Sir Tyrone ließ sich den Guardian, den Daily Mirror und die Times bringen. So ausgerüstet setzte er sich in der Lobby vor den offenen Kamin. Zwei Valets waren damit beschäftigt, das Feuer zu entfachen.
»In den letzten Tagen brannte hier kein Feuer«, sagte der Lord.
»Das Wetter war zu schön, Euer Gnaden«, antwortete der ältere Valet.
»Aber heute regnet es.« Tyrone nickte mit Blick auf das Grau in Grau vor der Fensterfront. »Wirklich zu schade.«
»So ist es, Sir. Wir sind angehalten, es in der Lobby gemütlicher zu machen.«
Tyrone überflog die Mail. Er hielt sich länger bei einem Artikel im Guardian auf, der über den Rücktritt des italienischen Königs Viktor Emanuel berichtete. Sein Sohn Umberto folgte ihm auf den Thron. Unsere Zeit braucht keine neuen Könige, dachte Tyrone, genauso wenig wie sie einen Herzog von Londonderry braucht. Er ließ die Zeitung zu Boden sinken. Er hätte besser abreisen und seinen Plan in die Tat umsetzen sollen. Selbst während der herrlichen Frühlingstage hatte er London kaum ertragen. Er wusste, dass es nicht an London lag, sondern an ihm selbst. Und vor sich selbst konnte niemand davonlaufen.
Sein Besuch in Julys Zimmer fiel ihm ein, diese wunderbare halbe Stunde an jenem Ort, der von Zufriedenheit erzählte. »Das stille Glück« gab es also wirklich. Als er gesagt hatte, dass ihn die Themse traurig mache und er ein leises, tristes Leben führe, hatte er sich unmöglich gemacht. Was mochte die optimistische July über ihn gedacht haben? Welches Bild hatte sie von ihm?
Das wahre Bild. Vor ihr wollte er sich nicht verstellen, wie er das in Gesellschaft seiner Mutter meistens tat. July gegenüber offenbarte er sich – vielleicht die sinnvollste Tat, seit er nach London gekommen war und die wichtigste Begegnung seit Langem. Nur wegen ihr war er überhaupt noch hier, in diesem kraftlosen Dasein, in dem »das Blut leise zirkulierte«. Welchen Unsinn sprach man aus und zugleich welche Wahrheiten, wenn man sich einem einzigen Menschen verständlich machen wollte?
July sollte ihn verstehen. Wenn sie später von seiner Tat hörte oder in der Zeitung darüber las, wollte er, dass sie es begriff. Dass er in London geblieben war, bedeutete lediglich einen Aufschub. Tyrone gönnte sich noch eine kurze Frist. Und das verdankte er July.
»Sie haben sich mit einer Menge Lesestoff eingedeckt«, sagte July Gilbert.
Da stand sie, in einem Sommerkleid von kräftiger blauer Farbe, frisch gebügelt, mit lustigen Puffärmeln. Sie hatte die Angewohnheit, sich zu kühl zu kleiden. Kein Wunder, wenn man so viel Hitze in sich hatte.
»Ich wusste nicht, wann du Zeit für mich haben würdest«, antwortete Tyrone. »Darum wollte ich mir die Zeit vertreiben.« Höflich stand der Herzog vor der Köchin auf, was von den Bediensteten am Kamin mit überraschten Blicken quittiert wurde. Er machte sogar eine kleine Verbeugung.
»Der Gemüsegang fürs Dinner ist vorbereitet«, gab sie fröhlich zurück. »Ich habe daher über eine Stunde Zeit.«
»Wunderbar.«
»Wollen wir?« Sie zeigte zu den Schwingtüren ins Freie.
»Aber es regnet in Strömen.« Tyrone griff zu seinem Überzieher.
»Der Doorman leiht uns bestimmt einen Regenschirm.« July ging voraus.
»Selbst mit Regenschirm bist du zu kühl angezogen«, rief er ihr nach.
»Mich schreckt das Wetter nicht.« Mit einem koketten Augenaufschlag drehte sie sich um. »Bei Ihnen in Nordirland soll das Wetter noch schroffer sein. Wie kommt es, dass Sie so leicht frösteln, Sir?«
Mit großen Schritten folgte er ihr. »Du hast recht. Und falls dir doch kalt wird, gebe ich dir meinen Mantel.«
»Ich danke von Herzen.« Lächelnd bediente sie die Tür.
»Was gibt es denn heute zum Dinner?« Sir Tyrone folgte July in die Nässe.
Der Doorman spannte einen Schirm für den jungen Lord auf. Die beiden Valets am Kamin begannen zu tuscheln. Die Köchin und der Herzog, wer hätte so etwas für möglich gehalten?
* * *
Angezogen lag Violet auf der Tagesdecke ihres Bettes. Lionel war unglücklich, das spürte sie deutlich. Vielen ehemaligen Berufssoldaten ging es so. Der Krieg hatte ihnen die Aufgabe geboten, England zu retten. Ihre Aufgabe war erfüllt, Großbritannien musste sich nun mit den Problemen des Friedens herumschlagen. Offiziere wurden vielerorts nicht mehr gebraucht. Lionel hatte noch Glück gehabt, dass er zu seiner zweiten Leidenschaft, der Mathematik, zurückkehren konnte. Doch es genügte ihm nicht. Er brauchte eine Herausforderung. Und er brauchte einen Menschen, der ihn bewunderte.
»Ich bewundere ihn nicht genug«, sagte sie in ihr stilles Kuppelzimmer. Was Bewunderung betraf, war Violet nicht besonders begabt. Da sie als Frau eine Männerposition einnahm, weckte sie vielmehr die Bewunderung von Männern. Ohne es sich zu wünschen, ohne dass es ihr etwas bedeutete, war Violet die Bewunderte von ihnen beiden. Das machte Lionel zu schaffen.
Sie erinnerte sich gut an die Zeit, als sein Name für sie eine andere Bezeichnung für Glück gewesen war. Mittlerweile zelebrierten beide nur noch die äußeren Zeichen ihrer Gemeinsamkeit. Sie stritten sich häufig. Aus ihrem Beisammensein war die selbstvergessene Heiterkeit verschwunden, das Gefühl, dass es sich besser anfühlte, wenn man zusammen war. Sollte Lionel Violets Partner in Kriegszeiten gewesen sein? Im Frieden harmonisierten sie nur noch selten miteinander.
Dumme Gedanken, die dem Gefühl entsprangen, dass beide etwas festzuhalten suchten, das sich mehr und mehr verflüchtigte. Es war der verzweifelte Zustand, nicht einsehen zu wollen, dass ihre schönste Zeit hinter ihnen lag. Die Sache mit Irene spielte dabei für Violet keine besondere Rolle. Oder doch? Aus den wenigen Sätzen, die er über seine Begegnung mit ihr erzählt hatte, wusste Violet, dass diese Frau in London einen Pub betrieb. Eine Wirtin. Eine Wirtin und ein Mathematiklehrer, das hörte sich nicht verkehrt an.
Was tue ich denn da?, überlegte Violet. Suche ich nach Gründen, weshalb jemand anders besser zu Lionel passen könnte als ich? Bedeutete er ihr nichts mehr? Wäre sie erleichtert, wenn er zu einer anderen Frau wechseln würde? Ihre gemeinsamen Wurzeln gingen tief. Die Zeit, die sie miteinander durchgestanden hatten, lag noch nicht lange zurück. Violet wollte nicht, dass er mit Irene anbändelte. Hatte er es schon getan? Schliefen sie miteinander? Nachdenklich schüttelte sie den Kopf. Man konnte Lionel einiges vorwerfen, aber er war ein moralischer Mensch. Er würde sie nicht betrügen. Wahrscheinlich würde er mit sich ringen und so lange loyal bleiben, bis er nicht mehr anders konnte. Dann würde er zuerst mit Violet sprechen. »Ich habe mich in eine andere verliebt«, würde er sagen. »Bitte gib mich frei.« Es würde ihr wehtun.
Wie weh würde es mir tun?, fragte sich Violet angesichts des Himmels, der sich heute mit Regenwolken verhüllte. Damit war sie bei ihrem alten Problem, der Liebe, angelangt. War sie selbst schuld an Lionels Distanziertheit? Passte Irene besser zu ihm? Violet fand die Fragen, die sie zum Nachthimmel emporsandte, abgeschmackt und kitschig. Es war ein langer Tag gewesen, sie fühlte sich hundemüde. In diesem Zustand kam die wehleidige Seite eines Menschen zum Vorschein. Es wäre ihr lieber gewesen, heute allein zu bleiben. Aber Lionel hatte sich angekündigt, und sie wollte ihm nicht absagen.
Ein Geräusch. Sie hob den Kopf: Das musste er sein. Gleich würde er bei ihr eintreten. Doch nein, das waren keine Schritte vor der Tür. Das kam von woanders her. Violet schwang die Füße aus dem Bett. Geisterte etwa Onkel Henry draußen umher? War Maxine aufgewacht? Sie lief zur Tür, lauschte und öffnete. Dunkel lag der Salon vor ihr. Sie kehrte ins Kuppelzimmer zurück. Waren es die Vögel auf dem Dach gewesen?
Violet erschrak so sehr, dass sie aufschrie. Dort stand jemand. Er stand auf der gusseisernen Wendeltreppe, die auf das Flachdach führte. Als Kind war Violet von ihrem Großvater verboten worden, diese Treppe zu betreten. Das Blechdach war abschüssig, es gab dort kein Geländer. Heute Abend hatte jemand diese Gefahr missachtet. Wie lange beobachtete er Violet schon durch die Glaskuppel? Er hatte die Klappe geöffnet und die Wendeltreppe betreten. Schritt für Schritt kam er herunter. Violet wich zu ihrem Bett zurück.