Reginald hörte Schritte. »Hallo? – Hallo, verstehen Sie mich?«

Er kannte diese Schritte. Sie kamen in unregelmäßigen Abständen wieder. Manchmal vergingen Minuten, bis es nebenan wieder tapp-tapp-tapp machte, manchmal dauerte es Stunden. In steigender Verzweiflung versuchte Reginald, sich bemerkbar zu machen.

»Bitte! Ich muss aufs Klo! Ich habe seit Stunden …«

Die Person, die ihn festhielt, ließ ihn nicht unnötig leiden. Manchmal endete das Tapp-tapp vor seiner Tür, dann öffnete sie sich für einen Augenblick, etwas wurde hereingeschoben. Meistens Sandwiches. Schmackhafte Sandwiches, der Salat darin knackte, der Schinken roch frisch. Zu trinken bekam Reginald Holunderlimonade. In all seiner Not fand er das doch seltsam: Üblicherweise saß ein Gefangener bei Wasser und Brot, er dagegen darbte bei Holunderlimonade und Schinkensandwiches.

»Hallo!«, rief er. »Hallo!«

Die Tür ging auf, ein Eimer wurde hereingeschoben. Das nahm Reginald zumindest an, sehen konnte er es nicht. Weshalb hielt man ihn in völliger Dunkelheit? Ein weiterer Umstand, für den er keine Erklärung fand. Am wahrscheinlichsten schien ihm, dass sein Entführer nicht erkannt werden wollte.

Hastig erleichterte sich Reginald in den Eimer. »Geben Sie mir bitte ein bisschen Licht«, rief er. »Weshalb muss ich im Dunkeln sitzen? Wenn Sie wollen, schließe ich die Augen, sobald Sie die Tür öffnen. Hallo? – Hallo!«

Das Tapp-tapp verklang, so wie jedes andere Geräusch. Wo war er nur? Wo lag dieser lautlose Raum? Als wäre die Außenwelt in Watte gepackt, so kam es ihm vor. Manchmal machte er eine Bewegung mit dem Fuß oder schnalzte mit der Zunge, um sicherzugehen, dass er sein Gehör nicht verloren hatte.

»Ich habe nichts getan«, flüsterte Reginald. »Ich habe doch nicht das Geringste verbrochen.« Das stimmte nicht ganz. Er war bei July Gilbert eingedrungen. Wie lange mochte das her sein, einen Tag, drei Tage? In der Dunkelheit verlor man jegliches Zeitgefühl.

Mit einem Stück Draht hatte er sich Zutritt verschafft und hatte in Julys aufgeräumtem Zimmer gestanden. Reginald schämte sich. Er schämte sich für seinen Kleinmut, seine niedrige Gesinnung und dafür, dass er die Zuneigung einer Frau erzwingen wollte, indem er sie ausspionierte. Doch July ließ es an jeglichem Respekt fehlen; nur deshalb griff er zu solchen Mitteln. Nicht er war schuld daran, dass er bei ihr einbrach, genau genommen trug July selbst die Schuld.

Er hatte in einem Zimmer gestanden, das netter, freundlicher und jungfräulicher nicht hätte sein können. Das Teegeschirr sauber gestapelt, züchtige Bücher im Regal: über das Leben des Heiligen Georg, ein Ratgeber in Kräuterkunde, eine zerlesene Ausgabe des Grafen von Monte Christo. An der Wand eine Sommerlandschaft und daneben die Fotografie eines finster dreinblickenden Herren, der eine zerrissene Kette in seinen Händen hielt. Das Fenster bot Blick auf die Wäscherei. Reginald konnte bei July nichts entdecken, womit er sie in Verlegenheit zu bringen vermochte. Kleinmütig und feige kam er sich plötzlich vor. Selbst in ihrer Abwesenheit war sie ihm überlegen. Er erkannte sich plötzlich als fiesen Schnüffler, der in die Privatsphäre einer untadeligen jungen Frau eingedrungen war.

Trotz seiner Scham öffnete Reginald die Schubladen. Ein Kamm, eine Bürste, alte Weihnachtskarten. Die Absender konnte er nicht lesen. Ein wenig Bargeld, vorwiegend Münzen. In der Schublade darunter Wäsche, Unterwäsche. Reginald zuckte hoch. Nein, so tief durfte er nicht sinken, zwischen den Schlüpfern Julys zu wühlen. Er berührte das feine Material nur für einen Moment und nahm lächelnd ein Höschen heraus. So sah das also aus, das Kleidungsstück, das sie an ihre Haut ließ. In Julys Spiegel sah er einen Schatten auftauchen. Im nächsten Moment wurde ihm schwarz vor Augen.

Das Schwarz war auch dann noch geblieben, nachdem er die Besinnung wiederfand. Der dröhnende Schmerz in seinem Kopf gab ihm eine Erklärung, was passiert sein musste. Jemand hatte ihn in Julys Zimmer überrascht und niedergeschlagen. Die Person musste sehr stark sein, da sie Reginald aus Julys Zimmer in diesen Raum geschleppt und seine Hände gebunden hatte. Ein dünnes Seil, zu einem unüberwindlichen Knoten geknüpft, machte jeden Befreiungsversuch unmöglich. Mit gefesselten Händen zu essen, war mühselig, aber nicht ausgeschlossen. Kein Wort war seither von dem Entführer zu ihm gesprochen worden. Reginald hatte gerufen, Fragen gestellt, er hatte gedroht und gewehklagt – umsonst. Alles, was er zu hören bekam, war das Tapp-tapp-tapp und das Öffnen der Tür. Der Geruch führte ihn zu den Sandwiches und der Holunderlimonade.

Zum ungezählten Mal glitten seine gebundenen Hände an den Backsteinwänden entlang. Vergebens suchte er einen Lichtschalter. Unverständlich, denn selbst in einem Lagerraum brachte man heutzutage eine elektrische Leitung an. Wo war er? Wie lange würde er noch hierbleiben müssen? Was hatte die stumme Person mit ihm vor?

Reginald kehrte in jene Ecke zurück, wo er die Limonadenflasche abgestellt hatte. Er ließ sich zu Boden sinken, trank sie leer und blies vorsichtig hinein. Ein Ton entstand, dann ein weiterer, schließlich ein Lied. Amazing grace, er hatte es in der Kirche oft gesungen. Das Spiel mit der Flasche, das Lied verkürzten ihm die endlose Zeit.

»Amazing grace, how sweet the sound«, sang Reginald leise.

* * *

Das Ehepaar Sjögren war inzwischen abgereist. Åle und Ebba ließen einen unglücklichen Versicherungsvertreter zurück. Mr Asquith musste seiner Firma erneut eingestehen, dass die Beute des Juwelendiebstahls nirgends aufgetaucht war. Lloyd’s hatte die Verpflichtung, zu zahlen.

»Gary, ich verbiete Ihnen, weiter auf Verbrecherjagd zu gehen.« Violet kam sich in diesem Zimmer, das im Grunde ihr gehörte, wie eine Fremde vor.

Gary Stewart saß ihr gegenüber. Er trank Bourbon. »Und was soll ich Ihrer Meinung nach bis zu meinem Prozess tun? Ich darf London nicht verlassen. Einen Anwalt habe ich mir bereits genommen. Soll ich etwa einfach abwarten?« Es hielt ihn nicht auf dem Stuhl, er lief zwei Schritte zum Fenster und vier Schritte zurück. Damit stand er an der Zimmertür.

In ihre Privaträume hatte Violet ihn nicht bitten können, genauso wenig ins Büro oder in einen öffentlichen Bereich des Savoy. Im Hotel war nicht unbemerkt geblieben, dass sich die Direktorin häufig mit einem Gast traf, von dem es hieß, er sei ein Verbrecher gewesen. Obwohl die Polizei ihn verhaftet hatte, war er von einem Tag auf den anderen wieder aufgetaucht. Konnte man im Savoy seines Lebens noch sicher sein, solange dieser Mann ungehindert im Speisesaal aß, im Nightingale Room eine Zigarre rauchte und von Miss Mason mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt wurde? Diese Stimmung im Haus hatte Violet veranlasst, Stewart in einen Seitentrakt zu verlegen.

»Wäre es nicht besser, ich suche mir eine private Unterkunft?«, hatte er ihr angeboten.

Sie lehnte ab. »Der Staatsanwalt soll sehen, dass das Savoy Ihnen vertraut. Sie dürfen nicht wie ein geprügelter Hund hier ausziehen.«

In jenem Zimmer am Ende des Korridors besuchte ihn Violet. Es war am unauffälligsten, zugleich fühlte es sich seltsam an. Sie saß im Zimmer des Mannes, der sie geküsst hatte.

»Abzuwarten wäre das Beste«, antwortete sie nach kurzer Überlegung. »Außerdem sollten Sie sich ab jetzt nur zu Unternehmungen aufmachen, bei denen Sie in Gesellschaft sind.«

»Wie meinen Sie das?«

»Sie müssen im Hotel oder in der Stadt ständig von jemandem gesehen werden, Gary. Sie dürfen nie allein sein.« Violet hätte nun doch gern etwas getrunken, wollte ihn aber nicht darum bitten.

»Wie stellen Sie sich das vor? Ich kenne nicht so viele Leute in London.« Zwei Schritte und er stand vor ihr.

»Warum besuchen Sie keinen Tea Room oder einen Pub?«, schlug sie vor. »Davon haben wir eine Menge in dieser Stadt.«

»Und was mache ich, während ich schlafe?«

»Das ist allerdings ein Problem.« Sie schmunzelte. »Ich möchte Ihnen nicht vorschlagen, die Nacht mit jemandem zu verbringen.«

Berührte er ihren Ärmel zufällig, während er zum Glas griff? »Nehmen wir mal an, ich würde tun, was Sie mir vorschlagen. Wie sollte mir das bei meiner Anklage helfen?«

»Der Dieb, der in meinem Haus sein Unwesen treibt, wurde noch nicht gefasst. Er kann jederzeit wieder zuschlagen. Tut er das, während Sie an einem Ort sind, wo man Sie sieht und identifiziert …«

»Habe ich ein Alibi.« Er nickte.

»Mehr noch. Ihre Unschuld wäre damit praktisch bewiesen.«

»Aber was geschieht, wenn der Einbrecher nicht mehr zuschlägt? Ich bin der Hauptverdächtige. Falls er sich ruhig verhält, würde ich ihm die Schuld abnehmen.«

Violet zeigte auf die Bourbonflasche. »Könnte ich vielleicht einen Schluck bekommen?«

Stewart schenkte ein, sie stießen an. Violet schaute in ihr Glas. »Die Frau des indischen Gouverneurs wäre ein interessantes Oper für den Einbrecher, haben Sie gesagt.«

Er schüttelte den Kopf. »Die Inder sind heute abgereist. Ich habe allerdings eine Idee, wann unser Mann aus gutem Grund noch einmal zuschlagen könnte. Es wäre eine einmalige Gelegenheit.« Er schwenkte den Whisky im Glas. »Wenn ich der Gesuchte wäre, würde ich mir so eine Chance nicht entgehen lassen.«

»Spannen Sie mich nicht auf die Folter.« Violet trank. Der Bourbon war stark.

»Der Frühlingsball.«

»Mein Ball?«, erwiderte sie überrascht.

»Das Kostümfest im Savoy. Praktisch all Ihre Gäste werden kommen. Wo findet er statt?«

»Im Golden Pavillon.«

Er stellte das Glas ab. »Zu diesem Anlass werden die Damen ihren Schmuck tragen. Der Dieb kann sich nicht in den Zimmern bedienen, er muss mitten auf dem Ball Beute machen.«

»Aber wie soll ich Hunderte Gäste beschützen?«, fragte sie besorgt. »Glauben Sie wirklich, dass er das Fest ausnützen wird?«

»Ehrlich gestanden ist das meine letzte Chance und Hoffnung, falls ich nicht ein englisches Gefängnis von innen kennenlernen will.«

Violet stand auf. »Ich werde Detective Smythe darüber informieren.«

Er trat ihr in den Weg. »Wenn Sie das tun, ist die Chance verspielt.«

»Wieso?«

»Sobald die plattfüßigen Beamten von Scotland Yard hier auftauchen, zieht sich der Dieb zurück.«

»Es gibt einen Weg.« Sie standen voreinander.

»Welchen?«

»Der Ball ist ein Kostümfest. Auch die Leute von Scotland Yard müssen sich verkleiden.« Allein die Vorstellung brachte sie zum Lachen.

»Wenn Sie in meiner Haut stecken würden, fänden Sie das nicht lustig.«

»Entschuldigen Sie, Gary.« Da sie nicht ewig so stehen bleiben konnten, wandte sich Violet zur Tür.

»Was ist denn das Motto des Kostümfestes?«

»Fin de siècle. Die Ladys von London werden rauschende Garderoben der Jahrhundertwende tragen. Eng geschnürte Taillen, lange Schleppen, Fächer und diamantbesetzte Masken.« Sie legte die Hand auf den Türknauf. »Ich bin sicher, das Savoy wird einen Abend erleben, wie wir ihn hier lange nicht hatten.«

»Und als was werden Sie gehen?«

Sie öffnete die Tür und sah sich auf dem Korridor um. »Ich werde Ihnen doch nicht die Überraschung verderben, Gary.«

»Geben Sie mir wenigstens einen Tipp. Wie soll ich Sie auf dem Ball erkennen?

»Dieses Geheimnis kennt bisher nur mein Schneider und Gott.« Die Luft war rein, Violet lief den Korridor hinunter.