July Gilbert ließ das Donnerwetter ihres Chefs über sich ergehen. Es fiel moderat aus, Maître Dryden war sichtlich erleichtert, dass July wieder wohlbehalten an ihrem Arbeitsplatz erschien.

Anders war das mit der Strafpauke von Mrs Drake, die ihre Nichte zur Seite nahm. Von der Küche aus staunte Dryden, wie streng die Hausdame mit July ins Gericht ging. Er konnte nicht alles verstehen, hörte lediglich Satzfetzen, jedes Mal wenn die Schwingtür zum Personalbereich auf- und zuschwang.

»… vollkommen den Verstand verloren!«, hörte er. »Hast du nicht begriffen, wie wichtig deine Arbeit ist?«, rief Mrs Drake. July stand betroffen da. Die Tür ging wieder zu, öffnete sich aber im nächsten Moment erneut. »… unauffällig bleiben«, befahl Mrs Drake. »Du verstößt gegen eine fundamentale Regel …« Die Tür schwang zu.

Eine fundamentale Regel?, überlegte Dryden. Kontakte zwischen Gästen und Personal waren grundsätzlich verboten, aber es wäre nicht das erste Mal, dass diese Grenze überschritten worden war. Generaldirektoren und Zimmermädchen, Ehefrauen und Liftpagen, Bekanntschaften zwischen Mitgliedern des Oberhauses und jungen Butlern des Savoy, solche Ereignisse hatte es in den vielen Jahren häufig gegeben. Nicht einmal die Hoteldirektorin konnte man von solchen »Grenzüberschreitungen« ausnehmen. Ihr zärtliches Verhältnis mit dem Hausmechaniker war jedermann bekannt; sie hatte manche Nacht in seiner Mansarde verbracht. Auch ihre Bekanntschaft mit dem französischen Marquet fiel Dryden ein. Wir sind eben ein Menschenhaus, dachte er und prüfte die frische Petersilie. Der Maître zupfte ein Blatt ab und kostete es.

Ein Rätsel wie jenes zwischen July und dem designierten Duke of Londonderry war dazu angetan, ein hellhöriges Haus wie das Savoy zu durcheilen. Rätsel, Geheimnisse, Andeutungen schlüpften durch Türen und Ritzen, durchwehten die Lobby, den Tea Room, den Nightingale Room, sie machten auch vor dem Golden Pavillon nicht halt. Gerüchte waren die Würze bei Lunch und Dinner, bei einem Brandy in der Ledergarnitur, auf den Korridoren und in den Fahrstühlen.

Die vielen Rätsel des Savoy waren nun um ein pikantes reicher geworden. Der Herzog und das Küchenmädchen: Konnte man sich eine reizendere Konstellation vorstellen? Als Aschenputtel-Story machte das Gerücht die Runde. Der Herzog, der die junge Köchin im Wagen mitgenommen hatte, über Land nach Surrey, wie sich herausstellte, mit zahlreichen Pannen, wie der Chefrezeptionist andeutete. Sir Tyrone hatte nämlich nicht die Autoverleihfirma angerufen, um von der Untauglichkeit des Fahrzeugs zu berichten, sondern das Hotel. Der Rezeptionist kannte sogar den Ort der Panne, er wusste, wohin sich Sir Tyrone und Miss July hinterher aufgemacht hatten. In diesem Zusammenhang fiel der poetische Name Oakwoodhill. Dort sollte man den Herzogssohn abholen, aber – und das war das eigentlich Pikante – Sir Tyrone und Miss July hatten die Nacht dort miteinander zugebracht.

Die Geschichten um das Geheimnis geisterten durch Hallen und Korridore, vom Dienstbotentrakt bis in die Kuppelsuite. Unterwegs streiften diese Gerüchte die Erkersuite von Lady Edith, der Mutter des Helden.

Die Herzogin stellte ihren Sohn zur Rede. Sie war überrascht, als ihr nicht der willfährige junge Lord entgegentrat, der sich den Wünschen seiner Mutter sonst immer fügte. Irgendetwas war mit Terry über Nacht passiert. Lady Edith betete, dass es sich nicht ausgerechnet um jenes eine Erlebnis handeln mochte, das einem jungen Mann zwar früher oder später zuzugestehen war, doch nicht auf diese Weise. Lady Edith hatte keine Lust, ihrem Gatten, dem Herzog, mitteilen zu müssen, dass eine Köchin des Savoy schwanger geworden sei und es vonseiten des Herzogshauses Dinge zu regeln gebe.

Tyrone erzählte seiner Mutter nur das Nötigste, dass er mit dem Auto gestrauchelt, das Anwesen von Tante Meredith aber trotzdem erreicht hätte. Er und Miss Gilbert hätten darauf die Zeit übersehen, den letzten Bus verpasst und seien gezwungen gewesen, den nächsten Morgen abzuwarten. Mehr war Tyrone nicht bereit zu offenbaren, mehr bekam die Duchess nicht aus ihm heraus. Sie machte die eine oder andere Andeutung, in denen Begriffe wie »moralisch« und »ehrenhaft« vorkamen, doch Terry ließ sich darauf mit keinem Wort ein.

Nachdem das Gerücht auch das Kuppelzimmer erobert hatte, ließ Violet July Gilbert zu sich rufen. Die Köchin trat der Hoteldirektorin gegenüber.

»Jeder hat ein Privatleben, July«, eröffnete Violet. »Ich bestelle Sie also nicht hierher, um zu urteilen. Aber ein Bild möchte ich mir doch machen.«

»Es ist nichts passiert, Miss Mason«, antwortete July rundheraus.

»Sie hätten sich von vornherein nicht darauf einlassen dürfen.«

»Ich weiß. Sir Tyrones Einladung hat mich überrumpelt.« July stockte, senkte den Kopf, hob ihn wieder und begann von Neuem. »Nein. Das ist es nicht, was ich sagen will, Miss Mason.«

»Was wollen Sie denn sagen?«

»Ich habe den jungen Lord kennengelernt, der zugleich ein freundlicher junger Mann ist. Weder mit dem einen noch mit dem anderen hätte ich mich während der Arbeitszeit einlassen dürfen.«

»Aber Sie haben es getan. Warum, July?«

»Lachen Sie mich nicht aus, Miss Mason. Ich glaube, Sir Tyrone ist eine zarte Seele.«

»Und wieso kümmert Sie das?«

»Er ist eine Seele in Not, Miss Mason. Entschuldigen Sie die großen Worte. Ich bin in Ihrer Küche angestellt, nichts weiter. Aber obwohl ich nur Gemüse zubereite, sehe, höre und erfasse ich, wenn etwas nicht in Ordnung ist, wenn jemand in Gefahr ist.«

»Sie sind der Meinung, der Sohn des Herzogs wäre in Gefahr?« Von Anfang an war Violet July als ungewöhnliches Mädchen aufgefallen, eine junge Frau mit einem starken Willen. Was sie sagte, wie sie blickte, wie sie da stand, das beeindruckte Violet auf sonderbare Weise. »Bitte sprechen Sie weiter.«

»Sir Tyrone besitzt alles, was sich ein Mensch nur wünschen kann. Und doch strahlt er eine Trostlosigkeit aus, die mir Angst macht. Seine Einladung nach Surrey hatte nichts Zweideutiges oder Anstößiges, wie man Ihnen vielleicht erzählt hat. Er wollte hinaus in die Natur. Wollte zu einem Haus fahren, das ihm viel bedeutet. Ich glaube, er hat in London keinen einzigen Menschen außer seiner Mutter. Er hat mich höflich und mit vollkommenem Anstand gebeten, ihn zu begleiten. Ich hätte meinen Platz in der Küche nicht verlassen dürfen, ich weiß. Für diese Schuld will ich geradestehen. Allerdings dachte ich, dass Reginald rechtzeitig wieder auftauchen würde. Er hätte das Beilagengemüse ohne mich zustande gebracht.«

»Möhren.« Violet nickte.

»Ich fürchte, es wurden Dosenmöhren aufgetischt, Miss Mason.«

»Das fürchte ich auch. Darüber reden wir später.«

»Ich habe meine Pflicht vernachlässigt und bin stattdessen mit Sir Tyrone aufgebrochen. Es war eine Fahrt mit Hindernissen, doch ich konnte beobachten, wie er in der Natur ein ganz anderer wurde. Er war plötzlich frei und leicht und offen. Alle Schwermut hat er in der Stadt zurückgelassen.«

»Das ist alles gut und schön, aber es ist noch kein Grund, mit ihm die Nacht zu verbringen.«

July hielt einen Augenblick inne. »Das Erlebnis dieser Nacht ist wahrscheinlich das Schönste und Unglaublichste, was ich je erlebt habe.« July berichtete der erstaunten Violet, was sich in Oakwoodhill zugetragen, vor allem aber, was sich nicht zugetragen hatte. »Sir Tyrone hat mir in dem verfallenen Haus ein Lager bereitet. Bevor er das Licht löschte, hat er mir auf dem Klavier ein Gutenachtlied vorgespielt.«

»Ein Lied?«, fragte Violet, die sich von der Vorstellung dieses Moments verzaubern ließ. »Was war es?«

»There’ll always be an England.«

»Das ist kein Lied, um jemanden zu Bett zu bringen.«

»Es war trotzdem zauberhaft. Danach haben wir geschlafen. Ich auf dem Sofa, er in einem Sessel. Am nächsten Morgen hat er den schnellsten Weg gefunden, um mich ins Savoy zurückzubringen.« July nickte, wie um ihre Geschichte zu bestätigen. »Das war alles. Was werden Sie jetzt mit mir tun, Miss Mason?«

Violet dachte, dass etwas Gutes und Schönes auch gut und schön blieb, selbst wenn es verboten war. Was July sagte und wie sie es sagte, überzeugte Violet, dass es hier nichts zu bestrafen gab. Es brachte sie dazu, über die unglaubliche Reise des Herzogs und der Köchin nachzusinnen, über die Unfasslichkeit des Lebens, das sich im Gefühl enthüllte und im besten Fall in der Liebe. Die Liebe, dachte Violet, die unglaubliche Liebe war überall zu finden, selbst in der rührenden Fürsorge dieser jungen Frau für einen jungen Mann.

»Ich werde es mir überlegen«, antwortete sie. »Gehen Sie nun, July. Und bringen Sie uns heute etwas Schönes auf den Tisch.«

»Danke, Miss Mason. Ich habe eine Avocadocreme vorbereitet.«

Nachdem July gegangen war, fragte sich Violet, warum ihr die kleine Begebenheit so zu Herzen ging. Sie hätte gern mit jemandem darüber gesprochen; vor wenigen Tagen noch hätte sie Lionel angerufen und ihm alles erzählt. Bei dem Gedanken wurde sie traurig. War es möglich, dass Lionel so schnell aus ihrem Leben verschwand?

Für Traurigkeit blieb nicht lange Zeit. Violet hatte ihren Schneider bereits eine Viertelstunde warten lassen. Er hatte das Kostüm dabei. Es sollte die letzte Anprobe vor dem Frühlingsball sein.