So exaltiert Gudrun Flack sich Violet gegenüber benommen hatte, so deutlich veränderte sich ihr Verhalten, als der Amerikaner im Smoking bei ihr eintrat.
»Ja, bitte?«, begrüßte ihn die Richtersgattin zuckersüß.
»Ist die Polizei immer noch nicht hier?«, fragte Violet den Hoteldetektiv.
»Es hat einen Mordanschlag im East End gegeben«, erklärte Oppenheim. »Alle Einheiten, die um diese Zeit verfügbar sind, wurden dorthin gerufen. Auch Detective Smythe.«
Gary Stewart trat auf die Deutsche zu. »Gestatten Sie, dass ich mich in Ihrem Zimmer umsehe, Mrs Flack?«
Oppenheim wollte dazwischen gehen, aber Violet bedeutete ihm, nicht einzugreifen. »Das ist schon in Ordnung, Clarence. Mr Stewart ist auf meine Einladung hier.«
Mrs Flack zog ihren Morgenmantel zurecht. »Was sind Sie denn, ein Privatdetektiv?«, fragte sie Stewart.
»Ich war früher mal Juwelendieb, Mrs Flack. Daher nehme ich an, dass man mich verdächtigen wird, Ihren Schmuck gestohlen zu haben.«
Ein Moment des Erschreckens bei ihr wich einem verbindlichen Lächeln. »Aber Sie werden doch nicht so dumm sein, in mein Zimmer zurückzukehren, falls Sie wirklich der Dieb wären.«
»Meinen herzlichsten Dank für Ihr Vertrauen.« Eine lächelnde Verbeugung. »Darf ich mal in Ihr Schlafzimmer?«
»Wenn Sie meinen, dass das etwas nützt«, antwortete sie zwinkernd.
»Gestatten auch Sie, dass ich mich umsehe?«, sagte er mit Blick zu Violet.
»Ich habe nichts dagegen.«
Frau Flack begleitete ihn nach nebenan. »Waren Sie tatsächlich mal ein Räuber?«
»Vor vielen Jahren.«
»Das finde ich ja wundervoll, Mr Stewart.«
Sein überraschter Blick. »In Ihrer Lage eine erstaunliche Reaktion. Wo bewahren Sie Ihren Schmuck auf?«
»Dort, in der Schatulle.«
Violet fand es überraschend, wie selbstverständlich die Deutsche den Amerikaner in ihren Sachen stöbern ließ, nur weil er attraktiv war. Was für ein skurriler Abend! Erst das merkwürdige Geständnis Lionels, dann der Diebstahl, zuletzt die groteske Szene, in der ein internationaler Juwelendieb das Zimmer der Bestohlenen durchsuchte.
»Ich mache mir eigentlich gar nichts aus den Klunkern.« Mrs Flack setzte sich auf ihr Bett. »Früher hatte ich Spaß daran, mir die Dinger umzubaumeln, aber jetzt finde ich es aufregender, dass Sie den Dieb fassen wollen, Mr Stewart.«
Er untersuchte die leere Schatulle.
»Achten Sie auf Fingerabdrücke«, sagte Violet.
»Es werden keine da sein.«
»Haben Sie damals bei Ihren Raubzügen auch Handschuhe getragen?«, erkundigte sich Mrs Flack.
Er überging die Frage. »Hat der Dieb alles mitgenommen?«
»Alles bis auf die Elfenbeingemme.«
»Das ist verständlich, weil sie auf dem Schwarzmarkt leicht zu erkennen wären. Wie sah der Täter aus?«
Mrs Flack stützte sich auf die Ellenbogen. »Fast genau wie Sie. Er hatte Ihre Größe, auch er war ganz in Schwarz.«
»Demnach haben Sie ihn gesehen?«
»Nur für einen Augenblick.«
»Warum erkannten Sie ihn nicht? Weil es dunkel war?«
»Ich bin kein erschrecktes Lieschen, Mr Stewart. Ich habe sofort Licht gemacht.«
»Dann müssten Sie ihn doch beschreiben können.«
»Der Kerl hat sich im Ankleidezimmer versteckt und meine Goldmaske geklaut.«
»Wieso hatten Sie eine Maske in Ihrer Garderobe?«, fragte Violet.
»Für Ihren Frühlingsball, Miss Mason. Ich habe mir das Kostüm extra schneidern lassen.«
Stewart näherte sich dem Bett. »Der Täter kam also maskiert heraus. Und dann?«
»Ich habe ihn mit der Pistole meines Mannes bedroht.«
»Sie sind eine mutige Frau, Mrs Flack.«
»Nicht mutig genug, fürchte ich. Er ist davongekommen.«
Geräusche von draußen. Oppenheim ging zur Tür. »Das wird die Polizei sein.« Er öffnete. Detective Smythe betrat die Suite mit einem Aufgebot von acht Polizisten.
Gudrun Flack lag im Bett. Sie hatte die Decke über ihre Beine gezogen und ein Buch zur Hand genommen. Violet stand im Durchgang zwischen beiden Räumen. Verwirrt sah Oppenheim sich um.
»Wo ist Mr Stewart?«, fragte er.
Violet schwieg.
»Wo ist Stewart hin?«, wiederholte der Hoteldetektiv vor dem Bett der Deutschen.
»Stewart? Stewart?« Mit unschuldigem Augenaufschlag blickte sie die Polizisten an. »Den kenne ich überhaupt nicht.«
Violet begrüßte den Detective und zeigte ins Bad. »Er ist da drin.«
»Wer? Der Dieb?« Smythe sah übernächtigt aus.
»Mr Gary Stewart«, antwortete sie.
»Er ist der Juwelendieb?«
»Das glaube ich eigentlich nicht. Allerdings ist er tatsächlich Antoine Descoyne.«
»Woher wissen Sie das?«, riefen Oppenheim und Smythe wie aus einem Mund.
»Er hat es mir gesagt.«
»Wenn der Mann ins Bad geflohen ist, kommt er nicht weit.« Oppenheim rannte hinüber. Acht Polizisten stürmten ins Bad von Mrs Flack.
* * *
Es war halb eins. Lionel erwartete Violet im Kuppelzimmer. Er lag nicht in ihrem Bett, sondern saß angezogen im mitternachtsblauen Sessel.
Beim Eintreten erschrak sie für einen Moment. »Du bist noch hier? Ich habe angenommen, du wärst heimgefahren.«
»Nein, ich bin …« Er senkte den Kopf. »Nein.«
Sie spürte seine bedrückte Stimmung. Sie wollte auf seine Stimmung nicht eingehen. Heute Nacht hatte sie genug Stimmungen gehabt. »Wie ist die Party noch gewesen?«
»Henry ist bald aufgebrochen. Er war ziemlich betrunken.«
»Für Henrys Verhältnisse war er sternhagelblau.« Violet ging ins Bad.
»Gab es im Hotel wirklich einen weiteren Diebstahl?«, rief er von drüben.
»Es ist zum Verrücktwerden. Das hört einfach nicht auf.«
»Es hört erst auf, wenn ihr den Kerl habt.«
Violet schminkte sich ab. »Ich möchte heute nicht mehr darüber sprechen. Eigentlich will ich heute über gar nichts mehr sprechen.« Sie hoffte, er verstand den Wink mit dem Zaunpfahl. »Und du?«, rief sie auf sein langes Schweigen. »Bist du nicht müde?«
»Im Gegenteil.«
Den Schwamm in der Hand hielt Violet inne. Sie fragte nicht, was los war.
»Ich bin zu aufgewühlt«, sagte er nach einer Weile.
Violet wischte sich Make‑up von der Stirn, vom Kinn, der Wange. »Wieso denn?«
»Ich bin aufgewühlt vom heutigen Abend.«
Sie wollte es nicht hören, nichts, kein einziges Wort. Sie wollte kein Problem vorgesetzt bekommen, ganz egal, ob es Irene hieß oder einen anderen Namen hatte. Sie wollte nur noch schlafen.
»Du warst heute so kühl zu mir«, rief Lionel von drüben.
Das war die Höhe! Violet warf den Wattebausch in den Müll. Er hatte ihr irgendein Geständnis wegen seiner alten Flamme zu machen, aber statt es einfach zu sagen, warf er ihr vor, kühl gewesen zu sein.
»Das stimmt nicht«, entgegnete sie bemüht freundlich. Ein neuer Wattebausch, die Wimperntusche kam dran.
»Wieso wolltest du dann nicht einmal mit mir tanzen?«
Ging es darum, um die Verweigerung eines läppischen Tanzes? Nein, das war eine Ausflucht. Violet wollte ihm scharf entgegnen, überlegte es sich aber anders. »Ich war nur zu scheu, um vor all den Leuten auf die Tanzfläche zu gehen.« Lüge, dachte sie, eine Lüge.
Er tauchte in der Badezimmertür auf. »Du warst also nicht sauer auf mich?«
»Weswegen sollte ich sauer sein?«
Lionel setzte den Hundeblick auf und machte eine Pause. »Na, weil ich …«
Sie verstand: Nicht er, sie sollte das Thema ansprechen. »Weil du Irene getroffen hast?«
»Weil ich dir nichts davon erzählt habe.«
»Wozu solltest du mir etwas erzählen, das keinerlei Bedeutung für mich hat?« Das war die entscheidende Frage.
»Eigentlich hast du recht.« Sein erleichtertes Gesicht verschwand aus dem Türausschnitt.
Er hatte die Maske nicht fallen lassen. Schweigend machte sie sich fürs Bett fertig. Als sie zurückkam, hatte er sich nicht ausgezogen, sondern saß wieder im Sessel.
»Was ist denn mit dir, Lionel?«
»Ich weiß nicht.« Er ließ den Kopf hängen.
»Es ist ein Uhr. In ein paar Stunden muss ich schon wieder raus. Ich will schlafen.« Sie schlüpfte ins Bett und löschte das Licht. Trotzdem war es nicht ganz dunkel im Zimmer. Violet starrte zu den Sternen hoch. Der Mann, mit dem sie seit drei Jahren das Bett teilte, saß wenige Yards entfernt. Er unternahm nichts. Er saß nur da. Sie drehte sich auf die andere Seite. Minuten vergingen, sie hoffte, endlich davonzudämmern. Aber so konnte sie unmöglich einschlafen.
Violet setzte sich auf. »Lionel, entscheide dich. Wenn du hier bleiben willst, komm ins Bett. Wenn nicht, dann …«
Sie machte Licht. Der mitternachtsblaue Sessel war leer. Unhörbar hatte er sich davongeschlichen.