Es gab eine Regel im Savoy: Die Stunde vor dem Five-o’clock-Tea war für Violet und ihre Tochter reserviert. Wie das an jedem einzelnen Tag zu bewerkstelligen war, lag in den Händen der Angestellten. Es gab im Haus regelmäßig technische Gebrechen, es gab menschliche Gebrechen, mitunter Zwist und Anschuldigungen. Es gab Vorfälle, bei denen es nur der Autorität von Mrs Drake zu verdanken war, dass zwischen den Angestellten nicht Mord und Totschlag passierte. Es gab die unvermeidlichen Nerv tötenden Gäste, die ausgerechnet zwischen vier und fünf Uhr mit der Hoteldirektorin sprechen wollten. Bis heute war es keinem von ihnen geglückt. Bis heute hatte keine Katastrophe ausgereicht, Violets friedliche Stunde mit Maxine zu vereiteln.

Friedliche Stunde war eine ungenaue Beschreibung für das, was sich im Kuppelzimmer abspielte. »Die wilde Jagd« oder »die apokalyptischen Reiter« hätten die Vorgänge besser charakterisiert. In Maxines Alter spielten Mädchen normalerweise mit Puppen, doch sie hatte daran kein Interesse. Maxine tollte lieber rum. Sie tobte am liebsten mit ihrer Mutter und behandelte sie dabei wie ein etwas zu groß geratenes Kind. Violet empfand diese Stunde als die Befreiung ihres Tages. Üblicherweise hatte sie sich elegant, höflich, gelassen, über den Dingen stehend zu benehmen. Zwischen vier und fünf war Violet nie gelassen, sondern ausgelassen. Sie wurde zum Kind, zur Bestie, zum Fabelwesen. Sie war die große Zauberin, der kleine Muck, die Biene Sam und das Einhorn mit dem schönen Namen Gregoria. Sie wurde so kindlich, wie es sich ein Kind nur wünschen konnte. Weder sommers noch winters, auch nicht an jenem Nachmittag im Mai, ließen Violet und Maxine dieses gemeinsame Glück ausfallen.

Violet und Gary Stewart trafen zehn Minuten vor vier im Savoy ein. In der Lobby begrüßte man die Direktorin an der Seite des Gentleman, über den seit vorgestern Gerüchte umgingen. Violet und er nahmen den Fahrstuhl und betraten die Dachsuite um Punkt vier Uhr nachmittags. Maxine wartete bereits. Die Nanny zog sich zurück.

Im Auto hatten Violet und Stewart wenig, zumindest nicht über das Entscheidende gesprochen. Der Chauffeur des Savoy war ein diskreter Mann, aber Violet wollte kein Risiko eingehen.

»Das ist Maxine«, sagte sie beim Eintreten. »Und das ist …«

»Ich bin Gary. Hallo.« Er gab dem Mädchen die Hand.

»Spielst du mit?« Maxine zeigte auf das Chaos in ihrem Zimmer, in dem zwar täglich aufgeräumt wurde, doch sie war sehr gut darin, das Durcheinander in Kürze wiederherzustellen.

»Wenn ich darf.«

»Du musst. Wenn Mama jemanden mitbringt, muss er mitmachen.«

»Aha?« Ein Blick zu Violet. »Bringt sie oft jemanden mit?«

»Selten«, antwortete Maxine ernsthaft.

»Ich fühle mich geehrt.«

»Was machen wir heute?«, fragte Violet.

»Rennen. Wir rennen hin und her.«

Violet zog Jacke und Schuhe aus. »Rennen ist gut.«

»Du musst auch die Schuhe ausziehen, Gary«, befahl Maxine. »Was hast du denn für komische Sohlen?«

»Das sind Kreppsohlen.«

»Wozu braucht man Krepp auf den Sohlen?«

»Einbrecher tragen solche Schuhe«, erklärte Violet. »Damit sie an glatten Flächen hochklettern können.«

»Bist du ein Einbrecher?«, erkundigte sich Maxine.

»Eine gute Frage.« Violet beobachtete, wie Stewart die Schuhe ablegte. »Sie haben ein Loch im Socken, Gary.«

»Das tut mir leid.«

»Haben alle Einbrecher Löcher in den Socken?«, fragte Maxine.

»Nur die Meisterdiebe«, antwortete Violet an seiner Stelle.

»Dann spielen wir besser nicht Rennen, sondern Einbrechen«, bestimmte Maxine.

»Ach nein, das … das finde ich kein gutes Spiel«, sagte Stewart.

»Einbrechen, Einbrechen!«, rief die Kleine.

»Warum nicht?«, ermunterte Violet. »Da können Sie mir gleich pantomimisch vormachen, was im Zimmer des Schweden passiert ist.«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen.«

»Maxie, du bist die Meisterdiebin«, ging Violet über seinen Einwand hinweg. »Du kletterst über das Hoteldach. Gary versucht, dir den Schmuck abzujagen.«

»Und du, Mama, was bist du?«

»Ich bin die Polizei.«

Gary Stewart spielte mit. Er spielte den Mann mit den Kreppsohlen, der den Juwelenräuber im Savoy zu fassen versuchte. Maxine machte es ihm nicht leicht. Sie nützte ihren Heimvorteil, schlich auf leisen Pfoten hinter Vorhänge, um brüllend wieder hervorzustürzen. Was Stewart auch anstellte, es gelang ihm nicht, die Meisterdiebin zu fassen. Schließlich stellte die Polizei fest, dass Maxine Siegerin blieb. Danach war die Meisterdiebin erschöpft und verlangte nach heißer Schokolade. Violet rief nicht den Zimmerservice, sondern quirlte den Kakao in der kleinen Küche selbst.

»Haben Sie einen Verdacht, wer es sein könnte?«, fragte sie Stewart, der sich auf einen Stuhl fallen ließ.

»Verdacht ist zu viel gesagt. Ich habe einen Eindruck. Er war mittelgroß, schlank, er war kräftig. Aber er war nicht im üblichen Sinne stark. Mir ist seine …« Er überlegte. »Seine Katzenhaftigkeit aufgefallen.«

»Muss er nicht katzenhaft sein, wenn er sich durch Luftschächte zwängt?«

»Das auch, aber vor allem braucht es ziemlich viel Kraft, um eine Hausfassade zu überwinden. Es geht senkrecht in die Höhe, und es gibt kaum Möglichkeiten, sich festzuhalten. Manchmal muss man sich mit zwei Fingern in einer Vertiefung festkrallen, manchmal tragen dich nur die Zehen, oder dein Körpergewicht hängt minutenlang an einer Hand.«

»Wollen Sie mir etwa imponieren, Gary?«

»Ich hätte Ihnen vielleicht imponiert, wenn ich den Kerl gefasst hätte. So bleibt das seltsame Gefühl bei mir, dass diesem Dieb etwas Unerklärliches anhaftet.«

Violet warf einen Blick nach nebenan, wo Maxine selbstvergessen spielte. »Wo haben Sie ihn denn erwartet?«

»Ich bin ihm über die Dächer gefolgt. Er kletterte aus einem Luftschacht im Westtrakt des Hotels. Er kennt sich offenbar bestens aus und nahm den direkten Weg zu den Suiten.«

»Weshalb haben Sie ihn nicht gleich gestellt?«

»Dass jemand über ein Dach klettert, genügt nicht als Beweis. Ich wollte ihn mit der Beute schnappen. Also blieb ich am Rand des Luftschachtes und habe gewartet. Er ist im vierten Stock durch das Bad eingestiegen und hat das Fenster offen gelassen. Gleich darauf hörte ich Stimmen. Der Schwede hat ihn auf frischer Tat ertappt. Es gab Gerangel und Geschrei. Als der Dieb nach oben entkam, habe ich ihn in Empfang genommen.«

Violet goss die heiße Schokolade in Maxines Tasse. »Wieso ist er Ihnen dann entkommen?«

»Er hatte ein Messer.«

Violet fiel ein, dass Stewart gewissermaßen ihretwegen verletzt worden war. »Entschuldigen Sie, ich habe noch gar nicht gefragt: Wie geht es Ihrer Verwundung?«

»Ganz gut.« Er fasste sich an die Rippen. »Der Gefängnisarzt kennt sich mit Messerstichen bestens aus.«

»Hat der Dieb sofort auf Sie eingestochen?«

Stewart nickte. »Er wusste, die Zeit spielt gegen ihn. Als er erkannte, dass er mich anders nicht abschütteln kann, stach er zu, rannte los, erreichte das Seil in dem anderen Lichtschacht und ist daran runtergeklettert. Er hat es sofort eingezogen. Falls Detective Smythe sich irgendwann entschließen sollte, mich nicht länger für den Dieb zu halten, könnte ich der Polizei diesen Schacht zeigen.«

»Wie geht es Ihrem Kopf?«

»Der brummt noch ein wenig.«

»Der Schwede hätte Sie nicht schlagen dürfen.« In einem plötzlichen Impuls trat Violet auf Stewart zu. »Das haben Sie großartig gemacht, Gary. Wenn es nicht so abgeschmackt klingen würde, hätte ich Lust, Sie als Held zu bezeichnen.«

»Das klingt gar nicht abgeschmackt. Sagen Sie es ruhig.«

»Mein Held.« Sie beugte sich nieder und küsste ihn auf die Stirn.

Er hob den Kopf und küsste sie auf den Mund. »Ich glaube, das ist die wahre Belohnung für einen Helden.« Er lächelte ein wenig unsicher. »Oder etwa nicht?«

»Was macht ihr denn da?« Maxine stand in er Tür.

Violet räusperte sich. »Ich belohne Gary, weil er ein Held war«, antwortete sie.

»Ich auch, ich will auch belohnt werden.« Sie rannte zur Mama. »Ich bin auch ein Held.«

Die drei Helden küssten einander, bis Maxine zufrieden war. Sie schnappte sich den Kakao und lief ins Spielzimmer.

Eine kleine, angespannte Pause entstand.

»Das war schön«, sagte Violet.

»Sehr schön.«

»Ja.«

»Ja.«

Weitere Küsse getrauten sie sich nicht zu verschenken.