Obwohl sein Haar weiß war, wirkte Onkel Henry wie ein großer Junge. Strubbelig stand es zu Berge, sein Vatermörderkragen war aufgesprungen, die Krawatte saß schief. Violet freute sich, weil ihr Onkel so fröhlich und entspannt war. Er wirkte glücklich, was man über ihn nicht oft sagen konnte. Er hatte wohl schon eine ganze Menge getrunken. Der scheue Henry ertränkte seine Panik vor einem Abend, der ihm zu Ehren stattfand, in Champagner.
Es war die Party zu seinem siebzigsten Geburtstag. Wo waren die Jahre geblieben? Als Violet mit Mitte zwanzig gegen ihren Willen im Savoy die Verantwortung übernommen hatte, lebte Henry mit seiner Frau Judy friedlich unter dem gleichen Dach. Er wusste nicht, welche kriminelle Energie Judy besaß; sie war zur Komplizin eines internationalen Betrügers geworden. Judy Wilder wurde angeklagt und wegen Landesverrats zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt, verschärft durch Besuchsverbot. Henry hatte seine Gattin seitdem nicht wiedergesehen. Er flüchtete in sein Lieblingshobby, das Sammeln von Uhren. Keine Uhr auf der Welt, die Henry nicht reparieren konnte. Eines Tages tauchte eine Frau namens Myrtle auf, eine tatkräftige Frau, die von Violet zum ersten weiblichen Chefbutler Londons ernannt wurde. Myrtle war die zweite Frau, die Henry betrogen hatte.
Nachdenklich betrachtete Violet ihren Onkel. Wie wunderbar er die Schicksalsschläge seines Lebens doch gemeistert hatte! Dort saß er, plauderte mit Lionel, hatte rote Wangen, und sein Haar war noch unordentlicher als sonst. Violet warf einen Blick zur Wanduhr, kurz vor halb elf. Sie war hundemüde. Wegen ihres gestrigen Ausflugs nach Oxfordshire hatte sich viel Arbeit angesammelt.
Gary Stewart hatte sie heute noch nicht zu Gesicht bekommen. Versteckte er sich vor ihr? Vermutlich war ihre ganze Aufregung, in ihm einem internationalen Juwelendieb auf der Spur zu sein, Einbildung gewesen. Was blieb, war die irritierende Erinnerung an einen Mann, der trotz Violets Anschuldigungen gelassen geblieben war und sich die Freiheit nahm, sie zu küssen. War das seine Art von Rache? War es männliches Imponiergehabe, oder hatte er bloß einen Versuchsballon steigen lassen, wie weit er bei der Hoteldirektorin gehen konnte?
Für Sekunden nur hatte sie seinen Kuss erwidert, doch gerade das verunsicherte Violet. Wieso war sie in ihrem Gefühl nicht eindeutig gewesen? Die Rückfahrt hatten sie schweigend zurückgelegt. Im Zug nach London war Violet eingeschlafen. An der Victoria Station hatten sie sich gesittet voneinander verabschiedet. Heute war Stewart weder beim Lunch noch im Tea Room noch beim Dinner aufgetaucht.
»Und das Komischste –!«, rief Onkel Henry gerade über die Musik hinweg. »Das Komischste war, dass ich Sie erst gar nicht erkannt habe!«
Violet wandte den Kopf. Henry und Lionel führten eine lebhafte Unterhaltung, wobei ihr Onkel den Zunder zu dem Gespräch beitrug. Lionel saß mit verkniffenem Lächeln zwei Stühle weiter.
»Was für ein Zufall!« Selten sprach Henry mehr als ein paar Worte, der Champagner löste ihm die Zunge. »Da streune ich durch das Theaterviertel, schaue mir Plakate an, und wen sehe ich bei Weatherby’s, wen habe ich dort gesehen?«
Lionel lächelte bemüht. »Wir wissen inzwischen, wen Sie gesehen haben.«
»Aber ich weiß es noch nicht«, mischte sich Violet ein. »Wen hast du denn gesehen, Onkel?«
»Na, ihn! Und seine Bekannte«, rief Henry.
»Aha?«
Violet sagte nichts weiter als aha. Sie hatte keinen besonderen Unterton dabei, zog die Augenbrauen nicht hoch, warf keinen prüfenden Blick zu Lionel. Ihre Reaktion hätte nicht unverfänglicher sein können.
»Ich wollte es dir eigentlich gleich erzählen«, sagte er.
»Was denn?«
»Von meinem Treffen.«
»Mit wem?«
»Mit …« Lionel zögerte.
»Mit der Waliserin!«, half Henry weiter. »Das müssen Sie doch noch wissen, Lieutenant.«
»Natürlich weiß ich es.« Er sah Violet an.
Wann begann ein Verdacht? Wie begann ein Verdacht? Mit einem Blick, einer Bemerkung, dem Eingeständnis einer Sache, bei der es nichts zu gestehen gab? Natürlich traf Lionel auch andere Leute, wenn er nicht mit Violet zusammen war. Er sah Kameraden von der Navy, Kollegen aus dem Lehrkörper, auch weibliche Bekanntschaften von früher waren darunter. Es gab nicht den geringsten Grund, argwöhnisch zu sein. Es gab nur Lionels Blick, diesen langen, schuldbewussten, diesen unerklärlich traurigen Blick.
»Eine Waliserin?«, fragte Violet schließlich.
»Ihr habt euch über Cardiff unterhalten«, mischte sich Henry wieder ein.
»Cardiff?« Sie bemühte sich um einen freundlichen Gesichtsausdruck.
Lionel und Violet waren seit drei Jahren zusammen und hatten einander einiges aus ihrem Leben erzählt. Von der Familie, den Trauerfällen, den Liebesgeschichten. Lionel wusste von John und Max. Violet hatte erfahren, dass eine Frau aus Wales seine große Liebe gewesen war. Sie wusste von dem Rinderzüchter und dem Konservenfabrikanten. Irene hatte Lionel verlassen und den Rinderzüchtersohn geheiratet.
»Hast du deine frühere Freundin wiedergesehen?«, fragte sie harmlos. »Wie hieß sie noch, Irene?« Violet hatte den Namen nicht vergessen, aber sie wollte es ihm leicht machen. Er sollte ihr die Geschichte erzählen, und alles wäre wieder gut.
»Irene, ja. Ich habe Irene wiedergesehen.« Lionels Gesicht erzählte von einem Unglück, das über ihn hereingebrochen war und von dem er nicht wusste, wie er es abwenden sollte.
Von diesem Moment an wusste Violet, dass die Wahrheit ein Abgrund war. Heute Abend jedoch wollte sie in keinen Abgrund schauen. Sie wollte Henry hochleben lassen, den guten alten Onkel, der keine Ahnung hatte, dass er soeben jenen Abgrund vor Violet und Lionel geöffnet hatte.
In seiner Hilflosigkeit, der Situation zu begegnen, stand Lionel auf und kam zu Violet um den Tisch. »Willst du tanzen?«
Inzwischen hatte Maestro Benedetti einen Teil des Orchesters nach Hause geschickt, nur eine Fünfmannband untermalte Henrys Party noch. Gerade spielten sie einen geruhsamen Foxtrott.
Violet zeigte auf die kleine Tanzfläche. »Es tanzt sonst doch niemand.«
»Machen wir den Anfang.« Er nahm ihre Hand und zog sie eine Spur zu besitzergreifend hoch.
»Ich möchte nicht tanzen.«
»Willst du eigentlich jemals irgendetwas, das ich möchte?« Er ließ ihre Hand nicht los.
»Lionel, was soll das?«
Gäste rund um sie verstummten und beobachteten den Vorfall.
Violet entzog ihm ihre Hand. »Ich will eben nicht.«
Abrupt drehte sich Lionel um und forderte die Gattin von Maître Dryden zum Tanz auf. Der Küchenchef hatte nichts dagegen.
Violet nahm das alles wie durch einen Schleier wahr. Sie kannte ihren treuen Lieutenant, den Mathematiklehrer, den sanften Lionel nur zu gut. Eine Erinnerung tauchte auf, die ihr Angst machte. Als sie das letzte Mal miteinander geschlafen hatten, war er ungewohnt wild und leidenschaftlich gewesen. Hatte seine verzweifelte Liebesanstrengung etwa mit Irene zu tun gehabt?
»Miss Mason?«
Sie bemerkte erst jetzt, dass der Hausdetektiv den Salon betreten hatte.
»Ja, Clarence, was gibt es denn schon wieder?«, fragte sie nervös.
Oppenheim beugte sich zu ihr. »Ich störe nur ungern …«
»Jedes Mal, wenn Sie mich stören, ist das Ihr Eröffnungssatz. Und jedes Mal ist etwas Schlimmes passiert. Heraus mit der Sprache. Was ist es diesmal?«
»Mrs Flack«, antwortete der Riese eingeschüchtert.
Violet begriff es im selben Augenblick. »Nein. Bitte nicht. Nein, das nicht.«
»Ich fürchte doch, Miss Mason. Frau Flack wurde soeben ausgeraubt. Sie hat den Täter gesehen.«
»Wer ist es?«
»Sie weiß es nicht. Er trug ihre Faschingsmaske.«
* * *
Gudrun Flack besaß nicht die Gelassenheit der Herzogin von Londonderry. Im Unterschied zu Lady Edith brachte der Umstand, beraubt worden zu sein, die Deutsche an den Rand eines Tobsuchtsanfalls. Kaum erschien Violet mit Oppenheim und hundert Entschuldigungen in der Suite, ließ die Oberlandesrichtergattin mit hartem deutschen Akzent ein Gewitter an Vorwürfen auf die beiden niederprasseln.
»Ist dies das berühmte Savoy, von dem die Welt schwärmt?« Mrs Flack hatte einen roten Morgenmantel übergeworfen, wodurch ihr Auftritt noch theatralischer wirkte. »Bin ich hier in die Hände von Levantinern gefallen? Ist Raub und Diebstahl bei Ihnen an der Tagesordnung? Mein Mann ist Richter, Frau Mason. Er hat Hunderte Betrüger und Einbrecher ihrer gerechten Strafe zugeführt. Eines sage ich Ihnen: In Heidelberg wäre so etwas unmöglich gewesen!«
Violet bewahrte Ruhe. »Ich darf Ihnen nochmals mein ehrliches Bedauern aussprechen, Mrs Flack, und damit das Bedauern des Savoy.«
»Was kauf ich mir dafür? Meine Juwelen sind in der Schweiz versichert. In England krieg ich keinen Penny von der Versicherung.«
»Ich werde mich morgen früh darum bemühen, dass Sie von einem Fachmann beraten werden.«
»Wozu? Es wäre besser, Sie fassen den Schweinehund, der das getan hat«, ging Frau Flack dazwischen.
»Das ist die Aufgabe von Scotland Yard.«
»Wieso ist die Polizei nicht längst hier?«
»Es ist elf Uhr nachts, Mrs Flack.«
»Ich pfeife auf Ihre Ausreden!« Allen Versuchen Violets zum Trotz ließ sich Frau Flack nicht beruhigen. Sie benützte das Forum der Anwesenden, um ihre Erregung lautstark herauszuposaunen. Bis Violet die Geduld riss.
»Clarence, übernehmen Sie«, befahl sie. »Ich überlasse Sie jetzt unserem Hausdetektiv.« Sie wandte sich zur Tür.
»Ihrem inkompetenten Hausdetektiv.«
»Der in Kürze von Detective Smythe abgelöst werden dürfte. Guten Abend.«
Ehe die Deutsche etwas erwidern konnte, war Violet draußen. Vor der Suite versuchte sie, ihre Ruhe wiederzugewinnen. Doch Frau Flacks Hysterie schien auf sie übergesprungen zu sein. Violet hatte eine unerklärliche Wut im Bauch. Sie verfluchte ihren Job, der sie täglich mit neuen Schwierigkeiten konfrontierte, die stets die ewig alten Schwierigkeiten waren. Sie verfluchte ihren Liebhaber und Partner, der ihr den Abend gründlich verdorben hatte. Zuletzt verfluchte sie die leidigen Juwelen. Sie hatte einen Dieb im Haus. Das war schlimmer, als wenn Ratten das Savoy heimgesucht hätten.
Statt ins Kuppelzimmer hochzufahren und die Angelegenheit zu überschlafen, eilte Violet ein Stockwerk tiefer, wo das Zimmer von Gary Stewart lag. Sie klopfte. Als nicht gleich geöffnet wurde, pochte sie härter.
Die Tür ging auf. Stewart trug eine Smokinghose, das Hemd mit offenem Kragen. Die schwarze Schleife baumelte um seinen Hals.
»Sie sind im Abendanzug?«, fragte Violet.
»Ist es verboten, einen Smoking zu tragen?«, erwiderte er überrascht. »Guten Abend, Miss Mason.«
»Heute fand keine offizielle Veranstaltung im Hotel statt, und das Dinner ist längst vorbei.«
»Ich wollte ins Casino gehen.« Er blieb in der Tür stehen.
»Und waren Sie im Casino?«
»Nein.«
»Wo waren Sie?«
»Hier.«
»Sie sitzen im Smoking in Ihrem Zimmer?«
»Ich habe gelesen.«
»Zeigen Sie mir das Buch.« Sie drängte sich an ihm vorbei.
»Was soll denn das, Miss Mason?«
»Ich sehe kein Buch, in dem Sie gelesen haben könnten«, fuhr sie ihn an.
»Beruhigen Sie sich doch bitte.« Er schloss die Tür.
»Geben Sie sie heraus.«
»Herausgeben? Was denn?«
»Die Juwelen von Mrs Flack. Geben Sie sie zurück.«
Sein Gesicht wurde hart. »Ich habe keine Juwelen.«
»Ich glaube Ihnen nicht.«
»Warum erzählen Sie nicht erst mal, was passiert ist.«
Violet sprang auf ihn zu und wollte unbeherrscht in seine Tasche greifen.
»Hören Sie auf!« Mühelos hielt er sie in Schach. »Wann ist es passiert?«
»Gerade eben.« Sein Griff war unentrinnbar.
»Bei Mrs Flack, sagten Sie?«
»Als ob Sie das nicht wüssten!«
Unvermittelt ließ er sie los. »Woher sollte ich?«
»Weil ich Idiotin Ihnen gestern während unserer Landpartie den Tipp gegeben habe, dass bei Mrs Flack eine Menge zu holen wäre.«
Stewart griff zu seinem Dinnerjackett. »Sehen wir doch einfach mal nach.« Er wandte sich zum Ausgang.
»Es wird wohl am besten sein, die Juwelen hier zu suchen.«
»Bitte, wenn es Ihnen Spaß macht.« Er war im Begriff, das Zimmer zu verlassen. »Ich werde mir inzwischen das Zimmer von Mrs Flack ansehen.«
»Ach ja? Drängt es Sie, an den Ort Ihres Verbrechens zurückzukehren?«
»Ich habe diese Juwelen nicht gestohlen, Miss Mason. Ich habe auch sonst in Ihrem Haus keinen Diebstahl begangen. Ich fürchte allerdings, das wird man mir nicht mehr lange glauben.«
»Weshalb?«
Stewart tat einen tiefen Atemzug. »Ich bin Vizepräsident einer amerikanischen Spielwarenfabrik. Ich habe meine Frau vor ein paar Monaten verloren. Ich trauere um sie. All das stimmt, Miss Mason. Auch mein Name stimmt, ich heiße Gary Stewart. Ich habe ihn vor Jahren geändert. In den Vereinigten Staaten ist das kein großes Problem. Mein früherer Name lautet Antoine Descoyne. Ich war ein Juwelendieb, ich war erfolgreich darin. Ich wurde nie gefasst. Schließlich habe ich mich in die USA abgesetzt und wechselte die Identität. Wahrscheinlich wäre ich straffrei davongekommen, hätte meine Frau nicht …« Ein warmherziges Lächeln. »Meine wunderbare Frau hat mich dazu gebracht, mich der Polizei in Frankreich zu stellen.«
Violet hatte mit wachsender Verwunderung zugehört. »Dass Sie sich gestellt haben, ist Scotland Yard nicht bekannt.«
»Ich habe mit der Sûreté in Paris ein Abkommen geschlossen. Ich half den Franzosen, ungeklärte Juwelendiebstähle aufzuklären und erhielt dafür Amnestie.«
»Bei Ihrem beachtlichen Strafregister sind Sie nie im Gefängnis gewesen?«, fragte sie ungläubig.
»Sie vergessen, welches Ereignis in der Zwischenzeit über Europa hereingebrochen war.«
»Der Krieg?«
Stewart nickte. »Ich habe auf der Seite Frankreichs gekämpft. Noch vor Kriegsende kehrte ich zu meiner Frau nach Texas zurück.« Er schloss den Knopf seines Sakkos. »Ich ging zurück, um ihr beim Sterben zuzusehen. Während ihrer Krankheit habe ich sie allein gelassen. Das –« Er sah Violet an. »Das ist mein wahres Verbrechen, Miss Mason. Und jetzt würde ich gern zu Mrs Flack hinaufgehen und mir den Tatort ansehen.« Er öffnete die Tür.
Sie trat zu ihm. »Weshalb erzählen Sie mir das alles?«
»Weil Scotland Yard früher oder später von selbst draufgekommen wäre.«
»Man wird Sie der heutigen Tat verdächtigen.«
»Man wird mich wahrscheinlich sogar festnehmen. Aber ich habe diesen Schmuck nicht gestohlen, genauso wenig wie die Juwelen von Lady Edith.« Ein trauriges Lächeln. »Ich bin nicht der Mann, den Sie suchen, Miss Mason.«