Es war kühl in diesen Mauern. Die Frühlingswärme drang nicht bis in das Gefängnis Seiner Majestät. July Gilbert trug einen Kattunrock, einfache Schuhe und einen Sweater. Sie befanden sich in einem kleinen Raum, der von beiden Seiten von Gittertüren begrenzt wurde. Hinter jedem Gitter saß ein Beamter der Gefängnisverwaltung. Ein Maschendraht vor dem Fenster brach das Tageslicht, das draußen so prächtig strahlte. Ihr Gespräch fand im Zwielicht statt.

»Ich wollte, ich könnte mich bei dem armen Reginald entschuldigen«, sagte July.

»Beim wem?« Sir Tyrone saß in respektvollem Abstand. Er trug einen halblangen Mantel. Hut und Handschuhe hatte er abgelegt.

»Du kennst ihn nicht. Er ist Hilfskoch im Savoy. Ich habe ihn schlecht behandelt, das muss ich zugeben. Aber meine Tante, die hat ihm richtig übel mitgespielt.« Sie überlegte. »Ich glaube, das war das einzige Mal, dass Mrs Drake Gewalt angewendet hat.«

»Man gestattet uns nur ein paar Minuten.« Tyrone beugte sich vor. »Wollen wir nicht lieber über dich sprechen?«

Ihre Augen verdüsterten sich. »Was gibt es über mich schon zu sagen?« Im nächsten Moment sah sie ihn freundlich an. »Entschuldige, Terry. Danke. Ich finde es sehr nett, dass du gekommen bist.«

»Nett?«

»Ich kann mir die Widerstände vorstellen, die deine Mutter dir in den Weg legt. Aber ich …« Sie senkte den Kopf. »Ich weiß ehrlich gestanden nicht, wozu es gut sein soll.«

»Es geht nicht darum, nett zu dir zu sein.«

»Was denn sonst?«, entgegnete sie schroff. »Unser Beisammensein war von Anfang an unmöglich. Jetzt ist es außerhalb jeder Realität.«

»Findest du?«

»Ich bin eine Verbrecherin. Ich wurde überführt. Ich habe gestanden. Man wird mich verurteilen.«

»Na und?«

Sie runzelte die Stirn. »Terry, bitte spiel mir nicht den weltfremden Adeligen vor, der nicht versteht, was hier vorgeht.«

»Ich verstehe es genau, July. Onkel Ethelred hat mir exakt beschrieben, was es zu bedeuten hat. Dir allerdings scheint noch nicht klar geworden zu sein, was es in Wahrheit bedeutet.«

Ihre gefalteten Finger verkrampften sich ineinander. »Wovon redest du?«

»Ich verdanke dir mein Leben, July.« Seine Worte waren so schlicht, wie sie nur sein konnten. »Ich lebe nur noch, weil es dich gibt, meine Liebe. Bevor wir uns kennenlernten, war ich auf einem dunklen Pfad, von dem es keine Rückkehr gegeben hätte.«

»Kommt dir das nicht ziemlich melodramatisch vor, so etwas zu sagen?«, ging sie dazwischen.

»Ich bitte dich, hör auf, meine Gefühle anzuzweifeln! Ich bin mir meiner Gefühle absolut sicher.« Er atmete einmal tief durch. »Bevor wir uns kennenlernten, sah ich keine andere Möglichkeit, als mein leeres, nichtssagendes, mein sinnloses Leben zu beenden. Wozu sollte ich Herzog werden? Es gibt in der heutigen Welt nichts Überflüssigeres als die dummen Privilegien meines Standes.«

»Das stimmt.« Ernst sah sie ihn an. »Du und deinesgleichen, ihr habt euch überlebt. Aber deswegen stirbt man doch nicht gleich. Wem hätte dein Tod genützt? Mit deinem Reichtum kannst du etwas Sinnvolles und Gutes tun.«

»Das werde ich auch. Von nun an wird alles anders, July. Und das ist dein Verdienst. Seit unserer Fahrt nach Surrey, seit dem Abend in Oakwoodhill habe ich erkannt, wie mein weiteres Leben verlaufen soll. Es wird dieses Leben geben. Aber …« Er ergriff ihre Hand. »Aber das geht nur mit dir zusammen, July.«

»Keine Berührung«, sagte der Constable hinter dem Gitter.

Tyrone ließ Julys Hand los. »Verstehst du mich?«

»Noch nicht ganz.«

»Ich werde auf dich warten, meine Liebe, egal, wie lange deine Strafe dauern sollte. Und weil ich auf dich warte, werde ich leben. Das ist das Wunderbare daran. Ich warte auf dich, und ich lebe. So einfach ist das.«

»Einfach?«, wiederholte sie. »Das kann viele Jahre dauern.«

»Umso besser.«

»Was?« Ungläubig blickte sie ihn an.

»Es wird eine ganze Weile dauern, bis ich Oakwoodhill renoviert habe. Und ich möchte, dass du unser Haus erst siehst, wenn es fertig ist. Wir können uns also beide Zeit lassen. Verstehst du?«

»Du bist schon ein ziemlich verrückter Herzog, weißt du das?« Sie schüttelte den Kopf.

»Ein verrückter, beinahe lebensunfähiger Herzog.«

»Ach, Terry –« Sie betrachtete ihn mit einem Blick, in dem all ihre Liebe und Fröhlichkeit lagen.

»Die Zeit ist um.« Der Constable hinter ihnen stand auf.

»Dann wollen wir es also so machen?«, fragte Tyrone leichthin, als hätten sie nicht gerade ihr ganzes künftiges Leben besprochen.

»Solange du das möchtest, können wir es gern so machen, Terry.« Sie lächelte. »Ich werde in nächster Zeit kaum woanders hingehen. Aber falls du es dir irgendwann anders überlegst …«

Bevor der Wärter eingreifen konnte, nahm Tyrone ihre Hand und küsste sie. »Ich überlege es mir bestimmt nicht anders. Also abgemacht, ich renoviere Oakwoodhill. Von Zeit zu Zeit werde ich dir Vorschläge machen, was die Teppiche und die Tapeten betrifft.«

Der Wärter sperrte die Tür auf. »Euer Gnaden, ich muss Sie nun bitten –«

»Schon gut, bester Mann.« Tyrone machte eine Verbeugung vor July.

Als er ging, blieb in ihren Augen ein großes Staunen über die Unfassbarkeit, die Unverbrüchlichkeit der Liebe, der Liebe eines reizenden, verrückten Herzogs. So eine Liebe hatte July noch nie erfahren. Niemals. Sie konnte noch nicht daran glauben. Aber sie wünschte sich, dass sie eines Tages von ganzem Herzen daran glauben würde.