»Wieso glaubt alle Welt, dass sie ungestraft Polizei spielen kann?« Detective Inspector Smythe sprang aus dem niedrigen Sessel auf. »Ich verstehe immer noch nicht, weshalb Mr Stewart nach der Tat zu dem Einbruchsopfer hinuntergeklettert ist. Mr Sjögren musste ihn zwangsläufig für den Dieb halten.«

»Stewart wollte lediglich herausfinden, ob der Raub bereits stattgefunden hatte. Wann sind Sie endlich davon überzeugt, dass er nicht der Einbrecher gewesen sein kann, Detective?«

»Das kann ich nicht.«

»Wieso?«

»Weil seine Angaben nicht stimmen. In dem Schacht, den er uns zeigte, haben wir keine Spuren gefunden. Weder Fußabdrücke an den Wänden noch Schleifspuren. Dort ist in letzter Zeit kein Mensch herumgeklettert.«

»Der Täter hatte ein Seil.«

»Das behauptet Stewart.«

»Mir scheint, es wird langsam zur fixen Idee von Ihnen, Detective, dass der Mann, der früher Descoyne hieß, unter meinem Dach Leute bestiehlt.« Violet versuchte, ihren Ärger zu unterdrücken.

»Ich halte mich lediglich an Fakten, Miss Mason. Niemand außer Stewart hat diesen angeblich wahren Dieb gesehen, für dessen Fluchtweg es keine Hinweise gibt. Was bringt Sie dazu, so felsenfest an Stewarts Unschuld zu glauben?«

Ich mag den Amerikaner, dachte sie. Ich mochte ihn gleich. Ich habe ihn geküsst. Er hat mich geküsst. Die Fülle ihres schlechten Gewissens schwappte plötzlich wie eine Woge über Violet zusammen.

»Entschuldigen Sie, Detective, ich muss einen dringenden Anruf machen.«

»Soll ich draußen warten?«

»Nicht nötig. Es dauert nicht lange.« Sie wählte die Nummer von Lionels Wohnung. Er hob sofort ab.

»Verzeih, dass ich erst jetzt anrufe«, sagte sie nach der Begrüßung. »Hier war wieder mal einiges los. Ich würde dich heute Abend gern sehen. Hast du denn Zeit? – Ja? Um acht bei mir? Ich lasse ein Menü nur für uns zusammenstellen. – Ja, ich freue mich auch.« Sie legte auf.

»Das war Ihr dringender Anruf?«, fragte Smythe erstaunt.

»Dringender, als Sie sich vorstellen können, Detective.«

* * *

»Ich muss es ihr sagen. Heute Abend muss ich es ihr endlich sagen.« Lionel schob sich ein Kissen in den Rücken.

»Wieso ausgerechnet heute?« Irene zog an der Zigarette.

»Weil Violet so lieb, so gut, so freundlich zu mir ist, und weil ich das nicht länger ertrage. Ich werde erst wieder froh sein, wenn ich es hinter mir habe.«

Sie ließ ihn an der Zigarette ziehen. »Und was bedeutet das für uns zwei?«

Er schüttelte den Kopf. Ihre Zigarettenmarke war ihm zu stark. »Was könnte es denn bedeuten?«

»Es könnte zum Beispiel bedeuten, dass es dir bald leidtun wird, diese großartige Frau verlassen zu haben.«

Er sah sie an. »Die großartigste Frau liegt neben mir.«

Sie nickte nachdenklich. »In dem Fall könnte es bedeuten, dass du vielleicht zu mir ziehst.«

Durch die Rauchwolke sah er sie an. »Zu dir?«

Sie zeigte auf den windschiefen Kleiderschrank, die abgeblätterte Farbe über dem Waschbecken, den abgetretenen Teppich. »Deine Bleibe ist ein Loch. Hier solltest du nicht länger wohnen.«

»Als ich bei der Armee war, hab ich oft einfacher gewohnt«, entgegnete er erstaunt.

»Du bist über vierzig, mein Lieber. Du hast es dir verdient, dich mal zu verbessern.«

»Ehrlich, Irene, darüber habe ich noch nie nachgedacht.«

»Dann denk mal darüber nach.« Sie stand auf und begann sich anzuziehen. »Ich meine nur, falls du es heute Abend wirklich schaffen solltest, deiner Göttin reinen Wein einzuschenken.«

»Traust du mir das nicht zu? Für so einen Schwächling hältst du mich?«

»Schwächling? Nein. Du magst es nur gerne bequem, Darling. Alle Männer mögen es bequem. Du schläfst mit mir in dieser Junggesellenhöhle, und du schläfst mit deiner Göttin im Savoy. Wieso solltest du dieses flotte Doppelleben aufgeben?«

»Sie ist keine Göttin.« Er schwang die Beine aus dem Bett. »Und ich werde sie aufgeben.« Lionel küsste Irene. »Ich gebe sie auf, für dich. Wenn du das willst.«

»Frag mich nicht, was du tun sollst, Lionel.« Irene machte sich los. »Tu es einfach. Tu endlich irgendetwas. Und danach sehen wir weiter.« Irene schlüpfte in ihre Schuhe und ging. Sie ließ einen nackten und verwirrten Lieutenant zurück.

* * *

»Ich hatte mich so darauf gefreut!« Sir Tyrone starrte auf seine Schuhspitzen.

Sie standen zusammen auf einem Korridor. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich auf einem schwach beleuchteten Flur zu treffen. Wenn sie in der Lobby miteinander sprachen, gab das Gerede unter den Angestellten. Sich erneut in Julys Zimmer zu verabreden, war inzwischen unmöglich; die Regeln des Savoy verboten Vertraulichkeiten zwischen Gästen und Personal.

»Ich habe mich auch darauf gefreut, Tyrone«, erwiderte sie. »Aber es geht leider nicht.«

»Es hätte dir bestimmt gefallen.«

Eine derart greifbare Enttäuschung hatte July noch bei keinem Menschen erlebt. »Können wir es denn irgendwann nachholen?«

»Ich weiß nicht. Ich weiß gar nicht, wie lange ich noch in London bleibe.«

»Das haben Sie schon einmal gesagt, und dann sind Sie doch geblieben.«

»Dir fällt alles so leicht!«, fuhr er sie unvermittelt an. »Du kennst keine Hindernisse, keine Schwierigkeiten im Leben. Du bist …« Vergeblich suchte er nach Worten.

Vorsichtig berührte sie seinen Arm. »Was ist denn heute nur mit Ihnen los?« Sie wünschte, er würde sie ansehen.

»Ich habe noch keinem Menschen so einen Vorschlag gemacht«, sagte er nach einer Pause.

»Sie haben noch kein Mädchen gefragt, ob es mit Ihnen rausfährt?«

Tyrone schüttelte den Kopf.

»Ein Mann wie Sie, ich meine … Jede Frau würde sich glücklich schätzen, wenn Sie ihr einen solchen Vorschlag machen. Jede auf der Welt.«

»Mich interessiert aber nicht jede auf der Welt«, murmelte er.

»So viel liegt Ihnen daran?«

»Spürst du das nicht?«

Sie warf einen Blick den Korridor hinunter. »Sie sind so nett zu mir, Sir Tyrone.« Ohne jeglichen Widerstand ließ er sich von ihr zur nächsten Nische ziehen. »Was ist das für ein Haus, das Sie mir zeigen wollen?«

Sobald das Thema auf diesen Gegenstand kam, wurde sein Ton lebendiger. »Es hat meiner Großtante gehört, der Duchess of Lully. Wir standen uns nahe. Seit ihrem Tod steht das Haus leer. Ich habe öfter überlegt, es zu renovieren, um dort später vielleicht selbst zu wohnen.«

»Wann später?« Es war so dämmerig in der Nische, dass sie seine Züge kaum ausmachen konnte.

»Später, wenn ich geheiratet habe. Ich ertrage Londonderry einfach nicht und unser Schloss genauso wenig.«

»Aber Sie sind der Herzog der Grafschaft. Müssen Sie in diesem Fall nicht auf Ihrem Stammsitz wohnen?«

»Ich muss gar nichts. Ich muss nicht einmal Herzog sein. Ich kann die Würde ablehnen. Mein Cousin würde den Herzogtitel als Nächster erben. Ich könnte in Surrey leben. Ich mag Surrey nämlich sehr gern.«

»Das Haus liegt in Surrey? Wie weit ist es denn von hier bis dorthin?«

»Ungefähr drei Stunden. Es liegt abseits des Weges.«

»Ich stelle es mir wunderschön vor.«

»Ja, das ist es auch.«

July seufzte. Da stand sie mit einem netten jungen Mann ihres Alters in einer Nische, wo sie niemand so schnell finden würde. Aber statt July einfach in den Arm zu nehmen, sprach der junge Mann von Großtanten, Häusern und seinem Cousin. Er sprach von einer nebeligen Zukunft, in der er vielleicht verheiratet sein würde. July wollte ihn lieber in die Gegenwart zurückholen.

»Tyrone?«

»Ja?«

»Was soll das mit uns eigentlich werden?«, fragte sie rundheraus.

»Was denn – werden

»Sie wollen sich mit mir doch nicht nur ein Haus ansehen.«

»Doch. Ich dachte, das interessiert Sie.«

Zart legte sie ihm die Hand auf den Mund. »Sei mal kurz still. Wir haben uns jetzt schon ein paar Mal getroffen. Du magst mich. Und ich mag dich. Wir brauchen uns keine Häuser anzugucken, wenn wir …« Sie hoffte, er würde verstehen. »Wenn wir ein bisschen zusammen sein wollen. Etwas Festes kann aus uns ja doch nie werden. Das weißt du so gut wie ich. Wenn du also vom Heiraten sprichst, hat das mit mir nichts zu tun.«

»Wieso?«, entgegnete er ehrlich erstaunt.

»Hör mal, Tyrone …« Sie unterbrach sich. »Wie nennt dich eigentlich deine Mutter?«

»Mama sagt Terry zu mir.«

»Das ist hübsch. Terry, hör zu. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass aus uns beiden ein richtiges Paar wird?«

Er fasste sie an den Schultern. »Wieso hältst du das für unmöglich?«

»Wieso? Na, weil es unmöglich ist!«

»Wir leben im 20. Jahrhundert, July. Der Krieg hat in diesem Land das Unterste zuoberst gekehrt. Heute ist alles möglich, auch dass ich ein Mädchen wie dich heirate. Wenn ich überhaupt noch etwas vom Leben erwarte, dann ist es genau das.« Er hielt inne. »Aber natürlich nur, wenn du es auch willst.«

Sie trat einen Schritt zurück. »Wenn du noch etwas vom Leben erwartest, was soll das heißen? Du bist zwanzig, Terry. Du bist reich, gesund, du kannst das glücklichste Leben führen.«

»Vielleicht, ja, wenn ich so beschaffen wäre wie du. Dann wäre alles möglich. Aber ich bin es nicht.«

»Was bist du denn? Wer bist du, Terry?«

»Ein Gefangener. Ich bin der trostloseste Mensch. Spürst du das nicht? Manchmal schaffe ich es morgens kaum aus dem Bett. Es gab Zeiten, da bin ich wochenlang nicht aus meinem Zimmer gekommen. Man hat mir das Essen vor die Tür gestellt. Ich wollte …« Aus riesigen Augen sah er sie an. »Bevor ich dich getroffen habe, wollte ich sterben, July. Ich hatte es fest vor. Ich wusste auch schon wie. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, wie ich es noch Jahr um Jahr weiter ertragen sollte, zu leben. In mir sitzt dieser dunkle Affe, der mich in den Abgrund zieht. Der Affe sagt, dass es besser wäre, dieses unsinnige Leben zu beenden, bevor sich mein Geist so weit verdüstert, dass meine Eltern gezwungen sind, mich in eine Anstalt zu sperren.«

»Terry – Terry, um Gottes willen!« Sie schob ihre Arme unter seine Achseln und drückte ihn ganz fest an sich.

»Verzeih, dass ich dir zumute, dir diese Geschichten anzuhören. Verzeih mir, dass ich mich in dein Leben dränge.«

»Ich bin gern bei dir, Terry. Ich weiß nur nicht, ob ich die Richtige bin, dich aus deiner dunklen Welt herauszuziehen. Dein dunkler Affe scheint eine große Macht über dich zu besitzen.«

»Wenn es irgendjemand kann, dann bist du das«, flüsterte er. »Ich habe mich so auf unseren gemeinsamen Tag gefreut.«

July machte sich los. »Ich verstehe. Jetzt verstehe ich dich voll und ganz.«

»Was meinst du damit?«

»Der Grund, warum ich dir sagte, dass ich nicht mitkommen kann, liegt darin, dass mein unnützer Assistent Reginald nicht zum Dienst erschienen ist.«

»Assistent, ich verstehe nicht …«

»Der Taugenichts ist seit gestern verschwunden. Keiner hat ihn gesehen. Er war nicht auf seinem Zimmer. Nicht einmal seine Mutter weiß, wo er sein könnte.«

»Ja, und?«

»Verstehst du nicht? Wenn Reginald nicht an meiner Stelle das Gemüse zubereitet, kann ich mir keinen freien Tag nehmen.«

»Es liegt also am Gemüse, dass wir nicht wegfahren?«

»Ja, ist das nicht zum Schießen?« Sie lachte und überlegte gleichzeitig. »Ich sag dir was, Terry: Das ist mir egal. Du willst mir ein Haus zeigen, schön. Wir waren fest verabredet. Schön. Wenn Reginald einfach verschwinden kann, wieso soll ich das nicht auch können?«

»Riskierst du damit nicht deine Stellung?«

»Der Maître mag mich. Er weiß, dass er so eine Kraft wie mich nicht so schnell findet.« Sie stieß die Luft aus. »Und wennschon! Dann essen die feinen Herrschaften im Savoy heute eben mal Dosengemüse. Schmeckt auch nicht schlecht.«

»Ich möchte nicht daran schuld sein …«, entgegnete er besorgt.

»Du bist an gar nichts schuld, Terry. Wir sehen uns heute dieses Haus in Surrey an, ganz egal, ob wir später heiraten und darin wohnen werden.« Sie lachte. »Mach dir keinen Kopf, Terry. Ich spreche mit meiner Tante. Mrs Drake hat im Hotel einen ziemlichen Einfluss. Vor der kuscht sogar Maître Dryden. Ich rede mit ihr, und dann ziehe ich mich um. Und schon kann es losgehen.«

»Oh July, July!« Vor Glück fasste sich Tyrone an die Stirn.

»Lass uns keine Zeit verlieren«, ermunterte sie ihn. »Wir wollen nicht länger auf diesem muffigen Korridor rumstehen, wo wir schon bald das herrliche Surrey genießen können!«

Sie lief den Korridor hinunter. »Ich sehe dich draußen!«

»July«, flüsterte Sir Tyrone. »O Gott, ich danke dir. Danke dir für diesen Menschen.«