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Berlin-Wedding,
Kickboxstudio »Drachenhöhle«,
Montag, 28. Juli, 8:08 Uhr
D
as Innere von Mazurs Studio lag trotz des strahlenden Sonnenscheins draußen in einem schummrigen Licht. Durch die völlig verstaubten und verdreckten Fenster, die seitdem das Gebäude vor über einhundertfünfzig Jahren eine Fabrik gewesen war, nicht ausgetauscht und sehr wahrscheinlich auch nie geputzt worden waren, drang nur sehr wenig Tageslicht herein.
Sollte sich jemand in seine Höhle gewagt haben, wird er den Drachen wohl gleich kennenlernen,
dachte Moewig mit einem Blick auf Mazur, der neben ihm in das Schummerlicht der lang gezogenen Halle eintauchte, den Totschläger in der erhobenen rechten Hand.
Lederne Sandsäcke hingen wie übergroße Insektenkokons auf der linken Seite des großen Raums von der Decke. An der gegenüberliegenden Wand standen einige Hantelbänke, darum verteilt lagen auf dem Boden zahlreiche unterschiedlich große Hanteln und Medizinbälle. Der Ring, in dem schon unzählige Sparringsrunden absolviert worden und viele Männer k. o. gegangen waren, befand sich mittig im hinteren Drittel der Halle.
Der Geruch von getrocknetem Schweiß, altem Leder und Gummi mischte sich in der stickigen Luft des großen Trainingsraumes zu der Duftkomposition, aus der für viele der Traum, ein Champion zu werden, gemacht war.
Nichts. Hier ist niemand,
dachte Moewig.
Mazur ging zielstrebig auf eine Tür in der hinteren rechten Ecke der Halle zu. Dort befand sich sein Büro, quasi die Schaltzentrale der »Drachenhöhle«. Wenn der Pole nicht gerade seine Schützlinge trainierte, fand man ihn in der Regel dort, vor einem Ventilator sitzend und auf der Tastatur seines PCs rumhackend oder über Unterlagen brütend.
»Das Büro ist zu!«, rief Mazur zu Moewig herüber, nachdem er geräuschvoll mit der linken Hand an der Türklinke gerüttelt hatte, in der rechten immer noch angriffsbereit den Totschläger. Er schloss die Tür zum Büro auf, verschwand kurz darin und kehrte aber nach wenigen Augenblicken mit einem Kopfschütteln zurück. »Nichts. Ich gehe mal in der Umkleide nachschauen«, sagte er und verschwand in einer Tür neben seinem Büro.
Moewig befand, dass hier im Studio in diesem Moment keinerlei Gefahr bestand und er deshalb mit dem Training beginnen konnte. Er schulterte erneut seine Sporttasche und folgte dem Kickboxtrainer Richtung Umkleide, entlang der langen Reihe Sandsäcke zu seiner Linken. Lederne Sandsäcke, auf die schon Abertausende von Schlägen, Haken und Tritten platziert worden waren und deren Leder die raue Oberfläche verloren hatte und regelrecht blank poliert worden war.
Aber schon nach wenigen Schritten blieb Moewig stehen, denn irgendetwas störte das gewohnte Bild. Der vorletzte Sandsack in der Reihe hing schief und erschien irgendwie unförmig. Zudem baumelte eine der drei Ketten, die das Sportgerät eigentlich mit den beiden anderen Ketten an der Decke an einem Haken halten sollte, seitlich herunter.
Was ist denn hier passiert?,
fragte sich Moewig.
Er trat näher heran. Das abgewetzte Leder, das einmal durchgehend braun gewesen war, hatte an diversen Stellen von der Reibung der Boxhandschuhe eine fast schwarze Färbung bekommen.
In diesem Moment kam Mazur wieder aus der Umkleidekabine. »Lars, da ist auch nichts. Alle Spinde sind unversehrt. Ich frage mich, was der Einbrecher hier gesucht hat?« Mazur stupste das Ende des Schlagstocks gegen seine Handfläche, sodass die Waffe geräuschvoll wieder im Griff verschwand.
Moewig nickte und stieß den Sandsack, der zuvor seine Aufmerksamkeit erregt hatte, leicht mit der rechten Faust an. Der Sack begann zu baumeln. Und dann fiel Moewigs Blick nach unten, auf seinen linken Schuh. Dort prangte ein rostroter Fleck. Er beobachtete ungläubig, dass sich zu dem Fleck innerhalb kürzester Zeit weitere dazugesellten, bis nicht nur der vordere Teil seines Schuhs, sondern auch der abgewetzte Holzboden ringsum mit lauter rostroten Sprenkeln überzogen war.
Ein Blutstropfen nach dem anderen tropfte aus einer grob verschlossenen Naht des Sandsacks zu Boden.
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