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Berlin, Marzahn-Hellersdorf,
Wohnung von Mailin Zhou, Wohnzimmer,
Montag, 28. Juli, 7:55 Uhr
M
ailin legte die Hände in den Schoß und verschränkte die Finger ineinander, so als suchte sie Halt bei sich selbst.
»Ich war bei Thanh auf dem Friedhof«, begann sie stockend. »Gestern Abend. Ich habe ihm Spielzeug von den Mädchen gebracht. Die zwei kleinen Plüschponys, die du ihnen geschenkt hast, Bine. Weißt du noch? Letztes Weihnachten … Mit denen haben sie immer so gern gespielt. Ich habe ihm von damals erzählt. Ich hatte das Gefühl, er hört mir zu. Für mich ist er nicht tot, weißt du? Ich habe ihm erzählt, wie du ihnen am Abend des ersten Feiertages eine Stunde lang immer wieder dasselbe Lied vorsingen musstest: Bruder Jakob
. Immer wieder«, sagte Mailin mit belegter, leiser Stimme, die fast nicht kräftig genug war, um die kurze Distanz zwischen den beiden Schwestern zu überwinden.
Sechs Monate lebt Thanh jetzt schon nicht mehr,
dachte Sabine Yao. Aber sie hat sich nie mit dem Gedanken abgefunden. Für sie ist er nicht tot, sondern einfach nicht da. Seit seinem tragischen Tod scheint sich Mailin immer mehr in ihre eigene, realitätsferne Welt zurückgezogen zu haben. Wie konnte ich das nur übersehen?
Mailin und Thanh hatten vor zwei Jahren, kurz vor der Geburt der Zwillinge, geheiratet. Thanhs Vater stammte, ebenso wie der Vater von Sabine und Mailin, aus China und hatte ebenfalls eine Deutsche geheiratet. Darum hatten sich die beiden von Anfang an so gut
verstanden. Eine Liebe zwischen den Kulturen. Zwischen den strengen Großeltern in China und der liberalen deutschen Lebensform ihrer Eltern. Trotz der Tatsache, dass Sabine und ihre Schwester in Deutschland geboren waren, hatte sie ihre chinesischen Wurzeln nie vergessen. Zu Mailins Hochzeit war sogar ihr Großvater väterlicherseits, ein alter Herr von über achtzig Jahren in einem seidenen Anzug, aus Yanchizhen in der Nähe von Peking angereist.
Vor einem halben Jahr, an jenem schicksalhaften Tag der Familie Zhou, der seither von der ganzen Familie nur als das »Unglück« bezeichnet wurde, war der sechsunddreißigjährige Thanh während der Frühschicht am Flughafen Schönefeld bei einem Arbeitsunfall getötet geworden. Im Cargo-Bereich des Hilfsgüterzentrums des Roten Kreuzes wurde er unter einem tonnenschweren Container, der für einen DRK-Flug nach Haiti bestimmt gewesen war, regelrecht zerquetscht. Er musste sofort tot gewesen sein, denn als der Container mit einer Kranvorrichtung von seinem Körper heruntergewuchtet worden war, hatte sich seinen Kollegen und den Rettungskräften ein grauenvolles Bild geboten. Kaum ein Knochen seines schlanken, fast knabenhaften Körpers war nicht gebrochen gewesen. Das hatte die Obduktion der rechtsmedizinischen Kollegen im Landesinstitut ergeben, die für die Untersuchung tödlicher Arbeitsunfälle zuständig waren.
Mit Thanhs Tod hatte Mailin den emotionalen Halt, der sie mit der Welt um sie herum verband, verloren. Sabine Yao überkam das bedrückende Gefühl aus ihrer Jugend, das sich immer dann eingestellt hatte, wenn jemand Mailin fragte: Warum kannst du nicht sein wie deine Schwester? Und jetzt ist es wieder an mir, sie zu retten. Vor dem Leben und sich selbst,
dachte Sabine Yao. Sie hatte das schon mehr als einmal getan, aber diesmal war es vor dem Hintergrund, dass nach einem weiteren unfassbaren Unglück, das Siara fast das Leben gekostet hatte, Mailin vollends in den Abgrund zu stürzen drohte. Die
Rechtsmedizinerin ertappte sich dabei, wie sie erneut auf ihre Uhr blickte. Gleich acht Uhr. Die Frühbesprechung in den Treptowers ist sicherlich schon zu Ende.
Sabine Yao versuchte, ihre Schwester anzulächeln.
»Du musst mir einfach glauben. Das mit Siara …«, begann Mailin und fing an zu schluchzen. »Das war ein Unfall.« Tränen liefen der jungen Frau jetzt unkontrolliert über die Wangen. Sie sank vornüber, legte das tränennasse Gesicht auf ihren Schoß. Auf dem fleckigen, grünen Kapuzenpullover, den sie viel zu oft trug – ein Kleidungsstück ihres Mannes, das ihr nicht nur zu groß, sondern das auch zu warm für die sommerlichen Temperaturen war –, bildeten sich feuchte kleine Flecken.
Sabine Yao erhob sich von der Couch und kniete sich vor Mailin auf den Boden. Sie hob behutsam das Kinn ihrer Schwester an und sah ihr in die verweinten Augen.
Ich möchte dir so gern glauben,
dachte die Rechtsmedizinerin und angelte aus ihrer Handtasche eine Packung Taschentücher, wovon sie eines ihrer Schwester reichte.
Laut Vernehmungsprotokoll der Polizei, das sich Sabine Yao über ihre Kontakte innerhalb der Polizeibehörden am vergangenen Wochenende problemlos besorgt hatte, hatte ihre Schwester ausgesagt, am 22. Juli, dem Tag des Vorfalls, den ganzen Vormittag mit den beiden Zwillingsschwestern zu Hause verbracht zu haben.
Irgendwann zwischen 11:00 Uhr und 11:30 Uhr habe sie den beiden Mädchen im Wohnzimmer den Fernseher angeschaltet. Kinderkanal. Sie habe sich daraufhin in die Küche begeben und begonnen, das Mittagessen zuzubereiten. Im Protokoll wurde Mailin Yao mit den Worten zitiert: Ich habe gekocht, und meine Töchter waren im Wohnzimmer. Der Fernseher lief. Ziemlich laut, damit sie da auch hinschauen und abgelenkt sind und nicht auf dumme Gedanken kommen. Sie sind beide sehr lebhaft, klettern überall rauf und sind
furchtbar neugierig. Die Wohnzimmertür war geschlossen. Beide können zwar laufen, kommen aber noch nicht an die Türklinke und können deshalb das Zimmer auch nicht selbstständig verlassen. Es waren vielleicht zwanzig, höchstens dreißig Minuten, die ich sie im Wohnzimmer allein gelassen habe. Als ich das Essen auf den Küchentisch gestellt hatte, ging ich zurück ins Wohnzimmer, um Siara und Sina zu holen. Da lag sie. Ich hatte sie zunächst gar nicht gesehen, weil sie zwischen Couchtisch und Sofa lag und Sina vor ihr hockte. Sina wimmerte. Und Siara bewegte sich nicht mehr.
Sabine Yao hatte die Aussage ihrer Schwester wieder und wieder gelesen, in der Hoffnung, das entlastende Indiz zu entdecken, das sie bis dahin übersehen hatte. Etwas, das irgendwie erklären würde, was genau in den zwanzig bis dreißig Minuten passiert war. Etwas, das ihre Schwester entlasten und ihr als Rechtsmedizinerin helfen würde, Mailins Unschuld zu beweisen. Ihre Schwester von dem ungeheuerlichen Verdacht, der gegen sie im Raum stand, freizusprechen. Aber sie hatte nichts gefunden.
Und dann war da die Passage in dem Vernehmungsprotokoll, bei der sich Sabine Yaos Hals regelrecht zugeschnürt hatte, als würde sich ein rostiger Draht um ihre Kehle legen.
Zusammengekrümmt lag sie da, ihr Kopf auf der linken Seite. Da war so viel Blut. Ich lief zu ihr – dann weiß ich nicht mehr viel. Ich glaube, ich habe sie angefleht, sie soll die Augen aufmachen. Ihre Schwester Sina fing dann an zu weinen. Ich hab mich nicht getraut, Siara hochzuheben. Ich hab gehört, dass man bei schweren Verletzungen den Betreffenden nicht bewegen darf. Dann wählte ich den Notruf, die 110. Dort sagte man mir, dass ich die 112 wählen müsste. Das habe ich gemacht. Sofort danach rief die Polizei zurück und sagte, dass man auch einen Streifenwagen schicken würde. Wie lange das alles dauerte, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich dachte, Siara wäre tot. Und Sina schrie. Irgendwann war dann die
Notärztin da und diese ganzen Leute.
Sabine Yao kannte diesen Absatz der Vernehmung fast auswendig. Er deckte sich mit dem, was Mailin auch ihr erzählt hatte. Sofort im Anschluss hatte die Polizei die Ermittlungen aufgenommen, denn Siaras Verletzungen waren lebensgefährlich. Und es lag auch bereits ein rechtsmedizinisches Gutachten vor, da Siaras behandelnde Ärzte sofort ein rechtsmedizinisches Konzil eingeleitet hatten, nach Vorlage der radiologischen Befunde.
Ein Gutachten, das keinerlei Interpretationsspielraum ließ und das eindeutiger in seiner abschließenden Beurteilung nicht sein konnte: Siara Zhous Verletzungen sind auf mehrfache, massive äußere Gewalteinwirkung durch fremde Hand zurückzuführen. Alle Verletzungen sind dem Kleinkind etwa zum gleichen Zeitpunkt zugefügt worden, sehr wahrscheinlich direkt hintereinander. Ein einfaches Sturzgeschehen oder ein anderes Unfallgeschehen scheidet aus, um das schwere Schädel-Hirn-Trauma zu erklären, das als Kindesmisshandlung zu klassifizieren ist.
Das Gutachten – erstellt von Sabine Yaos langjährigem Kollegen Fred Abel. Ihr Kollege Abel, von dem sie erwartet hätte, dass er sie nach Siaras Untersuchung sofort anrufen würde, um mit ihr über Siara und seine Einschätzung des Falls zu sprechen. Dass sie das alles zuerst von ihm und nicht auf inoffiziellem Weg durch Renate Hübner erfahren würde. Dass er sich ihr gegenüber kollegial verhalten würde.
Fred ist zwar ein introvertierter Typ und in vielerlei Hinsicht schwierig, manchmal ein regelrechter Eigenbrötler, aber das hier … Dass er nach den vielen Jahren, die wir zusammenarbeiten, die wir uns gut kennen, kein Wort zu mir sagt … Ich fasse es immer noch nicht.
Doch so eigen Fred Abel im menschlichen Umgang sein konnte, fachlich gab es keinen talentierteren Rechtsmediziner in der Hauptstadt – und umso schwerer wog seine Einschätzung. Ein Unfall
war ausgeschlossen.
Dann kehrten Yaos Gedanken zurück zu dem Vernehmungsprotokoll ihrer Schwester. Auf Nachfrage des vernehmenden Beamten hatte Mailin ausgesagt, dass sie nichts Auffälliges, kein Aufschlagen, keinen Schrei oder irgendetwas anderes gehört habe. Was sie damit erklärte, dass sie den Fernseher ziemlich laut gestellt hatte, damit die Schwestern hinschauen und »nicht auf dumme Gedanken kommen«, wie Mailin wörtlich gesagt hatte. Und es sei auch keine andere Person, niemand
außer ihr, zum Zeitpunkt des Vorfalls in der Wohnung gewesen. Das hatte ihre Schwester immer wieder gegenüber dem Beamten beteuert, der sie das mehrfach gefragt hatte.
»Du brauchst keine Angst zu haben, Kleine«, sagte Sabine Yao jetzt. Wieder eine Lüge. Wieder eine Unwahrheit, die sie selbst gern glauben wollte.
Mailin weinte immer noch. Auf ihren Wangen hatten sich zwei regelrechte Tränenbäche gebildet, die am Kinn zusammenliefen.
So, wie es momentan aussah, gab es nur zwei Möglichkeiten, das wusste Sabine Yao: Entweder der Vorfall, der zu Siaras schwersten Kopfverletzungen geführt hatte, hatte sich tatsächlich ganz anders zugetragen, aber Mailin konnte dazu wirklich nichts sagen, weil sie nicht dabei gewesen war. Oder Mailin hatte Siara das angetan.
Aber Sabine Yao war nicht bereit, das zu glauben.
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