurteilt. Das Kriegsrecht verlangte, dass der federführende Richter bei den Vollstreckungen dabei war. Selbst heute noch fuhr Eberhard manchmal aus dem Schlaf hoch, wenn ihn das viele Blut in Träumen quälte, das Soldaten mit Schläuchen vom weißen Fliesenboden gespült hatten. Blut auf weißen Fliesen, Frau Flack versuchte es sich vorzustellen und schüttelte den schrecklichen Gedanken gleich wieder ab.
Als ihre Haut runzelig zu werden begann, stieg sie aus dem Bad und machte sich sorgfältig zurecht. Während sie ihr Kleid für das Dinner wählte, fiel ihr Blick auf das Kostüm, das sie sich hatte machen lassen, ganz aus Goldlamé, darunter eine Krinoline, die so breit war, dass sie wahrscheinlich nur seitlich durch die Türen kommen würde. Eine gepuderte Perücke und eine verzierte goldene Maske rundeten das Ensemble ab. Der Frühlingsball im Savoy sollte in diesem Jahr ein Kostümfest sein. Frau Flack hatte ihren Londoner Aufenthalt bis zu diesem Termin verlängert. Champagnerlaune überkam sie, wenn sie an das Fest dachte. Mit etwas Glück würden sogar Mitglieder des britischen Königshauses teilnehmen. Sie hätte den englischen König als Feind der Deutschen hassen müssen, aber es gelang ihr nicht. Wie gut es die Briten doch hatten, dachte sie, sie durften das Königshaus und ihren uralten Adel behalten, und warum? Weil sie den Krieg gewonnen hatten. Was blieb Deutschland? Ein greisenhafter Bundeskanzler aus dem Rheinland, schrecklich, beschämend.
Frau Flack nahm das moosgrüne Kleid aus dem Schrank, nicht sehr frühlingshaft, aber sie hatte heute nichts weiter vor und würde nach dem Essen bald zu Bett gehen. Sie trat vor die viktorianische Kommode und klappte die Schmuckschatulle auf. Gudrun wählte eine Gemme aus geschnitztem Elfenbein, die ihre Brust zieren sollte, außerdem die Perlenkette und den Diamantring, den sie in den letzten Kriegstagen aus Deutschland in die Schweiz gerettet hatte. Sie nahm ihre Tasche und verließ die Suite.
Der Endiviensalat hätte mehr Essig und weniger Öl vertragen, die Rinderlende verspeiste sie ohne Sauce. Was Saucen betraf, traute sie den Briten nicht. Der Küchenchef des Savoy gab sich Mühe, aber Frau Flack hatte schon Dinge vorgesetzt bekommen, die in Heidelberg unmöglich gewesen wären. Immerhin, das Kartoffelgratin schmeckte ihr.
Wie jeden Abend plauderte sie mit einem rumänischen Bierbrauer am Nebentisch. Auch die Rumänen gehörten zu den Kriegsverlierern, bedauerlicherweise waren sie nun unter die Knute von Stalin geraten. Der Konversation mit dem Bierbrauer fehlte die Würze, doch auf diese Weise konnte Frau Flack den Anschein vermeiden, sie sei eine einsame Frau an einem einsamen Einzeltisch. Ihr fiel auf, dass die Kellner heute häufig in den Salon neben dem Golden Pavillon eilten und Champagner servierten. Dort war wohl eine Feier in Gang. Während die Tür auf- und zuschwang, hörte sie schwungvolle Musik. Sie fragte sich, was nebenan gefeiert wurde und gab sich der Wehmut hin, wie sehr ihr die gesellschaftlichen Höhepunkte Heidelbergs fehlten.
Gudrun Flack ließ den Nachtisch aus, trank noch eine Tasse Kaffee, gestattete dem Oberkellner, sie zur Tür des Golden Pavillon zu begleiten und fuhr auf ihr Zimmer.
Jüngst hatte sie zwei Bücher zu lesen begonnen, eine Biographie Karl des Großen und einen Liebesroman. Sie war sicher, dass Karl der Große heute Nacht unberührt bleiben würde. Frau Flack ließ sich Weinbrand und eine Wärmflasche aufs Zimmer bringen, genehmigte sich zwei Gläschen, schlüpfte in ihr Nachthemd, packte den Gummibeutel auf den Bauch, kuschelte sich zurecht und begann mit dem sechzehnten Kapitel des Liebesromans. Kurz nach halb elf löschte sie das Licht.
Die Gestalt trug Schwarz, ein glänzendes Gewebe. Die Person trug Schuhe mit Kreppsohlen. Lautlos bewegte sie sich auf dem Teppich der Suite auf die reich verzierte viktorianische Kommode zu. Mit Fingerspitzengefühl zog der Einbrecher die Schublade auf und entnahm ihr die Schatulle. Zielsicher wählte er den Diamantring, die Perlenkette, das Smaragddiadem und die Ohrringe mit den schweren Rubinen. Die Elfenbeingemme interessierte ihn nicht. Als er seine Beute in einen Samtbeutel gleiten ließ, verursachten die Edelsteine ein klickendes Geräusch.
»Wer ist da?«, hörte der Einbrecher von nebenan.
Der einzige Weg aus der Suite führte durch das Schlafzimmer des Hotelgastes. Rasch näherte sich die Gestalt dem Durchgang, als plötzlich das Licht anging. Der Einbrecher zuckte zurück.
»Wer sind Sie?« Die Oberlandesrichtersgattin saß aufrecht im Bett.
Der Dieb verschwand blitzschnell ins Ankleidezimmer. Er war unmaskiert. Hektisch sah er sich um. Von drüben hörte er die Stimme Frau Flacks. Sie telefonierte.
»Rezeption? Flack hier, Suite vier drei drei. Der Einbrecher ist in meinem Zimmer. – Danke, mir geht es gut. Der Mann versteckt sich im Ankleideraum. – Machen Sie sich um mich mal keine Sorgen. Ich bin bewaffnet. Schicken Sie lieber jemanden hoch. Rufen Sie die Polizei. – Ich bin vollkommen ruhig«, setzte sie mit einiger Schärfe hinzu. »Beeilen Sie sich.«
Der Dieb hörte, dass sie auflegte. Jetzt vernahm er das Geräusch, mit dem eine Schublade aufgezogen wurde. Leise Schritte.
»Sie kommen sofort da raus«, befahl die Gattin des Oberlandesgerichtsrates. »Dann geschieht Ihnen nichts.«
Gudrun Flack hatte im Krieg mehrere Freunde verloren. Als das Kriegsglück für Deutschland umschlug und immer mehr Züge mit Verwundeten in Heidelberg eintrafen, war sie dem Komitee »zur Betreuung unserer Helden im Kampfe« beigetreten. Zweimal die Woche hatte sie ehrenamtlich im Krankenhaus gearbeitet. Frau Flack hatte Männer gesehen, deren halbe Gesichter fortgerissen worden waren, Amputierte, denen weder Arme noch Beine blieben. Sie kümmerte sich um Soldaten, die tagelang im Trommelfeuer gelegen hatten, in Zitterneurosen verfielen und nicht aufhören konnten zu weinen. Auch wenn Frau Flack die Jahre unbeschadet überstanden hatte, wusste sie, dass der Dämon Krieg jegliche Menschlichkeit zerstörte. Als die Amerikaner in Heidelberg einrückten, hatte Gudrun Flack mehrmals in die Gewehrläufe des Feindes geblickt. Sie kannte keine Furcht, wenigstens nicht vor einem englischen Schweinehund, der es auf ihre Juwelen abgesehen hatte.
Frau Flack lud die Pistole durch. Ein hartes Geräusch, wenn Metall gegen Metall rieb. »Das ist eine Walther P38, die Dienstwaffe meines Mannes«, erklärte sie. »Er hat sie während des Krieges ein einziges Mal abgefeuert, als er eine Ratte erschoss. Auf diese Distanz habe ich keine Mühe, Sie zu treffen. Also machen Sie keinen Unsinn.«
Mit erhobenen Armen kam der Dieb aus dem Ankleidezimmer.
»Das ist brav.« Frau Flack verengte die Augen. Im schwachen Licht konnte sie sein Gesicht nicht erkennen. »Was haben Sie da auf?«
Die Gestalt stand wie erstarrt.
»Haben Sie etwa meine Maske geklaut?« Ein Schritt näher. »Sie tragen ja meine Maske für das Kostümfest! Das ist doch wirklich die Höhe.« In ihrer Entrüstung ließ Frau Flack die Wehrmachtspistole einen Moment sinken. »Sie geben jetzt augenblicklich meine Maske …«
Weiter kam sie nicht. Die schlanke Gestalt nützte den Augenblick, sprang auf Frau Flack zu, stieß sie gegen die Brust, dass sie taumelte und über einen Hocker fiel.
»Halt!«, schrie sie. »Stehenbleiben!«
Der Dieb rannte ins Schlafzimmer.
»Stehenbleiben oder ich schieße!«
Der Dieb floh weiter.
Drei Schüsse gellten durch die Suite 433 des Savoy. Verputz barst von der Wand, Holz splitterte. Die Schüsse aus der Wehrmachtspistole waren sagenhaft laut. Eine Tür klappte auf und zu, Schritte verloren sich auf dem Korridor.
»Schweinehund, verdammter.« Frau Flack kam auf die Beine. »So eine Gemeinheit. Verfluchte englische Schweinehunde!« Die Waffe in der Hand trat sie vor ihre Schmuckschatulle. Bis auf die Elfenbeingemme war sie leer.