Vera Lynn galt als eine der beliebtesten Interpretinnen Englands. Mit ihren optimistischen Songs hatte sie die Briten durch den Krieg gebracht. Violet hatte die Künstlerin schon mehrmals eingeladen. Gerade begleitete Benedettis Orchester sie zu dem Lied I Love You ’Til Quarter To Nine, einer Romanze, bei der ein junger Mann seine Nachbarin anschmachtete, die allabendlich bis viertel vor neun auf der Terrasse saß, bevor sie hineinging, um mit ihrem Mann zu Abend zu essen.

Kaum jemand im Golden Pavillon blieb während der Darbietung auf seinem Platz. Die meisten versammelten sich um die Bühne. Männer legten den Arm um die Hüften ihrer Frauen, Pärchen wiegten sich im Takt. Es gab auch Tränen. So mancher geliebte Mensch war nicht heil aus dem Krieg zurückgekommen. Man vermisste Ehemänner und Väter, man besuchte die Verwundeten in den Krankenhäusern.

Eine Frau beteiligte sich nicht an der Verehrung Vera Lynns. Gudrun Flack saß bewegungslos vor ihrem Glas Weißwein. Der Patriotismus im Saal erschien ihr geheuchelt. Wenn man, wie die Briten, den Krieg gewonnen hatte, war es leicht, patriotisch zu sein. Der deutsche Mensch musste mit der Niederlage weiterleben. Er musste sein Land trotz allem lieben. Viele, und Frau Flack gehörte dazu, liebten auch die großartige Idee unverändert, die Deutschland durchdrungen hatte. Die Idee war stark und schön. Doch die Welt war noch nicht bereit für die Größe des Konzepts. Frau Flack bemühte sich, das Lied von Vera Lynn billig und kitschig zu finden, konnte allerdings nicht verhindern, dass ihr Fuß im Takt mitwippte. Da sie etwas abseits saß, war sie die Erste, die das Wasser bemerkte.

In einem kleinen Raum neben dem Golden Pavillon, zu dem nur Violet, der Chefbutler, der Hausmechaniker, Mrs Drake und die Feuerwehr einen Schlüssel besaßen, stand der sogenannte Down‑to-Earth-Tank. Der Speicher aus Edelstahl fasste zwanzigtausend Gallonen Wasser. Durch ein verzweigtes Leitungssystem wurden das Erdgeschoss und die Untergeschosse des Savoy daraus gespeist. Auch die Küche, die Garage, der Nightingale Room, der Golden Pavillon und der Teesalon bezogen ihr Wasser aus dem Down‑to-Earth-Tank. Eine massive Wand trennte den Raum des Wasserspeichers vom Speisesaal. Der Gestaltung wegen war in diese Wand ein blindes Fenster eingelassen worden, das nirgendwohin führte. An wenigen Tagen des Jahres öffnete sich dieses Fenster, und zwar immer dann, wenn aufwendiger Blumenschmuck den Golden Pavillon zierte. Sobald die Floristen auf jedem der hundert Tische ein Gesteck arrangierten, sobald Palmen oder andere exotische Pflanzen aufgestellt wurden, benötigte man für deren Pflege Wasser. Undenkbar, es händisch in Gießkannen in den Speisesaal zu tragen. Dafür gab es das blinde Fenster. Vom Tankraum aus wurde es geöffnet und ein Schlauch in den Saal geleitet. Der Schlauch speiste die Gießkannen. Die Methode hatte sich bewährt. Kaum jemand wusste, welche Mengen Wasser hinter jener Wand gespeichert waren.

Wodurch der Tank leck geworden war, ließ sich nicht sofort feststellen. Es musste mehr als ein Leck sein, denn der Stahlbehälter platzte regelrecht. Das Wasser ergoss sich in den Raum, fand bei der Tür keinen Ausweg, sie war aus Eisen. Das Wasser drängte, das Wasser flutete und presste gegen die Wand, doch auch sie hielt stand. Das blinde Fenster aber gab dem Druck explosionsartig nach. Von einer Sekunde zur nächsten ergoss sich eine Sintflut in den Golden Pavillon. Achttausend Gallonen überschwemmten den Saal. Mitten in die Darbietung Vera Lynns brach das große Wasser herein.

Die Menschen reagierten, wie sie in solchen Situationen häufig reagierten, sie wollten es zunächst nicht glauben. Eine reißende Flut auf dem Ball im Savoy, Ströme von Wasser im Saal, das war außerhalb ihrer Vorstellung. Allerdings nur so lange, bis sie nass wurden. Handgefertigte Lackschuhe, kostbare Abendschuhe, befrackte Hosenbeine, der Saum der Damenkleider wurden überschwemmt und saugten sich augenblicklich voll. Die Gäste schrien, sie machten ihrer Angst Luft, sie gerieten in Panik.

Da das Wasser von der Ostseite des Golden Pavillon eindrang, flohen die Menschen in die Gegenrichtung, hinüber zu den Logen der Privilegierten. Da jene erhöht saßen, durften sie hoffen, dass ihnen die Katastrophe erspart blieb. Nicht das Wasser wurde ihnen zum Verhängnis, sondern die angsterfüllten Menschen. Jung und Alt klammerte sich an die Balustraden. Wer die Kraft besaß, zog sich daran hoch und kletterte in die Loge des Lordkanzlers oder des Lordsiegelbewahrers, dessen Gattin in heller Not aufschrie. Die Sintflutopfer eroberten auch die Loge des Schatzkanzlers. Sie kaperten die Nische, in der sich der Minister für Indien und Burma in die hinterste Ecke flüchtete.

Das war ein Schreien und Wellenschlagen, ein Schuldzuweisen und Nichtverstehen, wie man es im Savoy noch nie erlebt hatte. Auf der Bühne wurden Benedettis Musiker von dem Unglück nur gestreift. Sie versuchten zunächst nicht, Menschen zu retten, sondern ihre Instrumente. Trompeter und Hornisten sprangen geistesgegenwärtig auf ihre Stühle und hoben das geliebte Blech über die Köpfe. Die Streicher versuchten Ähnliches, was bei den Cellisten schwierig und bei den Kontrabässen aussichtlos war. Der Pauker ließ seine Pauken stehen, die Harfenistin, einzige Frau im Verbund Benedettis, war außerstande, das Instrument aus Gusseisen auch nur einen Inch anzuheben.

Benedetti aber, der britische Italiener, der Silberlöwe, sprang von der Bühne in die Flut, fasste den Damen unter die Arme, schob Herren zu den wenigen Tischen, die stehen geblieben waren und brachte sie dazu, darauf zu klettern. Benedetti verwandelte sich in den Helden der Stunde.

Die Ballgäste flohen von Ost nach West. Und genau dort erwartete sie der Dieb. Eine schwarz gekleidete Person, maskiert mit einer Katzenmaske. Der Dieb gab sich als Helfer aus. Er wies geängstigten Damen den Weg zu der schmalen Treppe, die sonst von den Kellnern benützt wurde. Während er ihnen half, fasste er scheinbar nebenbei an ihr Handgelenk. Im nächsten Moment war ein Bracelette in seinem Besitz. Er nahm Frauen, die schreiend durch die Fluten stürzten, in seine Arme und führte sie mit der einen Hand weiter, mit der anderen löste er den Verschluss ihrer Halskette. Er brachte perlengeschmückte Broschen mit nur einem Griff in seinen Besitz. Smaragdene Krawattennadeln männlicher Würdenträger nahm er im Vorübergehen mit. Um auch das Letzte, das es wert schien, zu rauben, watete der Dieb knietief im Wasser. Er musste schnell vorgehen, denn die Flut verlor bereits an Kraft. Die zwanzigtausend Gallonen hatten sich verströmt. Die Wasser gingen zurück und verteilten sich in die Räume rund um den Golden Pavillon.

Violet und Gary, die den Diebstahl abwenden und den Dieb fassen wollten, hatten den Beginn der Katastrophe verpasst. Der Tank platzte, während sie sich küssten. Panik brach aus, während sie in den Raum eilten, wo die Stromleitungen zusammenliefen. Dort fanden sie den Butler, der seiner Aufgabe nach bestem Wissen und Gewissen nachkam. Er hatte es sich im Schaltraum bequem gemacht, rauchte und las den Daily Herald. Erstaunt blickte er auf, als seine Direktorin und der Mann, der ihm das Trinkgeld gegeben hatte, eintraten.

»Alles in Ordnung, Harold?«, fragte Violet.

Der Butler versteckte die Zigarette und legte die Zeitung beiseite. »Keinerlei Vorkommnisse, Miss Mason. Hier war niemand.«

»Keiner hat versucht, sich an den Sicherungen zu schaffen zu …?« Weiter kam Stewart nicht.

Ein Schrei aus tausend Kehlen ertönte, doch die Musik spielte weiter. Das Orchester, trainiert, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, musizierte unverdrossen.

»Was ist da drüben los?« In Garys Augen las Violet, was sie nicht hatte glauben wollen.

»Der Überraschungseffekt.« Er rannte voraus.

»Soll ich weiter hier aufpassen?«, rief Harold ihnen nach.

Violet und Stewart kehrten zu der Tür zurück, durch die sie den Saal verlassen hatten. Sie ließ sich nicht mehr öffnen. Auf der anderen Seite standen verängstigte Kellner und Zigarettenmädchen, pressten sich gegen die Tür und sahen die Wassermassen auf sich zutosen.

Gary klopfte, hämmerte, Violet schrie, dass man aufmachen sollte. Ein kläglicher Versuch angesichts des Höllenlärms, der sich im Golden Pavillon erhob. Violet und Gary bemerkten das Wasser, das unter der Schwelle durchquoll.

»Hier kommen wir nicht durch«, sagte er. »Gibt es einen anderen Eingang?«

Sie nahmen den komplizierten Umweg durch den Personaltrakt, zum Serviceraum für die Fahrstühle, eine Treppe hoch, eine halbe Treppe hinab und weiter in die Lobby. Auch dort war die Aufregung schon groß. Gäste, die an den Rändern des Speisesaales gesessen hatten, stürzten ihnen entgegen. Sie brüllten einander zu, was passiert war, schrien, weil ihre Modellkleider verdorben waren, weil sie Haarteile verloren hatten und die Realität ihrer dünnen Frisur zum Vorschein kam. Wie war es im feinsten und vornehmsten Haus Londons nur zu so einem Unglück gekommen? Ausgerechnet im Savoy! Als die Leute Violet erkannten, schrien sie der Direktorin ihre Empörung entgegen.

Aber noch jemand anderes rannte auf Violet und Gary zu. Auch er schrie aus voller Kehle. Ein junger Mann, sein Aufzug passte nicht zu den mondänen Garderoben, ein kleiner, dicker, junger Mann in einer Kochmontur. Er schrie und wehklagte, als wäre ihm das schlimmste Übel von allen passiert. Reginald Myers, der Verschollene, schrie von Entführung und Freiheitsberaubung. Er gab bekannt, dass er sich aus eigener Kraft befreit hätte und man den Täter unschädlich machen müsse.

Violet bemühte sich, besonnen auf die Klagen der Gäste zu reagieren: Man werde alles Erdenkliche tun, der Vorfall müsse restlos aufgeklärt werden, Schadenersatzansprüche würden sogleich geprüft. Manche der Gäste brachten ihr auch Bekundungen des Bedauerns entgegen, für die sie sich bedankte, während sie zugleich ihr Ballkleid anhob. Gegen die Wassermassen ankämpfend, folgte sie Gary Stewart ins Innere des Golden Pavillon.