Reginald Meyers akzeptierte, dass man in einer Gourmetküche wie der des Savoy ganz unten anfangen musste. Er hatte sich auch damit abgefunden, unter einer Frau zu arbeiten. In Zeiten wie diesen war die Haute Cuisine bedauerlicherweise nicht mehr Männersache. Aber unter diesem Drachen, diesem Biest von einer Köchin, die ihm das Leben zur Hölle machte, ertrug er die Demütigung nicht länger. Dafür hatte er nicht drei Jahre lang das Cooking Studio Under The Auspices Of His Majesty besucht, eine Spitzenausbildung, die seine Mutter viel Geld gekostet hatte.
Reginald war ihr einziges Kind. Einen Vater gab es seit Längerem nicht. Von klein auf hatte Mama Reginald eingetrichtert, er sei etwas Besonderes, und seit er ins Mannesalter kam, hatte sie ihm die Befürchtung genommen, er sei möglicherweise nicht besonders attraktiv.
»Frauen lieben Bäuche bei Männern«, schwärmte Mama ihm vor. »Frauen mögen es, wenn Männer nicht groß sind. Dann fühlen sie sich ihnen nicht unterlegen. Frauen finden rotes Haar bei Männern süß.«
Reginald glaubte seiner Mutter. Er wunderte sich mitunter nur, dass sie nach wie vor die einzige Frau in seinem Leben war. Mädchen machten sich nicht viel aus ihm. Deshalb hatte Reginald beschlossen, sich ebenfalls nicht viel aus Mädchen zu machen.
Wenn es da nicht diese July gegeben hätte, seine Vorgesetzte. Er hasste July Gilbert, weil sie ihn spüren ließ, wie viel er noch zu lernen hatte. Als Koch war er noch nicht präzise, nicht schnell, nicht engagiert genug. Aber musste sie ihm das ständig auf die Nase binden? Musste sie ihn vor versammelter Mannschaft maßregeln?
Reginald hasste July, und er liebte July. Das war sein Dilemma. Vom ersten Tag an, als Maître Dryden ihm die Abteilungschefin präsentiert hatte, war Reggie hin und weg gewesen. Was für eine allerliebste Lady. Das süße Versprechen in ihren verschmitzten Augen, die Locken in dem etwas dünnen blonden Haar, die Sorgenfalte, die sich schon in ihre junge Stirn gegraben hatte! Bei der Beschreibung von Julys Mund und Nase kam Reginald vollends ins Schwärmen. Ihre Nase war eine Winzigkeit zu kurz, ihr Mund ziemlich groß; dieses Missverhältnis brachte ihn zur Raserei. Diesen Mund musste er unbedingt küssen, diese Locken zwischen seinen Fingern fühlen. Dass July einen Kopf größer war als er, kümmerte Reginald nicht besonders. Dass sie ihn herablassend behandelte, nahm er als Hinweis dafür, dass auch er ihr nicht gleichgültig war, sie es ihm aber nicht zeigen wollte. So sah sich Reginald hin- und hergeworfen zwischen Skylla und Charybdis, zwischen seinem Hass auf July, der ihn manchmal zum Küchenmesser greifen ließ, um es ihr zwischen die Rippen zu jagen, und seiner leidenschaftlichen Hingabe für die junge Frau, die täglich am Herd um ihn herumtanzte.
Anfangs hatte er sich eingeredet, er müsse nur geduldig sein, seine Zeit würde schon noch kommen. Diese Strategie drohte, sich als nutzlos zu erweisen. Ihm war ein Gerücht zu Ohren gekommen, ein schreckliches Gerücht. July hatte die Aufmerksamkeit eines Hotelgastes geweckt, aber nicht irgendeines Gastes: Der junge Herzog von Londonderry war auf sie zugetreten. Zunächst schien es nur Bewunderung für ihre Kochkunst zu sein, neulich aber hatte ein Angestellter, mit dem Reginald manchmal eine rauchte, ihm brühwarm aufgetischt, dass July mit Sir Tyrone spazieren gegangen sei. Das war nicht nur ungewöhnlich, sondern auch verboten. Das Personal hatte sich unter keinen Umständen mit Hotelgästen anders als professionell einzulassen. Überschritt July diese Grenze etwa und riskierte ihre gute Stellung damit? Getraute sie sich deshalb, so weit zu gehen, weil sie unter dem Schutz von Mrs Drake stand?
Reginald war krank vor Sorge. Wenn der designierte Duke of Londonderry seine Avancen fortsetzte, würde July über kurz oder lang ein Verhältnis mit ihm anfangen. Ein schmutziges kleines Verhältnis natürlich, denn zwischen einem Mitglied des Oberhauses und einer Köchin war eine legitime Verbindung ausgeschlossen. Und danach wäre July »beschädigte Ware«. Reginald zweifelte, ob er sich dann noch für sie interessieren könnte.
Er musste der Sache zuvorkommen. Gerüchte über erotische Liaisons im Savoy gab es viele. Darauf ließ sich keine Taktik aufbauen. Reginald wollte July weder schaden noch sie anschwärzen, aufzeigen wollte er ihr, dass sie seine Gunst besser nicht verspielen sollte. Nach und nach, so phantasierte sich Reginald das Kommende zusammen, würde zwischen ihnen Zuneigung entstehen. Er war kein schlechter Kerl, er war sogar ein großartiger Kerl, seine Mama sagte es ihm wieder und wieder. Der Tag kam bestimmt, an dem auch July diese simple Wahrheit einsehen würde.
Reggie nahm seine Frühstückspause zum Anlass, in den Personaltrakt zu gehen. Nachdem alles für das Mittagessen vorbereitet war, gab es in der Küche zwanzig Minuten, in denen jeder machen konnte, was er wollte. Meistens setzte sich July dann mit anderen Mädchen zum Kaffee, manchmal leistete der Maître ihnen Gesellschaft.
Reginald durcheilte die schmalen Korridore und hielt vor Julys Tür. Sie hatte ihm erzählt, dass sie die früheren Räume ihrer Tante bewohnte. Die Gästezimmer des Savoy waren mit Sniphold-Schlössern versehen, die nur mit dem Hauptschlüssel geöffnet werden konnten. Die Türen der Angestellten hatten dagegen simple Windham-Schlösser, ein einfacher Typus, für den im Falle des Verlusts rasch ein Ersatzschlüssel hergestellt werden konnte. Reginald hatte nichts als einen gebogenen Draht dabei. Was er vorhatte, war nicht ehrenhaft. Zu seiner Beruhigung sagte er sich, dass er es aus Liebe tat und außerdem: schließlich sah ihn ja niemand dabei. Wie erwartet, gab das Schloss rasch nach. Reginald betrat das Zimmer seiner heimlichen Liebe.
* * *
Violet Mason hatte gute Kontakte zu einflussreichen Londoner Kreisen, verlässliche, seit Jahren bestehende Kontakte. Die Leute genossen es, hin und wieder die eleganten Räume des Savoy zu besuchen und als gern gesehene Gäste behandelt zu werden. Auch Sir Ethelred Doyle, Oberstaatsanwalt Seiner Majestät, genoss dieses Privileg. Er vertrat die Krone in großen Londoner Prozessen, war wegen seiner Schärfe gefürchtet und durch die Vielzahl an Fällen meistens überlastet. Deshalb erschien es dem Oberstaatsanwalt wie eine wunderbare Fügung, als ihn Violet Mason persönlich zum diesjährigen Kostümball einlud. Der Staatsanwalt hatte ein schlechtes Gewissen, weil er seinen Hochzeitstag zwar nicht vergessen, es aber versäumt hatte, seiner Frau ein Geschenk zu besorgen. Aus heiterem Himmel bekam er nun ein herrliches Präsent für sie. Nach dem Telefonat mit Miss Mason rief Sir Ethelred sofort seine Frau an, verkaufte ihr die Einladung zum Ball als sein Hochzeitsgeschenk, nahm ihre Dankesworte entgegen und ermunterte sie, sich ein wunderbares Kostüm schneidern zu lassen.
Als das erledigt war, machte er sich an die Einlösung seines Versprechens. Miss Mason hatte recht: Der Hotelgast, den man vergangene Nacht verhaftet hatte, war des Einbruchsdiebstahls noch nicht überführt worden. Man hatte die Beute weder an ihm noch in seinem Zimmer gefunden. Es hieß, die Strenge des Gesetzes im Übermaß zu beanspruchen, wenn man Mr Stewart bis zum Prozessbeginn in Gewahrsam behalten würde. Sir Ethelred widersprach daher dem Antrag seines eigenen Staatsanwaltes und erteilte Order, Stewart gegen Kaution auf freien Fuß zu setzen. Die Kaution, und das überraschte den Staatsanwalt, wurde aus der Hotelkasse des Savoy beglichen. Sir Ethelred sah sich in seiner Bewunderung für Miss Mason bestätigt: In ihrem Haus schien der Gast tatsächlich König zu sein.
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Violet holte den Untersuchungsgefangenen im Dienstwagen ab. Das Gefängnis lag im Westen Londons, die Fahrt dauerte eine halbe Stunde. Die Gedanken, die ihr unterwegs durch den Kopf gingen, hätte sie lieber beiseitegeschoben, doch so einfach ließen sie sich nicht vertreiben. Violet glaubte an Gerechtigkeit. Sie glaubte allerdings auch an die Liebe. Sie weigerte sich jedoch, zuzugeben, dass ihr Vorgehen eine Vereinigung von beidem sein könnte. Gary Stewart hatte sich persönlich in Gefahr begeben, als er Violet seinen Plan mitteilte und auch, als er sich auf dem Dach des Savoy auf die Lauer legte. Glaubte man seinen Worten, hatte er den Dieb fast geschnappt. Es wäre unsinnig gewesen, einen derart komplizierten Plan mit Violet zu teilen, sofern man lediglich an die Juwelen von Frau Sjögren herankommen wollte.
Angetrieben durch ihren Gerechtigkeitssinn hatte Violet die Bekanntschaft mit Sir Ethelred genützt und die geforderte Kaution für Mr Stewart gestellt. Doch wenn ihr Gerechtigkeitssinn der wahre Beweggrund war, warum kam Violet ständig das Gespräch mit Onkel Henry in den Sinn? Es stimmte, Violet suchte das Außergewöhnliche im Leben. Während ihrer kurzen Zeit bei der BBC hatte sie überlebensgroße Geschichten erfunden und dafür den Beifall von Max geerntet. Es stimmte auch, dass sie den grauen Alltag anstrengender fand als das kräftezehrendste Abenteuer. Ja, Onkel Henry hatte leider recht: Violet bewunderte Gary Stewart. Er war ein Mann, der etwas riskiert hatte, um den Dieb zu fassen. Er hatte Anspruch auf Violets Unterstützung. Deshalb fuhr sie im Dienstwagen quer durch London und hielt in einer Gegend, in der sie noch nie gewesen war. In einer Seitenstraße stieg sie aus und ging langsam auf das graue Metalltor zu.
Ein Segment in dem großen Tor wurde geöffnet. Ein Polizist trat als Erster heraus, gefolgt von Mr Stewart. Gary trug immer noch das schwarze Outfit, in dem er verhaftet worden war. Sein Lächeln konnte nichts anderes bedeuten, als dass er sich freute, Violet zu sehen.