Sechsundzwanzigstes Kapitel
Das Scathan-Haus
Arndt war überrascht, wie schnell Margot laufen konnte. Sie hakte sich bei ihm unter und trippelte mit ihren Pantoffeln die Straßen hinunter. Er drehte sich immer wieder nervös um, aber weder folgte ihnen jemand noch wurden sie beachtet. Sollte es so einfach gewesen sein? Irgendwann wollte er nicht länger auf Antworten warten.
»Margot, vor wem bist du davongelaufen? Was ist vorgefallen?«
Sie sah ihn kurz von der Seite an und bestaunte dann weiter die Umgebung. Am liebsten wäre sie an jeder Ecke stehen geblieben. Die Stadt sah so anders aus. Das lag vielleicht auch daran, dass sie es irgendwann aufgegeben hatte, die Welt außerhalb ihres Gefängnisses zu beobachten, da sie keine Hoffnung mehr hatte, jemals wieder einen Fuß in diese zu setzen.
»Franz«, antwortete sie. »Ein langjähriger Freund der Familie.« Sie lachte höhnisch auf. »Nicht so eng, dass er in das Geheimnis um die Spiegel eingeweiht wurde. Er schaut alle paar Wochen nach dem Rechten. Repariert ein paar Dinge im Haus, eigentlich soll er nur kontrollieren, ob ich noch lebe.«
»Und wie kam es dazu, dass er bemerkte, dass du keinen Schatten hast?«
Sie schwieg einen weiteren Häuserblock. »Ich war unvorsichtig.« Sie schnaufte, und er hatte den Eindruck, als würde sie sich aufregen. »Ich bin alt, Arndt. Zu alt für dieses Versteckspiel. Nachdem niemand mehr von meiner Familie übrig ist, der mich kontrolliert oder mir vorschreibt, was ich zu tun habe, wollte ich einfach nur den Spiegel betrachten. Das Spiegelzimmer war natürlich seit dem Vorfall verschlossen, also hat Franz für mich die Tür aufgebrochen, und ich habe die Sonne hineingelassen. Dabei hat er mich gesehen. Bei Tageslicht im Spiegelzimmer. Die Sonne schien in ihrer vollen Pracht hinein, und da ist es ihm aufgefallen. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen. Ich konnte es genau sehen.«
Arndt nickte. Er kannte das Versteckspiel, und Margot war nicht die einzige, die es seit Jahrzehnten spielte. Jedoch hatte es keine so hart getroffen wie sie. Mina hatte ihren Weg gefunden, damit zu leben, und ihre Familie hatte ihr vertraut. Edmund Taranee hatte sich noch nie etwas sagen lassen, so dass er sein Leben auch ohne Schatten voller Glamour und Gesellschaft geführt hatte. Und Hedda?
»Kannst du das verstehen, Arndt?«, unterbrach ihn Margots Stimme. Sie klang plötzlich wackelig und uralt. »Ich hatte es satt. Ich wollte mir nur den Spiegel anschauen. Es zieht mich nach all den Jahren immer noch zu ihm.«
»Und? Bist du nach Eldrid gereist?«
Sie schaute ihn schockiert an. »Ich habe keinen Schatten. Wenn ich nach Eldrid reise, müsste ich mich auf der Stelle verbannen.«
Arndt wog den Kopf hin und her. »Das weiß ich, Margot.« Er tätschelte ihre Hand, die auf seinem Unterarm ruhte. »Wir sind da.«
Er wies auf Minas Haus, das vor ihnen lag.
Wenig später saßen sie in Minas Küche, und Arndt hatte ihr alles erzählt, was vorgefallen war. Von Ludmillas Aufgabe in Eldrid, Minas Schatten, Godal, die Bedrohung von Eldrid, das garstige Spiegelbild von Ludmilla und schließlich Minas Zusammenbruch. Margot hörte regungslos zu. Als sie hörte, dass Pixi hier war, schaute sie sich neugierig um. Arden hatte nie eine Fee gehabt, und Margot liebte diese Wesen. Zu gern hätte sie sie begrüßt. Arndt lächelte wissend.
»Pixi bewacht Ludmillas Spiegelbild. Sie ist der Meinung, sie dürfe es nicht aus den Augen lassen. Schließlich ist es schon einmal abgehauen. Das traut sie ihm ein weiteres Mal zu. Du siehst sie später bestimmt. Heute Nachmittag haben wir eine Verabredung mit Minas Tochter im Krankenhaus. Dieses Treffen ist unglaublich wichtig, und das Spiegelbild muss mitspielen.«
In diesem Moment flatterte die kleine Fee in die Küche. Ihre Flügel glitzerten in den verschiedensten Farben im Licht der Lampe, und ihre grünen Augen weiteten sich, als sie Margot bemerkte. Sie schoss zur Decke und ließ sich dann auf dem Türrahmen nieder. Von dort aus beschoss sie Arndt mit wütenden Blicken und Gesten, die ihm bedeuten sollten, den Besucher zu verscheuchen. Er lachte nur.
»Pixi, komm da runter und begrüße sie. Du kennst sie von früher. Das ist Margot!«
Als sie nicht sofort Anstalten machte, sich zu bewegen, fügte er schnell hinzu. »Margot Dena.«
»Ist sie das wirklich, Arndt?«, piepste Pixi aufgeregt und flog auf den Küchentisch. Dort baute sich das kaum daumengroße Wesen auf wie ein Hüne. Pixi liebte die großen Auftritte, auch wenn sie sehr klein war.
Margot sprang auf und strich sich verlegen den Rock glatt.
»Margot Dena«, quietschte Pixi. »Wir haben uns damals in Eldrid nur ein paar Mal kurz getroffen, aber ich erinnere mich gut. Du warst ein bildhübsches Ding.« Sie stockte. »Und umschwärmtest Arden wie süßen Honig.«
Margot nickte verlegen. »Das stimmt. Ich fand ihn umwerfend. Ich war ein dummer Teenager, denn als ich meinen Schatten verlor, wollte er mir nicht helfen.«
Pixi flog näher an ihr Gesicht heran. »Wobei? Wobei wollte er dir nicht helfen?« Den skeptischen Unterton in der Stimme unterdrückte sie nicht.
Margot wich einen Schritt zurück. »In Eldrid zu bleiben, natürlich«, stotterte sie. »Selbst schattenlos wäre ich lieber freiwillig in Eldrid geblieben, als hier in Gefangenschaft zu leben.«
»Gefangenschaft«, blaffte die kleine Fee mit ihrer lauten Stimme, so dass Margots wenige Haare auf dem Kopf nach hinten wehten. »Du hast ja keine Ahnung, wie das Dorf der schattenlosen Wesen aussieht. Hier, in deiner Menschenwelt, warst du doch sicherlich gut aufgehoben. Schau dir Mina an. Sie hatte kein schlechtes Leben, so ganz ohne Schatten.«
Margot verschränkte die Hände auf dem Rücken und wagte es nicht, sich wieder zu setzen. Sie richtete sich auf, schob ihre Brust nach vorn und antwortete mit fester Stimme: »Ich weiß nicht, wie es Mina ergangen ist, aber meine Familie hat mich eingesperrt. Ich durfte das Haus der Dena-Familie bis zum heutigen Tag nicht verlassen. Ich habe nicht wie Mina einen Mann gefunden und eine Familie gegründet. Ich war gefangen in diesem Haus, und den Spiegel durfte ich auch nicht mehr benutzen.« Sie bebte. »Selbst wenn es meine Familie erlaubt hätte, hätte mich Arden keinen Fuß nach Eldrid setzen lassen. Er hat mich hierher verbannt, und meine Familie hat mich in das Haus verbannt.«
Pixi blickte sie schockiert an. »Wie meint sie das, Arndt?« Sie hob die Schultern. »Das Haus nicht verlassen.«
»Sie war dort eingesperrt. Wie in einem Gefängnis.«
»Sie durfte nie nach draußen?«, flüsterte Pixi entsetzt.
Margot nickte. »Nach draußen schon. Das Haus verfügt über einen Innenhof. Den durfte ich benutzen. Also ins Freie durfte ich manchmal, aber nicht auf die Straße oder in ein anderes Haus. Reisen war natürlich auch ausgeschlossen.«
Die kleine Fee presste sich die Hände auf den Mund. »Das tut mir leid«, nuschelte sie. »Und Arden?«
Margot schüttelte bitter den Kopf. »Er hat mir verboten, jemals wieder einen Fuß nach Eldrid zu setzen.«
»Leuchtet der Spiegel wieder?«, fragte Arndt prüfend.
Margot zuckte unmerklich zusammen. »Ja, er leuchtet wieder«, antwortete sie wahrheitsgemäß.
In diesem Moment schlurfte Ludmillas Spiegelbild in die Küche. Es hatte ein T-Shirt und eine Jogginghose übergestreift, dessen Schritt ihm fast in den Kniekehlen hing. Ihre langen roten Haare waren ungekämmt und strähnig. »Müssen wir nicht bald ins Krankenhaus?«
Arndt schreckte hoch. »Ja, stimmt. Los, zieh dir was anderes an und kämm dir die Haare. Du musst ordentlich aussehen.«
»Und wer ist das?«
Er ignorierte die Frage und schob es wortlos aus dem Zimmer.
Margot betrachtete Pixi voller Bewunderung. »Du bist noch genauso schön wie damals.« Ihre Stimme klang verklärt.
»Und es ist wirklich heute das erste Mal nach all den Jahren, dass du dich außerhalb des Dena-Hauses aufhältst?«
Sie nickte. »Es hat auch etwas Gutes, dass ich aufgeflogen bin. Unser Hausmeister Franz hat mich ohne Schatten gesehen. Ich meine, er hat erkannt, dass ich keinen Schatten habe. Dank Arndt konnte ich fliehen. Endlich bin ich nicht mehr eine Gefangene.«
»Sie wollen dich befragen, also werden sie dich suchen. Wir müssen vorsichtig sein.« Arndt stand in der Tür und sah sie besorgt an. »Außerdem ist der Spiegel jetzt ohne Bewachung. Wir müssen dafür eine Lösung finden und für Franz. Wer weiß, wie hartnäckig er nach dir suchen wird.«
»Das ist ganz schön viel auf einmal«, schnaufte Pixi. »Wir haben hier selbst alle Hände voll zu tun. Das Treffen mit Alexa im Krankenhaus, Mina muss wieder gesund werden, und Ludmillas Spiegelbild muss in Schach gehalten werden. Wie bist du auf die Idee gekommen, nach Mina zu suchen, Margot?«
Margot sah sie erstaunt an. Das war eine gute Frage. Mina und Margot waren nie befreundet gewesen. Daher hatte Mina auch nichts von dem Verlust ihres Schattens und ihrer Gefangenschaft erfahren. Zumindest nicht von Margot selbst. Mina hatte sich nie bei ihr gemeldet und sie sich nicht bei ihr.
»Es ging um die Sicherheit des Dena-Spiegels«, stotterte sie. »Ich musste die Spiegelfamilien informieren, und von Mina Scathan wusste ich, dass sie noch in ihrem Haus lebt. Glücklicherweise ging Arndt ans Telefon.« Ihr entfuhr ein unsicheres Lachen.
Pixi beäugte sie argwöhnisch. »Und warum nicht Hedda Ardis? Ihr wart doch damals so eng befreundet. Was ist aus Hedda geworden? Sie hat schließlich auch ihren Schatten verloren.« Mit einem giftigen Seitenblick auf Arndt fügte sie hinzu. »Wie ich erst vor kurzem erfahren durfte.«
Margot atmete schwer durch und suchte nach einer Antwort.
In diesem Moment lief Ludmillas Spiegelbild durch die Küche und auf die Haustür zu, während es rief: »Ich bin fertig.«
»Stehengeblieben«, brüllte Pixi, so dass das ganze Haus bebte, und schoss hinterher.
»Fahrt ihr jetzt ins Krankenhaus?«, fragte Margot, während Arndt seine Jacke vom Küchenstuhl nahm. »Darf ich mitkommen?«
Er sah sie verwundert an. »Zu Mina? Ins Krankenhaus?«
»Ich möchte nicht alleine hierbleiben.«
Als Arndt nicht sofort reagierte, fügte sie hinzu: »Es hat sich so angehört, als könntet ihr Hilfe gebrauchen. Ich hatte viel Zeit, die Mensch zu studieren. Vielleicht kann ich irgendwie helfen.« Ihre Augen flehten ihn an. »Bitte, Arndt. Ich kann unmöglich hier allein in diesem fremden Haus bleiben.«
Arndt seufzte. »Also gut.«
Als sie nach ihm aus der Tür in die Sonne trat, machte ihr Herz einen Hüpfer. Sie war frei. Endlich frei.