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Bosch wurde die ganze Nacht von den Ermittlern des Sheriff’s Department vernommen. Zuerst ging er Schritt für Schritt mit ihnen durch, wie er mit seinen Kollegen vom SFPD zu Dockweilers Haus gelangt war, dann schilderte er ihnen minutiös, wie es zu dem Schusswaffeneinsatz gekommen war. Diese Prozedur hatte Bosch erst im vergangenen Jahr nach einem Schusswechsel in West Hollywood über sich ergehen lassen müssen. Er wusste, was er zu erwarten hatte, und er wusste auch, dass es eine reine Routineangelegenheit war. Trotzdem durfte er es nicht auf die leichte Schulter nehmen. Er musste eine hieb- und stichfeste Begründung vorlegen, weshalb es gerechtfertigt und unvermeidlich gewesen war, Dockweiler durch das Fenster in den Rücken zu schießen, wobei der Umstand, dass Dockweiler eine Schusswaffe auf die drei Polizisten in der Küche gerichtet hatte, den Einsatz tödlicher Gewalt grundsätzlich rechtfertigte.

Die Zusammenstellung des vollständigen Ermittlungsberichts würde Wochen dauern, da die Ermittler die ballistischen und forensischen Befunde abwarten und sie dann mit den Aussagen der beteiligten Polizisten und den schematischen Darstellungen des Tatorts abgleichen mussten. Dann würde dieser Bericht zur weiteren Begutachtung der Abteilung der Staatsanwaltschaft vorgelegt, die mit Schusswechseln mit Polizeibeteiligung befasst war, und das konnte noch einmal mehrere Wochen in Anspruch nehmen. Erst dann würde endgültig darüber entschieden, ob die Schüsse gerechtfertigt und im Rahmen der polizeilichen Befugnisse erfolgt waren.

Bosch machte sich hinsichtlich der Berechtigung seines Vorgehens keine Sorgen, zumal es sich auch nachdrücklich zu seinen Gunsten auswirken würde, dass er Bella Lourdes gefunden hatte. Ihre Befreiung aus Dockweilers unterirdischem Versteck würde jegliche Störfeuer, mit denen die Medien der Staatsanwaltschaft zusetzen konnten, wirksam unterdrücken. Es würde nicht leichtfallen, das gewaltsame Vorgehen der Polizei infrage zu stellen, da es gegen einen Mann gerichtet gewesen war, der eine Polizistin entführt, sexuell missbraucht und dann in einer unterirdischen Kammer gefangen gehalten hatte, um sie dort weiter zu vergewaltigen und schließlich irgendwann zu töten.

Es begann bereits zu tagen, als die Ermittler Bosch erklärten, sie hätten vorerst keine weiteren Fragen mehr an ihn. Sie sagten ihm, er solle erst einmal nach Hause fahren und sich schlafen legen; in den nächsten Tagen würden sie sich vielleicht noch einmal mit weiteren Fragen an ihn wenden, bevor sie zur Sammel- und Schreibphase des Ermittlungsverfahrens übergehen würden. Bosch versicherte, er stünde ihnen jederzeit zur Verfügung.

Im Lauf seiner Vernehmung hatte er erfahren, dass Lourdes in die Notaufnahme des Holy Cross gebracht worden war. Deshalb schaute er auf der Heimfahrt erst noch im Krankenhaus vorbei, um sich zu erkundigen, ob es in der Zwischenzeit etwas Neues über ihren Zustand gab. Im Wartezimmer der Notaufnahme traf er auf Valdez, dem deutlich anzusehen war, dass er sich schon die ganze Nacht dort aufhielt, seit ihn die Ermittler des Sheriff’s Department entlassen hatten. In der Frau, die auf einer Couch neben ihm saß, erkannte Bosch dank der Fotos an der Wand von Bella Lourdes’ Abteil ihre Lebensgefährtin.

»Sind die SD-Ermittler endlich fertig mit Ihnen?«, fragte der Chief.

»Vorerst«, sagte Bosch. »Sie haben mich nach Hause geschickt. Wie geht’s Bella?«

»Sie schläft jetzt. Sie haben Taryn ein paarmal zu ihr reingelassen.«

Bosch stellte sich Taryn vor, und sie dankte ihm für seine Beteiligung an Bellas Rettung. Bosch nickte nur. Er fühlte sich in wesentlich größerem Umfang schuldig, dass er Bella allein zu Dockweiler geschickt hatte, als zufrieden, dass er sie vor ihm gerettet hatte.

Bosch sah Valdez an und machte eine kaum merkliche Kopfbewegung in Richtung Flur. Er wollte mit ihm reden, aber nicht in Taryns Beisein. Valdez stand auf und entschuldigte sich, dann ging er mit Bosch auf den Flur hinaus.

»Hatten Sie schon Gelegenheit, mit Bella zu reden, wie es dazu gekommen ist?«, fragte Bosch.

»Nur kurz«, sagte Valdez. »Sie ist psychisch noch ziemlich angeknackst, deshalb wollte ich ihr, was das angeht, noch nicht zu viel zumuten. Es besteht ja auch keine Eile, oder?«

»Nein.«

»Sie hat jedenfalls gesagt, dass sie gegen Mittag zum Bauhof rübergegangen ist, wo aber wegen der Mittagspause gerade niemand da war. Darauf hat sie in den Büros des Ordnungsamts nachgesehen, wo Dockweiler an seinem Schreibtisch gegessen hat. Als sie ihn wegen des Metalldetektors gefragt hat, hat er sich bereit erklärt, ihn in einen Wagen zu laden und zu dem Haus zu bringen.«

»Und darin hat sie nur deshalb eingewilligt, weil ich nicht dabei war, um ihr zu helfen.«

»Das ist doch nicht Ihre Schuld, Harry. Sie haben ihr gesagt, Sisto mitzunehmen, und außerdem, Dockweiler mag ja weiß Gott ganz schön krank im Kopf sein, aber er ist auch ein ehemaliger Cop. Für Bella bestand also kein Grund, sich bei ihm nicht sicher zu fühlen.«

»Und wann hat er sie in seine Gewalt gebracht?«

»Sie sind zu Sahaguns Haus gefahren und haben den Garten abgesucht. Der Metalldetektor ist schwer, und Dockweiler hat sich bereit erklärt, ihn in einem Transporter des Bauhofs hinzubringen und ihn auch zu bedienen. Sie hatten übrigens recht. Es lagen tatsächlich ein paar Schlüssel im Garten. Sie wusste nur nicht, dass sie Dockweiler gehörten. Er hatte den Transporter hinter der Garage abgestellt, wo er von der Straße kaum zu sehen war. Das Opfer des Vergewaltigungsversuchs vom Freitag war nicht im Haus, und auch sonst war weit und breit niemand zu sehen. Er bat Lourdes, ihm zu helfen, den Metalldetektor wieder in den Transporter zu laden, und dann hat er sie von hinten gepackt und so lange gewürgt, bis sie das Bewusstsein verlor. Anschließend muss er ihr irgendwelche Medikamente eingeflößt haben, weil sie ziemlich lang weg war. Als sie wieder zu sich kam, war sie bereits in diesem Verlies unter seiner Garage und er auf ihr drauf. Er war ziemlich brutal … Sie ist übel zugerichtet.«

Bosch schüttelte den Kopf. Unmöglich, sich vorzustellen, was Lourdes durchgemacht hatte.

»Dieses kranke Schwein«, sagte Valdez. »Er hat ihr gesagt, dass er sie dort unten gefangen halten würde und dass sie nie mehr Tageslicht sehen würde …«

Weitere grausige Details blieben Bosch erspart, weil in diesem Moment Taryn auf den Flur kam, um nach ihm zu suchen.

»Ich war gerade bei ihr, um ihr zu sagen, dass Sie hier sind«, sagte sie zu Bosch. »Sie ist wach und würde Sie gern sehen.«

»Das muss sie aber nicht«, sagte Bosch. »Sie soll sich zu nichts verpflichtet fühlen.«

»Nein, sie will es aber. Wirklich.«

»Na, dann gut.«

Taryn führte Bosch in das Wartezimmer zurück und dann in einen anderen Gang. Sie schüttelte aufgebracht den Kopf.

»Bella ist nicht unterzukriegen«, sagte Bosch. »Sie werden sehen, sie übersteht das schon.«

»Nein, das ist nicht, was ich meine«, sagte Taryn.

»Was dann?«

»Einfach unfassbar. Er ist auch hier.«

Bosch sah sie verständnislos an.

»Wer? Der Chief?«

»Nein, Dockweiler! Er liegt auch in diesem Krankenhaus.«

Jetzt verstand Bosch.

»Weiß Bella das?«

»Ich glaube nicht.«

»Dann sagen Sie es ihr auch nicht.«

»Keine Angst. Sie würde total durchdrehen.«

»Sobald sich sein Zustand stabilisiert hat, wird er verlegt. Unten im County-USC haben sie eine Gefängnisklinik. Dorthin kommt er.«

»Gut.«

Sie erreichten eine offene Tür und betraten ein Privatzimmer, in dem Lourdes in einem Bett mit hochgefahrenem Seitengeländer lag. Sie hatte sich von der Tür abgewandt und blickte auf das Fenster des Zimmers. Ihre Hände lagen kraftlos an ihren Seiten. Ohne sich ihren Besuchern zuzuwenden, bat sie Taryn, sie allein zu lassen.

Taryn verließ das Zimmer, und Bosch stand neben dem Bett. Er konnte nur Bellas linkes Auge sehen. Es war angeschwollen und blau verfärbt. Auf ihrer ebenfalls geschwollenen Unterlippe zeichnete sich eine Bissspur ab.

»Hallo, Bella«, sagte Bosch schließlich.

»Dieses Bier, um das wir gewettet haben, bin ich dir wohl tatsächlich schuldig«, sagte sie.

Bosch fiel ein, dass er gesagt hatte, sie sei ihm was schuldig, wenn sie mit dem Metalldetektor etwas fände.

»Bella, ich hätte mit dir kommen sollen«, sagte er. »Es tut mir furchtbar leid. Ich habe Scheiße gebaut, und du hast einen fürchterlichen Preis dafür bezahlt.«

»Jetzt rede doch keinen Unsinn«, sagte sie. »Wenn jemand Scheiß gebaut hat, dann ich. Ich hätte ihm nie den Rücken zukehren dürfen.«

Jetzt sah sie Bosch endlich an. Sie hatte um beide Augen Blutungen, die davon herrührten, dass Dockweiler sie gewürgt hatte. Sie hob eine Hand leicht an, was Bosch als Aufforderung auffasste, sie zu halten. Er trat näher ans Bett und drückte ihr die Hand und versuchte ihr das zu vermitteln, wofür er keine Worte fand.

»Danke, dass du gekommen bist«, sagte sie. »Und dass du mich gerettet hast. Der Chief hat mir alles erzählt. Bei dir habe ich es mir eigentlich gedacht. In Sistos Fall hat es mich überrascht.«

Sie versuchte zu lächeln. Bosch zuckte mit den Achseln.

»Den Fall hast du gelöst«, sagte er. »Und auf diese Weise viele andere Frauen vor ihm gerettet. Vergiss das nie.«

Sie nickte und schloss die Augen. Bosch konnte Tränen darin sehen.

»Harry, ich muss dir was sagen.«

»Ja, was?«, fragte er.

Sie blickte wieder zu ihm hoch.

»Er hat mich gezwungen, ihm von dir zu erzählen. Er hat mir wehgetan, und ich habe versucht, nichts rauszurücken, aber ich habe es nicht ausgehalten. Er wollte wissen, woher wir das mit den Schlüsseln gewusst haben. Und er hat mich nach dir gefragt. Er wollte wissen, ob du eine Frau oder Kinder hast. Ich habe versucht, es ihm nicht zu sagen.«

Bosch drückte ihre Hand.

»Sag jetzt nichts mehr, Bella. Du hast das großartig gemacht. Wir haben den Kerl, und jetzt ist es vorbei. Das ist alles, was zählt.«

Sie schloss die Augen.

»Ich möchte jetzt wieder schlafen«, murmelte sie.

»Klar«, sagte er. »Ich komme bald wieder, Bella. Halt die Ohren steif.«

Als Bosch den Flur hinunterging, dachte er darüber nach, dass Dockweiler Bella gefoltert hatte, um etwas über ihn herauszubekommen. Er fragte sich, wozu das geführt hätte, wenn es nicht schon in dieser Nacht ein Ende gefunden hätte.

Im Wartezimmer traf er auf Valdez, aber nicht auf Taryn. Der Chief erklärte ihm, sie sei nach Hause gefahren, um Bella ein paar Kleider zu holen, damit sie etwas zum Anziehen hatte, wenn sie entlassen wurde, wann immer das wäre. Sie sprachen über den Screen-Cutter-Fall und was sie noch tun mussten, um die OIS-Ermittlungen des Sheriff’s Department und die Anklageerhebung gegen Dockweiler unter Dach und Fach zu bringen. Sie hatten achtundvierzig Stunden Zeit, um der Staatsanwaltschaft ihre Beweise gegen den mutmaßlichen Vergewaltiger vorzulegen und eine Anklageerhebung zu beantragen. Weil Lourdes im Krankenhaus außer Gefecht gesetzt war, blieb das alles Bosch überlassen.

»Ich möchte, dass unsere Beweisführung absolut unanfechtbar ist, Harry«, sagte Valdez. »Und ich möchte so viel wie nur irgend möglich gegen ihn vorbringen. Jeden nur erdenklichen Anklagepunkt. Ich möchte nicht, dass dieser Kerl jemals wieder die Luft der Freiheit atmet.«

»Schon klar«, sagte Bosch. »Das dürfte kein Problem sein. Ich fahre jetzt erst mal nach Hause, lege mich bis Mittag hin, und dann mache ich mich an die Arbeit.«

Valdez boxte ihm aufmunternd auf den Oberarm.

»Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie was brauchen«, sagte er.

»Bleiben Sie denn noch hier?«, fragte Bosch.

»Ja, ein bisschen. Sisto hat mir eine SMS geschrieben, dass er noch vorbeikommen möchte. Ich glaube, ich warte auf ihn. Wenn sich die Lage halbwegs beruhigt hat, müssen wir uns alle auf ein paar Bier zusammensetzen und noch mal in Ruhe über alles reden.«

»Gute Idee.«

Als Bosch das Krankenhaus verließ, traf er in der Tiefgarage auf Sisto. Er hatte frische Sachen an und sah aus, als hätte er sogar ein bisschen geschlafen.

»Wie geht’s Bella?«, fragte er.

»Schwer zu sagen«, antwortete Bosch. »Kaum vorstellbar, was sie durchgemacht hat.«

»Warst du schon bei ihr drinnen?«

»Ein paar Minuten. Der Chief ist oben im Wartezimmer. Er bringt dich zu ihr, wenn es irgendwie geht.«

»Cool. Dann bis später auf der Wache.«

»Ich fahre erst mal nach Hause und lege mich schlafen.«

Sisto nickte und entfernte sich. Da fiel Bosch etwas ein, und er rief ihm hinterher.

»Sisto?«

Der junge Ermittler kam zurück.

»Tut mir leid, dass ich gestern die Beherrschung verloren habe und dich gestoßen habe«, sagte Bosch. »Und das Handy nach dir geworfen. In diesem Moment ist mir einfach alles über den Kopf gewachsen.«

»Ach was, Mann, schon cool«, sagte Sisto. »Du hast ja recht. Ich will nicht so ein Versager sein, Harry. Ich will ein richtig guter Ermittler werden. Wie du.«

Bosch nickte zum Dank für das Kompliment.

»Keine Sorge«, sagte er. »Das wirst du auch. Und das war übrigens gute Arbeit gestern Nacht.«

»Danke.«

»Könntest du vielleicht noch was für mich tun, wenn du bei Bella warst?«

»Klar, was?«

»Geh bitte ins Ordnungsamt rüber und sperre Dockweilers Schreibtisch ab. Wir müssen ihn gründlich durchsuchen. Und dann sagst du dem zuständigen Mann dort drüben, er soll sämtliche Unterlagen für ordnungsamtliche Kontrollen raussuchen, die Dockweiler in den letzten vier Jahren durchgeführt hat. Und in denen suchst du nach nicht genehmigtem Wohnraum.«

»Glaubst du, so hat er sich seine Opfer ausgesucht?«

»Jede Wette. Such alle raus und leg sie mir auf den Schreibtisch. Ich sehe sie mir gleich als Erstes an, wenn ich reinkomme. Würde mich sehr wundern, wenn er keine Kontrollen in den Straßen durchgeführt hätte, in denen unsere Opfer gewohnt haben.«

»Cool. Brauchen wir dafür einen Durchsuchungsbeschluss?«

»Ich glaube nicht. Das sind alles öffentlich zugängliche Dokumente.«

»Alles klar, Harry, mache ich. Ich lege sie dir auf den Schreibtisch.«

Bosch verabschiedete sich von Sisto mit Gettofaust, dann ging er zu seinem Wagen.