Selten hatten sie so wenig gesprochen wie an diesem Abend, als sie vorhatten, alles zu besprechen. Violet wollte es Lionel leicht machen und machte es damit nur schwerer. Sie versuchte sich selbst einzureden, dass ihre Aussprache nichts, aber auch gar nichts mit dem Kuss von Mr Stewart zu tun hatte. Beide wollten vernünftig sein und benahmen sich wie Kinder, die zwar wussten, wie das Spiel ging, die das Gefühl dafür aber verloren hatten.
Gab es ein bestimmtes Benehmen bei Traurigkeit oder eine Verhaltensregel für Ausweglosigkeit? Gab es etwas Quälenderes als zwei Menschen, die vieles gemeinsam hatten, aber spürten, dass ihre Zeit ablief? Die Zeit war nicht zu besiegen. Entweder man floss mit ihr, oder man ging unter.
»Willst du noch von den Möhren?« Sie tat sich selbst auf.
»Nein, danke.«
»Schmeckt es dir nicht?«
»Wann hat mir ein Menü vom Maître je nicht geschmeckt?« Er schnippelte an seinem Steak.
»Nur die Möhren –« Violet kaute nachdenklich.
»Stimmt. Die Möhren schmecken irgendwie …«
»Als wären sie aus der Dose.« Sie kostete noch einmal. »Das kann unmöglich sein. July Gilbert würde eher sterben, bevor sie uns Dosengemüse vorsetzt.«
Beide kauten langsam, um sich nicht anmerken zu lassen, dass ihnen der Konversationsstoff ausging. Wie gewohnt saßen sie nicht am Esstisch im Speisezimmer, sondern auf Violets Bett. Meistens kam ihnen das gemütlicher vor, auch verwegener, weil sie sich nach dem Essen, häufiger aber davor, einfach nach hinten rollen ließen und Liebe machten. Der Serviertisch, der mittels Lastenaufzug hochgeschickt worden war, wurde vor das Bett gerollt, die Silberhaube vom Essen genommen, und schon ging ein genussvolles Dinner los. Heute jedoch saßen zwei versteinerte Menschen auf der Bettkante und aßen, als wäre es ihre Henkersmahlzeit.
Da sich keine weitere Bemerkung zu den Möhren machen ließ, holte Lionel tief Luft. »Ich schlafe seit mehreren Wochen mit Irene Dermott«, sagte er.
Als Violet sich diese Situation neulich vorgestellt hatte, war sie zu dem Ergebnis gekommen, dass Lionel nichts mit Irene anfangen würde, solange er mit Violet zusammen war. Schlimmstenfalls hatte sie ein Geständnis erwartet, in der Art: Er habe lange mit sich gerungen, sehe nun aber keinen anderen Weg mehr, als sich zu seinen Gefühlen zu bekennen. »Ich liebe dich noch«, hatte sie zu hören erwartet. »Aber bitte gib mich für die andere frei.«
»So lange schon?«, antwortete Violet überrumpelt.
»Ja. Gleich bei unserer zweiten Begegnung habe ich mit Irene die Nacht verbracht.« Lionel wirkte fast erleichtert, weil er es endlich über die Lippen gebracht hatte.
»Wie oft habt ihr schon miteinander geschlafen?«, fragte sie überfordert.
»Jede Nacht, die ich nicht bei dir war.« In seiner Verlegenheit spießte Lionel eine Dosenmöhre auf.
»Jede Nacht? Das ist …« Sie suchte nach einem Wort, mit dem sie ihre berühmte Gelassenheit in Krisenzeiten demonstrieren wollte. »Das ist sportlich.«
Violet wollte einen Schluck trinken, merkte aber, wie stark ihre Hand zitterte und stellte das Glas wieder ab.
»Ich kann nicht anders«, entgegnete er. »Irene kann auch nicht anders. Wenn wir uns begegnen, müssen wir miteinander ins Bett gehen.« Er legte das Besteck zusammen. »Kennst du das, wenn man einer Sache so vollkommen ausgeliefert ist? Nein, ausgeliefert ist der falsche Ausdruck. Animalisch, das trifft es besser. Es ist animalisch zwischen uns.«
Es war dumm und erbärmlich, Vergleiche in der Liebe anzustellen, doch Violet zwang ihn zu so einem aussichtslosen Vergleich. »Und bei uns? Wir war es bei uns?«
»Mit uns war es schön. Jedes Mal. Leicht und entspannt. Und schön.«
»Meinst du, so schön wie ein freier Vormittag? Oder wie ein Stück Rhabarberkuchen? Oder meinst du diese Art von schön, wenn man ein lachendes Kind beobachtet?«
Sie hätte sich die Zunge abbeißen mögen. Lionel brachte sie dazu, schnippische Bemerkungen zu machen, die doch nur zeigten, wie verletzt sie in Wirklichkeit war. In diesem Moment konnte Violet nicht anders, als sich alles vorzustellen. Wie sich Irenes und Lionels Lippen ineinander saugten, wie sie an den Kleidern des anderen zerrten und, weil das nicht schnell genug ging, sich halb ausgezogen in sein oder ihr Bett warfen. Aber warum das Bett?, dachte Violet selbstzerstörerisch. Es gab auch noch den Küchentisch oder die Fensterbank oder die Liebe auf einem Stuhl! Sie sah es genau vor sich, wie er seine alte Flamme küsste und mit ihr Dinge tat, die das Wort animalisch beschrieb.
»Und du?« Lionel zündete sich eine Zigarette an.
Nicht, dass es ihr viel ausgemacht hätte, der Rauch verzog sich rasch zur Kuppel, aber er hätte sie wenigstens fragen können. Sie stellte ihm einen Unterteller als Aschenbecher hin. »Was, und ich?«
»Mir kam vor, als wärst du in letzter Zeit oft erleichtert, wenn ich nicht hier übernachtet habe.«
»War das dein Eindruck?«
»Ehrlich gestanden, ja.«
»Vermutlich habe ich gespürt, dass du nicht wirklich bei mir warst. Du hast dich eben nach animalischeren Umarmungen gesehnt.« Sie schickte ein Lachen hinterher, mit dem sie zeigen wollte, dass sie über solchen Albernheiten der Liebe stand. Doch das Lachen erstickte ihr im Hals. Es war das traurigste Lachen ihres Lebens.
Er blies den Rauch nach oben. »Du weißt besser als ich, wie sich das anfühlt, weil du mehr Erfahrung in diesen Dingen hast.«
»Was für Dinge?«
»Irene und du und ich, ein Dreiecksverhältnis. Ich habe so etwas noch nie erlebt.«
Am liebsten hätte sie ihm die Zigarette in den Hals gerammt. »So siehst du das also?«
»Wie sonst?«
»Normalerweise nennt man es eine Affäre.«
Um Gottes willen, was tat sie denn da? Kämpfte sie etwa um ihre Beziehung? War dies das verzweifelte Aufbegehren eines Menschen, der nicht verlassen werden wollte? Mehr und mehr verlor Violet ihre Fassung.
»Sei ehrlich, Vi. Du hast es die letzten Male doch auch nicht genossen. Ich glaube, du hattest die gleichen Zweifel wie ich.«
Das schlug dem Fass den Boden aus. Er forderte auch noch Absolution von ihr. Sie sollte ihm jegliches Schuldgefühl nehmen. Lionel wollte, dass sie als Freunde auseinandergingen. In diesem Fall könnte er nach wie vor ins Hotel kommen und mit Violet zu Abend essen. Das Dinner im Savoy war den Kochkünsten Irenes wahrscheinlich vorzuziehen. Aber den Gefallen tat sie ihm nicht. Wenn er Schmerzen austeilte, sollte er auch seinen Anteil daran haben.
»Ich hatte nicht die gleichen Zweifel wie du, Lionel. Denn ich erfahre gerade erst davon, dass du jede freie Nacht mit einer anderen Frau zusammen warst. Ich erfahre erst jetzt, dass du dich bei Irene in einen Urwaldmenschen verwandelst, der sich auf die Brust trommelt und nicht mehr geradeaus denken kann.«
»Vi, was hast du denn plötzlich?« Er rückte von ihr ab.
»Hör auf, mich Vi zu nennen!«
»Entschuldige. Violet. Ich dachte nicht …«
»Das ist es: Du dachtest gar nichts! Du dachtest, du kommst mit deiner Beichte einfach davon. Aber …«
Was sollten denn die Tränen in diesem Augenblick? Ausgiebig weinen konnte sie doch auch noch, sobald er draußen war. Doch es half nichts. Die salzigen Zeugen ihrer Verwirrung flossen.
Und Lionel tat das Unmöglichste, was er in diesem Moment tun konnte. »Komm mal her«, sagte er und nahm sie in den Arm.
»Lass das.« Sie wehrte sich. Wehrte sich nicht stark genug.
»Du bist eine unglaubliche Frau.« Er spielte das Cello des verständnisvollen Liebhabers.
»Ich bin eine unglaubliche Frau?« Sie lehnte den Kopf zurück. »Was ist das, ein Todesurteil?«
»Es ist so viel passiert in den letzten Jahren.«
»Wir hatten Krieg, das ist passiert.«
»Ich meine, mit uns. So viel ist zwischen uns geschehen, dass ich finde, es wäre gut, und zwar für uns beide, wenn wir die Sache für eine gewisse Zeit ruhen lassen.«
»Du meinst, du tobst dich bei Irene aus, behältst mich aber als Ausfallshaftung, falls es zwischen euch nicht klappt?«
»Nein, so meine ich es nicht.« Er setzte den Hundeblick auf. »Das waren schwierige Jahre für mich, Violet, die ganze Umstellung. Von einem Tag auf den andern war ich kein Offizier mehr, sondern ein Pauker. Ich habe durch diese Umstellung viel gelernt. Ich weiß jetzt auch mehr vom Leben und was ich mit meinem neuen Leben anfangen will …«
Sie sprang auf. »Lass mich dir eines sagen, Lionel: Du weißt einen Scheiß. Du kommst zu mir, isst meine Karotten, machst dein Geständnis und meinst, damit bist du aus dem Schneider?«
»Ist es nicht besser, offen und ehrlich die Wahrheit zu sagen?«
Am liebsten hätte sie ihn geschlagen. Doch weil das keine Lösung war, lief Violet ein paar Schritte. Sie selbst hätte Schläge verdient, weil ihr dummer Stolz, ihr unerklärlicher Trotz sie dazu brachte, Argumente für die Gemeinsamkeit mit Lionel zu suchen, statt drei Kreuze über diese verlorene Beziehung zu machen.
»Liebst du mich?«, fragte sie aus gebührender Entfernung. Selbst unter normalen Umständen wäre diese Frage kaum zu beantworten gewesen. Liebe in ihrer puren Form gab es nicht. Es gab Schutzbedürfnis, Wärme, Hunger nach Nähe, Leidenschaft und vieles mehr, aber wer hatte die reine Liebe schon erlebt?
»Ich bin nicht sicher«, antwortete er.
Sie lachte, weil ihr so hundeelend zumute war. »Du kannst mir nicht einmal das sagen? Verdammt, Lionel, was wolltest du denn hier als Nächstes tun? Deinen Pyjama aus meinem Schrank holen und die Zahnbürste aus dem Bad? Wolltest du mir eine Verlobungskarte schicken, mit dem Bild von dir und Irene vorne drauf?«
»Ich hatte keine Ahnung, wie dieser Abend verlaufen würde. Ich habe nichts weiter getan, als dir die Wahrheit zu sagen.«
»Blödsinn!«, schrie sie. »Wenn du Schluss machen willst, tu es anständig. Ich will meinen Schmerz jetzt gleich haben, heute Abend, ein für alle Mal. Dieses halbherzige Ende mache ich nicht mit! Ich will nicht wochenlang daran rumknabbern, nur weil du nicht genügend Eier in der Hose hast, um zu sagen: Ich verlasse dich, Violet!«
Lionel drückte die Zigarette auf dem Unterteller aus. »Du hast recht. Ich nehme am besten meinen Schlafanzug mit und die Zahnbürste.«
»Ja, mach das.« Sie wandte sich zur Wendeltreppe. Nicht, weil es dort irgendetwas zu sehen gab, sondern weil er nicht mitkriegen sollte, dass sie wieder weinte. »Was wolltest du denn hier die ganze Zeit?«, fragte sie kaum hörbar. »Was wolltest du bei mir?«
»Ich fand es wunderschön. Bei dir. Mit dir.« Zwischen Kleiderschrank und Wendeltreppe blieb er stehen. »Du bedeutest mir immer noch viel, Vi … Ich meine, Violet.«
Sie zog die Nase hoch. »Komm mir jetzt nicht auf die nette Tour. Ich soll dein Spiel mitmachen, bei dem wir uns wie Freunde verhalten, damit du aus dieser Tür rauslaufen und dich dabei auch noch gut fühlen kannst. Falls Schluss ist, dann soll es ein richtiger Schluss sein. Sag es, Lionel.« Sie trat vor ihn. »Sag es. Jetzt.«
Er stand da, fuhr sich durch das Haar, sagte aber nichts. Violet zitterte. Das Telefon klingelte.
Sie spürte sein erleichterndes Aufatmen. Das Telefon hatte ihn gerettet. Sie ging zum Bett und nahm ab.
»Ja? – Wer? – Reginald Myers, wer ist das? – Ach ja, ich weiß schon, das ist der neue Aushilfskoch. Was ist mit ihm? – Seine Mutter ist hier? Wissen Sie, wie spät es ist, Dryden? – Können Sie das nicht regeln?« Sie sah Lionel an. »Ich komme. Geben Sie mir zehn Minuten.« Sie legte auf.
»Was ist?« Er hatte sich nicht gerührt.
»Einer unserer Köche ist verschwunden. Seine Mutter ist bei Dryden im Büro und schreit dort Zeter und Mordio.«
»Verstehe.«
»July Gilbert ist heute Abend ebenfalls nicht zum Dienst erschienen.« Violet steckte ihre Bluse in den Rock. »Deshalb hat es Dosenmöhren zum Dinner gegeben.« Sie angelte ihre Schuhe unter dem Bett hervor. »Ich muss runter.«
»Ja, klar.« Er stand wie angewurzelt da.
»Wenn ich wiederkomme, wäre es nett, wenn du gegangen bist.«
»Ja, natürlich.«
Violet warf einen Blick zum Kleiderschrank. Sie war sicher, hinterher würde Lionels Schlafanzug nicht mehr da sein.