Im Schlafanzug lag Violet auf dem Bett ihres Onkels. »Kann ich noch ein bisschen bleiben?« Rund um sie breitete sich ein Meer von Uhren aus.

»Natürlich.« Henry rückte taktvoll an die Wand. Sein Bett war schmal. »Was macht Maxine?«

»Sie schläft. Die Nanny ist bei ihr.«

»Aber du konntest nicht schlafen?«

»Nach einer Nacht wie dieser?« Sie stützte sich auf den Ellbogen. »Entschuldige, dass ich dich geweckt habe.«

»Schon gut.«

»Es ist vier Uhr morgens.«

»Es wird ohnehin gleich hell.« Henry musterte ihre Aufmachung. »Du bist im Pyjama durch das ganze Hotel gelaufen?«

»Glaub mir, in einer Nacht wie dieser war das nichts Besonderes.« Sie lächelte.

»Früher …« Er unterbrach sich.

»Ja? Was war früher, Onkel Henry?«

»Als du noch klein warst, bist du mit deinen Sorgen immer zu meinem Vater gelaufen. Larry war die ganze Welt für dich.«

»Ich weiß es noch.«

»Sir Laurence, der große alte Mann des Savoy.«

»Er war wunderbar.«

»Und heute –« Ein verhaltenes Lachen. »Heute Nacht kommst du zu deinem alten Onkel.«

»Ich bin froh, dass es so ist, Henry.« Sie umarmte ihn.

»Wieso gehst du eigentlich nicht zu Lionel?«

Sie sah ihn an und wusste, dass er es wusste. »Du bist eine kluge alte Schildkröte, mein lieber Onkel«, antwortete sie leise. »Du hast es kommen sehen, nicht wahr?«

»Gespürt habe ich es vielleicht. Du und Lionel, das war … Es war …« Er suchte nach dem richtigen Wort.

»Es war eben eine Liebe im Krieg«, half sie ihm weiter.

»Ja, das beschreibt es am besten. Für den Frieden war diese Liebe wohl nicht geschaffen.«

Violet zeigte auf die Uhr auf Henrys Arbeitstisch. »Wie geht es deiner Reverso-Tourbillon

»Du hast dir den Namen gemerkt? Sieh mal an.«

»Konntest du sie reparieren?«

»Nein. Dafür muss ich erst eine spezielle Feder anfertigen …« Er stopfte sich ein Kissen in den Rücken. »Aber du bist bestimmt nicht gekommen, um mit mir die Tücken einer Reverso-Tourbillon zu besprechen.«

Violet nickte, überlegte. »Dieser Mr Sciapiarelli hat alles in Gang gebracht«, sagte sie nach einer Pause.

»Der tote Mann im Lichthof?«

»Genau genommen der tote Mr Drake im Lichthof. Er ist ins Savoy gekommen, weil er nicht verstehen konnte, woher seine Frau auf einmal so viel Geld besaß.«

»Wenn die beiden verheiratet waren, wieso ist ihm das nicht früher aufgefallen?«

»Sie lebten seit Jahren getrennt. Keiner brachte es allerdings über sich, den endgültigen Schritt zu vollziehen.«

»Sie haben nie zusammen gelebt?«

»Wegen ihrer Lichtallergie wohnt Mrs Drake im untersten Kellergeschoß.«

»Richtig. Ich hatte es vergessen. Und Mr Sciapiarelli?«

»Als Spielzeugvertreter war er fast das ganze Jahr unterwegs.«

»Woher wusste er, dass Mrs Drake an Geld gekommen war?«

»Weil sie ihm teure Geschenke gemacht hat und ihm den Aufenthalt im Savoy bezahlte, wenn er in London war.«

»So ist Mr Sciapiarelli seiner Frau auf die Schliche gekommen?«

»Nicht sofort. Mrs Drake ist bei ihrem Nebenerwerb sehr vorsichtig ans Werk gegangen. Sie führte nur alle paar Monate einen Diebstahl durch. So kam niemand auf den Verdacht, dass es jedes Mal ein und derselbe Täter sein könnte.«

»Wie lange ging das schon?«

»Seit drei Jahren. Seit Mrs Drake ihre Diagnose erhalten hat.«

»Moment mal.« Henry überkreuzte die Beine. »Vor drei Jahren hat July Gilbert noch nicht bei uns gearbeitet.«

»Gut kombiniert«, lächelte Violet. »Mrs Drake war gezwungen, July für jeden Raubzug ins Hotel zu schleusen. Weil das zu riskant war, kam sie auf die Idee, ihrer Nichte eine feste Stellung zu verschaffen. Maître Dryden nahm das Mädchen in der Küche auf.«

Henry schüttelte den Kopf. »Und damit hat Mrs Drake offenbar das wahre Talent ihrer Nichte zutage gefördert. July ist eine exzellente Köchin.«

»Schon seltsam, nicht wahr?« Violet legte sich bequemer hin. »Aber dann passierte das Unglück.«

»Welches Unglück?«

»Eines Tages kam Mr Sciapiarelli wieder einmal nach London.«

Henry hob den Zeigefinger. »Sekunde, Vi, willst du sagen, das alles hat Mrs Drake dir einfach so gestanden?«

»Ich war selbst überrascht.« Sie blickte zur Decke hoch. »Meine alte Hausdame, treu bis in die Knochen, die Stütze des Hotels, wollte offenbar den Ballast von ihrer Seele abwerfen. Sie hat mit nichts hinterm Berg gehalten. Unter einer Bedingung.«

»Und die wäre?«

»Sie wollte es zu allererst mir gestehen, Henry, und nicht Scotland Yard. Mrs Drake wollte vor ihrer Direktorin beichten. Ich kann dir sagen, trotz allem, was sie getan hat, war ich wieder einmal beeindruckt von unserer Mrs Drake.«

»Was war das denn nun für ein Unglück? Was ist passiert?«

»Mr Sciapiarelli hat seine Frau in ihrer unterirdischen Wohnung besucht. Sie offenbarte ihm, wie es um ihre Gesundheit steht und dass sie in weniger als einem Jahr nicht mehr würde arbeiten können.«

Henry seufzte. »Ich stelle mir das schrecklich vor, wenn man kein Tageslicht erträgt.«

»Bei diesem Besuch hat Mr Sciapiarelli leider den Koffer bei ihr entdeckt.«

»Den Koffer mit dem Einbruchswerkzeug?«

Violet nickte. »An diesem Abend hat seine Frau ihrem Mann gestanden, woher der Reichtum stammt. Sciapiarelli muss ziemlich schockiert gewesen sein.«

»Ein kleiner Spielzeugvertreter ist schockiert, weil seine Frau heimlich ein Vermögen gemacht hat?«

Violet knuffte ihn gegen die Schulter. »Sei nicht so herablassend. Sciapiarelli war offenbar ein anständiger Mensch. Er hat seine Frau aufgefordert, mit den Diebstählen aufzuhören. Es kam zum Streit, dabei war er wohl so geistesgegenwärtig, den Koffer als Corpus Delicti mitzunehmen. Darin befand sich allerdings nicht nur das Werkzeug, sondern auch der Schmuck vom letzten Einbruch. Mrs Drake war außer sich. In ihrer Wut hat sie jemanden angerufen.«

»Wen – July?«

»Nein. Den Hehler, der das Diebesgut für sie weiterverkauft.«

Verwirrt setzte sich Henry auf. »Moment, jetzt kommt auch noch ein Hehler ins Spiel?«

»Der Hehler hatte Angst, dass ihm jemand seine goldene Gans stehlen könnte. Er kam ins Hotel, stellte Sciapiarelli zur Rede und wollte Koffer und Schmuck wiederhaben. Geistesgegenwärtig nahm Sciapiarelli den Schmuck an sich. Der Hehler hat ihn angegriffen. Sciapiarelli ist zurückgewichen, konnte sich wegen seiner Prothese nicht gut verteidigen und ist aus dem Fenster gestürzt. Der Hehler ergriff die Flucht. Den Rest hat Mrs Drake so inszeniert, dass man Sciapiarelli zunächst für den Juwelendieb halten musste.«

»Ihren eigenen Mann? War das nicht riskant für sie?«

»Die beiden haben in Italien geheiratet. Es existiert keine britische Heiratsurkunde.«

Henry kratzte sich an der Stirn. »Sekunde mal. Wenn Mr Sciapiarelli mit dem Schmuck aus dem Fenster gefallen ist, wieso hat die Polizei dann nichts bei ihm gefunden?«

»Das hat mich auch gewundert. Ich selbst habe mir den Toten unmittelbar nach dem Sturz angesehen.«

»Und?«, drängte Henry.

»July Gilbert ist nicht nur eine geschickte Fassadenkletterin und eine exquisite Köchin, sondern auch eine gute Schauspielerin. Sie hat es so eingerichtet, dass sie die Leiche als Erste fand. Darauf hat sie Dryden und der ganzen Küche den Schock vorgespielt, unter dem sie stand. In Wirklichkeit hatte sie dem Toten zuvor rasch die Juwelen abgenommen.«

»Das ist ja eine richtige Räuberpistole!« Henry setzte sich auf. »Und die vorbildliche Mrs Drake war dabei der Drahtzieher.«

»Ich verstehe nur noch nicht, wieso ausgerechnet July sich darauf eingelassen hat. Ich bringe jene July, die wir kennen, und die Meisterdiebin nicht unter einen Hut«, entgegnete Violet nachdenklich.

»Was sagt Mrs Drake dazu?«

»Sie beschützt ihre Nichte und behauptet, es sei alles ihre Idee gewesen.« Violet schwang die Beine aus dem Bett. »Ich spreche mit July, sobald ich kann. Zurzeit ist das unmöglich.«

»Wieso?«

»Weil Scotland Yard sie verhaftet hat. Sie wird dem Untersuchungsrichter vorgeführt.«

»Die arme July.«

»Na, du bist gut.« Violet drehte sich zu ihm. »Das Mädchen hat Edelsteine im Wert von Hunderttausenden Pfund geraubt, und du sagst arme July?«

»Sie tut mir trotzdem leid. Ihr ganzes Leben ist verpfuscht.«

Vorsichtig stieg Violet über die Uhren und ging zur Tür. »Nach dem Tod von Sciapiarelli wusste Mrs Drake, dass die Sache nicht mehr lange gut gehen würde. Daher hat sie ihr Geschäft intensiviert. Julys Einsätze häuften sich. Nach dem Einbruch bei Mrs Flack und dem schwedischen Ehepaar sollte der Raubzug auf dem Ball das krönende Finale von Mrs Drakes Verbrecherkarriere werden. Und das ist es, was ich meiner Hausdame nie verzeihen werde: dass sie dem Hotel, dem sie achtundzwanzig Jahre lang treu gedient hat, solchen Schaden zufügt.« Sie öffnete die Tür. »Danke, Onkel Henry.«

»Wofür?«

»Dass du mir zugehört hast. So etwas sollten wir öfter machen. Ein gutes Gespräch unter Verwandten.«

Henry legte den Kopf schief. »Muss es jedes Mal um vier Uhr morgens sein?«

»Du hast recht. Ich muss unbedingt noch ein bisschen schlafen, bevor Maxie aufwacht.«

»Du? Du musst schlafen?« Er lachte. »Ich glaube nicht, dass ich jetzt noch ein Auge zukriege.« Er überlegte. »Ob Mrs Drake heute Nacht schlafen kann – oder July?«