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Berlin-Mitte,
Kinderintensivstation der Charité,
Donnerstag, 24. Juli, 11:10 Uhr
D
er Tod hatte diesmal eine Ausnahme gemacht. Warum auch immer. Wahrscheinlich waren es nur ein paar wenige Faktoren gewesen, die verhindert hatten, dass das kleine Mädchen an seinen schweren Kopfverletzungen verstarb. Vielleicht war es aber auch nur purer Zufall. An so etwas wie einen Schutzengel glaubte Dr. Fred Abel jedenfalls nicht.
Der Rechtsmediziner von der rechtsmedizinischen Abteilung der BKA-Einheit »Extremdelikte« hatte sein zerknittertes Leinenjackett in der Umkleide der Intensivstation abgelegt und gegen einen sterilen Kittel getauscht, der am Rücken geschlossen wurde und ihm bis zu den Unterschenkeln reichte. Er saß jetzt auf einem Hocker, der einzigen Sitzgelegenheit in dem kleinen Intensivzimmer, den er nah an das Krankenhausbett herangeschoben hatte, und betrachtete das knapp zwei Jahre alte Kind. Das Krankenzimmer war erfüllt von dem sonoren Brummen der Beatmungsmaschine, die dem Kind kontinuierlich Sauerstoff über einen Beatmungstubus zuführte. Die schwarzen Haare des kleinen Mädchens, die an Ebenholz erinnerten, lugten hier und da unter dem Kopfverband hervor. Das Kabel einer Hirndrucksonde ragte ebenfalls heraus. Die blasse Haut war weiß wie Schnee und ließ Abel unwillkürlich an Schneewittchen denken.
Wie Schneewittchen, zwischen Leben und Tod.
Allerdings lag die Kleine nicht in einem Glassarg, sondern in einem
Klinikbett, umgeben von Gerätetürmen modernster Medizintechnik. Geräte mit daran angeschlossenen Infusionsschläuchen und elektronischen Kabeln, die den Kreislauf stabilisierten und die Vitalfunktionen überwachten.
Es war nicht klar, ob das Mädchen überhaupt jemals wieder aufwachen, jemals wieder zu sich kommen würde.
Abel beugte sich nach vorn, stützte die Ellbogen auf seine Oberschenkel und faltete die Hände.
Das EKG piepste ruhig und gleichmäßig. Die Herzkurve auf dem Monitor zeigte stabile Wellen, die sich vor- und zurückzogen, wie die Brandung im Meer. Die Geräusche der medizinischen Geräte waren das einzige Lebenszeichen des Kindes. Surren. Piepsen. Und das bedrohliche Brummen der Beatmungsmaschine.
Abel beugte sich noch etwas weiter vor, bis er jedes Detail auf den dünnen Unterärmchen erkennen konnte: Unter der papierdünnen Haut zeichneten sich ihre zarten, venösen Blutgefäße ab.
Abels Augen scannten jeden Millimeter der blassen, fahlen Haut des Kindes ab. Frische Abschürfungen oder Blutergüsse? Verschorfungen oder Narben als Zeichen länger zurückliegender äußerer Gewalteinwirkung?
Er konnte nichts dergleichen entdecken.
Besonders an der Innenseite der zarten Oberarme oder an den schmalen Handgelenken von Kindern fanden sich oftmals Griffspuren – Abdrücke der Fingerkuppen, die sich durch festes Zupacken tief in Haut und Unterhautgewebe eingegraben hatten und entsprechende Hämatome zurückließen. Von erwachsenen, starken Händen, die ihre Spuren als stumme Zeugen hinterließen. Wenn sich der Zorn, die Überforderung und die Hilflosigkeit der Großen mit brachialer Gewalt an den Körpern der Kleinsten entluden.
Abels Blick wanderte gerade höher, über das kurzärmelige Nachthemd aus steifer Baumwolle zum Hals des Mädchens, als er jäh
aus seinen Überlegungen gerissen wurde.
»Noch mal danke, Herr Dr. Abel, dass Sie gekommen sind und wir auf Ihre Expertise zurückgreifen können. Ich habe die Krankenunterlagen jetzt hier«, sagte der junge Mann leise, der sich geräuschlos hinter dem Rechtsmediziner postiert und dort still verharrt hatte, um den Experten nicht zu stören.
Er hatte sich Abel bei dessen Ankunft als Assistenzarzt Dr. Marco Weise, einer der Stationsärzte der Kinderintensivstation, vorgestellt. Schmales Gesicht. Blonder Seitenscheitel. Anfang bis Mitte dreißig. Hände, die permanent aneinanderrieben.
Ein nervöser Tic, wahrscheinlich ein kleiner Waschzwang inklusive,
hatte Abel gedacht, als er vorhin einen kurzen Blick auf die geröteten und schuppenden Hände des Mannes geworfen hatte. Oft war es aber auch das ständige Desinfizieren von Händen und Unterarmen, das Ärzten, die in operativen Fächern oder auf Intensivstationen arbeiteten, diese juckenden, zum Teil allergischen Hautirritationen verschaffte.
Weise war dann, nachdem er Abel das Intensivzimmer mit dem Mädchen gezeigt hatte, im Stationszimmer verschwunden, um die Krankenunterlagen des Kindes zu holen.
»Kein Problem. So funktioniert ein gemeinsamer rechtsmedizinischer Bereitschaftsdienst in der Hauptstadt. Mal sind die Kollegen von der Charité dran, mal die Damen und Herren vom Landesinstitut, und ab und zu sind wir vom BKA an der Reihe«, erwiderte Abel etwas schroffer als beabsichtigt.
Der junge Arzt schien verunsichert.
Abel wusste durchaus um das Spannungsfeld, in dem sich Klinikärzte bei Verdachtsfällen von Kindesmisshandlung befanden. Einerseits unterlagen die behandelnden Ärzte ihrer Schweigepflicht und waren an einem vertrauensvollen Arzt-Patient-Verhältnis interessiert, was eine enge Zusammenarbeit und offene
Kommunikation mit den Eltern der betroffenen Kinder erforderte. Andererseits waren sie ihrem hippokratischen Eid, alles zum Wohle ihrer Patienten zu tun und weiteren Schaden von ihnen abzuwenden, verpflichtet – was wiederum eine Einbeziehung der Rechtsmedizin bei solchen Verdachtsfällen unerlässlich machte. Aus alldem resultierte nicht selten eine spürbare Zurückhaltung, manchmal sogar Aversion der Ärzte gegen die hinzugerufenen Rechtsmediziner.
Abel kratzte sich an seinem stoppeligen Kinn und wartete, was Weise zu diesem Fall zu berichten hatte.
»Ich weiß, dass Sie sonst andere Fälle bearbeiten. Größere Sachen. Brutaler. Komplexer. Und komplizierter. Wir wissen, wofür Ihre Abteilung ›Extremdelikte‹ beim BKA sonst zuständig ist«, sagte Weise in entschuldigendem Ton.
Abel blickte flüchtig über die Schulter zu dem Assistenzarzt und erwiderte leise: »Jedes Opfer, egal wie alt oder was ihm zugestoßen ist, hat eine Untersuchung und objektive Einschätzung seiner Verletzungen verdient. Aber Sie ahnen nicht, wie schnell die Dinge kompliziert werden können.« Er sprach mehr zu sich selbst, in der Hoffnung, der Mediziner würde verstehen, dass er nicht hierhergekommen war, um sich zu unterhalten, sondern um Fakten zu erfahren, die er dann in ein Gesamtbild einordnen konnte. Als Weise daraufhin schwieg und keinerlei Anstalten machte, Abel irgendetwas über seine kleine Patientin zu berichten, erhob sich der Rechtsmediziner und beugte sich über das Mädchen. Behutsam schob er das Nachthemd des Kindes über Beine, Bauch und Brust und inspizierte die Körperoberfläche. Doch auch hier: Nichts. Keinerlei Auffälligkeiten.
Abel betrachtete den Hals und das Gesicht der Kleinen und registrierte erst da, dass sie augenscheinlich asiatischer Herkunft war. Für einen kurzen Moment flatterten ihre geschlossenen Lider, und Abel meinte ein leises Stöhnen zu vernehmen. Aber dann lag sie
wieder still da.
Wie Schneewittchen in ihrem Glassarg,
ging es Abel erneut durch den Kopf.
Der Blick des Rechtsmediziners blieb an der rechten Ohrmuschel hängen. Reste von getrocknetem Blut waren dort noch zu erkennen. Die kleine dunkelbraune, fast schwarze Kruste lag wie eine dünne, fossile Steinschicht auf dem Ohrläppchen des Mädchens. Schädelbasisbruch,
ging es Abel durch den Kopf, während er sich zu dem Stationsarzt umdrehte. »Also gut, warum bin ich hier? Warum benötigen Sie in diesem Fall meine rechtsmedizinische Einschätzung?«
Weise begann in der Krankenakte zu blättern, ehe er in monotonem Tonfall daraus referierte: »Siara Zhou, zweiundzwanzig Monate alt. Vor zwei Tagen hier bei uns stationär aufgenommen. Die von der Mutter informierten Rettungskräfte haben sie bewusstlos im Wohnzimmer der elterlichen Wohnung vorgefunden. Sie konnte reanimiert und stabilisiert werden und ist wegen ihres Zustandes gar nicht erst in die Rettungsstelle, sondern direkt mit dem Notarztwagen in die Neurochirurgie hier im Hause gebracht worden. Gestern Verlegung des Kindes aus der Neurochirurgie zu uns auf Intensiv.«
»Was genau ist passiert? Ich meine, was wissen Sie zum jetzigen Zeitpunkt?«, wollte Abel wissen.
»Die Mutter hat der Notärztin gegenüber erklärt, Siara sei ein sehr lebhaftes Kind und sie, also die Mutter, sei zum Zeitpunkt des Vorfalls der Verletzungen nicht im Zimmer gewesen. Sie wurde am nächsten Tag von der Polizei vernommen und hat dort ausgesagt, dass sie für etwa zwanzig, höchstens dreißig Minuten in der Küche war und die Tür zum Wohnzimmer, in dem sich Siara und ihre Zwillingsschwester aufhielten, geschlossen hatte. Die beiden Mädchen toben manchmal wild, ziehen sich überall hoch und klettern auf dem Mobiliar herum, wenn sie allein sind, meinte sie. Als sie aus der Küche zurück ins
Wohnzimmer kam, lag Siara vor der Couch, eine Blutlache unter ihrem Kopf. Die Mutter vermutet, sie könnte auf die Couch geklettert und dann heruntergefallen sein. Das Mädchen muss wohl ungebremst auf den Fliesenboden im Wohnzimmer aufgeschlagen sein. Wie gesagt, ein offensichtlich sehr lebhaftes Kind …«
»Fliesenboden im Wohnzimmer?«, unterbrach Abel ihn irritiert.
»Ja. Es fand sich vor der Couch, wo sie lag, eine größere Blutlache, das hat jedenfalls die Notärztin bei der Aufnahme der Kleinen den Kollegen berichtet. Wenn das Verletzungsmuster mit den Angaben der Mutter übereinstimmen würde, dann wäre es ein Unfall im häuslichen Milieu. Aber …«
»Zu dem Aber kommen wir gleich«, unterbrach Abel den Assistenzarzt erneut. »Immer der Reihe nach. Zunächst sind folgende Punkte zu klären: Erstens, war das Blut, in dem Siara lag, bereits geronnen, als die Notärztin eintraf? Zweitens, was ist mit der Zwillingsschwester, hat sie auch Verletzungen? Wie steht es um die Sprachentwicklung der Kinder, konnte die Schwester irgendetwas dazu sagen, was Siara passiert ist? Und was für ein Verletzungsmuster, von dem Sie sprachen, haben Sie genau festgestellt?«
»Ob das Blut geronnen oder noch flüssig war, weiß ich nicht, das müssen Sie die Notärztin fragen. Die Zwillingsschwester wurde noch am selben Tag einem Kinderarzt vorgestellt, sie ist unverletzt. Allerdings ist ihre Sprachentwicklung noch nicht sehr weit. Insofern – nein, sie konnte nichts dazu sagen, was passiert ist. Das Jugendamt hat sie noch am selben Tag vorübergehend, bis zur Klärung des Vorfalls, in Obhut genommen. Sie ist zurzeit in einer Kriseneinrichtung untergebracht. Unser Sozialdienst steht mit denen in Kontakt. Was das Verletzungsmuster anbelangt: Im Computertomogramm zeigte sich bei Siara eine Kalottenfraktur rechts parietal und eine Fraktur der Schädelbasis. Sie ist dann sofort in den OP gekommen. Dort wurden knapp dreißig Milliliter Epiduralhämatom entfernt. Es zeigten sich im
CT auch massive Rindenprellungsherde am Gehirn im Bereich der Konvexität der rechten Großhirnhemisphäre.«
Ein Bruch des Schädeldaches in der Scheitelregion, einhergehend mit schweren Verletzungen des Hirngewebes
. Bruchausläufer vom knöchernen Schädeldach bis in die Schädelbasis. Die Schädelbasis ist ein potenzieller Schwachpunkt bei schweren Schädel-Hirn-Traumata. Wer weiß das besser als ich,
dachte Abel. Einerseits können Frakturen bei einer massiven Gewalteinwirkung gegen das Schädeldach auch weiter entfernt von der eigentlichen Aufschlagstelle entstehen – durch die massiven Kräfte, die dabei auf den Schädel einwirken. Andererseits … Vielleicht sind es auch zwei getrennte Bruchsysteme, die gar nicht miteinander in Zusammenhang stehen. Was bedeuten würde, dass sie zwei massive Schädel-Hirn-Traumata hintereinander erlitten haben muss. Damit würde die Schilderung der Mutter, dass ein einfaches Sturzgeschehen dafür verantwortlich ist, definitiv ausscheiden. Ich muss nachher unbedingt einen Blick auf die CT-Bilder werfen.
»Was wissen wir über die Familien- und Wohnverhältnisse?«
»Die Familie scheint in relativ geordneten Verhältnissen in Marzahn zu leben«, antwortete Weise. »Wer außer der Mutter und den knapp zweijährigen Zwillingen noch in der Wohnung wohnt – keine Ahnung. Aber das sind sowieso nur Infos aus zweiter Hand, von der Notärztin. Mehr weiß ich leider nicht.«
»Welchen kulturellen Hintergrund hat die Familie, beziehungsweise welcher Ethnie entstammen sie? Das Mädchen hat auf den ersten Blick asiatische Züge«, wollte Abel wissen.
»Die Mutter ist Halbchinesin, soweit ich weiß. Über den Vater ist mir nichts bekannt.«
»War die Mutter hier? Oder andere Verwandte?«
»Ja, gestern Nachmittag ist die Mutter gekommen, in Begleitung ihrer Schwester. Das weiß ich aber nur von meiner Kollegin, die
gestern Dienst hatte, ich selbst habe bisher noch nicht mit ihr gesprochen. Übrigens sagte die Schwester der Mutter, Siaras Tante, zu meiner Kollegin, sie sei Ärztin. Sie hat uns ihre Telefonnummer gegeben, für alle Fälle«, erwiderte Weise.
»Ärztin hin oder her, sie wird uns auch nicht mehr dazu sagen können, was genau passiert ist. Schließlich war sie nicht dabei. Aber jetzt mal Klartext, Herr Weise. Ihre Klinik hat nicht die Rechtsmedizin informiert, weil ein Kind von der Couch gefallen ist. Was glauben Sie, was passiert ist?«, fragte Abel.
Der Assistenzarzt wischte sich, als ihn der Blick des Rechtsmediziners traf, nervös eine blonde Strähne aus der Stirn, trat einen halben Schritt näher an das Bett des Mädchens heran und senkte bedeutungsschwanger die Stimme. »Herr Abel, wir haben Sie hinzugezogen, weil es aus unserer Sicht äußerst unwahrscheinlich ist, dass diese Kopfverletzung von einem Sturz von einer Couch herrührt.«
»Da gebe ich Ihnen recht. Wenn solch ein Sturz zu so gravierenden Verletzungen führen würde, wären unsere Kliniken mit schwer verletzten Kindern überfüllt. Auch bei heftigem Toben – und dabei ist es völlig egal, ob das Kind auf Parkett, Teppich oder Fliesenboden stürzt – sind Kopfverletzungen nie so gravierend. Andernfalls wären die entsprechenden Pflegeeinrichtungen in Deutschland voll mit schwerstbehinderten Kindern, denn …« – Abel deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung des Krankenbettes – »… so ein Schädel-Hirn-Trauma geht mit schwersten Spätfolgen einher. Siara wird niemals wieder richtig laufen können, wenn eine Halbseitenlähmung zurückbleibt. Sehr wahrscheinlich wird sie ihr weiteres Leben lang unter epileptischen Anfällen leiden. Von Sprachstörungen und kognitiven Defiziten ganz zu schweigen, die verhindern werden, dass sie jemals eine normale Schule besuchen wird. Sie wird immer auf fremde Hilfe angewiesen sein.«
Weise bedachte Abel, der anscheinend das ausgesprochen hatte, was dem jungen Assistenzarzt ebenfalls schon durch den Kopf gegangen war, mit einem langsamen Nicken und beugte sich dann ebenfalls über das im künstlichen Koma liegende Mädchen. Vorsichtig drehte er ihren Kopf auf die linke Seite und schob dann den Kopfverband im rechtsseitigen Nackenbereich behutsam wenige Zentimeter hoch, sodass die Region hinter Siaras rechtem Ohr sichtbar wurde. Dort zeichnete sich ein dunkelvioletter Bluterguss ab. In der Mitte des Hämatoms war die dünne Haut auf einer Länge von etwa einem Zentimeter leicht eingerissen und im Randbereich geschürft. Die Schürfungszone war nur etwa drei Millimeter breit und oberflächlich mit Schorf belegt.
Abel pfiff hörbar durch die Zähne. Ich hatte ja gesagt, es wird schnell kompliziert in unserem Beruf,
dachte er.
»Nicht eben eine sturztypische Verletzung …«, begann Weise.
»Und fernab der primären Aufschlagstelle am Scheitelknochen. Sehr gut, Herr Kollege«, fuhr Abel fort, griff unter dem Kittel in die rechte Gesäßtasche seiner Jeans, zog sein Blackberry heraus und machte mehrere Fotos von der Verletzung. Während er das Blackberry wieder in seiner Hosentasche verschwinden ließ, wandte er sich an Weise: »Diese Verletzung könnte von einem Schlag mit einem Gegenstand herrühren. Möglicherweise von einer Hand, oder vielmehr einer Faust, die einen Ring trug. Schlagrichtung von seitlich oben nach schräg unten. Das zeigen mir die Epithelmoränen, die Richtung der feinen Oberhautabschürfungen. Dieser feine Riss in der Haut könnte sehr gut von der erhabenen Verzierung eines Ringes herrühren.«
Weise bettete den Kopf der kleinen Siara behutsam zurück in seine ursprüngliche Position und zog das Nachthemd wieder herunter. Das Mädchen schluckte und bewegte dabei fast unmerklich die feinen blassen Lippen.
Fast, als würde sie uns etwas sagen wollen,
ging es Abel durch den Kopf. »Ich würde jetzt gern noch einen Blick auf die CT-Bilder werfen, ist das möglich?«, fragte er.
»Ja, kommen Sie, wir gehen ins Stationszimmer«, antwortete der Stationsarzt.
Abel warf, während sie das Intensivzimmer verließen, einen letzten Blick auf das von piepsenden und surrenden Gerätetürmen modernster Medizintechnik umgebene Mädchen und merkte, dass in ihm eine Wut aufstieg, die er nur schwer herunterschlucken konnte. Wut, die immer dann lavaähnlich emporschoss, wenn er lebensgefährlich misshandelte oder getötete Kinder untersuchte. Er war sich bewusst, dass seine Professionalität und Objektivität – unverzichtbare Voraussetzungen für seine Arbeit als rechtsmedizinischer Sachverständiger – nicht von dieser Wut weggewischt werden durften, wie ein Tafelbild, das von einem nassen Schwamm einfach ausgelöscht wurde. Aber er wusste auch, wie kostbar jedes gesunde Kind war. Diese jungen und unbeschwerten Kinder, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatten. Das wurde ihm in solchen Momenten immer wieder klar. Aber klar war nun mal auch, dass in jeder Woche in Deutschland drei Kinder an den Folgen tödlicher Misshandlungen starben. Das waren nicht die Kinder, die bei Verkehrsunfällen getötet wurden oder ertranken, weil sie nicht schwimmen konnten und niemand auf sie aufgepasst hatte, oder Kinder, die an Leukämie oder einer sonstigen schweren Erkrankung starben. Nein, es ging um drei Kinder pro Woche, die durch rohe Gewalt von Erwachsenen getötet wurden. Das war die genauso nüchterne wie traurige polizeiliche Kriminalstatistik des BKA.
Abel hatte selbst Kinder, aber nie erlebt, was es im täglichen Leben bedeutete, Vaterpflichten zu haben, oder wie es sich überhaupt anfühlte, Vater zu sein. Seine beiden Kinder waren mittlerweile junge Erwachsene, von deren Existenz er allerdings erst vor vier Jahren
erfahren und die er vor zwei Jahren erst kennengelernt hatte. Und in deren Leben er nach wie vor nur eine kleine Rolle spielte. Mit Lisa, seiner Lebensgefährtin, mit der er bereits seit mehr als zehn Jahren zusammen war und mit der er gemeinsam alt werden wollte, hatte er bisher vergeblich auf Nachwuchs gewartet. Inzwischen war Lisa über vierzig und er fast fünfzig. Der Traum von gemeinsamen Kindern würde für sie wohl ein Traum bleiben. Damit hatte er sich mittlerweile arrangiert. Was ihm aber blieb, war, den Kindern, denen Gewalt angetan worden war, eine Stimme zu geben.
Wenn er sie denn schon nicht beschützen konnte.
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Zehn Minuten später, nachdem Abel die CT-Bilder der kleinen Siara, die Weise an einem der PC-Arbeitsplätze im Stationszimmer aufgerufen hatte, sorgfältig studiert hatte, sagte er zu dem Assistenzarzt: »Es war richtig, dass Sie die Rechtsmedizin eingeschaltet haben. Wir haben es hier mit mindestens zwei schweren Gewalteinwirkungen gegen Siaras Schädel zu tun. Ein Epizentrum der Gewalteinwirkung findet sich, wie Sie vorhin schon sagten, am knöchernen Schädeldach im Bereich des rechten Scheitelbeins. Wenn ich mir diese Fraktur auf den CT-Bildern ansehe, kann ich sicher ausschließen, dass sie durch einen Sturz von einer Couch oder durch irgendein anderes Sturzgeschehen im häuslichen Umfeld entstanden ist. Dazu ist die Energie, die auf Siaras Schädel eingewirkt haben muss, viel zu massiv gewesen. Bei Kindern besteht, im Gegensatz zu Erwachsenen, noch eine hohe Verformbarkeit des Schädels durch die geringe Schichtdicke des Schädelknochens, die offenen Fontanellen und die damit gegebene hohe Elastizität des knöchernen Schädeldaches. Hinzu kommt, dass wir es mit zwei Fraktursystemen zu tun haben, die wir getrennt betrachten müssen, da sie nicht durch eine einmalige Gewalteinwirkung erklärt werden können. Zum einen
der Bruch des Schädeldaches und zum anderen die Schädelbasisfraktur, genau genommen ein Trümmerbruch der mittleren Schädelgrube rechts. Ich weiß nicht, ob Sie sich aus dem Studium noch an die Frakturlehre in der Rechtsmedizin erinnern. Stichwort: Puppe’sche Regel.«
Weise nickte zwar stumm, aber er schien nicht wirklich zu wissen, worauf der Rechtsmediziner hinauswollte.
»Diese Regel besagt, dass bei zeitlich nacheinander entstandenen Schädelbrüchen die Bruchlinien der zuerst entstandenen Fraktur nie von neuen Bruchlinien, die aus danach entstandenen Frakturen resultieren, überkreuzt werden. Oder andersherum: Neuere Frakturlinien enden immer an bereits bestehenden Frakturlinien.
Deshalb handelt es sich in Siaras Fall bei der Schädeldachfraktur und der Fraktur der Schädelbasis um zwei getrennte Bruchsysteme, die zeitlich hintereinander entstanden sind. Zuerst der Bruch des Schädeldaches und dann der Schädelbasisbruch. Das kann ich aus dem Verlauf und der Beziehung der Fraktursysteme und Frakturlinien zueinander ableiten. Und das wiederum sagt mir, die Kleine hat zwei massive Schädel-Hirn-Traumata hintereinander erlitten. Ein einfaches Sturzgeschehen scheidet definitiv aus.«
»Sie meinen, die Mutter lügt?«, fragte Weise.
»Nein. So einfach ist es leider nicht. Aber das von der Mutter geschilderte Geschehen, das sie als Unfall darstellt, kann sich unmöglich so zugetragen haben.«
»Was ist Ihrer Meinung nach passiert?«
»Möglich wäre, dass Siara heftig geschubst wurde, sie stürzte dann vielleicht von der Couch, aber vielleicht knallte sie auch aus dem Stand, nachdem ihr Körper durch einen heftigen Stoß beschleunigt wurde, auf den Kopf und zog sich die erste Fraktur am Schädeldach rechts zu. Dann, als sie auf dem Boden lag und ihr Köpfchen auf dem Fliesenboden quasi fixiert war, erlitt sie einen heftigen Schlag,
vielleicht mit der Faust, oder einen Tritt. Gegen ihre rechte Nackenregion, in dem Bereich, wo Sie das Hämatom festgestellt haben. Die im Hämatom gelegene schmale Schürfungszone könnte von einem Ring oder der Kante einer Schuhsohle herrühren. Das ist meine derzeitige Arbeitshypothese.«
Einen Moment lang schien Weise das Gehörte erst einmal sacken zu lassen, dann sagte er: »Danke für Ihre Einschätzung, Herr Abel. Dann war es richtig, dass wir Sie …«
»Ich weiß«, fiel Abel ihm ins Wort, »dass es Ihnen als behandelnde Ärzte schwerfällt, Angehörige beziehungsweise Eltern mit solchen Vorwürfen zu konfrontieren. Aber dafür sind wir Rechtsmediziner ja da, wir fungieren als so etwas wie ein Rammbock. Wir sind diejenigen, denen bei den Kindesmisshandlungsfällen die Rolle des Buhmannes zukommt. Aber das ist in Ordnung. Sie behandeln Ihre kleine Patientin weiter, und den unangenehmen Part übernehme ich. Ich werde das Ganze in einem Gutachten zusammenfassen und mit dem zuständigen Mitarbeiter des Jugendamts telefonieren. Sehr wahrscheinlich wird sich dann in den nächsten Tagen ein Kinderschutzteam auch noch hier vor Ort bei Ihnen über die Schwere der Verletzungen informieren. Und so nimmt alles seinen Gang. Basierend auf meiner Rekonstruktion der möglichen Entstehung der Verletzungen, werden sich Polizei und Staatsanwaltschaft ein eigenes Bild machen und dann sicherlich die Mutter vorladen und erneut vernehmen. Und dann sehen wir mal, ob ihr nicht doch noch einfällt, was genau passiert ist. Und das Familiengericht wird ebenfalls ein Wörtchen mitreden, wenn es um das weitere Sorgerecht für Siara und ihre Zwillingsschwester geht. Aber jetzt …« – Abel sah auf seine Armbanduhr – »… lassen Sie mich noch schnell selbst einen Blick in die Krankenakte werfen. Ich werde ein paar Dokumente, wie das Notarzteinsatzprotokoll, die Laborwerte und den CT-Befund Ihrer Radiologen, für meine Unterlagen abfotografieren, wenn Sie einverstanden sind.«
»Nur zu, bedienen Sie sich«, sagte Weise, spürbar erleichtert, dass Abel ihm und seinen Kollegen das unangenehme Prozedere abnahm, das nun mit den verschiedenen Institutionen wie Jugendamt, Familiengericht und Ermittlungsbehörden anstand.
Abel blätterte in der dünnen Krankenakte und fotografierte einige Seiten, aber dann blieb sein Blick an einem kleinen gelben Post-it-Zettel ganz hinten hängen, auf einer der letzten Seiten der Akte. Dort stand ein Name mit einer Handynummer und der Hinweis, dass die betreffende Person nicht nur Siaras Tante, sondern auch Ärztin sei. Es war der Name der Frau, die mit Siaras Mutter am Vortag die Intensivstation besucht hatte.
Sie
ist Siaras Tante!
Abels Mund wurde trocken, und sein Puls schien Hammerschläge in seinem Hals zu vollführen, als er sich wie in Trance von dem Stationsarzt verabschiedete.
Dann ging er, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, in die Umkleide der Intensivstation.
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