Während Sir Tyrone, designierter Herzog von Londonderry, die Fragen des Polizeiinspektors beantwortete, war ihm unbehaglich zumute. Detective Smythe hatte Seine Lordschaft höflich um eine Aussage gebeten, da Tyrone offenbar den besten Blick auf das Geschehen gehabt hatte. Zum Zeitpunkt des Wassereinbruchs hatte er nicht in seiner Loge gesessen, sondern sich an einem ungewöhnlichen Ort befunden.
»Entschuldigst du mich bitte?«, hatte Tyrone ein paar Minuten zuvor zu seiner Mutter gesagt und damit ihr Misstrauen geweckt.
»Du triffst dich doch nicht etwa mit deinem Küchenfräulein?«, hatte sie entgegnet.
»July ist zu beschäftigt. Ich habe sie heute noch gar nicht gesehen«, lautete seine Antwort. »Es ist viel harmloser, als du denkst, Mama. Allerdings werde ich tatsächlich jemanden umarmen.«
Lächelnd verließ Tyrone die Loge, mengte sich aber nicht unter die Gäste, sondern nahm die kleine Treppe auf das Orchesterpodest. Dort trat er hinter den dritten Kontrabassisten und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Musiker blickte erstaunt auf, erkannte eine Person von Adel, verbeugte sich, was mit dem Kontrabass schwierig war, und überließ Sir Tyrone sein Instrument. Die anderen Kontrabassisten sahen sich erstaunt an, die Cellisten guckten über die Schulter, Tyrone warf ihnen ein entschuldigendes Lächeln zu, sie mögen Geduld mit ihm haben. Er legte die Linke an das Griffbrett, warf einen Blick in die Noten und zupfte ein gediegenes As, ließ darauf ein Es und schließlich ein D folgen.
Der Musiker neben ihm nickte anerkennend. Tyrone lachte wie ein kleiner Junge, der eine gute Note bekommen hatte. »Es ist immer dasselbe«, raunte er. »Ich kann einfach nicht widerstehen. Ich bin dem Kontrabass verfallen.«
In ihrer Loge erkannte Lady Edith erleichtert, dass ihr Sohn nicht das Mädchen aus der Küche, sondern einen bauchigen Bass umarmte.
Am Ende des Walzers wollte Tyrone das Instrument zurückgeben, doch der Musiker ermunterte ihn, weiterzuspielen. So kam es, dass er erhöht über der tanzenden Gesellschaft stand, als das Wasser einbrach. Tyrone war zunächst genauso fassungslos wie die anderen und starrte in das apokalyptische Geschehen. Damen, gerade noch kleine Königinnen in ihren spitzenverbrämten Kostümen, wurden von der Flut mitgerissen, sie gingen unter und tauchten nach Luft ringend wieder auf. Ein Patriarch mit schlohweißem Haar wurde umgeworfen, stieß gegen ein Tischbein und verlor die Besinnung. Der Geistesgegenwart seiner um weniges jüngeren Frau war es zu verdanken, dass der alte Herr den Kopf wieder aus dem Wasser bekam.
Einige Verwegene wollten sich gegen die Flut stemmen, ergaben sich aber rasch der Macht des Wassers. Frauen klammerten sich an Männer, Männer klammerten sich an Frauen. Wer schwimmen konnte, rettete sich glücklich an den Rand des Saales. Ein Kellner klammerte sich an einen Wandleuchter, bis dieser brach und in einem blitzlichternden Kurzschluss erlosch. Die meisten Lampen hingen gottlob hoch über den Köpfen der Menschen. Bis zu den Lüstern stieg das Wasser nicht, sonst hätte der Saal in vollkommener Dunkelheit dagelegen.
Nachdem Sir Tyrone dem Kontrabassisten sein Instrument an die Brust gedrückt hatte, verhalf er einem Klarinettisten zur Flucht. Gerade war er dabei, sich zu seiner Mutter voranzuarbeiten, als er bei den Logen eine sonderbare Beobachtung machte. Lady Edith schien im Moment nicht in Gefahr zu sein, daher verharrte Tyrones Blick dort, wo eine Gestalt in Schwarz die flüchtenden Gäste in Empfang nahm. Diese Person half, so schien es, wo sie konnte. Sie half in erster Linie Frauen, hob hier eine Lady hoch, legte dort einer anderen den Arm um die Hüfte. Die Frauen dankten ihm, erleichtert, dass sie glücklich eine Loge erklommen hatten. Aber irgendetwas sagte Tyrone, dass dieser Mensch nicht nur ein Helfer war. Neben seinem schwarzen Anzug trug er eine Katzenmaske. Plötzlich sah der junge Herzog etwas in der Hand des Schwarzgekleideten aufblitzen. Es funkelte nur einen Augenblick, schon entzog es sich wieder seinem Blick.
Um sich der nächsten Dame zuzuwenden, vollzog die Person mit der Maske eine Drehung, und mitten in dieser Bewegung entdeckte der Maskierte den jungen Lord auf dem Orchesterpodest, der nicht mit den Übrigen das Weite suchte, sondern ihn anstarrte. Während Tyrone die Gestalt in Schwarz beobachtete, beschlich ihn ein sonderbares Gefühl. Dieses Gefühl verlor sich auch nicht, während er von der Polizei befragt wurde.
Die Einvernahme fand im Büro von Miss Mason statt. Inspektor Smythe, zwei Officers, der Hausdetektiv und Miss Mason waren anwesend.
»Können Sie den Mann beschreiben, Euer Gnaden?«, fragte Smythe.
»Er war ziemlich weit entfernt. Der schwarze Anzug, die Maske … Aber das habe ich Ihnen ja alles schon gesagt.«
»Haben Sie gesehen, dass er Schmuckstücke an sich nahm?«
»Ich bemerkte nur, dass er etwas in der Hand hielt.«
»Wie lange haben sie ihm zugesehen?«
»Eine halbe Minute, vielleicht kürzer.« Tyrone wandte sich zu Violet. »Die Leute befanden sich in heller Aufregung.«
»Ich weiß. Und ich finde es erstaunlich, dass Sie die Ruhe hatten, sich der Beobachtung zu widmen, Mylord. Was brachte sie dazu, ausgerechnet diesem Menschen zuzusehen? Wie es heißt, ist er kaum jemandem sonst aufgefallen.«
»Was mich dazu brachte?« Tyrones Unbehagen wuchs.
»Ich meine, was war der auslösende Impuls?«
»Das weiß ich nicht mehr«, antwortete Tyrone ausweichend.
»Waren Sie denn nicht in Sorge um Ihre Mutter, die Duchess?«, fragte Detective Smythe.
»Ja, danach bin ich auch gleich zu ihr gelaufen, was in dem Gedränge schwierig war.«
»Und der Dieb? Was machte der Dieb, Euer Gnaden?«
»Ich habe ihn aus den Augen verloren.«
»Ging er hinaus? Welchen Ausgang hat er genommen?«
Der Dieb nahm den Ausgang hinter dem Büfett, dachte Tyrone. Während der Küchenchef sein Geschirr gegen die Wassermassen schützte, entwischte die schwarze Gestalt nach draußen. In dem Chaos fiel es Maître Dryden nicht einmal auf.
»Ich weiß nicht, wohin dieser Mann verschwunden ist, Detective. Es tut mir leid, Miss Mason.«
* * *
Auch Gary Stewart hatte die Gestalt in Schwarz bemerkt, während er knietief durch den Golden Pavillon watete. Er sah, wie der Täter hinter das Büfett schlüpfte. Bei ihrer Begegnung auf dem Dach war der Mann Stewart größer erschienen. Ihm zu folgen, erwies sich als schwierig. Dutzende Menschen, erregt, verwirrt, hilfsbedürftig, stellten sich Gary in den Weg. Die meisten konnte er umgehen, doch es gab solche, die in einem fort riefen: »Bewahren Sie Ruhe! So bewahren Sie doch Ruhe!« Einer von ihnen packte ihn an den Schultern. »Bleiben Sie ganz ruhig!«
»Ich bin ruhig. Lassen Sie mich durch«, entgegnete Stewart.
»Wir dürfen nicht die Nerven verlieren.« Der andere schüttelte ihn. »Frauen und Kinder zuerst! Das verstehen Sie doch?«
»Ganz Ihrer Meinung.« Da der Mann ihn nicht losließ, versetzte Gary ihm einen Hieb auf die Nase, worauf der Mann zurücktaumelte und in der Brühe landete, in die sich das Wasser inzwischen verwandelt hatte.
»Nichts für ungut.«
Der lange Büfetttisch hatte der Flut standgehalten. Gary lief nicht darum herum, sondern setzte mit einem Sprung darüber.
»Sekunde, Sir –«, rief Maître Dryden.
Doch Stewart war schon an ihm vorbei. Eine Schwingtür führte auf einen kurzen Flur, der in die Küche mündete. Hier sah Gary sich um. Vieles befand sich in Aufruhr, doch im Großen und Ganzen bewahrte die Küchenmannschaft die Ruhe. An der nächsten Tür entdeckte Gary die schwarze Gestalt. Er schien sich hier bestens auszukennen. Stewart verfolgte ihn. Rechts und links Vorratsraum und Kühlkammer, darauf ein Korridor mit mehreren Verzweigungen. Der Dieb rannte schnell, Gary kam ihm kaum näher. Als er nach rechts abbog, verlor er ihn aus den Augen und lief zurück. An der Kreuzung zweier Korridore fand Gary ihn erneut. Der Juwelenräuber traf dort jemanden. Diese Begegnung dauerte nur Sekunden, schon rannte er weiter. Die andere Person wandte sich in die Gegenrichtung. Gary Stewart folgte jener zweiten Person. Denn sie hatte den Schmuck.