Am Nachmittag desselben Tages, bevor Violet und Lionel das Dinner im Kuppelzimmer einnahmen, fuhren der designierte Herzog von Londonderry und July, die Köchin, über Land. Sie tauchten in die Grafschaft Surrey ein, fuhren von Wescott weiter in die Ortschaft Wotton, nahmen bei Abinger Hammer die Linkskurve, die sie Richtung Sutton Abinger brachte und erreichten schließlich Abinger Green. Von hier aus ging es durch eine waldreiche Gegend, an deren Ende das Dorf Ewhurst lag.

»Wieso Ewhurst?« Tyrone stieg auf die Bremse. »Sollten wir denn überhaupt bis Ewhurst fahren?«

»Ich weiß nicht, Terry«, antwortete sie.

»Was sagt die Landkarte?«

In London hatte Sir Tyrone einen Wagen gemietet. Zuerst hatte ihm die Firma eine elegante Limousine angeboten, aber der Duke wollte bei dem herrlichen Wetter lieber einen Open Two-Seater fahren. Der einzige offene Wagen, der zur Verfügung stand, war ein SS aus dem Jahre 1943. Die Autofirma hatte sich seit 1945 zwar in Jaguar umbenannt, doch die älteren Modelle fuhren noch unter dem alten Logo. Die Konnotation mit Hitlers Schutzstaffel erlebte im Königreich Anfeindungen. SS‑Modelle wurden beschmiert, man hatte ihnen die Reifen aufgestochen oder die Scheiben eingeschlagen.

»Es besteht diesbezüglich tatsächlich eine gewisse Gefahr«, sagte der Autoverleiher. »Ich möchte Euer Gnaden empfehlen, ein anderes Fahrzeug zu nehmen.«

»Keine Sorge«, beruhigte ihn Tyrone. »Wir fahren nach Surrey, vorwiegend durch dünn besiedeltes Gebiet. Ihr Wagen wird dort höchstens durch seine Schnittigkeit auffallen.« Lächelnd unterschrieb er die Papiere.

Beim Einsteigen strich July über die geschwungene Flanke des Sportwagens. »Du fährst ihn selbst?« An seiner empörten Miene erkannte sie den Fauxpas.

»Selbstverständlich. Ich fahre wie der Wind. Ich bin schon immer wie der Wind gefahren.«

»Natürlich, ich freue mich, von dir chauffiert zu werden«, lenkte sie ein.

»Was für eine Frage, ob ich selbst fahre!«, äffte er sie nach. »Ich möchte mal wissen, wie in einen Zweisitzer noch ein Fahrer reingepasst hätte.« Tyrone schwang sich auf die rechte Seite und löste die Handbremse.

Der Autoverleiher trat noch einmal heran. »Euer Gnaden, wenn Sie bedenken wollen, mit der Kupplung etwas vorsichtig zu sein.«

»Schon gut. Ich weiß, wie eine Kupplung funktioniert.«

»Zwischen dem zweitem und dritten Gang …«, wollte der Angestellte noch sagen, doch Tyrone ließ den 3,8‑Liter-Reihensechszylinder aufheulen, legte den ersten Gang ein und nahm die Rampe zur Ausfahrt. Der Angestellte sah dem Herzog besorgt nach.

»Wir fahren ein Nazi-Auto«, rief Tyrone fröhlich, während sie noch im Stadtgebiet waren.

July band ein Kopftuch um. Bei Tyrones Tempo riss der Wind sonst an ihrem Haar. »Wieso?«

»Die englische Firma SS hat die Karosserie bei den Bayerischen Motorenwerken abgekupfert. Der BMW 328 sieht genauso aus. Und der wurde im Auftrag der Nazis gebaut.«

»Woher weißt du das alles?«

Er schmunzelte. Wenn July sich nicht täuschte, war es das erste Mal, dass er diesen verschmitzten Zug an den Tag legte. Tyrone schien glücklich, draußen zu sein, glücklich, sich ganz nach eigenen Wünschen fortzubewegen. Es gab keinen Diener, keinen Fahrer, niemanden, der unausgesetzt um sein Wohl besorgt war. Im Augenblick war er ein junger Mann, der mit einer jungen Frau eine Spritztour in einem sündhaft teuren Auto machte. Vielleicht war es die Bewegung an sich, die Tyrone diese Offenheit verlieh. An Orten zu sein, wo jeder ihn nach seinem Rang behandelte, lähmte ihn und ließ ihn versteinern. Doch solange er an den anderen Menschen vorbeihuschte, war er einer von ihnen.

»Mit Autos kenne ich mich aus«, antwortete der Lord.

Plötzlich krachte und knirschte es im Getriebe.

»Was war das?«, fragte July erschrocken.

»Die Kupplung«, erwiderte er sonnig. »Zwischen dem Zweitem und Dritten ruckelt sie.«

»Was machen wir da?«

»Gar nichts.« Er warf ihr einen Blick zu. »Die Kupplung ist nur ein Hilfsmittel, musst du wissen. Man kann die Gänge auch direkt schalten.«

»Direkt?«

»Pass auf.« Ohne das Kupplungspedal zu treten, riss Tyrone den Schalthebel in den nächsthöheren Gang. Der SS schnurrte in die Kurve. »Voilà.«

»Großartig.« Sie lehnte sich zurück.

Hinter Ewhurst blieben sie stehen und studierten die Karte gemeinsam. Tyrone tippte auf einen Punkt. »In Ewhurst Green hätte ich abzweigen sollen. Warum hast du mir das nicht gesagt?«

»Ich bin mit dem Kartenlesen nicht vertraut.«

»Macht nichts. Wieso solltest du dich auch in Surrey auskennen? Wir machen Folgendes.« Sein Finger strich die Karte entlang. »Wir nehmen die Route über Rudgwick bis Clemsfold. Von dort ist es nicht weit bis Oakwoodhill.«

»So machen wir es«, sagte July, ohne die geringste Ahnung zu haben, was er meinte.

Tyrone legte den ersten Gang ein. Sie verließen Ewhurst, fuhren im zweiten Gang gesittet durch Ewhurst Green. Kurz vor Rudgwick riss Tyrone den Schalthebel schnittig in den dritten Gang. Das Krachen und Krächzen war lauter als sonst, es war unwiderruflich und endgültig. Der Wagen schlingerte, da er im Leerlauf nicht vom Motor angetrieben wurde. Tyrone versuchte, einen Gang einzulegen, doch der SS versagte ihm den Dienst.

»Ich verstehe das nicht«, sagte der Herzog, nachdem sie am Straßenrand ausgerollt waren.

»Der Mann in London wollte dir noch etwas über die Kupplung sagen«, gab sie zu bedenken.

Er schnitt ihr das Wort ab. »Ich weiß. Aber daran kann es nicht liegen. Ich weiß, wie dieses Auto zu fahren ist.« Tyrone gab im Leerlauf Gas. Der Motor schnurrte, ließ sich aber nicht mehr mit dem Getriebe verbinden. »Die haben uns einen schadhaften Wagen angedreht«, fasste der Herzog die Lage zusammen.

»Und jetzt?«, fragte July vorsichtig.

»Hier muss es doch irgendwo …« Er zeigte in die Runde. »Eine Werkstatt geben.«

Nichts als Wald, Felder, Weiden und Schafe, so weit das Auge reichte.

»Bestimmt gibt es eine Werkstatt«, ermunterte July ihn. »Ich könnte losgehen und sie suchen.«

»Nein. Das ist Männersache.« Tyrone stellte den Motor ab.

»Ich mag hier nicht allein sitzen bleiben.«

»Dann gehen wir besser zusammen.« Er öffnete die Fahrertür.

Sie stieg auch aus. »Eine Landpartie? Das wird sicher nett«, sagte sie, so heiter sie konnte. July bemerkte die Schweißperlen auf seiner Stirn und die zusammengekniffenen Lippen. Sie fragte sich, wie Sir Tyrone, der kommende Duke of Londonderry, mit dieser Situation umgehen würde.

Ein Pferdefuhrwerk wurde ihr nächstes Transportmittel. Auf halbem Weg nach Clemsfold gab Tyrone dem Bauern, der sie bis zu seinem Hof mitgenommen hatte, ein Entgelt. Dort telefonierte er mit London und gab bekannt, wo die Autofirma den SS abholen sollte.

Zu Fuß zogen sie weiter. Auf der Straße nach Clemsfold nahm ein Traktor sie mit. In Clemsfold hatten sie Glück, weil dort gerade der Bus hielt. July und Sir Tyrone setzten sich in die hinterste Reihe.

Sie war überrascht von Terrys Beharrlichkeit, hatte sie doch angenommen, bei so vielen Widrigkeiten würde er aufgeben und sich abholen lassen. Nun war das Gegenteil eingetreten. Ausgerechnet hier, wo er auf sich allein gestellt war, erwachten Tyrones Lebensgeister.

»Als Junge bin ich die Strecke oft gefahren«, sagte er im Bus. »Das ist die Verbindung von Horsham nach Crawley. Jedes Mal, wenn mein Vater in Horsham zu tun hatte, setzte er mich in den Bus zu Tante Meredith.«

»Wie alt warst du da?«

»Neun Jahre.«

»Du bist mit neun allein im Bus gefahren?«, fragte sie ungläubig.

Lächelnd sah er sie an. »Du hältst mich für ein hoffnungslos verweichlichtes Prinzenkind. Wieso auch nicht? Bisher habe ich mich dir gegenüber genau so verhalten.« Er sah aus dem Fenster. »Mein Vater, der ist schon in Ordnung, weißt du. Er sieht die Welt in der richtigen Perspektive. Natürlich nützt er unseren Status aus, um gewisse Dinge im Oberhaus durchzusetzen. Nordirland und Londonderry werden im Parlament stiefmütterlich behandelt. Aber mein Vater weiß, wie es im wirklichen Leben zugeht. Deshalb hatte er kein Problem, seinen Jungen im Bus nach Oakwoodhill zu schicken. Außerdem –« Wieder dieses verschmitzte Lachen. »Außerdem liegt die Bushaltestelle direkt vor Tante Merediths Anwesen.« Er schaute nach vorn. »Es ist jetzt übrigens nicht mehr weit.«

July lehnte sich an ihn. »Ich bin froh, dass wir das gemacht haben. – Hinausfahren, meine ich.«

»Ich auch. Ich hätte uns nur gewünscht, nicht so oft umsteigen zu müssen.«

»Ich finde das gerade schön.«

»Hoffentlich gefällt dir das Haus.«

»Wie kommt es, dass du zu deiner Großtante so eine nahe Beziehung hattest?«

»Weil es dort Katzen gab«, antwortete er.

»Wie bitte?«

»Weißt du denn nicht, was das Leben eines kleinen Herzogsjungen vom ersten Tag an bestimmt?« Er sah sie ernst an.

»Was denn?«

»Hunde. Hunde und Pferde. Kaum bist du der Wiege entwachsen, kriegst du deinen ersten Hund. Und kaum kannst du laufen, kommt dein erstes Pony dazu. Später dein erstes Reitpferd. Gemeinsam mit Hund und Pferd nimmt dich dein Vater irgendwann auf die erste Jagd mit. Und so geht das immer weiter. Hunde und Pferde begleiten unser ganzes Leben.«

»Aber du hast Katzen lieber?«

»Sind das nicht großartige Wesen? Ihre Geschmeidigkeit, ihre Schläue, ihre eigensinnige Persönlichkeit. Ich liebe Katzen. Hunde sind Befehlsempfänger, treu bis in den Tod. Ihre Treue basiert darauf, dass sie von selbst nicht wissen, was sie machen sollen. Ständig trotten sie hinter ihren Besitzern her. Eine Katze lässt sich niemals dazu herab, sie tut, was sie will. Sie schenkt ihre Zärtlichkeit, wem sie möchte und wann sie möchte. Als ich das erste Mal bei Tante Meredith war, kam ich ins Paradies. Sie hatte siebenundzwanzig Katzen. In ihrem Haus bin ich immer glücklich gewesen. Manchmal war meine Mutter eifersüchtig, weil ich von Meredith gar nicht mehr fort wollte.«

»Warum haben dir deine Eltern nie eine eigene Katze geschenkt?«

»Weil sich eine Schmusekatze, wie Mama das nennt, nicht für den sechsunddreißigsten Herzog von Londonderry geziemt. Hunde und Pferde, sonst nichts. Außerdem hat Mama eine Katzenallergie.« Unvermittelt sprang Tyrone auf. »Da sind wir!«

Im fahrenden Bus lief er nach vorn. »Könnten Sie uns bitte rauslassen, Sir?«, sagte er zum Fahrer.

»Oakwoodhill?«, fragte der Mann. »Die Haltestelle wurde aufgelassen, weil da niemand mehr wohnt.«

»Würden Sie uns trotzdem aussteigen lassen?«

»Wie Sie wünschen, Sir.«

Der Wagen hielt. Mittels einer langen Stange öffnete der Fahrer die Tür. »Schönen Tag noch.«

»Ihnen auch.«

July und Terry standen auf einer staubigen Landstraße, irgendwo in der Grafschaft Surrey. Sie gingen auf das verwitterte Eingangstor von Oakwoodhill zu. Efeu und Geißblatt hatten die steinernen Säulen umwuchert.

»Nach dir«, sagte Sir Tyrone.

July betrat den langen gewundenen Weg. Rund um sie wurde plötzlich alles gelb. Der Ginster blühte früh dieses Jahr.