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Berlin-Wedding,
Innenhof Kickboxstudio »Drachenhöhle«,
Montag, 28. Juli, 8:02 Uhr
K arol Mazur fuhr mit seinem verrosteten Toyota, dessen Ende mit Ablauf der TÜV-Plakette in wenigen Wochen besiegelt war, auf den Innenhof vor sein Kickboxstudio »Drachenhöhle«.
Den Namen hatte er dem Studio vor zwanzig Jahren bei der Eröffnung gegeben. Und auch wenn er heute etwas altertümlich anmutete, da gegenwärtig eher englische Wortkombinationen wie »Combat«, »Low-kick« oder »Legends« in der Kickboxszene hip und für Studios üblich waren, hielt er seitdem daran fest. Auf seinen kräftigen Unterarmen, auf denen seit fast drei Jahrzehnten zahlreiche schlechte und nur wenige besser gestochene Tattoos verblichen, hatte sich ein dünner Schweißfilm gebildet.
Diese Schweinehitze schon am Morgen ist kaum auszuhalten, dachte der polnische Kickboxtrainer, der für seine achtundvierzig Jahre immer noch äußerst drahtig war, und schob sich die verspiegelte Pilotenbrille über die dunkelgrauen, kurz rasierten Haare. Er manövrierte den Wagen auf einen Parkplatz kurz vor der kleinen Treppe, die zu seinem Kickboxstudio hinaufführte. Als der Toyota stand, zog Mazur krachend die wackelige Handbremse an, sodass die beiden Miniboxhandschuhe am Rückspiegel wild schaukelten.
Die Silhouette des Mannes, der auf der anderen Seite des Innenhofes im Schatten hockte, war dem Trainer schon aufgefallen, als er durch die kleine Einfahrt fuhr. Der Mann hatte ein breites Kreuz, und die Glut seiner Zigarette glomm im Schatten der Häuserwand kurz auf wie ein kleines, böses Auge.
Im Rückspiegel beobachtete Karol Mazur, dass sich der stämmige Kerl jetzt wie in Zeitlupe aus der Hocke erhob und die glühende Kippe wegwarf, als wäre sie ihm zu heiß geworden.
In den Anfangstagen seiner Kickboxschule, als der Wedding noch wild und er hitzköpfiger gewesen war, hätte Mazur in das Seitenfach der Fahrertür gegriffen und den Totschläger hervorgeholt, der dort noch immer lag. Aber mittlerweile war er ein anderer. Vielleicht nicht ganz geläutert, aber seit vielen Jahren auf einem guten Weg. Und darauf war er stolz. Es war nicht leicht gewesen, das Milieu zu verlassen, in dem er sich früher bewegt hatte. Aber er hatte sich für ein Leben ohne kriminelle Machenschaften entschieden. Das hatten nur seine alten »Freunde« damals nicht ganz nachvollziehen wollen und versucht, ihn mit rabiaten Methoden umzustimmen. Der Höhepunkt seiner Trennungsphase von dem, was einige als Halbwelt und andere als Unterwelt bezeichneten und was im Polizeijargon schlicht als »OK«, als Organisierte Kriminalität, zusammengefasst wurde, war ein Brandanschlag auf sein Kickboxstudio gewesen, weil er sich geweigert hatte, eine Ausstiegsprämie und danach regelmäßig Schutzgeld an seine »Freunde« zu zahlen. Aber Mazur hatte sich damals zu wehren gewusst. Das hatte sich in der Szene herumgesprochen, und seitdem machte er sein eigenes Ding. Legal. Zwar mit wenig Verdienst, aber dafür war er unabhängig, sein eigener Herr.
Mazur zuckte zusammen, als plötzlich ein Mann neben ihm stand und sich zu dem offenen Fahrerfenster des Toyotas hinunterbeugte. Der muskulöse Mann, in T-Shirt und kurzer Camouflage-Hose und mit einer Sporttasche über der Schulter, hatte den Innenhof von Mazur völlig unbemerkt überquert.
»Verdammt, Lars! Kannst du endlich mal mit dem Scheiß aufhören? Musst du dich immer wie ein Meuchelmörder anschleichen? Irgendwann rutscht mir aus Reflex noch die Hand aus!«, blaffte Mazur, allerdings mit einem anerkennenden Unterton. Er wusste, über welche Fähigkeiten der zum Einzelkämpfer ausgebildete Lars Moewig in seiner Zeit als Fernspäher bei der Bundeswehr, anschließend im Einsatz mit dem Kommando Spezialkräfte in Afghanistan und später bei der Fremdenlegion verfügte und dass er diese auch bei militärischen Kampfhandlungen wiederholt eingesetzt hatte.
Moewig grinste breit in den Toyota hinein und wischte sich den Schweiß von seiner frisch rasierten Glatze. »Karol, ich komme seit ein paar Monaten jeden Tag als Erster zum Training. Langsam müsstest du dich doch daran gewöhnt haben, dass ich meistens schon vor dir hier bin. Außerdem solltest du nicht so schreckhaft sein – die Einzige, die dich noch jagt, ist deine Ex.«
Mazur legte die Stirn in Falten, schüttelte theatralisch den Kopf, und beide Männer lachten, während Moewig einen Schritt zurücktrat, um Mazur aussteigen zu lassen. Sie umarmten sich kurz und gingen gemeinsam die schmale Treppe zum Eingang der »Drachenhöhle« hoch.
Mazur wusste von Moewig, dass dieser seit Erhalt seiner Gewerbelizenz als Privatdetektiv und den damit verbundenen ersten kleineren Aufträgen nicht mehr in militärischen Auslandseinsätzen als Söldner unterwegs war, aber weiterhin penibel darauf achtete, körperlich fit zu bleiben – auch wenn sich die meisten seiner Jobs zurzeit noch auf die Observation von untreuen Ehemännern oder die diskrete Verfolgung von windigen Autohändlern beschränkten, die geklaute Wagen in Berliner und Brandenburger Hinterhofwerkstätten ausschlachteten.
Die Stahltür, die mit Graffitis und Aufklebern übersät war, ließ nicht erahnen, dass sich dahinter eine der anerkanntesten Kickboxtrainingsstätten der Stadt befand. Das Studio hatte schon mehrere Champions in den verschiedenen Disziplinen des Vollkontakts wie Muay Thai oder K1 hervorgebracht. Alles Schützlinge von Mazur persönlich. Wer in der »Drachenhöhle« trainiert wurde, hatte einen Ruf: extrem hart, aber trotzdem fair. So wie der Chef selbst.
»Du bist einer der wenigen, die auch bei dieser Bullenhitze trainieren. Aber muss ein Privatdetektiv denn jeden Tag für den Ring bereit sein? Aber gut, wie du meinst …«, sagte der Kickboxtrainer und zog gerade einen Schlüsselbund aus einer der Seitentaschen seiner Shorts, als ihm der muskulöse und sehnige linke Unterarm von Moewig wie eine Schranke vor den Brustkorb schlug.
»Was zum …«, setzte Mazur an, als Moewig mit seinem rechten Zeigefinger zur Tür deutete.
»Den Schlüssel kannst du dir sparen«, sagte er mit tiefer Stimme, darauf bedacht, nicht zu laut zu sprechen. »Es ist schon auf.«
Mazurs Körper versteifte sich. Er merkte, wie sich die Muskulatur seines Schultergürtels und seine Nackenmuskeln anspannten. Und dann sah er, was Moewig meinte. Die Stahltür stand einen kleinen Spaltbreit offen. Im Bereich des Schließblechs, auf Höhe des metallenen Türknaufs, waren frische Hebelspuren zu erkennen. Die beiden Männer verharrten ein paar Atemzüge lang völlig regungslos.
Geht es etwa wieder los, nach all den Jahren?, fragte sich Mazur und beschloss im selben Augenblick, dass er den Kampf gegen seine alten Geister auch nach so einer langen Zeit wieder aufnehmen würde, wenn es denn sein musste. »Warte. Eine Sekunde«, flüsterte er und sprintete die kleine Treppe hinunter zurück zu seinem Wagen. Durch das offene Wagenfenster fischte er den Totschläger aus der Seitenablage der Fahrertür und kehrte mit großen Schritten zu Moewig zurück, der sich jetzt direkt neben dem Eingang postiert hatte – die Füße in festem, schulterbreitem Stand und die Arme leicht angewinkelt.
Der alte Profi, immer bereit zum Zugriff, dachte Mazur anerkennend und war froh, Moewig an seiner Seite zu haben. Er fuhr mit einer lässigen Bewegung den Teleskoptotschläger aus und nickte Moewig kurz zu, der daraufhin langsam die schwere Stahltür aufschob. Die in die Jahre gekommenen Eisenscharniere quietschten laut.
Vorsichtig betraten die beiden Männer das Studio.
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