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Berlin,
Treptowers, BKA-Einheit »Extremdelikte«, Besprechungsraum,
Montag, 28. Juli, 7:45 Uhr
A
lso, Herrschaften«, setzte Herzfeld an. »Der erste Fall des Tages. Oder eher – zwei Fälle in einem. Die beiden mumifizierten Leichen aus dem alten Hindutempel in Kreuzberg. Laut erster Einschätzung der zuständigen Ermittler der Mordkommission beim LKA liegen die beiden dort schon länger unter dem Dielenboden versteckt und stammen wohl aus der Zeit, als der Tempel noch in Betrieb war. Die Tempelanlage wurde vor gut zwei Jahren geschlossen.« Herzfeld ließ den kleinen roten Punkt des Laserpointers einem Glühwürmchen gleich über ein weiteres Foto der beiden Tempel-Toten huschen.
Scherz räusperte sich. »Es war ja schon auf den ersten Blick zu sehen, dass die nicht erst seit gestern dort liegen. Aber vor der Mumifizierung kommt nun mal die Fäulnis. Hat denn niemand in der Gemeinde Verwesungsgerüche wahrgenommen, als der Tempel noch von Gläubigen frequentiert wurde? Wissen wir irgendetwas dazu?«, fragte der Oberarzt brummend in die Runde.
Aber noch bevor Herzfeld etwas antworten konnte, schaltete sich Murau ein.
»Kollege Scherz, da sieht man mal wieder, dass Ihre Reisen Sie höchstens bis in die Mark Brandenburg oder allenfalls bis zu den Fischköpfen an die heimische deutsche Küste führen. Schauen S’, in einem Hindutempel riecht es nach allem Möglichen:
Räucherstäbchen, Früchte, andere Dinge, die als Opfergaben dargebracht werden. Ich habe mal einen Tempel in Mumbai besucht, in dem …«
»Ausgezeichnet, Murau, dann sind Sie ja genau der richtige Mann«, unterbrach Herzfeld ihn. »Sie und Frau Dr. Roth übernehmen das. Dr. Fuchs und sein Laborteam sind auf Stand-by, die wissen Bescheid, dass nachher Untersuchungsmaterial aus dem Sektionssaal kommt. Die Identifizierung der beiden Toten hat oberste Priorität. Die Kollegen von der Mordkommission machen sich nämlich keine Hoffnungen auf irgendwelche Zeugenaussagen, die uns weiterhelfen könnten. Die Gemeinde des Tempels ist ohnehin nicht sehr zugänglich, die Leute fürchten wohl, dass der Vorfall den Neubau der Tempelanlage verhindern könnte.«
Herzfeld schob jeweils einen hellroten DIN-A4-Schnellhefter zu Murau und Roth über die Tischplatte des Konferenztisches, was beide mit einem stummen Nicken quittierten.
»Gut. Machen wir weiter. Der nächste Fall«, sagte Herzfeld, der nach seinem Urlaub wieder vollkommen in seinem Element zu sein schien. Er klickte kurz mit der Fernbedienung, und die Mumien wichen der Nahaufnahme eines menschlichen Körpers. Oder vielmehr dem, was die Flammen von ihm übrig gelassen hatten. Der schwarz verkohlte Tote lag in der sogenannten Fechterstellung – mit in den Ellbogen angewinkelten Armen, die Beine in den Kniegelenken gebeugt – neben einer Parkbank, von der große Teile ebenfalls verbrannt waren. Aus der verkohlten Bauchwand des Toten wanden sich seine Darmschlingen hervor, der Anblick erinnerte an Rubens’ Gemälde vom Haupt der Medusa.
»Noch nicht identifizierte Person, auch das Geschlecht konnte noch nicht bestimmt werden. Warum, erübrigt sich zu sagen, wenn Sie die massiven Folgen der Brandzehrung betrachten«, führte Herzfeld aus. »Vielleicht ein Obdachloser. Fakt ist, die Person, die wir hier sehen,
wurde nach ersten Untersuchungsergebnissen von der KT mit Benzin oder einer anderen leicht entflammbaren Flüssigkeit übergossen und angezündet. Möglich, dass diese Tat in Zusammenhang steht mit den beiden Obdachlosenverbrennungen im Mai und Juni.« Damit spielte Herzfeld auf die feigen Attacken auf zwei Obdachlose an, die wenige Wochen zuvor in kurzen Abständen in Berlin-Reinickendorf und Berlin-Niederschönhausen von einem oder mehreren unbekannten Tätern mit Benzin übergossen und angezündet worden waren. Eines der beiden Opfer hatte noch wenige Tage auf einer Intensivstation für Brandverletzte im Berliner Unfallkrankenhaus überlebt, war dann aber auch seinen schweren Verletzungen erlegen.
Das nächste Foto erschien auf der Leinwand. Diesmal war es der Kopf der Brandleiche in Nahaufnahme. Der rote Punkt des Laserpointers hüpfte über das schwarz verkohlte Gesicht mit den aufgequollenen Lippen und der zwischen den Zahnreihen hervorquellenden Zunge – was der bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Person fast grimassenhafte Züge gab – und kam dann schließlich auf dem Hals zum Stillstand.
»Unschwer zu erkennen ist hier die Strangulationsfurche, die aufgrund des eng anliegenden Drosselwerkzeugs noch gut zu sehen ist«, fuhr Herzfeld fort und ließ den roten Punkt des Laserpointers über einen schmalen, gelblich-rötlichen Streifen wandern, der horizontal über die Halsvorderseite des Toten verlief und sich gut von dem umgebenden, verkohlten Gewebe abhob. »Was uns zu der Frage bringt, ob diese Person nicht anders getötet wurde als die beiden Obdachlosen in Reinickendorf respektive Niederschönhausen. Wenn es so ist, wie es hier prima vista scheint, dann wurde sie oder er hier zunächst stranguliert und dann erst angezündet, vielleicht sogar postmortal. Das wäre ein anderer Modus Operandi, was bedeuten würde, dass der Täter, falls es derselbe ist, eine Entwicklung durchläuft.« Herzfeld machte eine kurze Pause und sah in die Runde
seiner Mitarbeiter, ehe er weitersprach. »Oder es ist gar nicht derselbe Täter. Vielleicht ein Nachahmer, oder wir haben es in diesem Fall mit einem persönlichen Motiv zu tun, und der Täter will die Kollegen von den ›Delikten am Menschen‹ von seiner eigenen Fährte abbringen und eine falsche Spur zum ›Berber-Zündler‹ legen.« So war der noch unbekannte Mörder der beiden bei lebendigem Leibe verbrannten Obdachlosen von der Berliner Boulevardpresse getauft worden.
»Wie dem auch sei, Sie, Herr Dr. Scherz, und Sie, Frau Dr. Rath, werden mir heute Nachmittag sicherlich mehr dazu sagen können.« Mit diesen Worten schob der Chef der Abteilung »Extremdelikte« einen weiteren hellroten Schnellhefter über die Tischplatte des Konferenztisches zu den beiden Angesprochenen hinüber.
»Ein echtes Schmankerl«, kommentierte Murau das eben Gehörte und zwinkerte Scherz und Rath zu.
»Warten Sie es ab, Murau. Es wird noch besser. Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss. Aber beim letzten Fall des Tages wird es kompliziert«, sagte Herzfeld und drückte erneut auf der Fernbedienung herum.
Der Kopf der Brandleiche verschwand, und es erschien ein weiteres Foto auf der Leinwand. Aufgenommen im Zimmer eines Krankenhauses, offensichtlich auf einer Intensivstation. Das Foto war vom Fußende des Krankenbettes gemacht worden und zeigte eine betagte Dame, die über zahlreiche Kabel und Infusionsschläuche an diverse lebenserhaltende Geräte angeschlossen war. Allerdings waren alle Monitore dunkel, was nur einen Rückschluss zuließ: Die Frau war tot.
Herzfeld wandte sich an Abel. »Das hier, Fred, ist dein heutiger Fall, zusammen mit Kollegin Yao. Du solltest …«
»Seit wann obduzieren wir Krankenhaustodesfälle?«, unterbrach Abel seinen Chef.
»Seitdem die Kollegen von der Charité befangen sind«, erwiderte Herzfeld.
Abel hob fragend die Augenbrauen.
»Der Notarzt, der den Tod von Frau …« – Herzfeld blätterte kurz in der Akte – »… von Frau Maschewski am 23. Juli feststellte, ist Chirurg in der Charité. Ein Kollege namens Dr. Michael Heumann. Er veranlasste auch den Abtransport der Toten ins Leichenschauhaus. Dort hatte dann ein Student …« – Herzfeld schlug die Seite der Akte um – »… ein Julius Blohm, die zweifelhafte Ehre, bei Frau Maschewskis Wiederauferstehung anwesend zu sein, als er sie gerade in die Kühlung bringen wollte. Da kam es wohl zu lebhaften Bewegungen im Leichensack.«
Im Besprechungsraum war es schlagartig still. Die Anwesenden hörten gebannt Herzfelds Ausführungen zu. Und Herzfeld schien die Situation zu genießen, denn er machte eine längere Pause, ehe er weitersprach.
Lazarus-Phänomen,
dachte Abel. Bisher sind in der medizinischen Literatur lediglich knapp dreißig solcher Fälle beschrieben worden, bei denen Menschen nach erfolglosen Reanimationsmaßnahmen für tot erklärt wurden, und einige Zeit später, ohne dass es dafür irgendeine medizinische Erklärung gibt, lebten sie plötzlich wieder. Ihr Herz fing einfach wieder an zu schlagen.
»Blohm betätigte sofort den Notruf. Wenige Minuten später hatte man in der Rechtsmedizin der Charité die einmalige Situation, dass zwei Notarztwagen mit eingeschaltetem Blaulicht vor der Leichenhalle standen. Eine echte Welturaufführung ist das, wenn Sie mich fragen – dass jemand, der für tot erklärt und ins Leichenschauhaus eingeliefert wurde, dasselbe lebend wieder verlässt. Frau Maschewski zeigte dann tatsächlich für einige Stunden auf der Intensiv-station noch recht passable Vitalfunktionen. Wo sie allerdings achtzehn Stunden später verstarb. Der Sohn erhebt nun Vorwürfe gegen den Notarzt Dr.
Heumann wegen unterlassener Hilfeleistung. Aber auch gegen die Leichenwagenfahrer, den Nachtdienststudenten und die Ärzte der Intensivstation. Der Sohn hat sich anscheinend eine ziemlich bissige Anwältin geschnappt – ich habe deren Pamphlet, das sie an die Staatsanwaltschaft gefaxt hat, überflogen. Große Kanzlei am Ku’damm. Frau Anwältin wittert offensichtlich ein ordentliches Entschädigungssümmchen für ihren Mandanten. Der Fall muss so weit wie möglich von der Charité, zu der nun auch mal das Institut für Rechtsmedizin gehört, ferngehalten werden. Deshalb sind wir jetzt dafür zuständig, beziehungsweise du, Fred, bist es als erster Obduzent und Sachverständiger.« Mit den letzten Worten seiner Ausführungen reichte Herzfeld die Akte zum Todesfall Maschewski an Abel.
Abel richtete sich in seinem Stuhl auf und nahm die Unterlagen entgegen. Dieser Fall war spannend und dazu noch etwas ganz Besonderes, keine Frage. Aber dass er nun ausgerechnet mit Sabine Yao die Obduktion durchführen sollte, gefiel ihm überhaupt nicht. Abel war bisher einem Gespräch mit ihr über seine rechtsmedizinische Untersuchung ihrer Nichte Siara in der Kinderklinik vor vier Tagen aus dem Weg gegangen. Er hatte zwar am Wochenende mit dem Gedanken gespielt, sie anzurufen und ein Treffen zu vereinbaren, diese Überlegung dann aber wieder verworfen, um in späteren strafrechtlichen Auseinandersetzungen oder familienrechtlichen Verfahren nicht als befangen zu gelten, weil er sich im Vorfeld zum Sachverhalt mit einer so nahen Angehörigen ausgetauscht hatte.
Abel sah auf dem Display seines Blackberrys auf die Uhr. Es ist das erste Mal, dass Sabine an einer Frühbesprechung nicht teilnimmt,
rekapitulierte er für sich. Es muss ein sehr wichtiger privater Termin sein, und ich kann mir auch denken, worum oder vielmehr um wen es geht
.
Er blickte erneut hinüber zu dem leeren Platz von Sabine Yao und
spürte, wie Renate Hübner ihn taxierte. Abel drehte sich zu ihr um, und ihre Augen begegneten sich für einen kurzen Moment. Der Blick der gut sechzig Jahre alten Sekretärin blieb einen Hauch, einen Wimpernschlag zu lange an ihm hängen.
Sie weiß es,
dachte Abel. Natürlich weiß sie es. Aus dem Terminkalender unserer Abteilung weiß die Hübner, dass ich am Freitag auf der Kinderintensivstation der Charité in Mitte war. Und natürlich kennt sie mein rechtsmedizinisches Gutachten über Siara Zhou, denn sie hat es ja an die behandelnden Ärzte, das Jugendamt, ans LKA und die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Und da alle Unterlagen im elektronischen Archiv abgelegt sind, also auch meine Fotos der ärztlichen Befunde von Siara inklusive des Fotos des Post-it-Zettels, weiß sie, dass Sabine Yao die Tante des Mädchens ist, dessen Verletzungen ich auf eine massive äußere Gewalteinwirkung durch fremde Hand zurückgeführt und als Kindesmisshandlung klassifiziert habe.
Er legte sein Blackberry, geräuschvoller, als er es beabsichtigt hatte, auf der Tischplatte ab und wandte seinen Blick wieder dem Foto der toten Frau Maschewski in ihrem Krankenbett zu.
Doch ehe Abel sich in weiteren Gedanken verlieren konnte, beendete Herzfeld die Frühbesprechung mit den Worten: »Fred, ich kann dich beruhigen. Es ist wahrscheinlich für alle hier im Raum, meine Person eingeschlossen, die erste lebende Tote, die uns in dieser Abteilung untergekommen ist.«
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