»Weshalb sollte Antoine Descoyne Ihnen seine wahre Identität offenbaren?« Es war zur Gewohnheit geworden, dass Detective Smythe Violet in ihrem Büro gegenübersaß. »Seit Jahren ist es ihm gelungen, seine Vergangenheit geheim zu halten. Und ausgerechnet in der Nacht eines Juwelenraubes lüftet er seine Maske? Warum, Miss Mason?«
»Über seinen wahren Beweggrund kann ich nichts sagen. Ich hatte nur den Eindruck, dass der Mann keine Lust hat, länger davonzulaufen.«
»Aber genau das hat er getan.« Der Detective breitete die Arme aus. »Er ist aus dem Badezimmerfenster seines Opfers geklettert. Wenn das kein Schuldeingeständnis ist –«
»Er geriet wahrscheinlich in Panik. Trotzdem glaube ich nicht, dass er der Täter war.«
Kerzengerade saß der Detective in dem allzu niedrigen Sessel. »Was macht Sie so sicher?«
»Gary Stewart ist ein wohlhabender und als Vizepräsident seiner Firma ein respektierter Mann, der seinen Aufenthalt in London genießt. Weshalb sollte er das aufs Spiel setzen, nur um ein paar Juwelen zu stehlen?«
»Manche Diebe stehlen aus Leidenschaft. Es ist eine Sucht. Sie müssen sich immer wieder beweisen, dass sie schlauer sind als die Polizei. Wieso sind Sie überhaupt in näheren Kontakt mit ihm gekommen?«
»Näheren Kontakt würde ich es nicht nennen.«
Was denn sonst?, dachte Violet. Du bist mit dem Mann im Pferdewagen durch die Landschaft getrabt. Du hast mit ihm Hähnchen gegessen und dich von ihm küssen lassen. Wie viel näher könnte ein Kontakt wohl sein? »Nachdem Sie mir von Ihrem Verdacht mit dem Foto erzählt haben, bin ich der Sache auf den Grund gegangen. Ich habe mich mit Mr Stewart getroffen.«
»Sie haben Polizei gespielt, Miss Mason?«, entgegnete der Detective überrascht. »Für solche Aufgaben haben Sie normalerweise Mr Oppenheim.«
Eine plausiblere Erklärung hatte Violet nicht zu bieten. Sie konnte dem Detective schließlich kaum erzählen, dass sie die Kutschenfahrt an Stewarts Seite genossen und seinen Kuss noch in deutlicher Erinnerung hatte.
»Ich bin darauf angewiesen, dass der Ruf meines Hotels untadelig bleibt, Detective. Die Diebstähle müssen endlich aufhören. Leider war Scotland Yard in der Sache bisher nicht erfolgreich.«
»In Ihrem Interesse gehen wir diskret vor, Miss Mason. Wäre es Ihnen lieber, wenn wir Ihren Gästen verbieten würden, das Haus zu verlassen?« Nicht ohne Mühe stand Smythe auf. »Auch Scotland Yard ist um die Reputation des Savoy besorgt. Aber ein Fall wie dieser ist nicht von einem Tag auf den anderen zu lösen.«
Violet hatte ihn in seiner Ehre gekränkt, das tat ihr leid. »Natürlich, Detective. Ich bin in diesen Tagen ein bisschen nervös. Sie tun gewiss, was Sie können.«
Er nickte milde. »Wir konzentrieren uns auf die Fahndung nach Mr Stewart. Sobald wir ihn fassen, melde ich mich bei Ihnen.«
»Falls Sie ihn fassen«, konnte sie sich nicht verkneifen zu antworten.
»Sie haben daran Zweifel?«
»Ein Mann, der dem Gesetz jahrelang entschlüpft ist, dürfte sein Handwerk nicht verlernt haben.«
»Das klingt, als hätten Sie Sympathien für Descoyne.«
»Unterstellen Sie mir bitte nichts.«
Vor allem nichts, was der Wahrheit entspricht, dachte sie. Natürlich hegte sie Sympathien für den Mann, und das stellte eine verdammte Zwickmühle für sie dar. Violet brachte den Detective zur Tür. »Was gibt es Neues über Mr Sciapiarelli?«
»Wir wissen inzwischen, dass er früher einen festen Wohnsitz in London hatte. Das könnte bedeuten, dass Sciapiarelli Freunde, Bekannte, vielleicht sogar eine Familie in London hat.«
»Aber immer noch keinen Hinweis, wie der ominöse Koffer in sein Zimmer kam?«
»Die Ermittlungen sind im Gange.« Der Detective setzte den Hut auf und ging.
Plötzlich hatte Violet Sehnsucht nach Maxine. Ihr gemeinsames Frühstück war hektisch gewesen, die Schuld dafür lag bei Lionel. Nachdem er vergangene Nacht bereits aufgebrochen war, hatte er noch einmal kehrtgemacht, um doch bei Violet zu schlafen. Als er zu ihr ins Bett geschlüpft kam, war sie zwar erwacht, stellte sich aber schlafend, um jegliche Diskussion zu vermeiden. Längere Zeit ruhig dazuliegen und gleichmäßig zu atmen war anstrengend. Wenn sie sich nicht täuschte, hatte Lionel das Gleiche getan. Dabei wäre es so einfach gewesen, die Dinge zum Guten zu wenden. Er hätte sie nur in den Arm zu nehmen brauchen, und der kleine Zwist wäre vergessen gewesen. Irgendwann war Violet aufgestanden und hatte eine halbe Stunde auf dem Klodeckel gesessen. Als sie zurückkam, schnarchte Lionel. Wieder war schlafen unmöglich gewesen. Sie hatte sich in Maxines Zimmer geschlichen und den Rest der Nacht in dem kurzen Kinderbett verbracht. Morgens fand die Kleine es wundervoll, auf Mama herumzuspringen. Als sie hörte, dass Lionel drüben sei, war sie hinübergerannt und hatte das Spiel bei ihm fortgesetzt.
Und während all das geschah, war der arme Mr Stewart durch London gestrichen, überlegte Violet in ihrem Büro, in dem Bemühen, nicht in die Fänge von Scotland Yard zu geraten.
* * *
Es regnete in Strömen. Stewart hatte keinen Schirm dabei und hielt stattdessen die aktuelle Ausgabe der Times über seinen Kopf. Rennend erreichte er den verabredeten Treffpunkt.
Ausgerüstet mit Regenschirm, Überzieher und Galoschen erwartete ihn Mr Asquith, der Mann von Lloyd’s, in der Marylebone Road.
»Das ist Pech«, begrüßte er den heraneilenden Stewart. »Wochenlang stand kein Wölkchen am Himmel, ganz untypisch für London, aber kaum sind Sie auf der Flucht, zieht ein Azorentief über die Insel.«
Stewart warf die durchnässte Times in einen Abfalleimer. »Das Wetter entspricht meinem momentanen Zustand. Danke, dass Sie gekommen sind, Mr Asquith.«
»Ich habe gezögert, kam aber schließlich zu dem Schluss, dass das Risiko ausschließlich bei Ihnen liegt, Sir.«
Stewart wischte sich Regentropfen von der Stirn. »Glauben Sie denn, dass ich der gesuchte Täter bin?«
»Ja, natürlich.«
»Glauben Sie auch, dass ich Lady Edith beraubt habe?«
»Ziemlich sicher.«
»Und Mrs Flack? Habe ich die Nazi-Juwelen ebenfalls gestohlen?«
»Ich gehe davon aus.«
Der Regen wurde so dicht, dass die gegenüberliegende Straßenseite wie durch eine Wasserwand unsichtbar wurde.
»Wollen wir hineingehen?«, schlug Stewart vor.
»Sie wollen Madame Tussauds einen Besuch abstatten?«, entgegnete Asquith überrascht.
»Auf den Straßen sind mir zu viele Polizisten unterwegs. Dort drin kann ich mich zwischen den Wachsfiguren verstecken.« Stewart trat in die Kassenhalle. »Sie müssten mich allerdings einladen. Wegen meines überstürzten Aufbruchs fehlen mir die nötigen Mittel für die Londoner Sehenswürdigkeiten.«
Asquith seufzte über den überhöhten Eintrittspreis und löste zwei Tickets. Beim Eingang erwartete sie die Chamber of Horrors. Die aufgespießten Köpfe berühmter historischer Verbrecher glotzten ihnen entgegen. Hastig lief Asquith an den Abnormitäten vorbei.
»Mit solchen Exponaten hat die ehrbare Madame Tussaud ihr Unternehmen eröffnet«, lächelte Stewart. »Durchaus erklärlich, denn ihr Vater war Henker von Beruf.«
Vor einem armen Sünder, der durch die Garotte naturalistisch stranguliert wurde, blieb Asquith stehen. »Ich darf vorausschicken, meine Firma ist in erster Linie am Fall der Herzogin interessiert. Das letzte Opfer, Mrs Flack, ist nicht bei uns versichert.« Er warf einen angewiderten Blick auf die Schreckensszene aus Wachs. »Ich wundere mich, dass Sie um dieses Treffen gebeten haben, Mr Stewart. Ich hätte doch mit der Polizei im Schlepptau anrücken können.«
Stewart ging zu einem Erhängten weiter, dem die Augen aus den Höhlen quollen. »Falls ich der Juwelendieb wäre, würden Sie bestimmt nicht mit der Polizei im Schlepptau kommen.«
»Weshalb nicht?«
»Die Chance, die verlorenen Steine wiederzubekommen, ist größer, wenn wir uns unter vier Augen einigen.«
Asquith ließ den Gehängten hinter sich. »Aus welchem Grund haben Sie mich denn nun hergebeten?«
»Ich brauche Ihre Hilfe, aber ich glaube, Sie brauchen meine Hilfe noch dringender.«
»Was bringt Sie auf diese Idee?«
»Ich könnte mir vorstellen, es bereitet Ihrer Firma geradezu körperliche Schmerzen, die Versicherungssumme an Lady Edith auszuzahlen.«
»Das stimmt. Die gestohlenen Steine sind von ungewöhnlichem Wert.«
Sie verließen das Horrorkabinett und traten in den Königssaal.
»Ich könnte Ihnen helfen«, sagte Stewart vor der Darstellung Queen Elizabeths I.
»Wie?«
»Ich habe mir die Gästeliste des Savoy angesehen. Derzeit gibt es zwei weitere Kandidatinnen, auf die es der Juwelenräuber abgesehen haben könnte.«
»Nämlich?«
»Die Gattin des indischen Gouverneurs und die Frau eines schwedischen Holzfabrikanten. Soweit ich weiß, sind beide bei Lloyd’s versichert.«
Asquith wandte sich zur Wachsfigur Heinrich VIII., dessen Kette mit falschen Rubinen geschmückt war. »Ihre Fähigkeit, an Informationen heranzukommen, übersteigt Ihre Fähigkeit, an Fassaden hochzuklettern, Mr Stewart.«
Sie schlenderten an Maria Stuart und Richard Löwenherz vorbei.
»Ich könnte dem Dieb eine Falle stellen«, fuhr Stewart fort. »Dazu brauche ich allerdings die Polizei. Natürlich kann ich Detective Smythe nicht selbst um Hilfe bitten. Aber Sie könnten das tun, Mr Asquith.«
Der Raum mit den großen Bösewichten der Weltgeschichte empfing sie.
»Werden Sie es tun?«, hakte Stewart nach.
Sinnend betrachtete Asquith die Skulptur Napoleons. »Ob der Franzose wirklich so klein war?«
»Napoleon war kein Franzose. Er stammte aus Korsika. Werden Sie es tun, Asquith?«
»Woher wollen Sie wissen, wann der Räuber wieder zuschlägt?«
»Das schwedische Paar reist übermorgen ab. Heute oder morgen Nacht hat der Täter die letzte Chance. Er wird kommen, Mr Asquith. Und ich werde ihn erwarten.«
Sie traten vor einen Mann, der erst vor Kurzem das Zeitliche gesegnet hatte und doch schon in die Geschichte eingegangen war.
»Verständigen Sie Scotland Yard, Mr Asquith. Sagen Sie Detective Smythe, dass er sich im Hintergrund halten soll. Ich will den Täter in flagranti erwischen.«
»Das Risiko liegt allein bei Ihnen.«
»Gerade deshalb habe ich die Hoffnung, dass Sie mir helfen werden.«
Sie ließen die Wachsfigur mit der Hakenkreuzbinde zurück.
»Wie wollen Sie ins Savoy hineingelangen?«, erkundigte sich Asquith auf dem Weg zum Ausgang. »Man erkennt Sie doch sofort.«
»Lassen Sie das meine Sorge sein. Ich habe eine Idee.«