Violet fand ihren Onkel dort, wo er meistens zu finden war, in seinem Apartment, in dem es nichts weiter gab als ein Bett, einen Haken, an dem er seine Jacke aufhängte, und Hunderte Uhren. Tagein, tagaus saß Henry am Arbeitstisch und schraubte, reinigte und ölte. Unausgesetzt trug er dabei die Uhrmacherlupe im Auge, weshalb seine rechte Augenhöhle größer wirkte als die linke.
»Stewart hat den Dieb erwischt«, erklärte Violet. »Das konnte er mir gerade noch sagen, bevor Detective Smythe ihn abführen ließ.«
Henry nahm die Lupe aus dem Auge. »Wenn Stewart den wahren Täter gekriegt hat, wieso präsentiert er ihn dann nicht der Polizei?«
»Es kam wohl zum Kampf zwischen beiden, der Dieb konnte fliehen.« Violet stand in der Tür. Es war schwierig, weiter in Henrys Reich vorzudringen, da auch auf dem Boden Uhren, Gehäuse und Werkzeug ausgebreitet lagen.
»Ich weiß nicht, Vi. Dieses Phantom von einem anderen Dieb, kommt dir das nicht merkwürdig vor?« Damit sie sich setzen konnte, räumte Henry seinen größten Schatz vom Bett, eine Reverso-Tourbillon. »Du sagst, Mr Stewart wurde im Zimmer des Schweden auf frischer Tat ertappt. Er trug eine schwarze Montur. Er ist durch den Luftschacht geklettert. Und die Juwelen sind verschwunden. Ist die Situation nicht eindeutig?«
Als Violet sich setzte, gab die Reverso-Tourbillon einen hellen Laut von sich. »Entschuldige. War ich das?«
»Nein. Sie schlägt alle Viertelstunden. Klingt das nicht wunderbar?«
»Sehr schön«, antwortete Violet abgelenkt. »Die Beweise sprechen gegen Stewart, ich weiß, weil der sture Mr Sjögren behauptet, dies sei der Mann gewesen, der aus dem Badezimmerfenster geflohen ist.«
»Wieso glaubst du Stewart mehr als dem Schweden?«, entgegnete Henry. »Er ist schließlich dabei gewesen. Stewart behauptet doch nur, dass er den Einbrecher auf dem Dach erwartet hat. Er könnte dir sonst was vorlügen.«
»Er wurde beim Kampf mit dem Dieb sogar verletzt.«
»Eine ungefährliche Fleischwunde. Die kann er sich selbst beigebracht haben.« Henry legte die Lupe beiseite. »Mir kommt die Geschichte von dem geläuterten Dieb, der den bösen Dieb fassen will, an den Haaren herbeigezogen vor.«
»So siehst du das also«, erwiderte Violet nach einer Pause. »Onkel –«
»Ja?«
»Mr Stewart war vergangenen Abend bei mir.«
»Was heißt bei dir?«
»Im Kuppelzimmer.«
»In deinem Schlafzimmer?« Henry räusperte sich, wie er es meistens tat, wenn ein Gespräch ihm zu intim wurde. »Hat er etwa versucht …?«
»Nein, nicht was du denkst. Er hat sich Zutritt verschafft, um mir seinen Plan auseinanderzusetzen.«
»Welchen Plan?«
»Er wollte dem Dieb eine Falle stellen.«
»Und das hast du ihm geglaubt? Du hast dich auf den Vorschlag eines Juwelendiebes eingelassen?«
»Er hat seit Langem mit dem Stehlen aufgehört.«
»Hörst du dir eigentlich selbst zu, Violet?« Henry schlug die Hände zusammen. »Ein berüchtigter Räuber wohnt in deinem Hotel, in dem seit Wochen Juwelendiebstähle passieren. Wenn ich nicht wüsste, dass du die Kluge und die Souveräne von uns beiden wärest und ich der dusselige Onkel bin, würde ich glauben, die Rollen sind in diesem Fall vertauscht. Was hat dich bewogen, dieser Idee zuzustimmen?«
»Sein Vorschlag klang irgendwie so … plausibel.«
»Eine bessere Lüge hätte er gar nicht benützen können, um dich in Sicherheit zu wiegen.« Henry stand auf und beugte sich zu seiner Nichte. »Ich kenne diesen Ausdruck an dir, Vi.«
»Welchen Ausdruck?« Sie wandte das Gesicht ab.
»Hast du dich etwa in den Juwelendieb verliebt?«
Das Blut schoss ihr zu Kopf. »Du spinnst ja, Onkel!«
»Spinne ich wirklich? Ich habe Augen im Kopf. Du und Lionel, ihr seid nicht mehr das pure Glück.«
»Wir sind jetzt seit drei Jahren zusammen. Da ist man eben kein jung verliebtes Pärchen mehr.«
»Schon möglich, trotzdem hat dieser Stewart es dir angetan. Er sieht blendend aus. Er ist ein dunkler Prinz, ein Abenteurer mit Vergangenheit. So jemand hat dich schon immer angezogen.«
»Wovon redest du?«, ging sie vehement dazwischen. »Wann hätte ich mich je in einen Abenteurer verliebt?«
»Als Kind war Sir Laurence, mein Vater, dein größter Held. Er hat ein wild bewegtes Leben geführt. Du hast ihn verehrt.«
»Alle Kinder verehren ihren Großvater.«
»Dann kam John«, fuhr Henry unbeirrt fort.
»John war kein Abenteurer, sondern Hausmechaniker im Savoy.«
»Falsch. Er war vor allem ein Künstler. Er wohnte auf dem Speicher des Hotels und hat dort gemalt, bei Hitze und bei Kälte. Seine verrückten Bilder haben dich beeindruckt. Du hast ihn geliebt, du hast seine Kompromisslosigkeit bewundert. Und dann kam Max, der König der BBC. Max erschuf phantastische Welten und beglückte damit Millionen Menschen. Für kurze Zeit hat dich Max in seine Traumfabrik geholt, und dafür hast du ihn geliebt. Und dann war da dieser Franzose, der Adelige, wie hieß der noch?«
»Habe ich vergessen.«
»Komm schon, wie hieß er?«
»Er hieß Omar Philibert Guillaume Marquet de la Durbollière«, rief sie trotzig. »Er war ein mieses Schwein, das mich in Berlin in Lebensgefahr gebracht hat.«
»Aber auch er war ein geheimnisvoller Mann, der dich eine Zeit lang faszinierte. Zu guter Letzt kam Lieutenant Lionel Burke, der für den britischen Geheimdienst gearbeitet hat. Ein Geheimnisträger, der in Afrika gekämpft hat, er wurde verwundet und hat sich zu dir nach London durchgeschlagen.« Henry breitete die Arme aus. »Das sind die Männer, die dich anziehen, Vi. Männer, die du liebst.«
»Hör auf!« Sie war wütend, aufgeregt und verzweifelt. Wütend, weil Henry recht hatte, aufgeregt, weil es ihr erst jetzt klar wurde, und verzweifelt, weil sie keinen Ausweg wusste. Obwohl alles gegen Gary Stewart sprach, wünschte sie sich, dass er unschuldig sein möge. Aber das Gegenteil war genauso möglich: Stewart konnte der gesuchte Räuber sein, der die Hoteldirektorin mit seinem Charme um den Finger gewickelt hatte. »Ich werde dir nicht weiter zuhören«, sagte sie.
»Das solltest du aber.« Mit einem Mal hatte Henrys Stimme einen anderen Klang. »Ich mag ein Mann sein, der nie viel geleistet hat, Violet, der zuerst im Schatten seines Vaters stand und jetzt im Schatten seiner Nichte steht. Aber ich kann sehen und beobachten, und ich verstehe eine Menge.«
»Was siehst du, Henry?«, fragte sie kleinlaut.
»Ich sehe ein, dass ich schuld daran bin, wenn sich etwas zwischen Lionel und dir verändert hat. Ich habe dir verraten, dass ich ihn mit dieser Frau gesehen habe. Ich hätte meinen Mund halten sollen. Doch nur, weil Lionel Sherry mit einer Lady trinkt, heißt das doch nicht …«
»Das habe ich auch nicht angenommen«, ging sie dazwischen.
»Trotzdem verstärkt dieser Vorfall die Verwandlung, die Lionel in deinen Augen durchmacht.«
»Welche Verwandlung?«
»Aus dem Lieutenant im Geheimdienst Seiner Majestät ist ein Klassenlehrer geworden. Morgens geht er zum Unterricht, er bringt den Lümmeln Algebra bei, abends besucht er dich. Den dunklen Prinzen von damals gibt es nicht mehr.«
»Das nennt man eine normale Beziehung, Onkel. Jede Beziehung holt irgendwann der Alltag ein.«
So etwas wie Weisheit spiegelte sich plötzlich in Henrys Gesicht. »Nicht bei dir, Vi. Du führst ein Leben wie keine Zweite. Du bist die Besitzerin eines Hauses, in das die ganze Welt kommt. Die reichsten Männer, die berühmtesten Frauen, die erfolgreichsten Politiker, die skandalumwittertsten Künstler, sie alle steigen bei dir ab und suchen deine Gesellschaft. Du kennst sie persönlich, Violet. Mr Churchill liebt es, das berühmte Chunk Bread bei uns zu essen, das nur im Savoy serviert wird. Während des Luftkrieges, als die Deutschen London jede Nacht bombardierten, hast du mehrmals mit unserem König korrespondiert. Verstehst du, was ich meine? Du verkehrst mit den schillerndsten Persönlichkeiten. Hältst du meine Schlussfolgerung wirklich für so unsinnig, dass ein Mathematiklehrer deinen Ansprüchen nicht genügt?«
»Lionel ist ein wichtiger Mensch für mich! Ich liebe ihn«, widersprach sie.
»Das glaube ich dir, aber du liebst ihn eher so, wie man einen Onkel liebt, der sich in seiner Uhrensammlung versteckt. Du liebst das Besondere, Violet, das Außergewöhnliche. Du liebst Männer, die ein faszinierendes Leben führen, so wie Gary Stewart. Er klettert an deiner Fassade hoch und steigt in dein Zimmer ein. Sag mir nicht, das hätte dir nicht imponiert.«
Henry sank auf seinen Arbeitsstuhl. Selten hatte er so viel und vehement gesprochen. »Aber obwohl Mr Stewart faszinierend ist, kann er trotzdem der gesuchte Dieb sein.«
»Du hast recht«, seufzte sie. »Ich fürchte, du hast mit allem recht, Onkel.«
»Jetzt bin ich so fix und fertig, ich glaube, ich muss ein Nickerchen halten.« Er ließ den Kopf sinken.
»Ein Nickerchen?« Sie lächelte. »Es ist mitten in der Nacht. Du solltest dich zu Bett legen.«
Er warf einen Blick auf seine zahllosen Uhren. Keine von ihnen ging richtig. »Wie spät haben wir es eigentlich?«
»Kurz nach zwei.«